Den Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges in Grevenbroich ein Gesicht geben…

Seit der Gründung des „Netzwerkes Kriegstote“ im Herbst 2020 recherchieren der „Geschichtsverein Grevenbroich und Umgebung e. V.“ und der Verein „Luftschutzanlagen Rhein Kreis Neuss e. V.“ intensiv zu den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und den Schicksalen der Kriegstoten rund um Grevenbroich.

Quelle: © Stefan Faßbender, Sammlung Grevenbroicher Kriegstote

Dazu erscheinen immer wieder kurze Veröffentlichungen über Schicksale einzelner Kriegstoter und Ereignisse, die nicht in dem gemeinsamen Buch „Grevenbroich – Der Zweite Weltkrieg in Auszügen aus den Schulchroniken“ dargestellt wurden.

Bisher wurden für das heutige Gebiet der Stadt Grevenbroich über 2.000 Kriegstote von Stefan Faßbender erfasst und dokumentiert. Dazu wurden seit November 2020 unter anderem mehr als 43.500 Urkunden aus den Geburts-, Heirats- und Sterberegistern zwischen 1900 und 1992 ausgewertet, bei denen die Datenschutzfristen abgelaufen sind. Die gesammelten Daten wurden unter anderem durch Informationen aus Schulchroniken, Kirchenbüchern, Pfarrchroniken und verschiedenen öffentlich zugänglichen Datenbanken ergänzt.

Quelle: © Stefan Faßbender, Sammlung Grevenbroicher Kriegstote

In die Sammlung wurden alle Personen aufgenommen, die in Grevenbroich geboren wurden, geheiratet, gewohnt haben oder gestorben sind. Dabei wird ausdrücklich aller Kriegsopfer gedacht, der gefallenen und vermissten Soldaten aller Nationen, der Zivilbevölkerung, der Zwangsarbeiter und der Opfer des Holocaust.

Diese einzigartige und beeindruckende Sammlung von Kriegstoten wird nun dem Stadtarchiv Grevenbroich als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt, um auch interessierten Grevenbroicherinnen und Grevenbroichern die Möglichkeit zu geben, nach ihren eigenen Vorfahren und deren Schicksalen zu forschen. Die Übergabe erfolgt in Form einer Loseblattsammlung, so dass Ergänzungen, Korrekturen etc. jederzeit zeitnah vorgenommen werden können.

Foto: © Christian Kandzorra

Um diesen Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges ein Gesicht zu geben, wurden zu diesem Zweck auch Totenzettel und Fotos der Opfer gesammelt. 387 Datensätze konnten bisher mit einem Bild des Verstorbenen ergänzt werden. Dabei handelt es sich überwiegend um Bilder von gefallenen Soldaten und nur wenige Bilder von verstorbenen Zivilisten.

Um diese Sammlung weiter zu vervollständigen, bittet Stefan Faßbender die Grevenbroicher Bürgerinnen und Bürger, weitere Bilder und/oder Totenzettel von Kriegstoten, die den oben genannten Kriterien entsprechen, zur Verfügung zu stellen. Diese müssen nicht im Original „abgegeben“ werden, sondern werden nach einer Digitalisierung wieder an die Eigentümer zurückgegeben.

Stefan Faßbender für das Netzwerk Grevenbroicher Kriegstote, 2024

Als man vor 100 Jahren den Karneval im Rheinland verbot!

Mit der Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1918 verhängten die Besatzungsmächte mit dem Hinweis auf den „Ernst der Lage“ ein Karnevalsverbot. Erst 1925 wurde dieses Verbot zumindest für öffentliche Sitzungen und Maskenbälle aufgehoben. Das närrische Treiben auf den Straßen blieb aber weiterhin verboten wie nachfolgende Veröffentlichung vom 10. Februar 1925 zeigt.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 17, Seite 4 vom 10. Februar 1925

„§ 1. Die Veranstaltungen öffentlicher karnevalistischer Umzüge und sonstige karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel sowie die Teilnahme und die Aufforderung zur Teilnahme an denselben sind verboten.“

 „§ 2. Verboten ist auf öffentlichen Straßen und Plätzen: 1) das Tragen karnevalistischer Verkleidungen oder Abzeichen jeder Art; 2) das Singen, Spielen und Vortragen karnevalistischer Lieder, Gedichte und Vorträge; 3) das Werfen von Luftschlangen, Konfetti und dergl.;“

Wie sehr sich die Grevenbroicher das närrische Treiben wohl zurück wünschten, zeigen die vielen Anzeigen zu den verschiedenen Feierlichkeiten, die bereits kurz nach Aufhebung des Verbots in der Grevenbroicher Zeitung erfolgten. Fast jedes Dorf und jede Gaststätte mit einem Saal lud zu einer Veranstaltung in den Jahren 1925 und 1926 ein.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 4 vom 14. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 4 vom 14. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 22, Seite 4 vom 21. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 3 vom 13. Februar 1926

Im Jahr 1928 wurden dann auch wieder öffentliche karnevalistische Umzüge sowie größere karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel erlaubt.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 12 vom 28. Januar 1928

„§ 1. Öffentliche karnevalistische Umzüge sowie größere karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel sind in kreisangehörigen Gemeinden nur mit Genehmigung des Landrats, in Stadtkreisen der Ortspolizeibehörden zulässig.“

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 4 vom 28. Januar 1928
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 4 vom 28. Januar 1928

Bereits zwei Jahre vor der Machtergreifung verbot Hitler den Parteiorganisationen jegliche Karnevalsveranstaltungen.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 11, Seite 2 vom 24. Januar 1931

„Hitler verbietet Bälle usw.

München, 22. Jan. Im „Völkischen Beobachter“ ist die folgende Verfügung Adolf Hitlers vom 20. Januar enthalten: Im Hinblick auf die allgemeine Notlage verbiete ich mit sofortiger Wirkung allen Parteiorganisationen karnevalistisches Treiben, Bälle usw. zu veranstalten, oder sich an derartigen Veranstaltungen zu beteiligen. Wo bereits solche Veranstaltungen angesetzt sind, steht es frei, diese in solche Abende, die von nationalsozialistischem Geist getragen sind, umzugestalten.“

Mit der Machtübernahme im Jahr 1933 wandelte sich diese Einstellung jedoch schlagartig, denn die Nationalsozialisten erkannten, den Karneval als Propagandamittel für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können. Durch die Übernahme der Organisation von Sitzungen und Umzügen gelang es ihnen immer mehr den Karneval zu steuern. 1936 hatte Grevenbroich zahlreiche Veranstaltungen zu Karneval zu bieten.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 31, Seite 7 vom 22. Februar 1936
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 31, Seite 8 vom 22. Februar 1936

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

Amtshilfe im Jahr 1939

Ein Fundstück aus dem Stadtarchiv Grevenbroich…

Hatte die Witwe bereits einen „schlechten“ Ruf?

Oder standen damals alle Antragssteller*innen unter Generalverdacht übermäßige Portionen anzubieten, Skat um Pfennige zu erlauben oder gar „ausschweifende“ Tanzveranstaltungen zu feiern?

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2008

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Grevenbroich an Heiligabend im Jahr 1944

Die Besatzungen der britischen Bomberflotte wurden aus allen Teilen des Commonwealth rekrutiert. So flogen z. B. neuseeländische Soldaten ihre Einsätze 18.000 km von ihrer Heimat entfernt über Deutschland.

