(Längst vergessene) „Bahnübergänge“ in Grevenbroich – Teil 2

Im zweiten Teil meiner Recherche zu Bahnübergängen in Grevenbroich möchte ich über die „Bahnübergänge“ der großen Fabriken berichten, die in der Regel Kleinbahnen besaßen bzw. über Gleisanschlüsse mit den Hauptlinien verbunden waren.

Die nachfolgenden Karten enthalten neben den heute dargestellten „Bahnübergängen“ auch noch die Angaben aus dem Teil 1 dieser Beitragsreihe. Zum besseren Verständnis und zur Übersichtlichkeit daher nochmals eine kurze Erläuterung dazu. 1. bis 4. in blauer Farbe stellen die bisher beschriebenen Bahnübergänge Rheydter Straße, Graf-Kessel-Straße, Auf der Schanze und Lindenstraße dar. Die gelbe Linie stellt die Bahnstrecke Mönchengladbach – Köln dar und die rote Linie die Bahnstrecke Neuss – Düren. Die „Bahnübergänge“ der Werksbahnen werden ebenfalls in blauer Farbe dargestellt und haben die Nummern 5 bis 9. Der zweite Teil beschreibt die Nummern 5 bis 8. Die Nummer 9 und weitere “Überraschungen” folgen im dritten und letzten Teil dieser Beitragsreihe.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Werksbahn Zuckerfabrik Wevelinghoven – Nordstraße:

Die Werksbahn der Zuckerfabrik Wevelinghoven, welche in grüner Farbe dargestellt wurde, führte vom Werksgelände in südlicher Richtung. Sie endete nach einem Zusammenschluss mit der Werksbahn der Maschinenfabrik Buckau Wolf und Überquerung des „Bahnübergangs“ auf der Zeppelinstraße in Höhe des Erftwerkes auf der Hauptlinie Köln – Mönchengladbach.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de

Die beiden nachfolgenden Fotos zeigen diesen „Bahnübergang“ und die Gleise auf dem Werksgelände um das Jahr 1960 in eindrucksvoller Weise. Meines Wissens war er aber nie beschrankt, sondern lediglich durch Lichtsignale gesichert.

© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – „Bahnübergang“ Nordstraße in Richtung Wevelinghoven
© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – „Bahnübergang“ Nordstraße in Richtung Stadtmitte

Die Schienen der Werksbahn sind heute noch auf der Fahrbahn der Nordstraße erhalten und zu sehen. Allerdings „enden“ sie im „Nirgendwo“, wie auf den Fotos zu erkennen ist. Auf dem heutigen Werksgelände der Firma Intersnack sind die ehemaligen Gleise zum Teil noch zu finden, wenn auch nicht mehr nutzbar. In die Gleisbetten wurden z. B. Pflastersteine verlegt und dienen heute den Angestellten als Fußwege.

© Stefan Faßbender – „Bahnübergang“ Nordstraße in Richtung Erftwerk im August 2023
© Stefan Faßbender – „Bahnübergang“ Nordstraße in Richtung Intersnack im August 2023
  1. Bahnübergang Werksbahn Maschinenfabrik Buckau Wolf – Nordstraße:

Die Werksbahn der Maschinenfabrik Buckau Wolf führte vom Werksgelände in südlicher Richtung. Sie endete nach einem Zusammenschluss mit der Werksbahn der Zuckerfabrik Wevelinghoven und Überquerung des „Bahnübergangs“ auf der Zeppelinstraße Höhe des Erftwerkes auf der Hauptlinie Köln – Mönchengladbach. Zu beachten sind auch die sehr umfangreichen Gleisanlagen auf dem ursprünglichen Firmengelände, die von mir in den Abbildungen unter Nr. 5 in pinker Farbe dargestellt wurden.

Das nachfolgende Bild zeigt zunächst die Gleise auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Buckau Wolf auf der Nordstraße, welches ich dankenswerterweise für diesen Beitrag fotografieren durfte. Bei genauer Betrachtung sind noch drei ehemalige Gleisstrecken zu erkennen, die aus den einzelnen Hallen in einem Gleis an der Ausfahrt auf der Nordstraße endeten.

© Stefan Faßbender – Ehemalige Gleisanlagen auf dem früheren Buckau Wolf Gelände im August 2023

Der Streckenabschnitt auf der Fahrbahn der Nordstraße ist heute beseitigt. Im gezeigten Grünstreifen verlief das Gleis in Richtung Erftwerk und der Hauptstrecke Köln – Mönchengladbach. Das Gleis ist dort nur noch in Teilabschnitten zu finden. Hinweisen möchte ich auch noch auf die Überbleibsel einer vermutlichen Signalanlage für die Lokomotivführer vor der Hauswand rechts im Bild. Auf der Nordstraße gab es meines Wissens keine Schranken. Ob dort Signalanlagen oder lediglich Andreaskreuze für die Sicherheit des übrigen Straßenverkehrs standen, konnte ich bisher nicht herausfinden.

© Stefan Faßbender – Anschlussgleis Maschinenfabrik Buckau Nordstraße im August 2023

Bis vor wenigen Jahren waren die Schienen noch auf der Straße zu sehen.

© StA Grevenbroich, Fotobestand Nr. 17 – „Bahnübergang“ Nordstraße in den 1990er Jahren
© StA Grevenbroich, Fotobestand Nr. 17 – „Bahnübergang“ Nordstraße in den 1990er Jahren

Auf der unten dargestellten Luftaufnahme erkennt man wunderbar die „geschwungene“ Strecke entlang der Gilbachstraße.

© StA Grevenbroich – „Bahnübergang“ Nordstraße um 1960
  1. Bahnübergang Maschinenfabrik Buckau Wolf und Gasanstalt – Lindenstraße:

An dieser Stelle möchte ich noch auf einen „Bahnübergang“ auf der Lindenstraße hinweisen, den ich durch Zufall bei der Sichtung des Kartenmaterials entdeckt habe. Die Stelle wurde auf der Originalkarte mit einem Pfeil versehen. Diese Gleise führen eindeutig vom Buckau Wolf Gelände über die Lindenstraße auf die gegenüberliegende Seite. Hierzu sind leider keinerlei Informationen oder Fotos im Stadtarchiv zu finden. Auch die hiesigen Heimatforscher konnten mir bisher nicht beantworten, welchen Zweck dieser Streckenteil hatte. Ich selbst vermute, dass es Gleise zu der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Gasanstalt auf der heutigen Zedernstraße waren und man so über die Werksgleise der Maschinenfabrik Buckau Wolf auch einen Zugang zu der Hauptstrecke Köln – Mönchengladbach hatte. In der Gasanstalt verwendete man die Technik der Kohledestillation, um aus Steinkohle Gas herzustellen. Die benötigten Kohlevorräte wurden sicherlich nicht per Fuhrwerk oder Lastkraftwagen zu dieser Fabrik gebracht. Sollte jemand Informationen oder sogar Bilder dazu haben, würde ich mich sehr freuen, wenn man Kontakt zu mir oder auch dem Stadtarchiv aufnehmen würde.

© Stefan Faßbender – Teilausschnitt aus einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Teilausschnitt aus einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Zeppelinstraße:

Wie oben bereits beschrieben, wurden die Anschlussgleise der Zuckerfabrik Wevelinghoven und der Maschinenfabrik Buckau Wolf kurz vor der früheren Zeppelinstraße zusammengeführt. Bedingt durch die zur Verfügung stehenden Freiflächen wurde zur Beseitigung des Bahnübergangs Lindenstraße (Nr. 4) keine „unterirdische“ Streckenführung für Autos erstellt, sondern man baute eine Art „Hochstraße mit Brücken“. Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass nach dem Bau der Brücke dort jemals Züge aus der Maschinenfabrik Buckau Wolf oder Zuckerfabrik Wevelinghoven verkehrt sind. Heute kann man nur noch Reste dieser Bahngleise finden. Auf der heute zugewucherten Fläche wurden die Gleise zusammengeführt.

© Stefan Faßbender – Brücke für die Gleisanlage in Richtung Nord- und Gilbachstraße im August 2023
© Stefan Faßbender – Brücke für die Gleisanlage in Richtung Erftwerk im August 2023

Im weiteren Verlauf führte das zusammengeführte Gleis über den „Bahnübergang“ der alten Zeppelinstraße in Richtung Erftwerk. Dort war sie dann mit der Hauptlinie Köln – Mönchengladbach verbunden. Auch hier gab es keinen richtigen Bahnübergang, sondern lediglich eine Signalanlage (Reste, rechts im ersten Bild), die bei Bedarf den Verkehr stoppte. Zwischen der oben gezeigten und der nachfolgenden Brücke ist die Gleisanlage noch vorhanden. Sie endet jedoch abrupt unter der zweiten Brücke wie man auf den Bildern sehen kann.

