Pater Michael Granderath – ein Bedburdycker war Lehrer von Heinrich Heine?

In der Totenzettelsammlung der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde fand ich zuletzt einen Totenzettel, der einen Verstorbenen betraf, der aus der Pfarre Bedburdyck stammte. Es handelte sich hierbei um Pater Granderath, der offensichtlich den Großteil seines Lebens in Düsseldorf verbrachte.


Totenzettel von Pater Granderath[1]

Nachfolgend ist der Text abgeschrieben: „Jesus, Maria, Joseph, Andreas! „Wohlan! du guter und getreuer Knecht! weil du über weniges treu gewesen bist, so will ich dich über Vieles setzen: gehe ein in die Freude deines Herrn.“ Matth. 25,23

Zu Düsseldorf den 12. April 1842, Morgens 5 Uhr starb nach 7tägigem Krankenlager in Folge eines Schlagflusses, mit den hl. Sakramenten versehen, in Gottes heiligen Willen ergeben, ruhig und sanft der Hochwürdige Pater Granderath, letztes Mitglied des ehemaligen Jesuiten-Collegiums hierselbst und Professor, früher Feiertagsprediger an der Kirche zum hl. Andreas, jetzt in der Andreas-Pfarrkirche Hof-Kapellan.

Er war geboren in der Pfarre Bedburg-Dyck bei Neuß im Jahre 1769, lebte 45 Jahre als Seelsorger in Düsseldorf, und sein priesterliches Wirken war gesegnet für Stadt und Umgegend. Er lebte und wirkte für die Welt: blieb selber aber unberührt von der Welt; bewahrte sich ein kindliches Gemüth und eine schöne Seele, – und war geliebt vor Gott und den Menschen. Unter Düsseldorfs Bewohnern, zunächst bei der Bürger-Sodalität, deren Präses er seit dem Jahre 1834 war, wird sein Andenken im Segen fortleben: seine Seele aber selig sein bei Gott. Darum lasset uns beten!“

Totenzettel dieser Art sind typisch für die Zeit. Dennoch dürften für den Leser einzelne Wörter des Textes Anlass zu Fragen, Ergänzungen oder Korrekturen geben.

Folgt man den Textzeilen von oben nach unten, so stößt man auf die Todesursache, die mit „an den Folgen eine Schlagflusses“ erwähnt wird. In Genwiki, einem Wörterbuch für Genealogen (Ahnenforscher), wird Schlagfluss auch als Stocken der Säfte, Schlaganfall oder Gehirnblutung bezeichnet.[2]

Pater Granderath wird nicht mit Vornamen genannt. Meine Recherchen ergaben aber, dass es sich dabei um Michael Granderath handelt, der am 1. Oktober 1769 als erstes Kind der Eheleute Albert Granderath und Maria Daners in der Pfarrkirche St. Martinus in Bedburdyck getauft wurde. Die Eltern hatten ein Jahr vorher am 4. November 1768 ebenfalls in Bedburdyck geheiratet. Der im Totenzettel angegebene Ort der Heimatpfarre Bedburg-Dyck ist fehlerhaft. Diese fehlerhafte Nennung taucht bis heute immer wieder einmal schriftlich aber auch in der Aussprache auf und führt häufig zur Verwechslung mit der Stadt Bedburg. Wenn auch Bedburg und Bedburdyck beide ihren Namen auf die sehr alte Bezeichnung „bedbur“ zurückzuführen ist, was nach heutigen Forschungsstand als „Bethaus“, Kapelle oder Kirche bedeutet, so schrieb sich der Ort Bedburdyck immer ohne „g“.