Am 24. Dezember 1944 flog die Royal Air Force mit 104 Bombern einen strategischen Angriff auf den Flugplatz Bonn/Hangelar. Unter den vom britischen Flugplatz in Mildenhall gestarteten Maschinen war auch die Avro Lancaster Mk1 – NF 915 der 622 Squadron. Zur siebenköpfigen Besatzung gehörten u. a. der 29-jährige Neuseeländer Grant Wallace Browne, der 34-jährige Schotte Thomas Durward Mitchell sowie die beiden Kanadier William Paterson (27) und Robert Nelson Perdue (26).

Quelle: Royal Canadian Air Force History and Heritage Command; Astra, ON; RCAF Crash Cards 1939-1945

Sicher waren sie in Gedanken bei ihren Lieben, als sie am frühen Nachmittag des Heiligabends zu ihrem Einsatz aufbrachen. Dabei dürften die Gedanken der bunt zusammengewürfelten Besatzung sehr unterschiedlich gewesen sein. Denn in Neuseeland feierte die Familie von Browne Weihnachten für gewöhnlich bei 25 °C am Strand von Auckland. Während die Familien in Kanada bei Schnee und eisigen Temperaturen die Festtage vor dem lodernden Kamin verbrachten. Doch so unterschiedlich die Erinnerungen der jungen Männer an die Feiertage vermutlich auch waren, so einte sie doch der innige Wunsch, bald wieder zu ihren Familien zurückzukehren. Leider blieb den vier o. g. Besatzungsmitgliedern dieser Wunsch unerfüllt, als ein deutscher Nachtjäger mit dem Hauptmann Werner Baake an Bord die Lancaster abschoss.

Quelle: Royal Canadian Air Force History and Heritage Command; Astra, ON; RCAF Crash Cards 1939-1945

Der viermotorige Bomber stürzte auf einem Feld unweit der heutigen Südstadt ab.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de

Ein Zeitzeuge schilderte die Situation an Heiligabend so: „Am Heiligabend 1944 gegen 19:30 Uhr sah ich aus südöstlicher Richtung ein in Flammen gehülltes viermotoriges Flugzeug. Einige Soldaten konnten sich noch mit dem Fallschirm retten, bevor der Bomber auf dem Feld aufprallte und sofort explodierte. Das Wrack brannte 10 Stunden lang. Ich war einer der Ersten am Unfallort und half zwei Leichen aus dem brennenden Flugzeug zu bergen. Auf der Schulter der einen Leiche war der Schriftzug „New Zealand“ zu lesen, von der anderen war nur noch die untere Hälfte des Rumpfes übrig.“

Normalerweise wurden alle Wrackteile sofort zu einem Sammelplatz im Erftwerk gebracht, um dort eingeschmolzen zu werden und so neues Aluminium für die Kriegsproduktion zu gewinnen. Das tief im Boden liegende Wrack wurde jedoch trotz seiner Nähe zum Erftwerk nicht abtransportiert, sondern mit mehreren Lkw-Ladungen Erde zugeschüttet. Erst auf Anordnung der britischen Militärregierung wurde das Wrack im August 1946 wieder freigelegt und geborgen.

Unmittelbar nach dem Absturz wurden die verkohlten Überreste von vier Leichen gefunden, die zwei Tage später ohne Särge zusammen in den Gräbern 76 und 77 auf dem Grevenbroicher Friedhof beigesetzt wurden. Bis zu ihrer Exhumierung im Jahr 1949 erinnerten lediglich zwei Kreuze mit der Ausschrift „Unbekannter Engl. Flieger“ an die vier Soldaten, die ihr Leben Heiligabend 1944 in Grevenbroich verloren hatten.

Quelle: Arolsen-Archives, ITS_5.3.5 6.31_101103737

Heute befinden sich Ihre Gräber auf dem britischen Soldatenfriedhof im Reichswald bei Kleve, wo sie mit mehr als 7.650 weiteren Kameraden ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

© Christian Kandzorra
© Christian Kandzorra

Die übrigen Besatzungsmitglieder, welche sich mit dem Fallschirm retten konnten, gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo sie das Kriegsende herbeisehnten.

© Christian Kandzorra

Heute, 79 Jahre später, erleben wieder unzählige Familien auf der ganzen Welt Weihnachten im Krieg, auf der Flucht oder in Gefangenschaft. Wieder sind viele Familien Tausende von Kilometern voneinander entfernt und wieder hoffen sie, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Und wieder wird dieser Wunsch nicht für alle in Erfüllung gehen.

© Christian Kandzorra

Das Netzwerk Kriegstote möchte mit den Schicksalen der vier britischen Soldaten an die Schrecken des Krieges erinnern und deutlich machen, wie wertvoll ein friedliches Weihnachtsfest im Kreise der Familie ist.

© Christian Kandzorra

Stefan Rosellen und Stefan Faßbender für das Netzwerk Kriegstote, 2023

Ein Buch geht um die Welt!

Nun ist es ziemlich genau ein Jahr her, dass unser Buch „Grevenbroich – Der Zweite Weltkrieg in Auszügen auf den Schulchroniken“ erschienen ist. Dies möchten wir, die Autoren, zum Anlass nehmen uns bei allen Geschichtsinteressierten, Lesern und Käufern dieses Buches zu bedanken. Denn bereits nach wenigen Monaten war die Gesamtauflage vergriffen.

Was für ein Erfolg! Es zeigt uns aber auch, wie groß das Interesse war bzw. ist, erstmalig die grausamen Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges anhand tatsächlicher Schicksale von Bürgern und Bürgerinnen unserer Heimatstadt Grevenbroich nachvollziehen zu können.

Besonders gefreut hat es uns, dass es ein Exemplar einmal um die ganze Welt „geschafft“ hat. Uns erreichte folgende Nachricht aus Australien, welche auch exemplarisch für die vielen Rückmeldungen Grevenbroicher BürgerInnen steht.

„Als ehemaliger Grevenbroicher, davor Belmener Mitbürger und als Angehöriger der Nachkriegsgeneration (Jahrgang 1947) habe ich mit großem Interesse die Publikation des Geschichtsvereins über die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges in Grevenbroich und in den Nachbargemeinden und Dörfern gelesen. Meine Hochachtung gebührt den Autoren dieser Dokumentation, Stefan Faßbender und Stefan Rosellen, die akribisch in den Schulchroniken, Dokumenten und Fotoquellen geforscht haben und die reale, brutale Situation detailliert dargestellt und beschrieben haben. Diese Publikation sollte in den regionalen Geschichtsklassen der Oberstufen als direkte und wertvolle Quelle genutzt werden. Besonders beeindruckt war ich von den zahlreichen Auszügen aus der Elfgener Schulchronik, da ich im Nachbardorf Belmen bis 1955 aufgewachsen bin und viele der Orte und Namen noch in Erinnerung habe. Den Autor der Elfgener Chronik, Lehrer Braß, habe ich noch persönlich kennengelernt. Die Tragik und Leiden der Bürger in diesen beiden Nachbardörfern Belmen und Elfgen wurde selten diskutiert, die Kriegsgeneration wollte diese schrecklichen Erfahrungen möglichst schnell vergessen und neu beginnen, was zu diesem Zeitpunkt als beste Lösung erschien. Glücklicherweise gibt es eine jüngere Generation, wie die beiden Autoren, die eine Aufgabe darin sehen, Geschichte aufzuarbeiten und sie vor dem Vergessen zu bewahren. Als menschliche Gesellschaft sind wir alle Teil der Geschichte, sei sie positiv oder negativ. Nicht zuletzt möchte ich dem Geschichtsverein Grevenbroich für die Unterstützung dieser lobenswerten Initiative danken. Dieser Dank kommt aus großer Ferne an meine alte Heimat, etwa 18.000 km südlich von meinen Wurzeln, aus Warners Bay, Neusüdwales, Australien. Martin J. Schläger, 7. August 2023“

Stefan Rosellen u. Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Grevenbroich – das Kriegerdenkmal

© Achim Kühnel – Das Kriegerdenkmal im Jahr 2022

Am 8.9.1907 wurde das Kreis-Kriegerdenkmal in Grevenbroich feierlich eingeweiht. Das Denkmal ist es wert, an dieser Stelle einmal vorgestellt zu werden. Das Monument diente lange Zeit primär der Erinnerung an die Toten der drei unter dem Ministerpräsidenten Otto von Bismarck geführten preußischen Einigungskriege in den Jahren 1864 – 1871: Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 (um die Herzogtümer Schleswig und Holstein), dem Deutschen Krieg 1866 (gegen Österreich) und dem Deutsch-Französischen Krieg entstand 1871 das preußisch dominierte Deutsche Kaiserreich.