© Stefan Faßbender – Reste der Signalanlage auf der rechten Seite im August 2023
© Stefan Faßbender – Das Gleis auf der ehemaligen Zeppelinstraße in Richtung Erftwerk im August 2023
© Stefan Faßbender – Das Gleis auf der ehemaligen Zeppelinstraße in Richtung Nordstraße im August 2023

Der dritte und letzte Teil dieser Beitragsreihe wird in der nächsten Woche veröffentlicht.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

(Längst vergessene) Bahnübergänge in Grevenbroich – Teil 1

Der heutige Beitrag richtet sich vorrangig an die Generation 1990+, die mehr als nur ein verändertes Bild ihrer Heimatstadt vorfinden als jene Generationen, die zuvor aufgewachsen sind. Natürlich dürfen sich aber auch die Älteren an den Bildern und dem Text erfreuen und viele Erinnerungen wachrufen lassen. Früher sagte man: „In Grevenbroich kann man keinen Banküberfall ausführen, da Grevenbroich innerhalb von Minuten durch die Schließung der Bahnübergänge absolut abgeriegelt wäre. Hier kommt niemand mehr rein oder raus!“. Dies galt allerdings nur – eingeschränkt – bis Ende der 1970er Jahre, da es eine „Fluchtmöglichkeit“ über Wevelinghoven gab. Dort allerdings nur, wenn man sich gut auskannte, denn eine Umfahrung von Wevelinghoven über die K 10 (Bau Ende der 1970er Jahre) und L 361 (Bau Ende der 1980er Jahre) war erst nach Fertigstellung dieser Straßen möglich.

Bis zur Mitte der 1990er Jahre mussten sich Autofahrer, Fahrradfahrer und auch Fußgänger in Geduld üben, wenn sie die Innenstadt besuchen bzw. verlassen wollten. Obwohl die Verkehrsbelastung in diesem Jahrzehnt sicherlich nicht so hoch war wie heute, hatte jeder das Gefühl, ständig und immer vor irgendeinem Bahnübergang zu stehen. Gerade zu den Stoßzeiten war jeder der großen Bahnübergänge auf der Lindenstraße, Rheydter Straße und Auf der Schanze eine Geduldsprobe für jeden Grevenbroicher.

Dieter Schlangen schrieb 1997 hierzu: „Nachdem die Todeskurve an der Unterführung Düsseldorfer Straße entschärft und die Brücke im Jahre 1990 durch einen Neubau ersetzt worden war, setzten die Verantwortlichen in Rat und Verwaltung der Stadt Grevenbroich auf die Beseitigung der schienengleichen Übergänge B 59, Rheydter Straße und Auf der Schanze. Am 5. Dezember 1991 z. B. – es war ein normaler Wochentag – musste die Bahnschranke in 24 Stunden 145-mal geschlossen werden. Im Schnitt blieb der Bahnübergang Rheydter Straße pro Stunde für 20 Minuten geschlossen, in der Rush-Hour gar 30 Minuten. Die Folge war zwangsläufig lange Fahrzeugschlangen, wartende und ihren Unmut äußernde Fußgänger und Radfahrer.“ (Dieter Schlangen, Die eiserne Bahn, Grevenbroich-Elsen, 1997, S. 235)

Die nachfolgenden Karten aus den verschiedenen Jahrzehnten zeigen sowohl die Bahnstrecken (gelb = Mönchengladbach – Köln; rot = Neuss – Düren), die vier nicht mehr vorhandenen Bahnübergänge (blaue Punkte) und das Straßenbild rund um die Stadt Grevenbroich. [Hinweis: Die ursprüngliche Strecke Neuss – Düren gibt es heute nicht mehr. Der Personenverkehr auf dem 21 km langen Abschnitt zwischen Düren und Bedburg wurde 1995 eingestellt. In den Jahren 1996 und 1997 wurde dieser Abschnitt stillgelegt und wegen des Tagebaus Hambach abgebaut.] Alle Bilder dieser Beitragsreihe lassen sich in einem separaten Fenster öffnen und entsprechend vergrößern.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Rheydter Straße:

Beginnen möchte ich mit dem größten und ältesten Bahnübergang auf der Rheydter Straße. Dieser Bahnübergang prägte mehr als 100 Jahre das Leben zwischen Elsen und der Grevenbroicher Innenstadt. Der Bahnübergang und der Bahnhof lagen über Jahrzehnte auf dem Gebiet der damals noch selbstständigen Gemeinde Elsen. Erst mit der Eingemeindung des Bahnhofviertels zum 1. Juli 1898 gelangte Grevenbroich in den Besitz eines Bahnhofes mit dem dazugehörigen Bahnübergang. In der Elsener Schulchronik ist dazu folgender Absatz zu finden: „Mit dem 1. Juli ist endlich die lang schwebende Eingemeindungs-Angelegenheit zum Abschluss gekommen. Darnach gehört fortan zu Grevenbroich: die Elsener Mühle, der Bahnhof, soweit das Eigentum der Eisenbahn reicht, ferner alle Häuser zwischen Grevenbroich und dem Übergang der Eisenbahn. Grevenbroich hat der Gemeinde Elsen dafür eine Entschädigung von 8000 M jährlich zehn Jahre lang zu zahlen, eine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, dass Elsen bisher aus dem abgetretenen Gebiet mehr als das Doppelte an Gemeindesteuer bezog.“ (StA Grevenbroich, Schulchronik Elsen, Nr. 222, S. 109)

Nachfolgend werden Bilder vom Bahnübergang Rheydter Straße in Richtung Innenstadt aus den unterschiedlichen Jahrzehnten dargestellt. Die Schlange der wartenden Autos zog sich in der Regel mehrere hundert Meter (manchmal bis zur heutigen Esso-Tankstelle) die Straße hinauf. Oft traf einen das „Übel“, auf die Öffnung der Schranken zu warten, auch zweimal, da die Züge aus Mönchengladbach bzw. Köln wegen Verspätung auch noch mit einer unterschiedlichen Taktung fuhren. Ich danke Herrn Nieveler für das einzigartige Bild, welches die Stausituation im zweiten Bild eindrucksvoll darstellt. Zu dieser Zeit war auch der ÖPNV keine Hilfe, wie der wartende Linienbus auf dem gleichen Bild zeigt.

© StA Grevenbroich, Fotobestand Nr. 17, – Postkarte Rheydter Straße in Richtung Stadtmitte um 1906
© Heinz Nieveler, Jüchen – Rheydter Straße in Richtung Stadtmitte um 1990
© Stefan Faßbender – Rheydter Straße in Richtung Stadtmitte im August 2023

Das älteste gefundene Foto des Bahnüberganges aus Grevenbroicher Sicht in Richtung Elsen stammt aus den Jahren des Ersten Weltkrieges und wurde mir dankenswerterweise von Herr Jürgen Larisch zur Verfügung gestellt. Es stellt „Potze Jupp“ dar. Vermutlich war er ein zur Bahnwache abgestellter, auswärtiger Soldat, denn in den zugänglichen Standesamtsregistern ist bisher keine Person mit diesem Namen zu finden. Ein großer Dank geht auch an Herrn Heinz Mindt, der mir ein Foto aus den 1980er Jahren zur Verfügung stellte, das den Bahnübergang aus fast gleicher Perspektive darstellt. Die Luftaufnahme zeigt in beeindruckender Weise den Bahnübergang, die enorme Anzahl von Gleisen des Güterbahnhofes, den Silo der Firma Quäker und die 1877 von Heinrich Uhlhorn errichtete Dampfwalzenmühle. Die Stausituation in Richtung Elsen ist nochmals auf dem Foto von Michael Reuter zu sehen.

© Jürgen Larisch – Bahnübergang Rheydter Straße im Ersten Weltkrieg
© Heinz Mindt – Bahnübergang Rheydter Straße in den 1980er Jahren
© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – Bahnübergang Rheydter Straße um 1960
© Archiv im Rhein-Kreis Neuss, Fotosammlung Michael Reuter – Stau in Richtung Elsen im Jahr 1993

Wie die Bahnübergänge auf der Lindenstraße und Auf der Schanze wurde dieser Bahnübergang im Rahmen der Neugestaltung der Stadt Grevenbroich zur Landesgartenschau 1995 beseitigt. Nach Eröffnung des Elsbachtunnels im Jahr 1994 wurde der Bahnübergang in den nächsten zwei Jahren durch einen Fußgängertunnel ersetzt. Übrigens war dort bereits in den 1960er Jahren eine sogenannte „Hochstraße“ ähnlich dem mittlerweile abgerissenen „Tausendfüßler“ in Düsseldorf geplant. Dieses Vorhaben stieß jedoch auf breite Ablehnung in der Bevölkerung und bei den Gewerbetreibenden in Grevenbroich.

© StA Grevenbroich, Fotobestand Nr. 17- Bahnübergang Rheydter Straße um 1994
© StA Grevenbroich, Fotobestand Nr. 17 – Bahnübergang Rheydter Straße um 1994

Der heutige Elsbachtunnel ist in den 1990er Jahren entstanden und ermöglicht ein schnelles Erreichen der Innenstadt, wenn er nicht wegen sintflutartiger Regenfälle geschlossen werden muss und man „wieder mal“ vor geschlossener „Schranke“ stehen muss 😉. Die nachfolgenden Abbildungen zeigen den Verlauf (grün) des Elsbachtunnels anhand von zwei Karten aus den 1990er Jahren und dem Jahr 2023. Bis zur Erstellung dieses Beitrages war mir vollkommen entfallen, welche ungeheuerlichen baulichen Maßnahmen vorgenommen werden mussten, um dieses gewaltige Projekt zur Vollendung bringen zu können.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Graf-Kessel-Straße:

Einen kleinen, aber den meisten Grevenbroichern wohl nicht mehr bekannten und längst beseitigten Bahnübergang, möchte ich nachfolgend zeigen. Obwohl ich mit einigen, auch ehemaligen Anwohnern gesprochen habe, kann mir niemand genau sagen, in welchem Jahr dieser Bahnübergang beseitigt wurde. Die Schätzungen gingen von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre. Er war wohl einfach irgendwann mal weg?! Dieser befand sich am Ende der Graf-Kessel-Straße, wo diese heute mit einem Wendekreis endet.