Michael Granderath war laut Totenzettel letztes Mitglied des Jesuiten-Kollegs in Düsseldorf. Klöster der Jesuiten wurden als Jesuiten-Kommunität bezeichnet. Ein Kolleg war demnach eine klösterliche Gemeinschaft mit Ausbildungseinrichtung.[3]

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das westlich an die Kirche anschließende Jesuitenkolleg, das heutige Stadthaus, errichtet.[4]


Blick vom Mühlenplatz. Rechtes Gebäude: ehemaliges Jesuiten-Gymnasium, heute Stadthaus, Mühlenstraße. In der Bildmitte die Andreaskirche[5]

Die Schule war im Jahr 1621 auf den Jesuitenorden übertragen worden und wurde ein Jesuitenkolleg. Der Unterricht war nach den einheitlichen Schulplänen der Jesuiten mit täglich bis zu zwölf Stunden überwiegend kontrolliertem Lernen und Beten gestaltet. Auf ein achtjähriges Grundstudium, ähnlich der heutigen Gymnasialausbildung, folgte ein sechsjähriges Fachstudium, bestehend aus einem zweijährigen Philosophie- und einem vierjährigen Theologiestudium. Die Unterrichtssprache war Latein; auch Theateraufführungen fanden in lateinischer Sprache statt. Weitere Fächer waren Philosophie, Mathematik, Rhetorik, Poesie, Grammatik, Geographie, Arithmetik und Heraldik. Das Griechische wurde in Grundzügen vermittelt.[6]


Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf, Mühlenstraße 29, Düsseldorf-Altstadt, im März 2016 – ehemaliges Jesuitenkolleg[7]

Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 wurde anstelle der Schließung des Düsseldorfer Jesuitenkollegs dessen Änderung in ein „Kurfürstliches Gymnasium“ beantragt. Die ehemaligen Jesuiten stellten weiterhin das Lehrpersonal; statt des Faches Latein wurde nun Deutsch Pflichtfach in allen Klassen. Dritte Fremdsprache wurde die „Hofsprache“ Französisch.[8]

1814 wurde die Gesellschaft Jesu (Jesuitenorden) von Papst Pius VII. wieder zugelassen.[9] Wo Pater Granderath in den Jesuitenorden eintrat, ist nicht überliefert, allerdings scheint er der letzte Vertreter der ehemaligen jesuitischen Lehrerschaft, des Jesuiten-Kollegiums in Düsseldorf, gewesen zu sein.

Einer der berühmtesten Schüler des Gymnasiums war der spätere Dichter und Schriftsteller Heinrich Heine (1797–1856), der die Schule von 1807 bis 1814 besuchte und vor der Reifeprüfung auf eine Handelsschule wechselte.[10] Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass Pater Granderath auch Lehrer von Heinrich Heine gewesen ist.

Bei der „Bürger-Sodalität“ genannten Vereinigung, deren Präses Michael Granderath seit 1834 gewesen war, scheint es sich um die katholische Laienbruderschaft, die Marianische Bürgersodalität der Andreas-Pfarre, gehandelt zu haben.

Nach dem Tode von Pater Granderath beschloss die St.-Andreas-Pfarrgemeinde, ihm und seinen drei Vorgängern auf dem Friedhof in Düsseldorf-Golzheim ein Grabmal zu setzen. Die Finanzierung wurde realisiert durch eine Kunstausstellung in der Kunstakademie, an der sich viele Düsseldorfer Maler beteiligten. Die vier letzten Jesuiten hatten ein hohes Ansehen in der katholischen Bevölkerung. Ihre Begräbnisse wurden daher mit großem Aufwand begangen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden dort auch die Pfarrer der Andreas-Gemeinde bestattet.[11]

 Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

[1] https://www.wgff-tz.de/details.php?id=217879 (8.2.2024, 19.23 Uhr)
[2] https://wiki.genealogy.net/Schlagflu%C3%9F (16.10.2023, 19.57 Uhr)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Jesuiten-Kommunit%C3%A4t (16.10.2023, 20.32 Uhr)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/St._Andreas_(D%C3%BCsseldorf) (16.10.2023, 20.57 Uhr)
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Stadthaus_(D%C3%BCsseldorf) (16.10.2023, 21.05 Uhr); Guntram Fischer: Düsseldorf und seine Rechtsakademie, Triltsch Verlag, Düsseldorf 1983, ISBN 3-7998-0024-7, S. 33
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Stadthaus_(D%C3%BCsseldorf) (29.2.2024, 20.24 Uhr)
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Mahn-_und_Gedenkst%C3%A4tte_D%C3%BCsseldorf (8.2.2024, 19.42 Uhr), Fotograf Kürschner), lizenzfrei
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6rres-Gymnasium_(D%C3%BCsseldorf) (29.2.2024, 20.34 Uhr)
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Jesuiten (29.2.2024, 20.29 Uhr)
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6rres-Gymnasium_(D%C3%BCsseldorf) (16.10.2023, 20.51 Uhr)
[11] http://www.postmortal.de/Duesseldorf/D-Golzheim/GolzheimPlan/JesuitenGrab/jesuitengrab.html (17.10.2023, 7.04 Uhr)

Der Humorist Josef Göllner

Heute möchte der Geschichtsverein Grevenbroich über eine wahre Showgröße der 1920er Jahre aus Grevenbroich berichten. Die Idee zu diesem Bericht entstand durch den regelmäßigen und wertvollen Austausch über historische Fotos zwischen dem Fotosammler Jürgen Larisch und dem Familien- und Heimatforscher Stefan Faßbender. Es ist erstaunlich, wie oft sich die eigentlich sehr unterschiedlichen Interessensgebiete der beiden Personen überschneiden bzw. ergänzen und gegenseitig Hilfe gegeben werden kann. So gelangte Jürgen Larisch an diverse Autogrammkarten eines Humoristen und Komikers aus Wevelinghoven, ohne etwas über diese Person zu wissen. Nach einem kurzen Austausch konnte Stefan Faßbender mit Hilfe der vereinseigenen Datenbank „Genius“ sehr schnell die Lebensdaten herausfinden, die Autogrammkarten um weitere Informationen ergänzen und der vorliegende Beitrag entstand.

Nun aber zu unserer bisher einzig bekannten Grevenbroicher Showgröße der Vorkriegszeit. Heute würde man einen Humoristen als Unterhaltungskünstler, Kabarettist, Comedian, Komiker etc. bezeichnen.

 Wer war der Humorist Josef Göllner?

© Jürgen Larisch – Vorderseite Autogrammkarte Josef Göllner um 1918

Josef Göllner wurde am 30. Oktober 1886 als unehelicher Sohn des Tagelöhners Franz Johann Göllner (*07.05.1863 in Schmechten, heute ein Stadtteil von Brakel im Kreis Höxter, †26.06.1919 in Wevelinghoven) und der Dienstmagd Anna Maria Cremer (*23.02.1865 in Allrath, †28.05.1935 in Wevelinghoven) in Vanikum bei Rommerskirchen geboren. Erst durch Heirat seiner Eltern am 6. Mai 1887 wurde er legitimiert (Eintritt eines unehelichen Kindes in die rechtliche Stellung eines ehelichen Kindes).

StA Rommerskirchen, Geburtsregister Rommerskirchen, Nr. 57/1886

Für die Zeit bis Ende 1925 sind leider zurzeit keine Belege zu seiner Tätigkeit als Künstler und Humorist zu finden. Allerdings muss er bereits zur Zeit des 1. Weltkrieges als solcher unterwegs gewesen sein, wie die Rückseite der oben dargestellten Autogrammkarte zeigt. Ob er als Soldat oder zur „Truppenbelustigung“ an der Front war, konnte bisher nicht herausgefunden werden.