Viele Städte erbauten danach Erinnerungsstätten. In Grevenbroich gab es über einen langen Zeitraum von 33 Jahren keinerlei Bestrebungen für ein solches Denkmal. Warum nicht? Das lag zum einen daran, dass aus der Altstadt Grevenbroich selbst kein Kriegsteilnehmer den „Heldentod“ gestorben war, andererseits aber auch daran, dass Grevenbroich im 19. Jahrhundert nur ein kleines Kreisstädtchen war und ein hinreichendes Selbstbewusstsein der Bevölkerung noch nicht genügend ausgeprägt war (zumal der Landrat über viele Jahre hinweg seinen Dienstsitz gar nicht in Grevenbroich, sondern in Wevelinghoven hatte).

Die Planung

Erst im Juni 1904 bat der 1. Vorsitzende des Kreiskriegerverbandes, Joseph Klepper, den Grevenbroicher Landrat Robert Brüning, den Bau eines solchen Denkmals zu unterstützen. Brüning stand der Idee sehr aufgeschlossen gegenüber, so dass schon wenige Tage später ein „Comité für die Errichtung eines Kreiskriegerdenkmals“ gegründet wurde. Ehrenvorsitzender wurde Alfred Fürst Salm-Dyck zu Schloss Dyck, Vorsitzender war Landrat Brüning selbst. Die Bürgermeister der Kreisorte wurden eingeladen, diesem Komitee beizutreten.

Optimistisch wurde als Tag der Denkmals-Einweihung der 27.2.1906 festgelegt; dies war das Datum der Silberhochzeit von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin Auguste Viktoria. In der Grevenbroicher Zeitung wurde ein Spendenaufruf zur Sammlung von Geldern für das Denkmal gestartet. Insgesamt kamen über 8.000 Mark zusammen. Aufgrund dieser erfolgreichen Sammlung beschloss der Kreistag im März 1905, diese Summe großzügig auf 30.000 Mark aufzustocken. 

Im Juli 1905 wurde nach einer Ortsbegehung der neu gebildeten fünfköpfigen Jury um den Düsseldorfer Maler Alfred Graf Brühl und den renommierten Bildhauer Professor Karl Jansen von der Kunstakademie Düsseldorf der leere „Platz am Dreieck“ vor dem damaligen Hotel Borrenkort ausgewählt (an der Stelle dieses Hotels steht heute das ehemalige Finanzamt), „wegen seiner günstigen Lichtverhältnisse, der Zugänglichkeit an allen Seiten, der Größe und der außerordentlich günstig aus der Stadt auf ihn zuführenden Hauptstraße“. Der Platz ist deswegen auch heute noch markant, weil hier drei Straßen aufeinanderstoßen: Die Bahnstraße, die Rheydter Straße und die Erckensstraße.

Schon zu dem Zeitpunkt der Standortwahl war klar, dass der ursprünglich geplante Fertigstellungstermin Februar 1906 nicht gehalten werden konnte. Erst musste noch ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben werden mit Auslobung von vier Preisen zu jeweils 500 Mark; Interessenten wurden aufgefordert, bis zum 31.3.1906 ihre Entwürfe zu präsentieren. Insgesamt beteiligten sich 41 Künstler an diesem Wettbewerb. Anfang April wurden die Entwürfe zwei Tage lang der Öffentlichkeit in der Turnhalle des Progymnasiums (heute Erasmus-Gymnasium) vorgestellt.

Auftragsvergabe und Einweihung

Am 9. April 1906 entschied sich die Jury für den Entwurf „Helden“ des erst 32 Jahre alten Künstlers Joseph Hammerschmidt aus Düsseldorf-Oberkassel, der an der Kunstakademie unter Professor Karl Jansen studiert hatte, eben jenes Mannes, der auch Mitglied in der Jury zur Auswahl des Denkmals war. Joseph Hammerschmidt war damals schon ein namhafter Künstler, er schuf 1909 auch das Neusser Theodor-Schwann-Denkmal an der „Alten Post“.

Der ausgewählte Entwurf passte so gar nicht in die damalige Zeit des vorherrschenden Nationalismus mit seinem „Hurra-Patriotismus“: Es ist sozusagen vollkommen aus der Zeit gefallen und zeigt auf einer ein- bzw. zweistufigen Granit-Plattform zwar eine Bekrönung in Form eines Bronzeadlers, der mit ausgebreiteten Schwingen die Kriegsbeute bewacht, seitlich auf der Plattform steht jedoch ein alter Veteran (auch aus Bronze), der sich – müde und von Gram gezeichnet auf seinen Gehstock stützend – zum Gruß der Gefallenen herunter beugt und einen Lorbeerkranz niederlegt.

Das Denkmal kostete 29.532,32 Reichsmark. Auf der ausladenden Pfeilerbasis aus Granit steht die Inschrift „Unsern gefallenen Kameraden“. Auf der linken, rechten und der Rückseite des Denkmals sind unter der Inschrift „Es starben den Heldentod für König und Vaterland“ auf Tafeln die Namen der 62 Gefallenen der Einigungskriege verzeichnet.

Die Einweihung fand am Sonntag, dem 8. September 1907, statt, dem Sonntag nach dem „Sedantag“ (2. September), der in dieser Zeit an die Kapitulation der französischen Armee 1870 erinnerte. Die Veteranenfigur wurde im Volksmund „dä alde Blank“ genannt, weil er angeblich dem Metzger und Wirt Konrad Blank (1824 – 1906) ähnlich sehen würde. Er hatte am Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen, und wusste davon oft in seiner Gaststätte an der Bahnstraße zu erzählen.

© StA Grevenbroich – Das Kriegerdenkmal im Jahr 1907

Das Denkmal im Stadtbild

In der Zeit von 1907 bis 1914 erntete das Denkmal dann auch häufig Kritik, weil es eben nicht die Freude an Kampfes- und Siegestaten und stolze Glorie ausdrückte, sondern Mitleid(en) und Empathie.

Später wurden – als Zugeständnis an den Zeitgeist – rechts und links neben dem Denkmal zwei Kanonen aufgestellt, die aber nach dem 1. Weltkrieg sehr schnell wieder verschwanden.