© Stefan Faßbender – Wendekreis Graf-Kessel-Straße im August 2023

Von dieser Straßenseite sind leider keine historischen Aufnahmen zu finden, aber nachfolgende Bilder zeigen den kleinen und „unbedeutsamen“ Bahnübergang von der anderen Seite in Richtung Graf-Kessel-Straße. Auch hier danke ich Herrn Jürgen Larisch für die Zurverfügungstellung dieser einmaligen Aufnahme, auf der man sogar noch Häuser auf dem Schweidweg sehen kann. Heute ist eine solche Sicht nicht mehr möglich, da zum einen eine Schallschutzmauer die Sicht versperrt als auch jeglicher Baumbestand in den letzten 70 Jahren deutlich in die Höhe gewachsen ist. Ob dieser Weg nur von Fußgängern oder auch von Autos benutzt wurde, ist leider nicht bekannt. Auf dieser Seite befinden sich heute nur wenige Häuser und das Pascal-Gymnasium.

© Jürgen Larisch – Bahnübergang Graf-Kessel-Straße vermutlich in den 1950er Jahren
© Stefan Faßbender – „Bahnübergang“ Graf-Kessel-Straße im August 2023
  1. Bahnübergang Auf der Schanze:

Von dem ehemaligen Bahnübergang Auf der Schanze konnte ich bisher lediglich eine Luftaufnahme und ein Foto in Nahaufnahme ausfindig machen. Die Nahaufnahme wurde mir freundlicherweise von Herrn Christian Nies zur Veröffentlichung überlassen, der sie in den 1960er Jahren fotografiert hatte. Auch wenn am Bahnübergang Rheydter Straße zusätzlich der Zugverkehr zwischen Neuss und Düren verkehrte, dürfte die Anzahl der Schrankenschließungen Auf der Schanze ähnlich hoch gewesen sein, da dort sowie am Bahnübergang Lindenstraße (B 59) der Zugverkehr zwischen Köln und Mönchengladbach verkehrte. Die neue Unterführung wurde im Jahr 1993 feierlich eröffnet.

StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftaufnahme) – Bahnübergang Auf der Schanze um 1960
© Christian Nies – Bahnübergang Auf der Schanze in Richtung Innenstadt in den 1960er Jahren
© Stefan Faßbender – Annähernd gleicher Aufnahmepunkt im September 2022
  1. Bahnübergang Lindenstraße:

Der letzte nicht mehr vorhandene Bahnübergang war auf der Lindenstraße (B 59) zu finden. Gerade zu Zeiten des Schichtwechsels beim Aluminiumwerk Erftwerk und Aluminiumwalzwerk Blattmetall bildeten sich dort oft Staus, die manchmal bis zu diesen Betrieben reichten. Umgekehrt reichten die Staus auf der Lindenstraße auch schon mal bis zur Polizeiwache. Auch hier war es ein „Glücksspiel“, ungehindert in die Innenstadt zu fahren oder diese zu verlassen. Im Gegensatz zu Auf der Schanze wurde dort lediglich eine Fußgängerunterführung gebaut. Bedingt durch die zur Verfügung stehenden Freiflächen wurde keine „unterirdische“ Streckenführung wie auf der Rheydter Straße (Elsbachtunnel) für die Autos erstellt, sondern man baute eine Art „Hochstraße mit Brücken“.

Zu diesem Bahnübergang sind Bilder aus drei Jahrzehnten erhalten geblieben und geben einen sehr guten Eindruck zu diesem Bahnübergang. Zu dieser Zeit stand das „Bahnwärterhaus“ (eine Blechhütte) noch auf der anderen Seite bevor es Ende der 1960er Jahre einem Neubau auf der anderen Straßenseite weichen musste.

© Stefan Faßbender – Bahnübergang Lindenstraße in der Mitte der 1960er Jahre
© Stefan Faßbender – Bahnübergang Lindenstraße in der Mitte der 1970er Jahre
© Stefan Faßbender – Bahnübergang Lindenstraße in der Mitte der 1970er Jahre

Mitte der 1980er Jahre hat der Bau der „Hochstraße mit Brücken“ angefangen. Die Baustelle bzw. die Baustellenfahrzeuge sind nachfolgend zu erkennen.

© Stefan Faßbender – Bahnübergang Lindenstraße Ende der 1980er Jahre

Heute findet man ein absolut verändertes Bild in diesem Bereich vor. Vielen Bürgern ist nicht mehr bewusst, dass es hier einen Bahnübergang gab. Lediglich auswärtige Autofahrer, die sehr veraltete Navigationsgeräte benutzen, „verirren“ sich manchmal noch dorthin und suchen vergeblich die Durchfahrt, die ihnen angezeigt wird. Bis vor wenigen Jahren stellten sowohl Papier- als auch Onlinekarten die Straßenführung in diesem Bereich noch falsch dar.

© Stefan Faßbender – Fußgängertunnel Lindenstraße/Erftwerkstraße im August 2023

© Stefan Faßbender – Filmsammlung 1955

© Stefan Faßbender – Filmsammlung um 1960

© Stefan Faßbender – Filmsammlung um 1960

© Stefan Faßbender – Filmsammlung um 1960

Der zweite Teil dieser Beitragsreihe erscheint nächste Woche.


Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Michaelskapelle bei Schloss Dyck

Michaelskapelle? Nein, hiermit ist nicht die sich noch heute im Schloss befindende Schlosskapelle gemeint.

© Michael Salmann – Kreuz von 1809 – hier stand bis etwa 1800 die Michaelskapelle

Die Michaelskapelle gibt es auch gar nicht mehr. Wo sie früher stand, finden wir heute in unmittelbarer Nähe zu Schloss Dyck ein altes steinernes Wegkreuz. An dieser Stelle kreuzen sich heute die Landstraße 32, die von Steinforth/Rubbelrath in Richtung Damm und Nikolauskloster führt, mit dem früheren Weg vom Schloss zum Nikolauskloster. Hier am ehemaligen Eingang zur alten Kastanienallee steht das Wegekreuz. Meist unbeachtet verbergen sich hinter diesem Ort jedoch einige interessante geschichtliche Details.

Betrachtet man das Kreuz genauer, liest man als Inschrift “Constantia, comitissa in Salm-Dyck, hanc crucem posuit anno 1809”. Übersetzt heißt dies „Constantia, Gräfin von Salm-Dyck, errichtet dieses Kreuz im Jahr 1809“.[1]

Constance Marie zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, 1767 als Constance de Théis im französischen Nantes geboren und 1845 in Paris verstorben, war eine französische Dichterin und Schriftstellerin. Während ihrer ersten Ehe (1789-1802) hieß sie Constance de Pipelet, durch ihre zweite Ehe mit Graf Joseph 1803 Gräfin, seit 1816 Fürstin zu Salm-Reifferscheidt-Dyck.[2]

Der Grund für die Errichtung des Kreuzes ist nicht bekannt. Möglicherweise war das Wegekreuz als Ersatz gedacht. Denn bis dahin hatte an dieser Stelle eine Kapelle gestanden, die sogenannte Michaelskapelle.[3]

1645 hatte Ernst Salentin von Salm-Reifferscheidt-Dyck die Herrschaft Dyck übernommen. Unter ihm begann noch in der Endphase des 30-jährigen Krieges eine eifrige Bautätigkeit. So entstanden unter anderem 1647 eine neue Scheune, 1650 eine neue Reitbahn, 1653 ein neuer Reitstall, eine Wachstube und ein Bräuhaus, von 1656 bis 1667 das Herrenhaus und von 1656 bis 1657 die Michaelskapelle.[4] Es wird berichtet, dass Ernst Salentin „frommen Sinnes vor dem Schlosse bei den 7 Bäumen die ansehnliche Michaels-Kapelle errichten ließ“.[5] Erst am 3. Februar 1680 wurde die erste heilige Messe in der Kapelle gefeiert. Die Kapelle erhielt reiche Stiftungen, wie u. a. alle Renten der Sebastianusbruderschaft oder die Renten der „ruinierten“ Kapelle in Neuenhoven. Die in der Herrschaft Dyck ausgestellten Testamente waren ungültig, wenn nicht gleichzeitig eine finanzielle Zuwendung an die Kapelle erfolgte.[6]

Über 140 Jahre wurde die Kapelle durch die Herrschaft Dyck begünstigt. Graf Joseph, später Fürst Joseph, der ein angesehener Botaniker war und den Park von Schloss Dyck und die berühmte Kastanienallee anlegte, beantragte 1795, die Michaelskapelle wegen Baufälligkeit abzubrechen.[7] Nach Angaben des Heimatforschers Jakob Bremer wurde die Kapelle vom 20. bis 22. Februar 1800 niedergelegt. Josephs damalige kritische Einstellung zur Religion war stark durch den Zeitgeist der Aufklärung und die Französische Revolution beeinflusst. Es heißt, dass Fürst Joseph sowohl die Michaelskapelle als auch die Fußfälle (Wegekreuze bzw. Kreuzwegstationen) im Geiste der französischen Säkularisierung zuerst verkommen[8] und 1802 wohl auch die meisten der sieben Fußfälle entfernen ließ. Diese wurden offenbar durch Linden mit angehefteten Kreuzen ersetzt.[9] Warum in Bedburdyck und Stessen jedoch insgesamt drei Fußfälle erhalten blieben, ist nicht bekannt.