© Jürgen Larisch – Rückseite Autogrammkarte Josef Göllner um 1918

„Zum Anden[ken] an unsere Propeller Satire (Kino) dein Kamerad Jos. Göllner. Im Lazarett 26/9.18.“

Für die Zeit zwischen 1925 und 1939 konnten unzählige Zeitungsartikel und -anzeigen über Veranstaltungen von ihm gefunden werden, von denen nachfolgend einige dargestellt werden. Er muss im gesamten Rheinland aufgetreten sein, da Artikel und Anzeigen z. B. in Mönchengladbach, Bedburg, Königshoven, Grevenbroich, im Bergischen Land und in Opladen gefunden wurden.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 148, Seite 2 vom 15.12.1925

„- Gastspiel. Das am vergangenen Sonntag in der Restauration Winand Breuer veranstaltete Gastspiel des rheinischen Humoristen Jos. Göllner war gut besucht. Die meist neuzeitlichen Darbietungen fanden ungeteilten Beifall. […] Kurz, den Besuchern war es vergönnt, die Alltagssorgen für einige Stunden zu vergessen.“

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 13, Seite 4 vom 30.01.1926
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 28, Seite 7 vom 06.03.1926
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 118, Seite 3 vom 02.10.1926

Der in der Anzeige genannte Begriff „Typendarsteller“ deutet auf einen Imitator hin.

Der Erft-Bote, Nr. 39, Seite 4 vom 02.04.1927
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 13, Seite 2 vom 31.01.1928

„[…] Büttenreden und humoristische Vorträge, die von dem bekannten, ausgezeichneten rheinischen Humoristen Göllner aus Wevelinghoven in glänzender Weise gehalten und durch hervorragende Mimik gewürzt wurden, […]“

Der Erft-Bote, Nr. 23, Seite 4 vom 22.02.1930
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 65, Seite 12 vom 31.05.1930
Opladener Zeitung, Nr. 208, Seite 4 vom 06.09.1930
Der Erft-Bote, Nr. 106, Seite 12 vom 05.09.1931
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 10, Seite 2 vom 22.01.1931

„[…] Und dann kam die Kanone. Herr Humorist Göllner, ebenfalls ein Kind unserer Stadt, wartete in bunter Folge, mit Charaktervorträgen auf. Unermüdlich und mit seltener Begabung, verstand er es meisterhaft, immer wieder auf die Lachmuskeln seiner Zuhörer, unerhört einzuwirken und selbst den allergrößten Pessimisten zu stärkstem Applaus anzuregen. […]

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 2 vom 27.01.1931

„[…] wurde Josef Göllner der Auftrag gegeben, mit seinen Scherzen und Couplets (= Ein Couplet ist ein mehrstrophiges witzig-zweideutiges, politisches oder satirisches Lied mit markantem Refrain) die Festversammlung zu erfreuen und zu unterhalten. Josef Göllner, ein Humorist von Format, verstand es auch glänzend, sich die Herzen der dankbaren Zuhörerschar im Sturme zu erorbern. Immer aufs neue entfesselte er wahre Lachstürme, wenn er, begabt mit ausdrucksvollstem Mienenspiel, seine „Sachen“ zum Vortrag brachte. […]“

Der letzte gefundene Zeitungsartikel stammt aus dem Februar 1939 über einen Kameradschaftsabend in Kirdorf-Blerichen. Leider sind über die Zeit des Zweiten Weltkriegs keine Informationen zu finden. „[…] Im zweiten Teile des Abends kamen Humor und Frohsinn so recht zur Geltung. Ganz besonders trugen hierzu der Berufshumorist Josef Göllner und sein Begleiter am Klavier, Pet. Fabry, bei.“ […]“

Der Erft-Bote, Nr. 42, Seite 3 vom 28.02.1939

Der Humorist Josef Göllner starb am 24. Februar 1958 um 6.45 Uhr im alter von 71 Jahren im Krankenhaus von Wevelinghoven. Er war nicht verheiratet und hinterließ vermutlich auch keine Kinder. Allerdings gibt es Hinweise auf Geschwister von Josef Göllner, die ebenfalls in Wevelinghoven ansässig waren.