Überhaupt verstummte nach dem verlorenen 1. Weltkrieg die Kritik; den besonderen Wert und die Aussagekraft des Denkmals erkannte schon der Gymnasialprofessor und Autor des Grevenbroicher Heimatbuches Anton Zumbusch im Jahr 1925, als er schrieb, dass die Bewohner des Kreisstädtchens durch ihr Denkmal zeigten, „wes Geistes Kind“ sie seien, denn aus ihm spreche kein „Hurra-Patriotismus, sondern nur echtes menschliches Fühlen.“

Im 2. Weltkrieg wurde das Denkmal stark beschädigt; die „Wunden“ im Fundament und in den Pfeilern kann man auch heute noch sehen (insbesondere an der Rückseite).

© Sammlung Dr. Friedrich Schmitz – Das Kriegerdenkmal im Jahr 1945

Seit 1984 steht das Kriegerdenkmal unter Denkmalschutz. Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3.10.1990, wurde der Platz in „Platz der Deutschen Einheit“ umbenannt; er hieß früher „Siegesplatz“. 1990 wurde auch das Denkmal um eine Bodenplatte ergänzt: In Inschriften wird nun auch an die Opfer der Weltkriege, an die Ermordeten während der NS-Gewaltherrschaft und an das Leid der Kriegsvertriebenen erinnert.

Achim Kühnel für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Die Nottaufe

Jeder, der sich schon einmal auf die Suche nach Spuren seiner Vorfahren gemacht hat, wird irgendwann in alte Kirchenbücher schauen, um seine Ahnenreihe zu vervollständigen. Gelegentlich wird er dabei auch auf Randvermerke, wie z. B. „Nottaufe“ oder „Nottaufe durch Hebamme“ stoßen.

KB Kapellen – Sterbeeintrag vom 30.04.1838 mit dem Vermerk der Nottaufe durch die Hebamme
KB Frimmersdorf – Taufeintrag vom 3.12.1796 mit dem Vermerk der Nottaufe durch die Hebamme
KB Gustorf – Taufeintrag vom Oktober 1917 mit dem Vermerk der Nottaufe durch die Hebamme
KB Bedburdyck – Taufeintrag vom 13.02.1754 mit einer weiteren Anmerkung

Verkürzte Transkription: „[…] in großer Todesgefahr im Haus der Hebamme Clara Wintzen getauft, am 14. des Monats Februar zur Kirche gebracht, wo ich selbst das heilige Sakrament und Gebete angewendet habe […]“

Was haben diese Randvermerke nun zu bedeuten? Die Nottaufe oder auch „Taufe in der Not“ genannt, ist in vielen Religionen und Konfessionen erlaubt. Normalerweise dürfen Taufen nur von einem Geistlichen vorgenommen werden. Besteht jedoch Lebensgefahr für einen Täufling, dürfen diese Nottaufen auch von einem Laien vorgenommen werden. Zwar unterscheiden sich die Regelungen zur Nottaufe in den verschiedenen Konfessionen, aber grundsätzlich ist sie durchzuführen, wenn ein Geistlicher nicht mehr rechtzeitig herbeigeholt werden kann.

Die EKD schreibt hierzu: „Wenn ein Ungetaufter sehr krank ist und zu sterben droht, wird eine Nottaufe vorgenommen. Die Taufe kann jeder Christ und jede Christin ausführen.“ Die katholische Kirche geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie ausführt: „Diese Taufe kann von jedem Katholiken und sogar von jedem Menschen guten Willens, immer, überall und ohne Einschränkung gespendet werden.“

Seit Jahrhunderten übernehmen die Hebammen die Aufgaben eines Taufspenders, wenn Kinder bei der Geburt bereits in Lebensgefahr schweben und kein Geistlicher rechtzeitig hinzugerufen werden kann.

Da es sich bei einer Taufe um ein Sakrament handelt, sind die wesentlichen Bestandteile (Taufformel und Wasser) zu berücksichtigen. Während der Taufe soll dreimal etwas Wasser über die Stirn des Täuflings gegossen werden und dabei die Formel „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ gesprochen werden. Da diese Taufen seit Jahrhunderten als gültig anerkannt werden, werden sie auch in den Kirchenbüchern erfasst. Oft wurden Nottaufen auch nur im Sterberegister der jeweiligen Kirche vermerkt, wenn der Täufling tatsächlich während der Geburt oder noch im Mutterleib verstarb.

Wie war aber nun zu verfahren, wenn das ungeborene Kind für die taufenden Hände der Hebamme noch nicht sicher erreichbar war? Hierzu entdeckte der Autor im Deutschen Hygiene Museum in Dresden eine sogenannte Taufspritze, die ihm und auch vielen anderen Ahnenforschern bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannt war.

Foto: Stefan Faßbender – © Deutsches Hygiene Museum Dresden
Foto: Stefan Faßbender – © Deutsches Hygiene Museum Dresden

Bereits das Reformkonzil im Jahr 1310 in Trier schrieb den Hebammen vor, dem sterbenden Kind Wasser über den Kopf zu gießen und somit eine Nottaufe vorzunehmen. Die erstmalige Erwähnung einer Taufspritze lässt sich bereits im Jahr 1480 in Brixen/Südtirol finden. Zur Taufe war zwar kein geweihtes Wasser notwendig, allerdings sollte es zumindest von reiner Güte sein. Inwieweit sauberes Wasser zu dieser Zeit überhaupt verfügbar war, lässt sich heute nur noch erahnen. Des Weiteren stellt sich hier die Frage, wie viele Mütter, die eine Nottaufe im Mutterleib über sich ergehen lassen mussten, anschließend wegen nur bedingt sauberen Wassers an möglichen Infektionen starben.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Mord und Selbstmord auf Schloss Dyck

Adjutant des Fürsten erschießt dessen Stieftochter und sich selbst

Was nach einer Schlagzeile eines Boulevardblattes klingt, fand tatsächlich im Jahr 1820 statt. Wie kam es dazu? Werfen wir dazu einen Blick auf die Situation im Schloss Dyck in jenem Jahr.

© Stefan Rosellen

Wir befinden uns einige Jahre nach Ende der Franzosenzeit. Als Franzosenzeit wird die Epoche der französischen Herrschaft über große Teile Europas zwischen 1792 und 1815 bezeichnet.[1] Auf Dyck herrscht Joseph Graf von Salm-Reifferscheidt-Dyck.

Der berühmte Botaniker Graf Joseph, später Fürst Joseph, der unter anderem den Park von Schloss Dyck und die Kastanienallee hatte anlegen lassen, hatte sich während der Franzosenzeit von seiner ersten Frau in deren Abwesenheit auf dem Standesamt in Bedburdyck scheiden lassen.

Seine Ehe mit Marie Therese Gräfin zu Hatzfeld (1776 – 1838) wurde 1801 nach 10-jähriger Ehe geschieden. Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden aus der Verbindung hervorgegangenen Kinder bereits verstorben.[2]

1803 heiratet er die 1767 im französischen Nantes geborene französische Dichterin und Schriftstellerin Constance Marie de Théis.[3] Auch sie war zum zweiten Mal verheiratet. In ihrer zweiten Ehe mit Graf Joseph nannte sie sich ab 1803 Gräfin, ab 1816 Konstanze Fürstin zu Salm-Reifferscheidt-Dyck.[4] Das Paar verbrachte die Wintermonate für die kommenden 20 Jahre in Paris.[5]

Portrait von Constance Pipelet (1797), Gemälde von Jean-Baptiste François Desoria[6]

In die Ehe mit Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck brachte Constance de Théis ihre Tochter, Agathe Clémence Pipelet (1790 – 1820) – genannt “Minette” – mit, die aus ihrer ersten Ehe mit dem Chirurgen Jean-Baptiste Pipelet stammte. Der Kontakt zu Minettes leiblichem Vater war nach der Scheidung der Eltern im Jahr 1800 wohl auf Initiative Constances, die einen negativen Einfluss des Vaters befürchtete, abgebrochen worden, sodass Minette im Rheinland in der Person des Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck womöglich eine Art Vaterfigur fand. Das junge Mädchen lernte auf Schloss Dyck Deutsch und empfand die Gegend schon bald als ihre Heimat. Im Jahre 1813 heiratete sie den 1766 geborenen französischen Offizier Louis-Bernard de Francq, “Baron d’Empire” ab 1810. Das Paar wohnte nach der Hochzeit in Paris und auf dem Lande unweit der französischen Hauptstadt. Die Ehe brachte drei Söhne hervor: Constant, Alexandre und Félix.