Die Kapelle war früher auch Station einer durch das Dycker Ländchen führenden Bittprozession. In der Woche des Festes Christi Himmelfahrt fanden traditionell die meisten Bittprozessionen statt.[10] Eine Prozession führte morgens kurz nach 4 Uhr von Bedburdyck aus, über Stessen am Dycker Hahnerhof vorbei nach Neuenhoven. Dort wurde eine heilige Messe gefeiert. Nach der Einnahme eines kleinen Frühstücks zog man weiter über die Alte Landstraße, die sogenannte Brabanter Heerstraße, bis zum 1667 errichteten Schlicher Fußfall[11] und weiter zur Michaelskapelle. An der Michaelskapelle wurde erneut eine Messe durch einen der Patres des Nikolausklosters zelebriert.[12] Hier erreichte die Prozession, so ein historischer Bericht, ihren Höhepunkt. Die in der Nähe aufgefahrenen 12 Kanonen des Schlosses donnerten durch zwölf Schüsse dem Heiland in der Prozession ihren Salut entgegen, während gleichzeitig die Glocken des Nikolausklosters feierlich läuteten. Nach dem sakramentalen Segen zog die Prozession weiter über Damm, am Fußfall an der Dycker Windmühle vorbei, der vom Pächter des nahegelegenen Becherhofes festlich geschmückt wurde, zurück nach Bedburdyck.

Nach Abriss der Michaelskapelle um 1800 trat im Jahr 1812 der Bedburdycker Katharinenaltar der gleichnamigen Vikarie an die rechtliche Stelle der Kapelle. Dieser Vikarie wurden Eigentum, Pacht oder Abgaben zugeordnet, aus deren Einkünften die Bezahlung des jeweiligen Vikars und der Unterhalt des Altars bestritten wurden. Zwischen dem Kirchenvorstand von Bedburdyck und dem Grafenhaus wurde eine Vereinbarung getroffen, dass die zum Altar gehörigen Erbpächte als Eigentum des altgräflichen Hauses Salm-Reifferscheidt-Dyck anerkannt werden. Faktisch waren die Inhaber der Katharinenvikarie die Schlosskapläne von Dyck, was aber dazu führte, dass die Vikare ihre Tätigkeit in der Pfarrkirche häufig zugunsten der Tätigkeit bei Hofe vernachlässigten. Ab 1878 übernahm dann wieder die Bedburdycker Pfarrgeistlichkeit das Feiern der Gottesdienste in der Schlosskapelle. Später übernahmen die Patres vom Nikolauskloster den Messdienst in der Schlosskapelle.[13]

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

[1] https://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/franzoesische-zeit/monumente/ (1.5.2020, 21.00 Uhr)

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Constance_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck (28.4.2023, 20.04 Uhr)

[3] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 532

[4] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 181

[5] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 73

[6] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 530

[7] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 532

[8] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 531f.

[9] https://www.historicum-estudies.net/epublished/netzbiographie/franzoesische-zeit/monumente/ (15.5.2020, 21.43 Uhr)

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Bittprozession (1.5.2020, 21.04 Uhr)

[11] Archiv im Rhein-Kreis Neuss, S 029 / Vellrather Hof (Hemmerden), Nr. 048; https://www.archive.nrw.de/archivsuche (19.6.2022, 15.21 Uhr)

[12] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 181 u. S. 529

[13] Clancett/Funke, Festschrift zum 40-jährigen Bestehen der Heilig-Geist-Kapelle zu Aldenhoven, 1998

Was geschah am 14. Juni 1959 auf dem Grevenbroicher Marktplatz?

© Stefan Faßbender – Grevenbroicher Marktplatz am 14. Juni 1959
© Stefan Faßbender – Grevenbroicher Marktplatz am 14. Juni 1959

Landete dort ein Flieger?

Oder stürzte ein Flieger gar ab?

Fragen, die sich der Autor spontan bei der Sichtung von altem Super-8-Film-Material seines Großvaters stellte. Zum Glück ist dergleichen nicht passiert. Es handelte sich lediglich um eine Segelflieger-Taufe, wie die genaue Betrachtung des Filmausschnittes ergab.

Da in dem Film auch das Datum genannt war, konnten mit Hilfe des „Archiv im Rhein-Kreis Neuss“ in Zons, welches eine hervorragende Zeitungssammlung besitzt, die entsprechenden Veröffentlichungen schnell gefunden werden.

© Archiv im Rhein-Kreis Neuss – Sammlung NGZ vom 15. Juni 1959

Danach wurde ein Segelflugzeug vom Typ „Rhönlerche“ seiner Bestimmung übergeben. Der im Jahr 1957 gegründete Luftsportverein „Erftland“ ehrte damit den bekannten Grevenbroicher Luftsportförderer Theodor Vinken (*1893 in Mönchengladbach, †1935 in Grevenbroich). Mit einer symbolischen Enthüllung durch seine Ehefrau Theresia (geb. Linnartz) erhielt der Segelflieger den Namen „Theo Vinken Grevenbroich I“. Der damalige Luftsportverein „Erftland“ findet sich heute im Aero-Club Grevenbroich e. V. wieder.

© Archiv im Rhein-Kreis Neuss – Sammlung NGZ vom 16. Juni 1959

Auch wenn die NGZ von einer kleinen Feier spricht, dürfte eine Vielzahl von Grevenbroicher Bürgerinnen und Bürgern zu dem Ereignis anwesend gewesen sein, wie in dem Filmausschnitt zu sehen ist. Daneben sind auch das Haus Portz und die Bebauung am heutigen Standort des Bürgerbüros sehr gut zu erkennen. Vielleicht finden sich auch einzelne Personen oder Familien auf dem Film am Ende dieses Beitrages wieder. Auf jeden Fall wünsche ich viel Spaß bei der Zeitreise zurück in das Jahr 1959. Eine vollständige Zuordnung der einzelnen Festredner, konnte bisher nicht vorgenommen werden, da dem Autor vergleichbares Bildmaterial derzeit nicht vorliegt. Das Stadtarchiv Grevenbroich, der Geschichtsverein Grevenbroich und der Autor würden sich aber sehr über Rückmeldungen freuen.

Daher: Wer waren diese Personen?

© Stefan Faßbender – Wer war Redner Nr. 1?
© Stefan Faßbender – Wer war Redner Nr. 2?
© Stefan Faßbender – Wer war Redner Nr. 3?
© Stefan Faßbender – Wer war Redner Nr. 4?
© Stefan Faßbender – Wer war Redner Nr. 5?

Leider ist der Film ohne Ton, aber zumindest in Farbe.

© Stefan Faßbender – Filmsammlung 1959

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Allrather Tanzvergnügen im August 1945

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2106

Eigentlich sollte das hier gezeigte Fundstück aus dem Stadtarchiv Grevenbroich bei den Lesern nur ein Lächeln und Schmunzeln hervorrufen, da es den Konflikt darstellt, der auch heute noch oft zwischen Jugendlichen (die ihre Freiheit und Erfahrungen suchen) und Erwachsenen (die kein Verständnis für diese Lebensweise haben) besteht.

Nach mehrmaligem Lesen traten jedoch Zweifel, Unbehagen und eine gewisse Art Nachdenklichkeit zu Tage, so dass sich der Geschichtsverein Grevenbroich dazu entschloss, gerade dieses Schriftstück auch ein wenig kritischer zu betrachten, ohne dabei Personen oder insbesondere die Lehrerschaft angreifen zu wollen.

Die von Schulrat Leines (vor 1945 Lehrer in Sinsteden; vgl. Schulchronik Elfgen, Nr. 218, Seite 250) beschriebenen „halbwüchsigen Burschen und Mädchen“ dürften im Jahr 1945 vermutlich 15 bis 16 Jahre alt gewesen sein. Die meisten Schüler verließen in jener Zeit die Volksschule bereits mit 14 Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt kannten sie das Leben nur unter der Diktatur des NS-Regimes. Ebenso war ihre Jugend von den schrecklichen Ereignissen des Krieges bestimmt. Vermutlich hatten viele auch einen persönlichen Verlust durch den Tod des Soldatenvaters oder durch Bombenangriffe erlitten.

Gerade im Hinblick auf die ideologische Ausrichtung von großen Teilen der Lehrerschaft während der NS-Zeit stellt sich für den Geschichtsverein Grevenbroich daher die Frage, ob der damalige Schulrat Leines eigentlich in der „Position“ war, so über die jungen Menschen zu urteilen. Waren es nicht auch Lehrer, städtische bzw. politische Amtsträger sowie Millionen von sogenannten „Mitläufern“, die dieses NS-System unterstützten und förderten? Und in welcher Weise hätten sich die Halbwüchsigen angesichts ihres Alters „schuldig“ gemacht haben können. Ein Zusammenhang zu den hunderttausenden Soldaten in Gefangenschaft oder den Millionen vertriebenen Menschen aus den Ostgebieten ist sicherlich an anderer Stelle zu suchen.

Viele Untersuchungen und Veröffentlichungen verdeutlichen heute, dass eine Vielzahl der Lehrer und Lehrerinnen bei der Indoktrinierung der Schülerschaft involviert war. Durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 mussten jüdische, pazifistische, sozialistische und kommunistische Lehrerinnen und Lehrer ihren Beruf aufgeben. In der Folgezeit traten 97% der Lehrerschaft dem NSLB (Nationalsozialistischen Lehrerbund) bei. Eine große Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern wurde sogar Mitglied in der NSDAP.