StA Grevenbroich, Sterberegister Wevelinghoven, Nr. 14/1958

Jürgen Larisch und Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

Ein Brief von Rudolf Heß an eine unverheiratete Mutter

In den Akten des Bestandes Wevelinghoven wurde von Cornelia Schulte, Mitarbeiterin im Stadtarchiv Grevenbroich, nachfolgender Brief gefunden. Da dieser Brief weder den Namen der Mutter trägt noch handschriftlich von Heß unterschrieben wurde, ist davon auszugehen, dass es sich um einen Musterbrief an alle unverheirateten Mütter handelt, deren Verlobte im Krieg gefallen waren. Dieser Musterbrief muss bereits aus der Zeit vor 1941 stammen, da Rudolf Heß am 10. Mai 1941 nach einem bis heute nicht eindeutig begründbaren Flug nach Großbritannien dort gefangen genommen wurde.

© Stadtarchiv Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1770
© Stadtarchiv Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1770

Der Brief zeigt in perfider Weise wie gedanklich mit dem Gut „Menschen“ während der NS-Zeit umgegangen wurde. Der Geschichtsverein Grevenbroich möchte daher in diesem Kurzbeitrag, das eheliche Instrument der nachträglichen Ehe (auch Leichen- bzw. Totentrauung genannt) darstellen. Die Ferntrauung, die Totenscheidung oder der Umgang mit Personen in Mischehen (Arier/Juden) werden hierbei absichtlich außen vorgelassen, da dies den Rahmen dieses Artikels „sprengen“ würde.

Da die Ferntrauung (Ehemann war zum Zeitpunkt der Eheschließung im Felde) nicht die Fälle abdeckte, in denen die Soldaten nicht mehr zur Niederschrift ihres Willens vor dem Bataillonskommandeur erscheinen konnten, da sie bereits gefallen waren, fehlte ein rechtliches Instrument, auch diejenigen Frauen sozial abzusichern und uneheliche Kinder zu legitimieren, deren Männer bzw. Väter als „Helden des Vaterlandes“ an der Front umgekommen waren.

Anfangs wurden Anträge zur Genehmigung einer nachträglichen und auch wirksamen Eheschließung unmittelbar und direkt von Adolf Hitler begutachtet und wohl als „Gnadenakt“ genehmigt. Da die Zahl der gefallenen Soldaten im Laufe des Krieges immer mehr zunahm, war dies durch Einzelfallregelungen nicht mehr zu bewältigen. Schätzungen gehen von ca. 25.000 Anträgen aus, die an das Reichsministerium des Innern gerichtet wurden. (1)

Aus diesem Grund unterschrieben Adolf Hitler, Hans Heinrich Lammers (Chef der Reichskanzlei) und Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht) am 06. November 1941 einen entsprechenden Geheimerlass, der dieses Problem übergreifend und effektiv lösen sollte. Da eine Veröffentlichung der Anordnung zu unterbleiben hatte und verboten wurde, ist es dem Autor bisher nicht gelungen eine Abschrift dieses Erlasses einsehen zu können. Der Erlass wurde nach Internetrecherche wohl lediglich einmal mit einem Gerichtsurteil aus dem Jahr 1947 abgedruckt. Leider ist auch dieses Urteil nicht zugänglich.

Mit dieser Ermächtigung wurde es dem Reichsminister Frick ermöglicht, die nachträgliche Eheschließung von Frauen mit gefallenen oder im Felde verstorbenen Angehörigen der Wehrmacht anzuordnen, wenn die ernstliche Eheschließungsabsicht erwiesen war und bis zum Tode bestanden hatte.

Am 25. März 1942 gab das Reichsinnenministerium den Wortlaut der Ermächtigung innerhalb der Verwaltung bekannt. (2) Da dieser Geheimerlass nun doch nicht so geheim war wie gewollt, verbreitete sich unter der Bevölkerung schnell der Begriff der „Leichentrauung. Trotzdem wurden die Standesämter erst am 15. Juni 1943 – noch immer vertraulich – vom Reichsminister des Innern (Wilhelm Frick) über die Existenz des Geheimerlasses und die Richtlinien zur Bearbeitung solcher Anträge informiert.