Minettes Ehemann verstarb jedoch schon im Jahr 1819, vermutlich an Tuberkulose. Die junge Witwe zog daraufhin zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater nach Dyck zurück. Es ist zu vermuten, dass sie dort den jungen Leutnant Althoff, seinerzeit Adjutant Fürst Josephs als Kommandeur des lokalen Landwehrbataillons, kennenlernte, der für sie schon bald „unangemessene“ Gefühle empfand.

Für Fürst Joseph war ein fähiger Adjutant, der stets eine Schlüsselstellung zwischen ihm und den Subalternoffizieren seiner Einheit einnahm, sehr wichtig. Der Adjutant hatte seinen Bataillonschef bei der aufwendigen und zeitraubenden Verwaltung zu entlasten. Ganze Stapel von Stärkemeldungen, Übungs- und Appellberichten, Personal- und Bestandslisten, Abrechnungen und Manöverplänen mussten zumeist vom jeweiligen Adjutanten angefertigt oder vorbereitet werden. Mit Leutnant Althoff, dem Sohn des Krefelder Bürgermeisters[7] Johann Karl Timotheus Althoff (geb. um 1745 in Bielefeld, gest. 1807; 1766 – 1794 Erster Bürgermeister in Krefeld)[8] und seiner Frau Margarethe Bruckhaus, verfügte Fürst Joseph zunächst über eine gerade in den Anfangsjahren seiner Landwehrzeit wichtige Hilfskraft.[9]

Der Name des jungen Leutnants konnte bislang nicht herausgefunden werden. Als Söhne der Eheleute Althoff sind bekannt Johann Friedrich Gerhard (*1790, +um 1790/1), Johann Friedrich Gerhard (*1791), Jacob Heinrich (*1793), Carl August (*1795) und Franz Wilhelm (*1797).[10] Welcher Sohn nun der besagte Leutnant war, ließ sich bislang nicht klären.

Den zeitgenössischen Quellen zufolge muss es sich bei Althoff aber auch um einen psychisch schwer gestörten Menschen gehandelt haben: Am 11. Juni 1820 warnte Landwehr-Major Peter Georg von Prondsinski, der zeitweilige Vorgesetzte Althoffs, den Fürsten vor dem “Wahnsinn” des “räthselhaft(en)” jungen Mannes, von dem ein “Excess” zu befürchten sei.

Drei Tage nach Prondsinskis besorgtem Schreiben trat die befürchtete Katastrophe ein: Am 14. Juni 1820 zog Althoff bei seinem Abschiedsbesuch auf Schloss Dyck plötzlich seine Pistolen aus der Tasche, um erst Minette und dann sich selbst zu töten. Die Katastrophe erschütterte das ganze Haus zutiefst und erregte zugleich öffentliches Aufsehen. Berichte und Zeitungsartikel lieferten ganz unterschiedliche Schilderungen der Tat, die teilweise sogar als doppelter Selbstmord interpretiert wurde, der von den beiden Liebenden als letzter verzweifelter Ausweg aus einer nicht standesgemäßen Liaison – die Constance de Salm verhindern wolle – gesehen worden sei. Darüber hinaus veröffentlichte der Kurator der Gräfin von Hatzfeld, der ersten Frau Josephs zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, ein gewisser Karl Bouton, einen Artikel. In diesem behauptete er, Minette komme getreu den Lehren der katholischen Kirche die ehrenvolle Bezeichnung einer Tochter der Fürstin zu Salm gar nicht zu, da Maria Theresia von Hatzfeld immer noch die rechtmäßige Fürstin sei. Die nach französischem Recht vorgenommene Scheidung war nach Boutons Argumentation ebenso wenig gültig wie die Zivilehe zwischen Joseph und Constance.

Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck, 1854 gemalt von Julius Roeting[11]

Constance de Salm stürzte infolge der Ereignisse in eine tiefe Depression. Ihr Gatte war ihr in dieser schweren Zeit ein starker und umsichtiger Partner, der den Kontakt mit ihren Briefpartnern aufrechterhielt, solange Constance nicht in der Lage war, selber zu schreiben und ihre Gedanken zu ordnen. Auch kümmerte er sich um die drei Kinder der Minette, nun Vollwaisen, die er von nun an gemeinsam mit Constance erzog. Die Kinder nannten ihn “cher papa” = „lieber Papa“. Die Familie setzte sich erfolgreich gegen Bouton zur Wehr: Am 29. Juli 1820 wurde auf ihren Wunsch eine Gegendarstellung in der “Gazette officielle” veröffentlicht. Nach einem Prozess, in dem ihm Verleumdung vorgeworfen wurde, wurde Bouton im Juli 1821 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.[12] Auch der Bedburdycker Bürgermeister [Johann Heinrich[13]] Sartorius ließ zusammen mit dem Friedensrichter im Kanton Elsen[14], [Ferdinand Joseph von[15]] Klein, ein Schreiben zu dem tragischen Vorfall veröffentlichen.[16] Constance de Salm trug sich offenbar mit Plänen, einen eigenen “wahren Bericht” über die Ereignisse auf Dyck in [Charles Louis] Lesurs “Annuaire historique universel” zu verfassen. Im Mai 1821 nahm sie allerdings von diesem Vorhaben Abstand, das die furchtbaren Umstände der Tat nur erneut in Erinnerung gerufen hätten. Letztlich druckte Lesur lediglich eine kurze Notiz über den Vorfall ab, in der die Namen der handelnden Personen anonym blieben. Obwohl Constance de Salm stets beteuert hatte, dass in den ihr vorliegenden Briefen und Tagebüchern Minettes kein Hinweis auf eine Liebesbeziehung zu Leutnant Althoff zu finden sei, wurde noch in der jüngeren Literatur die Theorie eines doppelten Selbstmords vertreten.