In einem Interview mit Saskia Müller (Mitautorin von „Die ideologische Ausrichtung der Lehrerkräfte 1933 – 1945“ aus dem Jahr 2016) heißt es: „Die große Mehrheit der Lehrkräfte hatte eine enge Bindung an den Staat. Bereits in den 70er- und 80er-Jahren wurde festgestellt, dass diese Berufsgruppe nicht aufgrund von Arglosigkeit und Verführung zum NS überlief, sondern weil sie mehrheitlich das Interesse teilte, mit den Nazis einen starken Staat zu errichten.“[1] 

Inwieweit es auch viele Lehrerinnen und Lehrer gab, die diese Haltung nicht teilten und – wenn auch „versteckt“ – Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, ist leider bisher nicht erforscht. Hierzu noch ein Auszug aus dem gleichen Interview:

„Niemand musste Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) werden. Welche Formen des Widerstands oder der Verweigerung waren Lehrkräften möglich, die sich nicht im NSLB organisierten?

Saskia Müller: Es gab abweichendes Verhalten und Widerstand Einzelner im Alltag. 1937 waren nur 3 Prozent der Lehrkräfte nicht Mitglied im NSLB. Es ist nicht erforscht, ob einzelne oppositionelle Lehrkräfte trotzdem eine NSLB-Mitgliedschaft besaßen. Im Alltag boykottierten sie Vorschriften, wehrten sich gegen ideologische Schulungen und gegen die rassistische und antisemitische Durchdringung des Schulwesens. Sie schützten jüdische Schülerinnen und Schüler, unterstützten oppositionelle Jugendliche oder zeigten sich solidarisch mit verfolgten Kolleginnen und Kollegen. Lutz van Dijk kam in seiner Untersuchung von Biografien oppositioneller Lehrkräfte auf zwei Aspekte, die die befragten Personen – im Gegensatz zu vielen anderen – gemein hatten: Fähigkeit zur Empathie und Verantwortungsübernahme für das eigene Handeln trotz möglicher persönlicher Nachteile.“[2]

Das seit vier Jahrzehnten sehr umstrittene, oft auch fehlinterpretierte bzw. missbrauchte Zitat „Gnade der späten Geburt“ spiegelt sich genau in diesem Beitrag wider. Der Geschichtsverein Grevenbroich vertritt die Ansicht, dass diese Kinder keine Schuld auf sich geladen haben. Dies schließt jedoch nicht aus, dass sie Verantwortung dafür übernehmen sollten bzw. müssen, dass von deutschem Boden solche Gewaltverbrechen niemals mehr ausgehen dürfen. Viele Grevenbroicher Schüler und Schülerinnen zeigen eben dies in unzähligen Projekten zur NS-Zeit, ohne dabei etwas zu verharmlosen oder geschönt darzustellen. „Erinnerungskultur zu pflegen und zu fördern, darf nicht bedeuten sich schuldig zu fühlen bzw. die Schuld auf sich zu nehmen.“

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

[1]              https://www.gew-bayern.de/aktuelles/detailseite/lehrkraefte-im-nationalsozialismus; Abruf am 8. Juni 2023 um 14:50 Uhr

[2]              https://www.gew-bayern.de/aktuelles/detailseite/lehrkraefte-im-nationalsozialismus, Abruf am 8. Juni 2023 um 15.03 Uhr

Wir waren mal französische Staatsbürger!

Napoleons Herrschaft 1794 – 1814

Die geschichtlichen Vorgänge

Kaum ein anderes Ereignis hat die Geschichte auch unserer Gegend so nachhaltig geprägt wie die Französische Revolution von 1789. Die anschließende, von 1794 bis 1814 erfolgte Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch das napoleonische Frankreich hat gravierende Veränderungen mit sich gebracht.

Gemeinfreies Bild von WikiImages auf Pixabay; Abruf am 11.09.2023 um 16.56 Uhr – Napoleon Bonaparte

Nach mehreren siegreichen Schlachten im seit 1792 andauernden 1. Koalitionskrieg der Franzosen gegen einen europäischen Staatenverbund mit u. a. Österreich und Preußen annektierte die französische Armee im Oktober 1794 die Gebiete links des Rheins. Ohne Rücksicht auf die politischen Grenzen wurde 1798 dieses Gebiet in vier Départements (Bezirke) eingeteilt: Roer (Rur), Saare (Saar), Rhin-et-Moselle (Rhein-Mosel) und Mont-Tonnerre (Donnersberg) mit den jeweiligen Hauptorten Aachen, Trier, Koblenz und Mainz. 1801 wurden die eroberten Gebiete völkerrechtlich von Frankreich einverleibt und die Einwohner waren damit plötzlich französische Staatsbürger. Die knapp 20 Jahre andauernde Zugehörigkeit des linken Rheinufers zu Frankreich erst als besetztes Gebiet, dann als Teil der Republik Frankreich und ab 1804 des Kaiserreichs von Napoleon veränderte auch unsere Grevenbroicher Welt grundlegend entsprechend der französischen Verwaltungsstruktur. Die Départements bestanden aus mehreren Kantonen und diese beinhalteten die Mairien (Bürgermeistereien).

Wie alle anderen bis dahin bestehenden Ämter wurde auch das Amt Grevenbroich aufgelöst. Die seit Jahrhunderten bestehende politische Einheit der Stadt Grevenbroich mit den Landgemeinden Allrath, Barrenstein und Neuenhausen wurde jetzt auf französisch „Mairie“ (Bürgermeisterei) genannt und existierte nur auf unterer Ebene weiter. Die nächsthöhere Ebene ging wegen ihrer verkehrsgünstigen Lage am Schnittpunkt der Straßen Köln – Venlo – Neuss – Jülich an Elsen, das damit Hauptort des neu eingerichteten Kantons Elsen wurde. Innerhalb der neuen Gebietsstrukturen hieß z. B. Allrath nun „Aldenrath“, Mairie de Grevenbroich, Canton d’Elsen, Département de la Roer (= Regierungsbezirk Rur) mit Hauptsitz in Aachen. Nach einem Bericht des Grevenbroicher Stadthistorikers J. H. Dickers wurden bei den Umstrukturierungen die Städte von „der eingesetzten französischen Regierung mit der äußersten Missachtung behandelt“.

Nachfolgend einige Urkundenbeispiele aus dem Grevenbroicher Stadtarchiv, die neben den Veränderungen auch die Zeitrechnung nach dem französischen Revolutionskalender aufzeigen. Der französische Revolutionskalender galt von 1792 bis 1805 und hatte 12 Monate zu 30 Tagen mit jeweils 3 Dekaden von 10 Tagen.

Einer chaotischen Anfangs- und Übergangszeit folgte erst 1800 eine Kommunalreform Napoleons, die wieder eine gewisse Ordnung herstellte. Dabei wurden auch erstmalig Volkszählungen durchgeführt. Grevenbroich hatte danach im Jahr 1801 nur 518 Einwohner und war damit kleiner als manches Dorf in der Umgebung. Einige Jahre später, schon in preußischer Zeit des Jahres 1816, zählte Allrath 597 Einwohner, während in Grevenbroich nur 574 Einwohner lebten.

Die durch Tranchot und von Müffling von 1801 – 1828 durchgeführten exakten Landvermessungen ergeben durch die dabei erstellten Kartenaufnahmen der Rheinlande (die sog. Tranchotkarten) ein genaues Bild. Unsere Gegend wurde mit den Karten 59 und 60 in den Jahren 1807/08 erfasst.

Die 1794 erfolgte französische Eroberung und Herrschaft Napoleons brachte ab 1799 in den Verwaltungsbereichen der linksrheinischen Gebiete einen gewaltigen Modernisierungsschub von bis dahin nicht gekannten Ausmaßen mit sich. Noch heute wirkt sich dies zusammen mit den nachfolgenden Einflüssen der preußischen Zeit ab 1815 in vielen Bereichen aus.

Die französische Sprache

Nach der Errichtung des Roer-Départements 1798 schrieb der französische Justizminister: „Der erste Schritt, um dieses Land der Sklaverei seiner alten Einrichtungen zu entreißen, wird die Förderung der französischen Sprache sein.“ So wurden von der Zivilverwaltung der Ersten Französischen Republik die ersten Standesämter in Deutschland im linksrheinischen Gebiet eingerichtet, die alle Urkunden in französischer Sprache ausstellten. Die Geburtsurkunde hieß „Acte de naissance“, bei der Heirat gab es die „Acte de marriage“ und die Sterbeurkunde war die „Acte de décès“. Die Familiennamen wurden beibehalten, die Vornamen jedoch französisch übersetzt. Und so wurde aus dem Johann ein Jean (bis heute noch Schäng), aus Friedrich wurde „Frédéric“ und aus Heinrich „Henri“, während die Maria Katherina nun „Marie Catherine“ hieß. Auch die Berufsbezeichnungen wurden übersetzt. So wurde aus dem braven Ackerer ein „agriculteur“ oder „cultivateur“, der Tagelöhner war ein „journalier“. Aus Untertanen wurden so verwaltete Bürger. Eingefügt ist die Geburtsurkunde des Urgroßvaters des Verfassers, Jean (Johann) Eßer.