Dokumentiert wurden nachträgliche Ehen (Leichen- bzw. Toten-Ehen) im Standesamt wie folgt. Die Namen der Betroffenen wurden geschwärzt, auch wenn die Urkunden mittlerweile öffentlich zugänglich sind und von jedem eingesehen werden können.

© Stadtarchiv Grevenbroich, Sterberegister Grevenbroich, Nr. 80/1942
© Stadtarchiv Grevenbroich, Heiratsregister Gustorf, Nr. 23/1942

Transkription der Heiratsurkunde als Fließtext:

„Gustorf, den 25. November 1942. Die Kontoristin Anna XXXX, katholisch, geboren am 19. Januar 1924 in Orken (Standesamt Elsen jetzt Grevenbroich Nr. 8), wohnhaft in Gindorf, Göringstraße erschien heute vor dem unterzeichneten Standesbeamten zum Zwecke der nachträglichen Eheschließung mit dem am 24. Mai 1942 verstorbenen Obergefreiten Robert Franz Walter XXXX, evangelisch, geboren am 11. Mai 1919 in Neumühle (Standesamt Heerwegen Nr. 20), wohnhaft gewesen in Neumühle.

Der Standesbeamte fragte die erschienene Verlobte, ob sie nachträglich die Ehe mit dem verstorbenen Robert Franz Walter XXXX eingehen wolle. Die Verlobte bejahte die Frage. Der Standesbeamte sprach im Namen des Reiches und auf Anordnung des vom Führer hierzu besonders ermächtigten Reichsministers des Innern aus, daß die Ehe hiermit nachträglich geschlossen werde, daß Anna XXXX geborene XXXX demnach die rechtmäßig verbundene Ehefrau des am 24. Mai 1942 verstorbenen Robert Franz Walter XXXX geworden sei und zwar nachträglich mit Wirkung von dem Tage ab, der dem Sterbetag des Ehemannes vorausgegangen ist.“

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

(1) Cornelia Essner und Edouard Conte: „Fernehe“, „Leichentrauung und Toten-Scheidung“, Metamorphosen des Eherechts im Dritten Reich, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Jahrgang 44 (1996), Heft 2, S. 201 – 227, S. 214

 (2) Cornelia Essner und Edouard Conte: „Fernehe“, „Leichentrauung und Toten-Scheidung“, Metamorphosen des Eherechts im Dritten Reich, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Jahrgang 44 (1996), Heft 2, S. 201 – 227, S. 213

VHS-Kurs „Familien- und Ahnenforschung für Einsteiger“

Der Arbeitskreis Familienforschung im Geschichtsverein Grevenbroich bedankt sich bei allen Teilnehmern des gestrigen Kurses und der VHS Grevenbroich, die uns den gemeinsamen Abend ermöglicht hat.

Foto: (c) Stefan Faßbender

Der in zwei Teilen aufgeteilte Kurs gab einen kurzen Einblick in die Ahnenforschung allgemein sowie in die Möglichkeiten einer Recherche im Internet. Trotz einer zeitlichen Überziehung konnten alle Themen leider nur kurz angeschnitten werden. Wir hoffen jedoch, dass sowohl alle Einsteiger*innen als auch die erfahrenen Familienforscher*innen viel mitnehmen konnten.

Heinz Otto Schnier und Stefan Faßbender bedanken sich für das „gespannte“ Interesse und den regen Austausch zu einem sehr spannenden Bereich der Geschichtsforschung…

Werbung für eine Schnellläuferin – Fake-News Mitte des 19. Jahrhunderts

Im Grevenbroicher Kreisblatt wird am 3. Juni 1855 eine Anzeige veröffentlicht, in der für eine Schnellläuferin geworben wird.