Ein Quellenfund aus dem Frühjahr 2013 scheint in diesem Fall nun endlich Klarheit zu schaffen und Constance de Salms Darstellung zu bestätigen. In einem Pariser Antiquariat wurden neben hunderten von bisher unbekannten Briefen Constances auch zahlreiche weitere Dokumente aus dem Familienkreis entdeckt, darunter Briefe und Tagebucheintragungen Minettes aus den Jahren 1819/20, die deren Abneigung gegen Althoff deutlich zum Ausdruck bringen. Diesen Zeugnissen zufolge hatte die junge Witwe den ebenfalls noch jungen Leutnant Althoff auf Schloss Dyck kennengelernt. Althoff war offenbar recht bald davon überzeugt, dass Minette eindeutige Gefühle für ihn hege. Er versuchte sie nicht zuletzt mit allerlei Drohungen zur Einwilligung in eine Eheschließung mit ihm zu zwingen. Sie allerdings blieb ihm gegenüber auf Distanz, wie aus einem an ihn gerichteten Brief vom Dezember 1819 hervorgeht. Aus der gleichen Akte (Tagebucheinträge) geht außerdem hervor, dass Minette ihre Mutter und ihren Stiefvater über den Vorfall nicht informierte, um sie einerseits nicht zu beunruhigen, und andererseits Althoff nicht in Schwierigkeiten zu bringen, da sie dachte, sie könne die Lage alleine meistern. Diese irrtümliche Annahme wurde ihr zum Verhängnis.[17]

Schloss Dyck – zeitgenössische Darstellung (zwischen 1857 und 1883) [18]

Der weitere Verlauf ist bekannt: Als Althoff sich bei ihr für ein “letztes klärendes Gespräch und adieu” am 14. Juni 1820 auf Schloss Dyck einstellte, erschoss er die junge Frau unweit von ihren Kindern. Zwei Tage nach der Tat wurde Minette in der Familiengruft der Salm-Reifferscheidt-Dyck[19] im Nikolauskloster beigesetzt.[20]

Der Adjutant Althoff fand seine Ruhestätte in Gierath. Im katholischen Kirchenbuch von Bedburdyck findet sich hierzu der Eintrag „sicarius jacet in caemeterio parochia Gierath, religionis acit confessionis calviniensis erat“ „Der Mörder liegt auf dem Friedhof der Pfarrei Gierath, er war calvinistischer Konfession“. Im Kirchenbuch der evangelischen Kirchengemeinde Jüchen ist seine Bestattung nicht eingetragen.[21]

Sterbeeintrag von Baronin Clementina geb. Pipelet im Kirchenbuch von Bedburdyck[22]

Die Söhne der Minette betrachtete Fürst Joseph als seine Kinder. Von diesen starb Constant Maria am 9. März 1835 in Aachen. Alexander wurde Oberst eines französischen Kavallerieregimentes in Algier. [23] In Algerien soll er am 21. März 1865 in Miliana in der Provinz Ain Defla gestorben sein.[24] Sein Bruder Felix Adolf trat 1838 bei der Nationalgarde zu Pferde ein, starb 1861 in Pau im Südwesten Frankreichs.[25]

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Franzosenzeit (13.8.2023, 19.22 Uhr)

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck (13.8.2023, 19.29 Uhr)

[3] Gudrun Gersmann, Von der Bergung und Bewahrung eines kulturhistorischen Schatzes, Die Korrespondenz der Constance de Salm, in: Bibliotheken: Innovation aus Tradition, Berlin 2014, S. 631-640.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Constance_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck (28.4.2023, 20.04 Uhr)

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck (13.8.2023, 19.29 Uhr)

[6] https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean_Baptiste_Fran%C3%A7ois_D%C3%A9soria_-_Portrait_of_Constance_Pipelet_-_1939.533_-_Art_Institute_of_Chicago.jpg (10.7.2023, 16.17 Uhr)

[7] Florian Schönfuß, Offizier der preußischen Landwehr, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: mapublishing, 2014, Seitentitel: Landwehr; auf: https://mapublishing-focus.uni-koeln.de/netzbiographie/preussische-zeit/landwehr (27.8.2023, 00.38 Uhr)

[8] http://genderi.org/album-studiosorum-duisburg.html?page=33 (31.8.2023, 20.40 Uhr)

[9] Florian Schönfuß, Offizier der preußischen Landwehr, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: mapublishing, 2014, Seitentitel: Landwehr; auf: https://mapublishing-focus.uni-koeln.de/netzbiographie/preussische-zeit/landwehr (27.8.2023, 00.38 Uhr)

[10] http://www.leoaretz.de/, Personenstandsreader (31.8.2023, 20.54 Uhr)

[11] Rechte: Familie von Wolff Metternich zur Gracht, auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck#/media/Datei:Julius_Amatus_Roeting_-_Portr%C3%A4t_des_F%C3%BCrsten_und_Altgrafen_Joseph_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck.jpg (16.7.2023, 19.57 Uhr)

[12] Florence de Peyronnet-Dryden, Ein Todesfall, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: mapublishing, 2014, Seitentitel: Minette (Datum des letzten Besuchs). https://mapublishing-focus.uni-koeln.de/netzbiographie/preussische-zeit/minette (Abruf 10.7.2023, 19.23 Uhr)

[13] Genius

[14] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/6245156 (27.8.2023, 00.43 Uhr)

[15] https://www.archivportal-d.de/item/653QZBLSFJKUDNTO4V4CBDOGAWKGXDR6 (31.8.2023, 22.04 Uhr)

[16] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/6245156 (27.8.2023, 00.43 Uhr)

[17] Florence de Peyronnet-Dryden, Ein Todesfall, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: mapublishing, 2014, Seitentitel: Minette (Datum des letzten Besuchs). https://mapublishing-focus.uni-koeln.de/netzbiographie/preussische-zeit/minette (Abruf 10.7.2023, 19.23 Uhr)

[18] Schloss Dyck – Lithographie aus Alexander Duncker: Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie nebst den Königlichen Familien-, Haus-Fideikomiss- und Schatullgütern in naturgetreuen, künstlerisch ausgeführten, farbigen Darstellungen nebst begleitendem Text. Berlin: Duncker 1857-1883, auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_zu_Salm-Reifferscheidt-Dyck#/media/Datei:Schloss_dyck_duncker.JPG (16.7.2023, 20.02 Uhr)

[19] Florence de Peyronnet-Dryden, Ein Todesfall, aus: Martin Otto Braun, Elisabeth Schläwe, Florian Schönfuß (Hg.), Netzbiographie – Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861), in: mapublishing, 2014, Seitentitel: Minette (Datum des letzten Besuchs). https://mapublishing-focus.uni-koeln.de/netzbiographie/preussische-zeit/minette (Abruf 10.7.2023, 19.23 Uhr)

[20] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 199

[21] Mailauskunft des Evangelischen Gemeindeamtes Jüchen vom 31.8.2023

[22] Pfarrei Bedburdyck, Kirchenbuch

[23] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 198f.

[24] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/11749768/person/240010815266/facts (17.7.2023, 18.35 Uhr)

[25] Bremer, Die reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 198f.

1923 – Als 1 Milliarde Mark noch nicht einmal für ein Brot reichte

© Privatsammlung – Notgeld-Gutschein des Landkreis Grevenbroich vom 5. Oktober 1923

Vor genau 100 Jahren, am 19. November 1923, kostete ein Brot 233 Milliarden Mark, für ein Kilogramm Rindfleisch mussten 4,8 Billionen Mark bezahlt werden. Das Porto für einen Brief war gerade erst von 10 Milliarden auf 20 Milliarden Mark erhöht worden. Die Löhne wurden täglich ausgezahlt: Die Frauen standen dann immer jeden Tag am Werkstor und holten sich die Lohntüten ihrer Ehemänner ab, um damit sofort loszulaufen, um einzukaufen – wenn es denn etwas gab: Denn viele Waren wurden zurückgehalten, weil das Geld, das jeden Tag immens wertloser wurde, gar nicht mehr akzeptiert wurde. Der Schwarzmarkt blühte, und häufig konnte sich man sich häufig nur dann noch seinen Hunger stillen, wenn man Sachwerte hatte, die man verkaufen konnte.