 

© Sammlung Rolf Esser

Die Notare waren „notaire imperial“, also kaiserlich, ihre Urkunden wurden z. B. 1809 eingeleitet mit: „Napoleon, par la grace de Dieu et les constitutions de l’Empire, Empereur des Francais et Roi d’Italie“, 1812 zusätzlich noch mit “Protecteur de la Confédération de Rhin et Médiateur de la Confédération Suisse“ versehen, zu übersetzen mit „Napoleon, durch Gottes Gnade und die Verfassung des Kaiserreichs, Kaiser der Franzosen und König von Italien, Beschützer des Rheinbundes und Vermittler des Schweizer Bundes“. Ein mächtiger Mann und Selbstdarsteller, der da über unsere Vorfahren herrschte, und der das auch nach außen zu dokumentieren wusste.

Man stelle sich vor, was dies für die einfache Bevölkerung bedeutete. Es hat aber offensichtlich funktioniert, wie einem Reisebericht von 1813/14 des Barons de Ladoucette, dem Präfekten des Roer-Departements, zu entnehmen ist. Diese Reise führte ihn auch durch Grevenbroich. Er spricht in seinem Reisebericht von der schnellen Verbreitung der französischen Sprache vor allem durch die Vorgaben bei Gesetzen, Urteilen und Urkunden sowie im geschäftlichen und militärischen Bereich. Weiter: „Ich war überrascht und angetan, als ich während meiner Reisen in den Dörfern nach dem Wege fragte und die Kinder sich die größte Mühe gaben, ihn mir in Französisch zu erklären.“ Über ihre Freude daran ist allerdings genauso wenig bekannt wie über die Qualität des Französischen. Auf diese Weise wurden nach und nach auch französische Begriffe in den Alltagssprachgebrauch übernommen. Man wusste, dass die Landstraße nun „chaussee“ hieß und der Schirm „parapluie“. Zum Einkaufen nahm man das „portemonnaie“ mit statt der bis dahin üblichen Geldbörse. Ein Fläschchen Kölnisch Wasser war zum „Eau de Cologne“ geworden und vom Nachbarn verabschiedete man sich nun mit „à dieu“ (Adieu), was „mit Gott“ bedeutete. Davon zeugt noch bis heute ganz einfach unser rheinisches „tschö“ oder das noch saloppere „tschüss“. Viele andere französische Worte haben sich – teilweise ohne dass wir es noch wissen – bis heute erhalten oder sogar alte deutsche Begriffe ersetzt.

Kirchen, Klöster, Säkularisation

Auch die alte kirchliche Ordnung wurde 1802/1803 mit der Säkularisation beseitigt: Köln verlor zugunsten von Aachen seinen Bischofssitz, an Stelle der Dekanate traten die Kantone. Die örtlichen Kirchen waren nur noch Hilfspfarreien, die der Aufsicht des Pfarrers im Kantonsort unterstanden, in unserem Falle also Elsen.

Die Franzosen gingen noch weiter, indem sie die Überführung von Kirchengütern in staatlichen Besitz anordneten und auch vollzogen. Davon betroffen waren im hiesigen Bereich das Kloster Welchenberg, das Wilhelmitenkloster in Grevenbroich und das Kloster Langwaden, die 1802 aufgehoben und mit den sich darin befindenden Kirchenschätzen veräußert wurden. Auf diese Weise gelangten die Kanzel von Kloster Langwaden und der Altar aus der Klosterkirche in Grevenbroich in die erst kurz zuvor (1792) in Allrath neu erbaute Kirche.

Kriege bis zum Untergang

Die ständigen napoleonischen Kriege und Auseinandersetzungen an fast allen Fronten forderten auch in unserer Region viele Menschenleben. Das Rheinland wurde neben seiner wirtschaftlichen Bedeutung auch gebraucht, um den Franzosen den Nachschub an Soldaten zu sichern. So blieb z. B. unser „Departement de la Roer“ bei der Rekrutierung nicht verschont, als Napoleon 1812 seine „Grande Armee“ für den Russlandfeldzug zusammenstellte. 200.000 der 650.000 Mann stammten allein aus dem Rheinland. Bei diesem Kriegszug bis vor die Tore Moskaus starben über 95 % der Truppen. Napoleon kam geschlagen und nach ungeheuren Verlusten mit nur ca. 10.000 Mann nach Paris zurück.

Durch diese Niederlage war auch der Untergang Napoleons und seines Kaiserreichs eingeläutet. Mit dem Abzug der letzten Truppen im Januar 1814 und der Unterzeichnung des Friedens von Paris im Mai 1814 endete nach fast 20 Jahren die französische Herrschaft im Rheinland. Frankreich wurde zur Rückkehr in die Grenzen von 1792 gezwungen. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das gesamte Rheinland Preußen zugesprochen und wir Rheinländer für längere Zeit preußische Staatsbürger.

Rolf Esser für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

„Großbrände“ bei Familie Faßbender und Fa. Walraf

StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 268

Heute möchte euch der Geschichtsverein Grevenbroich zwei Zufallsfunde vorstellen, die bei Recherchen zu einem ganz anderen Unglücksfall gefunden wurden. Auch als langjähriger Familien- und Heimatforscher stößt man immer wieder auf Überraschungen, die man niemals erwartet hätte. Ob beide Brände tatsächlich durch besondere Umstände oder durch Personen verursacht wurden, kann nach mehr als 100 Jahren nicht mehr beurteilt werden.

Fall 1 im Jahr 1917 bei Familie Faßbender:

„Grevenbroich, 3. August 1917. Es erscheint die Ehefrau Johann Faßbender von hier – Lindenstr. 87 – und erklärt: Am 26. Juni ds. Js. sind mir 2 Feder-Kissen, 1 Feder-Unterbett, 2 Matratzen und 2 Betttücher, sowie eine Kinderhose verbrannt bzw. beschädigt. Der Schaden beträgt etwa 170 M. Über die Entstehungsursache des Brandes kann ich nichts angeben. Streichhölzer waren vorher nicht angezündet worden, auch kein Feuer im Ofen. Mein Sohn Wilhelm – 5 Jahre – lag bereits im Bett, im Schlafzimmer waren Streichhölzer nicht vorhanden. Möglich ist, daß von einem vorbeifahrenden Zuge glühende Asche in das Zimmer geflogen ist, wir wohnen nämlich gleich an der Bahnstrecke.“

StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 229

Erst nach mehrmaligem Lesen fielen mir die besonderen Betonungen auf, dass

  • vorher keine Streichhölzer angezündet worden waren,
  • auch kein Feuer im Ofen,
  • der 5-jährige Wilhelm bereits im Bett lag,
  • keine Streichhölzer im Schlafzimmer lagen,
  • glühende Asche durch einen vorbeifahrenden Zug in das Zimmer geflogen ist.

Hierzu sollte man wissen, dass die kürzeste Entfernung von der Bahnstrecke zu dem Haus mindestens 60 Meter beträgt. Des Weiteren dürfte man wohl davon ausgehen, dass die Fensterläden mit Sicherheit geschlossen waren, wenn der 5-jährige Wilhelm bereits im Bett war. Für mich als Familienforscher stellt sich damit die Frage, ob der damals Fünfjährige vielleicht mit Streichhölzern gezündelt und dabei den Brand verursacht hat. Für die Familie war der Verlust der Schlafzimmereinrichtung gerade im Jahr 1917 sicherlich ein sehr großer Verlust, da ja noch der 1. Weltkrieg in Europa „tobte“ und Waren jeglicher Art nur schwer zu beschaffen waren. Von der Versicherung erhielt die Familie eine Entschädigung in Höhe von 90 M.

StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 231

Fall 2 im Jahr 1920 bei der Fa. Walraf:

Am 22. Juni 1920 bedankte sich Anton Walraf über das Bürgermeisteramt bei den Kräften der Schutzmannschaften (direkter Vorläufer der heutigen Schutzpolizei), die die Ordnung aufrechthielten und eine sachgemäße Absperrung durchführten.

StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 268

Innerhalb von zwei Tagen ereigneten sich zwei Großbrände in der Baumwollspinnerei, die in den nachfolgenden Berichten ausführlich beschrieben wurden und einen Schaden zwischen 500.000 und 1.000.000 M. verursachten.

StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 271_a
StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 271_b
StA Grevenbroich, Brandunfälle, Sig. 461, Seite 272

Wie man sieht, können Besuche im Stadtarchiv Grevenbroich durchaus interessant und aufregend sein. Das Archiv birgt eine unzählige Menge an „Schätzen“, die sowohl für die eigene Familien- als auch für die Heimatforschung bedeutsam sein können. Daher können wir nur empfehlen, die Möglichkeiten unseres hervorragenden Stadtarchivs Grevenbroich oder des Archives im Rhein-Kreis Neuss in Zons zu nutzen.

Informationen über die beiden Archive sowie deren Bestände sind unter folgenden Links zu finden:

https://www.archive.nrw.de/stadtarchiv-grevenbroich

https://archiv-im-rhein-kreis-neuss.de/

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Die „Marie-Juchacz-Straße“ in Grevenbroich

Seid ihr auch schon mal durch euer Viertel gelaufen und habt überlegt, wer wohl der Namensgeber der ein oder anderen Straßenbezeichnung war? So ging es mir über Monate hinweg, bis ich den Namen einmal recherchierte und feststellte, dass hinter dem Namen eine sehr bewundernswerte Persönlichkeit steht.

Sammlung Stefan Faßbender

Bei der Marie-Juchacz-Straße handelt es sich um eine kurze Stichstraße, die sich am äußeren Ende der Lindenstraße in der Grevenbroicher Stadtmitte befindet.