Annonce mit Ankündigung einer Schnellläuferin (Grevenbroicher Kreisblatt 3.6.1855) [1]

In der Annonce heißt es: Schnelllauf – Auf meiner Durchreise nach Paris werde ich die Ehre haben, mich Sonntag den 3. Juni als „Schnellläuferin“ zu produziren. Ich werde nämlich die Strecke von Fürth bis Hemmerden über die Chaussee in noch nicht vollen 15 Minuten theils vorwärts, theils rückwärts, und nach einem kurzen Aufenthalte in derselben Zeit die nämliche Strecke zurück durchlaufen. Ich lade hierzu ein verehrungswürdiges Publikum höflichst ein. Der Ablauf ist Nachmittags präcise 5 Uhr von dem Hause der Wittwe Schiffer zu Fürth. „Zahlung nach belieben.“ Bertha Stollmeyer, concessionirte Schnellläuferin aus Berlin.“

Der Lauf sollte über die Chaussee, die Landstraße von Grevenbroich-Fürth nach Hemmerden führen.

Preußische Karte von 1836/50 – eingezeichnet ist die angekündigte Strecke zwischen Grevenbroich-Fürth und Hemmerden[2]

Schnellläufer waren im 19. Jahrhundert eine Art fahrende Schausteller, die ihre Kunst gegen Gaben vorführten oder als Briefboten lange Strecken eilends und zu Fuß zurücklegten. Im Jahre 1824 erregte der Tagelöhner Peter Bajus mit sehr schnellen Laufleistungen im Rhein-Main-Gebiet viel Aufsehen. Am 15. Februar 1824 lief er vor zahlreichen Zuschauern von Frankfurt nach Hanau und zurück. Seine 10.000 Meter Zwischenzeiten werden nachträglich auf 31:45 min geschätzt, womit er der schnellste Läufer seiner Zeit gewesen sein dürfte. Die erfolgreichen Schauläufe von Peter Bajus riefen sogleich weitere Akteure auf den Plan.[3]

Doch scheint sich jemand mit der Anzeige im Grevenbroicher Kreisblatt einen Spaß gemacht zu haben, denn ein paar Tage später entschuldigt sich der Redakteur mit einer neuen Anzeige.

Entschuldigung zur Falschankündigung einer Schnellläuferin (Grevenbroicher Kreisblatt 10.6.1855) [4]

Darin heißt es: Entschuldigung – Ich muß die Leser dieses Blattes um Entschuldigung bitten, wegen der Annonce im vorigen Blatte, von einer angeblichen Schnellläuferin. Ich bin durch einen Brief, welchen ich von Düsseldorf erhielt, über die Sache selbst, und in Betreff meiner Insections-Gebühren [Kosten für das Inserat] getäuscht worden. Ich habe den Brief der Polizei übergeben, und werde Sorge tragen, daß ein ähnlicher alberner Scherz, irgend eines Laffen [alberner, törichter Mensch], auf Kosten des Publikums, in der Folge nicht mehr stattfindet. Der Redacteur.“

Daran kann man sehr schön erkennen, dass man auch schon vor über 150 Jahren Falschinformationen auf den Leim gegangen ist.

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

[1] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/3376103 (27.1.2024, 17.07 Uhr)

[2] https://www.tim-online.nrw.de/tim-online2/ (27.1.2024, 23 Uhr,); modifiziert von Michael Salmann

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Schnelll%C3%A4ufer_(Schausteller) (27.1.2024, 22.19 Uhr)

[4] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/3376109 (27.1.2024, 22.30 Uhr)

1758 – Siebenjähriger Krieg: Der heutige Rhein-Kreis Neuss nach der Schlacht bei Krefeld

Im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 kämpften alle europäischen Großmächte jener Zeit um Machtbalance und territoriale Gewinne in Europa, um Kolonien und Einfluss in Nordamerika, Indien und Afrika, um die Herrschaft über die transatlantischen Seewege sowie um Handelsvorteile. Im Wesentlichen standen Preußen und Großbritannien einer Allianz aus der Habsburgermonarchie, dem Heiligen Römischen Reich sowie Frankreich, Russland und Spanien gegenüber. Als Verbündete kamen auf beiden Seiten weitere kleinere und mittlere Staaten wie Kurhannover und Kursachsen hinzu. Während Preußen, Habsburg, Frankreich und Russland primär um ihre Machtposition in Mitteleuropa stritten, ging es im Teilkonflikt zwischen Großbritannien und Frankreich auch um die Vorherrschaft in Nordamerika und Indien.