Wie war es dazu gekommen? Das Deutsche Reich hatte 1918 den 1. Weltkrieg verloren und die Kosten des Krieges waren überwiegend auf Pump finanziert worden, auch weil insgesamt 9 Kriegsanleihen mit einem Volumen von fast 100 Milliarden Mark nicht mehr vollständig von der Bevölkerung gekauft worden waren, und so die Reichsbank über das Drucken von neuem Geld einspringen musste. Man hatte eigentlich bei Beginn des Krieges 1914 mit einer nur kurzen Dauer gerechnet, aber das Kriegsleid zog sich über 4 lange Jahre hin. Anschließend mussten den Soldatenwitwen Renten gezahlt werden und insbesondere die hohen Reparationsleistungen an das Ausland verschlangen Unsummen von Geld, das man sich auch wieder über die Notenpresse holte. So wuchs in den vier Jahren 1919 bis 1923 die Geldmenge immer weiter an und alles wurde teurer.

© Privatsammlung – Notgeld-Gutschein der Maschinenfabrik Grevenbroich vom 8. September 1922

Da war die Welt fast noch „in Ordnung“: Notgeld-Gutschein über 1.000 Reichsmark im September 1922. Die Rückseite zeigt als Werbung für die Firma das gesamte Werksareal mit der damaligen Bebauung auf der Lindenstraße. Hergestellt bei der Grevenbroicher Druckerei Bochum. Der Schein sollte einige Wochen später gegen Reichsbank-Noten in Grevenbroich beim Schaafhausen’schen Bankverein umgetauscht werden. Die Ausgabe dieses Notgeldes war schon zu dieser Zeit nötig, weil Geldscheine fehlten, denn die Arbeiter in den Druckereien hatten im Sommer 1922 die günstige Gelegenheit genutzt, um für höhere Löhne zu streiken.

© Privatsammlung – Notgeld-Gutschein der Maschinenfabrik Grevenbroich vom 8. September 1922

Anfang 1923 kam die Regierung mit den Reparationsleistungen in Rückstand, was die alliierten Siegermächte sofort mit einer Besetzung des Ruhrgebietes beantworteten. Die Regierung rief daraufhin zum „passiven Widerstand“ auf, dem friedlichen Niederlegen der Arbeit. Aber die Löhne mussten ja weitergezahlt werden, wieder wurden neue Geldscheine gedruckt, mit immer höheren Werten.

Und obwohl dann im Sommer 1923 über 100 Druckereien nur damit beschäftigt waren, neues Geld zu drucken, ganze Güterzüge mit Geldscheinen quer durch Deutschland rollten, und die Summen auf den Geldscheinen immer höher wurden, reichte das Geld dann bei den Firmen nicht mehr aus, um die Löhne zu bezahlen. Und so druckten viele Städte und Firmen ihr eigenes Geld in Form von Notgeld-Gutscheinen, die – so hoffte man – nach einigen Wochen wieder in „richtiges Geld“, nämlich Reichsmarknoten, umgetauscht werden sollten.

Zum Beispiel druckte auch das Erftwerk Grevenbroich im August 1923 Notgeldscheine im Nominalwert zwischen 500.000 Mark und fünf Millionen Mark. Auch die Firma Pfeiffer und Langen konnte sich nicht anders behelfen. Kleingeld gab es schon lange nicht mehr: Gold- und Silbermünzen waren gleich nach Kriegsbeginn in den Schubladen der Bürger verschwunden, und Kupfer und Nickel waren auch während des Krieges zur Produktion von Waffen und Munition eingeschmolzen worden. Aber noch nicht einmal das hatte ausgereicht, und so mussten im Krieg viele Kirchen ihre Kirchenglocken an den Staat abgeben, der aus den Glocken dann auch wieder Rüstungsgüter machte. Schlussendlich ging man ab Sommer 1923 mit großen Taschen voller Geldscheine einkaufen, die fast stündlich an Wert verloren. Konnte man morgens noch mit einer Geldsumme ein Brot kaufen, bekam man am Nachmittag dafür noch nicht einmal mehr ein Brötchen.

© Privatsammlung – Notgeld-Gutschein des Erftwerk Grevenbroich über 2 Millionen Mark vom 23. August 1923

Die Not in der Bevölkerung wuchs, es kam zu Unruhen mit Toten und zu Plünderungen; auch in Noithausen plünderten rund 1.000 Arbeiter insgesamt 10 Morgen Weizen. Dieser Aufruhr konnte nur dadurch friedlich beendet werden, weil die Bauern versprachen, den Arbeitern aus ihrer Ernte den Hunger zu stillen. Auch die Selbstmordrate stieg an, weil zum Beispiel viele Leute sich für ihr Alter Ersparnisse zugelegt hatten, aus denen sie dann ihren Lebensunterhalt bestreiten wollten, was nun nicht mehr möglich war, weil das Geld wertlos geworden war.

Immer rasanter lief die Geldentwertung ab: Aus Millionen wurden Milliarden und aus Milliarden wurden binnen weniger Wochen Billionen. Ende Oktober musste schließlich von den Landkreisen Krefeld, Gladbach, Grevenbroich, Kempen und Neuss ein Notgeld-Gutschein mit der fast unvorstellbaren Summe von 20 Billionen Mark gedruckt werden. Die Nullen auf den Geldscheinen waren da längst von den Geldscheinen verschwunden, es wären zu viele gewesen.

© Privatsammlung – Notgeld-Gutschein über 10 Billionen Reichsmark vom 1. November 1923

Am 20. November 1923 war schließlich der Spuk vorbei: Aus 1 Billion Reichsmark wurde eine Rentenmark, der man wieder Vertrauen entgegenbrachte. 12 Nullen auf den Geldscheinen wurden gestrichen. Alle Sparer hatten ihr Vermögen verloren, und der Staat war auf diese Weise schuldenfrei geworden. Die ganzen Kriegsanleihen aus dem 1. Weltkrieg von rd. 100 Milliarden Reichsmark waren jetzt gerade noch 10 Pfennige wert.

Auch heute noch haben wir Angst vor der Inflation, die sich aktuell wieder in unseren Geldbörsen bemerkbar macht, aber nicht in dem Ausmaß der Hyperinflation von damals: Aber diese Angst ist jetzt eben schon 100 Jahre alt.  

Achim Kühnel für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

(Längst vergessene) „Bahnübergänge“ in Grevenbroich – Teil 3

Im dritten Teil meiner Recherche zu Bahnübergängen in Grevenbroich möchte ich noch über einen längst verschwundenen „Bahnübergang“ einer weiteren Werksbahn in Grevenbroich berichten. Abweichend von den bisherigen Darstellungen enthält dieser Teil auch einen noch vorhandenen Bahnübergang in Gustorf, da rund um diesen einige Besonderheiten entdeckt wurden. Abschließen möchte ich diese Beitragsreihe mit den Werksbahnen des RWE Frimmersdorf und Neurath, ohne auf die vermutlich unendliche Anzahl von „Bahnübergängen“ dieser Bahn einzugehen.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Werksbahn Metallhütte Kayser/Grönland Elsen – Am Hammerwerk:

Von den oben in türkiser Farbe dargestellten Werksbahnen der Metallhütte C.W. Kayser und der Konservenfabrik Grönland sind heute keine Spuren mehr auf dem Gelände zu finden. Im Zuge der gewaltigen Umgestaltung des „Grönlandgeländes“ sowie des Gebietes „Am Hammerwerk“ sind meines Wissens alle Anlagen beseitigt worden. Daher können nur noch historische Aufnahmen von diesen Werksbahnanlagen berichten. Diese geben aber bei genauer Betrachtung sehr viele kleine Details und Informationen wieder.