Quelle: https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/
© Stefan Faßbender – Blick in die Marie-Juchacz-Straße im August 2023

Marie Louise wurde am 15. März 1879 als Kind des Zimmermeisters Friedrich Theodor Gohlke und der Wilhelmine Henriette Heinrich in Landsberg an der Warthe geboren. Am 6. April 1901 heiratete sie den Schneider Bernhard Juchacz, von dem sie jedoch am 27. Mai 1911 durch das Landgericht Magdeburg geschieden wurde.

Quelle: www.ancestry.de; Heiratsregister Landsberg a. d. Warthe, Abruf 11. April 2023 um 16.13 Uhr

Schon Anfang der 1900er Jahre engagierte sich Marie Juchacz in sogenannten Bildungsvereinen, die den Sozialdemokratinnen als Tarnung ihrer politischen Organisationen dienten. Für Frauen war die Teilnahme an politischen Vereinen durch das Preußische Vereinsgesetz bis 1908 verboten. Erst mit dessen Aufhebung lösten sich die Frauenvereine auf und die Mehrheit der Frauen trat in die Sozialdemokratische Partei ein. Schon kurze Zeit danach entwickelte sich für Marie Juchacz eine „Bilderbuchkarriere“ in der Politik, welche sie im Jahr 1913 zusammen mit ihrer Schwester nach Köln führte. Während des Ersten Weltkriegs wurde dort die Nationale Frauengemeinschaft für Köln gegründet, die sich den Problemen von Frauen in der Kriegssituation widmete. Marie Juchacz wurde u. a. in einen Ernährungsausschuss gewählt, der für die Verteilung der rationierten Lebensmittel zuständig war. 1917 übernahm sie die Stelle der zentralen Frauensekretärin der SPD in Berlin und wurde nach einer Abspaltung als einzige Frau in den Vorstand der MSPD (Mehrheitssozialdemokratie) gewählt. Im Januar 1919 wurden sie und ihre Schwester in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt.[1]

Am 19. Februar 1919 hielt sie – als erste Frau überhaupt – eine Parlamentsrede in Deutschland.

General-Anzeiger f. Dortmund u. die Provinz Westfalen Nr. 46 vom 20.02.1919

„[…] Sie begann mit der Anrede: Meine Herren und Damen! – ein Akt der Höflichkeit, den das Parlament mit Heiterkeit quittierte. […]“ Auch wenn die Anrede bzw. die Vertauschung von „Herren“ und „Damen“ Heiterkeit auslöste, handelte es sich wohl um eine ganz bewusste Entscheidung von ihr. Sie wollte damit deutlich machen, dass es auch in der Anrede eine Gleichberechtigung gibt. Peinlich – zumindest für die Männerwelt damaliger Zeit.[2]

Dürener Zeitung vom 20.02.1919

1919 setzte sie ihre Idee um, eine sozialdemokratische Wohlfahrtspflege zu gründen. Am 13.12.1919 rief sie den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt“ beim Parteivorstand der SPD ins Leben und übernahm den Vorsitz in der Arbeiterwohlfahrt. Damit wurde sie zur Begründerin der heutigen AWO. In den 1920er Jahren rückte ihre Tätigkeit bei der Arbeiterwohlfahrt zunehmend in den Vordergrund.

Um einer Vereinnahmung durch die NSDAP zu entgehen, löste sich die Arbeiterwohlfahrt mit Hitlers Machtübernahme 1933 selbst auf. Juchacz ging daraufhin in das Saarland und floh mit der Wiedereingliederung des Saarlandes ins Deutsche Reich weiter in das Elsass, wo sie im Widerstand und später bei der AWO ins Paris mitarbeitete. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte sie ihre Flucht über Südfrankreich und Martinique in die USA fort. Dort baute sie die „Arbeiterwohlfahrt – Opfer des Nationalsozialismus New York“ auf. Erst Anfang 1949 kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. Im veränderten Nachkriegsdeutschland war sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1956 Ehrenvorsitzende in der AWO.[3]

Der Beschluss zur Straßenbenennung erfolgte mit Sitzung am 13. September 2018 durch den Rat der Stadt Grevenbroich. In der öffentlichen Bekanntmachung der Stadt Grevenbroich ist leider keine Begründung zur Namensvergabe enthalten, wenn auch die Biografie von Marie Juchacz für sich spricht.

In gleicher Sitzung wurde noch ein weiterer Beschluss über eine Straßenbenennung in Grevenbroich gefasst, über die wir in den nächsten Wochen auch noch berichten werden. Auch wenn es sich dabei ebenfalls um eine faszinierende Frau der deutschen Geschichte handelt, darf hier noch kurz angemerkt und gefragt werden, warum bisher keine Straßen nach Grevenbroicher Frauen benannt wurden. Lediglich der neu geschaffene „Dr.-Elfriede-Cohnen-Weg“ bildet hierbei eine Ausnahme und leitet nun hoffentlich eine Wende im Grevenbroicher Straßenwesen ein.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

[1] https://awo.org/index.php/ueber-uns/awo-historie/personen/marie-juchacz; Abruf 11. April 2023 um 16.18 Uhr

[2] https://www.koeln-lotse.de/2019/05/25/marie-juchacz-powerfrau-und-gruenderin-der-awo/; Abruf 11. April 2023 um 22.12 Uhr

[3] https://awo.org/index.php/ueber-uns/awo-historie/personen/marie-juchacz; Abruf 11. April 2023 um 16.18 Uhr

Schausteller auf der Wevelinghovener Kirmes in den Jahren 1926 bis 1928

Heute geht der Geschichtsverein fast 100 Jahre in der Zeit zurück, um zu zeigen, mit welchen Attraktionen die Wevelinghovener zu ihrem Schützenfest zu begeistern waren. Übrigens fand die Wevelinghovener Spätkirmes damals erst am dritten Wochenende im September statt, also gut vier Wochen später als heute.

1926

Im August 1926 bewarb sich ein Herr Friese aus Lemgo, um seine „Brasilianische Urwaldschau“ darzubieten. Auf einer Fläche von 16 x 7 Metern zeigte er Eisbären, Zebras, Tiger, Lamas, Schlangen und Affen. Ob auch Urwaldbewohner aus Brasilien „ausgestellt“ wurden, ist aus dem Schriftwechsel mit dem Veranstalter nicht zu entnehmen. Anzumerken ist jedoch, dass es seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert zu sogenannten „Freak-Shows“ kam, in denen ungewöhnliche Menschen, wie z. B. der „Löwenmensch“, „Zwerge“, „Frauen mit Bärten“ oder der „Elefantenmensch“, auf menschenverachtendste Weise vorgeführt wurden.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103
© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

Der auch noch heute im Kirmesgewerbe tätigen Grevenbroicher Schaustellerfamilie Deden wurde u. a. der Speiseeisverkauf erlaubt. Allerdings erstreckte sich die Erlaubnis nicht auf den Verkauf im Festzelt. Außerdem wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Wevelinghovener Eisverkäufer Kames ebenfalls eine Erlaubnis zum Verkauf erhalten hatte.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

Insgesamt hatte man der Familie Deden drei Plätze zugewiesen, darunter auch einen Platz für einen Pony-Wagen. Auch wenn früher die meisten Haushalte eigene Haustiere hatten, dürfte es – wie auch heute noch – ein „Highlight“ für die Kinder gewesen sein, auf einem kleinen Pony im Kreis zu reiten.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

1927

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103 – Komet am 20.08.1927

Oben dargestellt ist der Aufruf der Stadt Wevelinghoven zur Vergabe von Standplätzen auf der Herbstkirmes 1927. Im Jahr 1927 waren Geld- und Würfelspiele nicht zugelassen. Welche Beliebtheit das Wevelinghovener Schützenfest bereits vor fast 100 Jahren genoss, ist der Anzeige ebenfalls zu entnehmen: „An den Festlichkeiten nehmen die Einwohner der benachbarten Stadt Grevenbroich und der umliegenden Landgemeinden sehr regen Anteil.“ Laut der Anzeige mussten die Schausteller ihre Anträge unter Beifügung einer Fotografie einreichen. Leider sind diese Fotografien nur noch zum Teil im Archiv vorhanden und können uns heute nur noch einen kleinen optischen Eindruck jener Zeit vermitteln.

Allerdings dürfte Hans Mockens „Rheinische Verlosungshalle“ sowohl bei Jung als auch bei Alt für glänzende Augen gesorgt haben, wenn man die dortige Auslage näher betrachtet. Neben Puppen und Teddybären ist auch eine große Anzahl von Kochtöpfen und Wasserkesseln zu erkennen. Leider ist der ursprüngliche Antrag, aus dem man eventuell noch den Lospreis oder gar weitere Gewinne hätte entnehmen können, nicht mehr vorhanden.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Fotobestand zu Nr. 2103

Im Jahr 1927 dürften jedoch „Die Todesverächter“ für Aufsehen und das Tagesgespräch gesorgt haben, denn nicht nur zwei Herren sondern auch eine Dame begaben sich mit Fahr- und Motorrädern in eine Steilwand. In seinem Bewerbungsbogen schreibt der Schausteller: „Es ist dies eine Höchstleistung artistischen Könnens.“

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

1928

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

Aufgrund der oben dargestellten Anzeige meldete sich bereits am 14.08.1928 die Schaustellerfamilie Franz Graf & Sohn, um einen Platz zum Kirmes- und Schützenfest in Wevelinghoven zu erhalten. Eine durchaus nette und ansprechende Anfrage zu einem sehr aussergewöhnlichen „Fahrgeschäft“, welches der Geschichtsverein eher in die NS-Zeit eingeordnet hätte. Zu beachten ist aber auch der Preis bei Gewinn des Spieles.