Beginnen möchte ich mit einem Bild der Metallhütte C.W. Kayser. Bei der Vergrößerung der Luftaufnahme konnte ich insgesamt fünf Gleise entdecken, die über die Straße führten. Die beiden rechten Gleise kommen aus der Konservenfabrik Grönland, die auf diesem Bild nicht zu sehen ist. Die übrigen Gleise kommen aus den Werkshallen der Metallhütte (heute Fliesen Max) und enden nach der Überquerung der Straße. Ich vermute, dass diese bereits zu dem Zeitpunkt durch die Neugestaltung des gesamten Gebietes beseitigt waren, denn die Trassen der Gleise sind noch gut zu erkennen. Hier gab es weder Schranken noch eine Signalanlage, wenn die Züge die Straße überquerten. Lediglich ein Andreaskreuz (kurz vor dem letzten linken Gleis) machte auf möglichen Schienenverkehr aufmerksam.

© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – „Bahnübergang“ Am Hammerwerk um 1960

Auf den beiden nachfolgenden Bildern ist die Werksbahn der Konservenfabrik Grönland wunderbar aus verschiedenen Perspektiven um 1960 zu sehen. Auf dem ersten Bild sind die Gleise zu erkennen, die neben der Metallhütte C.W. Kayser die Straße Am Hammerwerk überquerten und dann bis zum Güterbahnhof auf der Rheydter Straße bzw. Merkatorstraße verliefen. Auf beiden Bildern sind die Rheydter Straße sowie die Königsstraße gut zu sehen. Sie dienen als Anhaltspunkt, um zu erkennen, wo sich das Fabrikgelände damals befand, denn das Gelände hat sich auch dort in den letzten Jahrzehnten radikal verändert. Dies ist besonders auf den weiteren Bildern zu erkennen, in denen ich die Gleisstrecken auf einer historischen und einer aktuellen Karte eingezeichnet habe.

© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – Werksbahn Konservenfabrik Grönland um 1960
© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftbild) – Werksbahn Konservenfabrik Grönland um 1960

Auf den nachfolgenden Abbildungen aus drei unterschiedlichen Jahrzehnten wird dieses Gebiet nochmals dargestellt, um zu zeigen, wie sehr sich das Umfeld dort innerhalb der letzten 80 Jahren verändert hat.

© Stefan Faßbender – Metallhütte/Grönland nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Metallhütte/Grönland nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Metallhütte/Grönland nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de
  1. Bahnübergang Provinzstraße in Gustorf:

Nachfolgend möchte ich noch einen Bahnübergang aus Gustorf zeigen, auch wenn er heute noch vorhanden ist. Aber ein Foto, welches mir von Heinz Mindt freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, enthält neben dem Bahnübergang auch noch einige andere längst in Vergessenheit geratene Details. Direkt am Bahnübergang ist die ehemalige Firma Lüngen (Gießereiprodukte) zu erkennen, die seit den 1920er Jahren zur Herstellung ihrer Produkte Quarzsand direkt von der Welchenberger Sandgrube mit einer Drahtseilbahn bekam. Im Hintergrund ist das RWE Frimmersdorf zu erkennen. Damals noch ohne die in den Jahren 1986 bis 1988 erbaute Rauchgasentschwefelungsanlage, die in einem aktuellen Bild von mir deutlich zu erkennen ist. Da der Bahnhof Gustorf auch als Güterbahnhof genutzt wurde, ist auf dem ersten historischen Bild auch noch ein breiter Streifen zu erkennen, auf welchem eventuell LKWs parken konnten, um Ware zu laden bzw. zu entladen.

© Heinz Mindt – Bahnübergang Provinzstraße in Gustorf um 1980
© Stefan Faßbender – Bahnübergang Provinzstraße in Gustorf im August 2023

Die beiden nachstehenden Luftaufnahmen zeigen den Bahnübergang aus verschiedenen Perspektiven. Auf der zweiten Aufnahme erkennt man sehr gut, wie nah der Tagebau in der Vergangenheit schon an Gustorf rückte.

© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftaufnahme) – Bahnübergang Provinzstraße um 1960
© StA Grevenbroich (Ausschnitt Luftaufnahme) – Bahnübergang Provinzstraße um 1960

Bekanntlich liegt dieser Bahnübergang an der Strecke Neuss – Düren (rote Strichlinie). Dies ist schon mehr als 100 Jahre so. Vielen dürfte jedoch nicht bewusst sein, dass die Bahnlinie, die Erft und die Landstraße nach Morken (heute Bedburg) Mitte der 1970er Jahre wegen des Tagebaus um einige Kilometer nach Osten verlegt wurden. Dies geschah auf einer Länge von fast 10 Kilometern. Die alte Bahnlinie ist in den nachfolgenden Bildern als rote Punktlinie dargestellt und vermittelt in eindrucksvoller Weise den gewaltigen Eingriff in Umwelt und Natur.

© Stefan Faßbender – Bahnlinie Neuss – Düren nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Bahnlinie Neuss – Düren nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Bahnlinie Neuss – Düren nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de

Werksbahnen RWE Frimmersdorf und Neurath:

In diesem letzten Absatz des Beitrages verzichte ich auf die Darstellung von „Bahnübergängen“ (daher auch keine weiteren Nummernbezeichnungen) dieser Werksbahnen, da dies wohl ein nicht endendes Unterfangen wäre. Da die Werksbahnen jedoch ein gewaltiges Ausmaß hatten und in den letzten 100 Jahren immer wieder großen Veränderungen unterworfen wurden, ist eine kurze Darstellung meines Erachtens unerlässlich. Die beiden nachfolgenden Luftaufnahmen zeigen die gewaltigen Ausmaße der Werksbahn am RWE Frimmersdorf.

© StA Grevenbroich – RWE Frimmersdorf um 1960
© StA Grevenbroich – RWE Frimmersdorf um 1960

Die Strecken dieser Werksbahnen sind in beiger Farbe dargestellt. Der Bahnübergang in Gustorf an der Provinzstraße wurde in diesen Abbildungen bewusst nicht eingezeichnet, um den Verlauf der Strecken noch besser darzustellen. Die Karte um 1990 muss auf zwei Abbildungen aufgeteilt werden, da der Maßstab es erforderlich macht, den Teil um Gustorf, Frimmersdorf und Neurath separat darzustellen. Die punktierte Linie stellt die Strecke um 1940 dar und ist heute nicht mehr vorhanden. Die gestrichelte Linie stellt den Stand heute dar. Sie wurde jedoch ebenso auf den alten Karten abgebildet, um zu verdeutlichen, welche Veränderungen der Bau für das gesamte Gebiet mit sich brachte.

© Stefan Faßbender – Werksbahnen RWE nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Werksbahnen RWE nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Werksbahnen RWE nach einer Karte um 1990, erstellt mit tim-online.nrw.de
© Stefan Faßbender – Werksbahnen RWE nach einer Karte um 2023, erstellt mit tim-online.nrw.de

Hiermit endet meine „kleine“ Recherche zu „(Längst) vergessenen Bahnübergängen“. Mir ist bewusst, dass es sich hierbei nur um einen kurzen Abriss handelt, der aber insbesondere den jüngeren Menschen ein Bild der enormen Veränderungen innerhalb der letzten 100 Jahre in unserer Heimatstadt aufzeigt. Ich hoffe, jeder Leser hat genauso viel Spaß wie ich ihn bei meinen Recherchen hatte.

Das Thema „Bahn“ ist hiermit jedoch noch nicht beendet, denn ich konnte Herrn Jürgen Larisch gewinnen, zusammen mit mir das Thema „Bahn“ mit einem anderen Schwerpunkt nochmals zu beleuchten und in naher Zukunft zu veröffentlichen.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023