„An die Polizei-Verwaltung Wevelinghoven. Bezugnehmend auf Ihre Anzeige im Komet, erlaube ich mir die Anfrage, ob ich zur Kirmes u. Schützenfest Platz erhalten kann, für mein Fliegerbomben-Abwurfspiel 3 m Ø Rundgeschäft, zum Ausspielen von Schokolade. Es ist dieses ein modernes einwandfreies und sauberes Geschäft, welches bei den Behörden auf allen Plätzen, welche ich bisher besucht habe, größten Anklang gefunden hat. Photografie und Gutachten füge ich anbei. In der Hoffnung auf zusagenden Bescheid zeichnet,                           Hochachtungsvoll!

Rich. Graf

1 Photo

1 Gutachten

1 Freiumschlag

N.B.       Bei Zusage bitte ich um Mitteilung, welches die nächste Güterstation ist.“

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

Die beigefügte Fotografie und das Gutachten zum „Fliegerbomben-Abwurfspiel“ sind im Archiv ebenfalls erhalten geblieben und werden nachfolgend abgebildet. Bei genauer Betrachtung des Fotos sind auch noch die Flugzeuge zu erkennen. Das Gutachten beschreibt in detaillierter Weise sowohl das Spiel selbst als auch die Chancen, bei diesem Spiel einen Preis zu gewinnen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Fotobestand zu Nr. 2103
© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103
© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103
© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2103

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Andreas Koll aus Stessen – 5 Wochen vermisst

Eine Vermisstenanzeige im Mitteilungsblatt der Regierung zu Düsseldorf

Im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf aus dem Jahr 1827 fand ich vor einigen Jahren eine Mitteilung zu einem Andreas Koll aus Stessen in der damaligen Bürgermeisterei Bedburdyck, der als vermisst gemeldet wurde.

Andreas Koll wurde am 24. Januar 1807 unter dem Namen Johannes Andreas Koll als Sohn der Eheleute Werner Koll und Sophia Lemm(en) in der Pfarrkirche von Bedburdyck getauft. Er hatte mehrere Geschwister. Der Vater Werner war bereits 1815 im Alter von 53 Jahren, die Mutter bereits drei Jahre vorher im Alter von nur 44 Jahren verstorben.

Andreas hatte wohl am 22. Januar bei einem verschneiten Abendhimmel das Haus seiner Schwester in Stessen verlassen und wurde seitdem vermisst.

Vermisstenanzeige von Andreas Koll 1827 im Mitteilungsblatt der Regierung zu Düsseldorf

Amtsblatt für den Regierungsbezirk Düsseldorf Jahrgang 1827, S. 58; http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/periodical/pageview/5612257?query=Amtsblatt%20regierungsbezirk%20d%C3%BCsseldorf (21.5.2023, 17.57 Uhr)

“(Den vermißten Andreas Koll aus Stessen betr.)

                Am 22. vorigen Monats hat sich der wahnsinnige Andreas Koll, Weber seine Gewerbes, von seinem Wohnorte Stessen in der Bürgermeisterei Bedburdick entfernt, ohne daß bisher, ungeachtet aller Nachforschungen sich etwas über sein Verbleiben hat ermitteln lassen, weshalb die Vermuthung entstanden, daß er durch Erfrieren zum Tode gekommen, welches dadurch bestärkt wird, daß am 24. einer seiner Holzschuhe zwischen Herberath und Jüchen im Schnee gefunden wurde.

                Indem ich dessen Signalement und Bekleidungs-Beschreibung hier folgen lasse, ersuche ich Jeden, der über das Schicksal des Vermißten Näheres erfahren möchte, davon hierher Anzeige zu machen.

                Düsseldorf, den 12. Februar 1827

                                                                                              Der Erste Prokurator: Hoffmann

                Der Andreas Koll war 19 Jahre alt, hatte braune Haare und Augenbraunen, flache Stirne, graue etwas röthlich triefende Augen, spitze Nase, mittelmäßiger Mund, ovales Gesicht und war etwas pockennarbigt. Seine Bekleidung bestand in einer wollenen gestrickten Unterweste mit Aermeln, worüber er eine andere Weste trug, in einer blau manschesternen Hose, dunkelgrau wollenen Strümpfen und Holzschuhen, übrigens ohne Rock und Kopfbedeckung.”

Der 19jährige Andreas Koll wird in der Vermisstenanzeige als Wahnsinniger bezeichnet. Die genaue Bedeutung in diesem Zusammenhang ist nicht ganz klar, da es mehrere Deutungsmöglichkeiten gibt.

Der Begriff des „Wahnsinns“ wurde historisch einerseits in unterschiedlichen Kontexten mit verschiedenen Bedeutungen verwendet und andererseits rückblickend auf verschiedene Phänomene angewendet. In Wikipedia finden wir unter dem Begriff „Wahnsinn“ die Beschreibung, dass als solcher bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmte Verhaltens- oder Denkmuster bezeichnet wurden, die nicht der akzeptierten sozialen Norm entsprachen. Meist bestimmten gesellschaftliche Konventionen, was unter „Wahnsinn“ verstanden wurde: Der Begriff konnte für bloße Abweichungen von den Konventionen stehen. Er konnte aber auch für psychische Störungen verwendet werden, bei denen ein Mensch bei vergleichsweise normaler Verstandesfunktion an krankhaften Einbildungen litt, bis hin zur Kennzeichnung völlig bizarrer und (selbst-) zerstörerischer Handlungen. Auch Krankheitssymptome wie etwa Epilepsie oder ein Schädel-Hirn-Trauma wurden zeitweilig als Wahnsinn bezeichnet. Welche Normabweichungen noch als „Verschrobenheit“ akzeptiert wurden und welche bereits als „verrückt“ galten, konnte sich abhängig von Region, Zeit und sozialen Gegebenheiten erheblich unterscheiden. Daher lassen sich moderne Krankheitskriterien und -bezeichnungen in der Regel nicht auf die historischen Ausprägungen von Wahnsinn anwenden. Am ehesten würde heute die Diagnose Schizophrenie dem Wahnsinn entsprechen. (Quelle: https://de.wikepedia.org/wiki/Wahnsinn, 18.6.2023, 14.22 Uhr)

Klar ist zumindest, dass es mit Sicherheit Wahnsinn war, bei winterlichem Wetter das Haus zu verlassen. Was Andreas Koll dazu trieb, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Die Vermisstenanzeige und der Sterbeeintrag im Kirchenbuch geben uns hier jedoch einen interessanten Einblick in das Wetter jener Zeit, welches wir uns heute kaum noch vorstellen können.

An Winter mit mehr als 10 cm Schnee hier bei uns im Rheinland dürften sich Jüngere kaum erinnern. Mein Vater, Hans Peter Salmann, der 1942 in Jüchen geboren wurde und als Kind in einem kleinen Häuschen in Jüchen an der Köttelwesch wohnte (damals Weg entlang eines Baches, heute Verbindungsweg zwischen Leerser Straße und Kelzenberger Straße) hatte mir einmal erzählt, dass er als Vierjähriger beinahe im am Haus vorbeifließenden Bach ertrunken wäre. Der Bach hatte sich aufgrund von Schneeschmelze bereits 400 bis 500 Meter unterhalb der Quelle in ein reißendes Fließgewässer verwandelt. Mehr als einmal stand das Erdgeschoss des kleinen Hauses bis zu einem Meter unter Wasser. Hühner und Ziege mussten auf einem Treppenabsatz ausharren, während sich die Bewohner ins Dachgeschoss flüchteten.

Im Januar 1827, als Andreas Koll verschwand, müssen ebenfalls außergewöhnliche Wetterverhältnisse geherrscht haben, denn in den Mitteilungen der Regierung zu Düsseldorf vom 20. März 1827 heißt es, dass seit dem 17. Januar dauerhafte und weiter ansteigende Kälte geherrscht habe. Die kleineren Gewässer waren ganz zugefroren, die größeren Gewässer waren zum größten Teil mit einer dicken Eisschicht bedeckt, sodass die Flüsse Lippe, Ruhr und Wupper mit schwer beladenen Fuhrwerken ohne Gefahr überquert werden konnten. Der Rhein führte so viel Grundeis mit sich, dass es sich in den Niederlanden staute. „Es war in derselben Zeit eine nicht gewöhnliche Menge Schnee gefallen“ heißt es weiter im amtlichen Bericht.

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/periodical/pageview/5612297?query=Amtsblatt%20 regierungsbezirk%20d%C3%BCsseldorf (18.6.2023, 15.37 Uhr)

Nachdem man bereits am 24. Januar einen seiner Holzschuhe zwischen Herberath und Jüchen gefunden hatte, wurde im März desgleichen Jahres Andreas Koll schließlich in einem Graben bei Jüchen erfroren aufgefunden, „nachdem die Schneemassen nach 5 Wochen abgezogen waren“. Am 3. März wurde er in Bedburdyck beigesetzt. Sein Sterbedatum wurde auf den 23. Januar festgesetzt, auf den Tag nach seinem Verschwinden. Im Sterbeeintrag des Kirchenbuchs wird er als „adolescens dilirans“ (verrückter junger Mann) bezeichnet.

Kirchenbuch Bedburdyck, Sterbeeintrag von Andreas Coll

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023