Im Februar 1763 endete der Siebenjährige Krieg. Als Ergebnis stieg Preußen neben Frankreich, Großbritannien, Österreich und Russland zur fünften europäischen Großmacht auf.[1] Frankreich hingegen verlor seine vorherrschende Stellung in Kontinentaleuropa und große Teile seiner Kolonialgebiete in Nordamerika und Indien an Großbritannien, das damit zum dominierenden Weltreich wurde.[2]

Wohl mit der wichtigste General auf Seiten Hannovers und Preußens war Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern. Er war der Schwager von Friedrich II., König von Preußen[3], volkstümlich der „Alte Fritz“ genannt.[4]

Friedrich der Große, König von Preußen – “Der Alte Fritz” auf einem Gemälde von Anton Graff, 1781. [5]

Ferdinand nahm an zahlreichen Feldzügen und Schlachten teil. Er genoss auch aufgrund seiner militärischen Erfolge die Gunst des Königs. Während des Siebenjährigen Krieges erhielt er als General der Infanterie den Oberbefehl über die Alliierten in Westdeutschland. Ferdinand wusste in der Folge, die gesunkene Moral seiner Soldaten so zu heben, dass sie fast immer Sieger über das weit stärkere französische Heer blieben.[6]

Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (1721-1792) [7]

So konnte Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel die Franzosen in der Schlacht von Rheinberg am 12. Juni 1758 und in der Schlacht bei Krefeld am 23. Juni 1758 schlagen.

In der als „Schlacht bei Krefeld“ oder „Schlacht an der Hückelsmay“ bezeichneten Schlacht kämpften alliierte und französische Truppen gegeneinander. Sie stellte einen Höhepunkt des Konfliktes von 1756 bis 1763 im Rheinland dar.[8] Zu den alliierten Truppen, die hier kämpften, zählten die Braunschweiger, Hannoveraner, Hessen und Preußen.

Plan der Schlacht von Krefeld mit den Bewegungen der alliierten Armee vom 23. Juni bis 2. Juli 1758[9]

Auf dem Feld an der Hückelsmay auf dem Gebiet des heutigen Krefelder Forstwalds am südlichen Stadtrand von Krefeld (im Krefelder Stadtteil Forstwald) trafen am 23. Juni 1758 alliierte Truppen unter dem Kommando des Prinzen Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel und ein französisches Heer unter der Führung des Grafen von Clermont zusammen. Die in Fischeln stationierten Franzosen hatten bereits mit 47.000 Mann Stellung bezogen und rechneten mit einem Angriff Ferdinands von Norden her, welcher mit insgesamt 32.000 Mann zwischen Kempen und Hüls lagerte. Prinz Ferdinand befahl jedoch einen Angriff von Süden, nachdem die französischen Stellungen über Vorst und Anrath umgangen worden waren. Die Franzosen wurden von der Armee des Prinzen überrascht, nach Osten gedrängt und dort aufgerieben. Die französische Reserve konnte nichts mehr ausrichten und musste sich nach heftigen Gefechten mit weiteren berittenen preußischen Truppen noch weiter nach Osten zurückziehen. Am späten Abend war die Schlacht entschieden und die Franzosen zogen sich vorerst über Osterath nach Neuss zurück. Ein Gedenkstein an der Hückelsmay erinnert heute noch an die 2.867 Gefallenen, die dort begraben liegen, und die 2.719 verletzten und gefangenen Soldaten beider Parteien.[10]

Diese Schlacht bei Krefeld ging in die Geschichte ein. Trotz ihrer großen Übermacht wurden die Franzosen besiegt. Sie zogen sich über Neuss und Worringen nach Köln zurück, um Mitte Juli wieder nach Norden vorzustoßen.

Die alliierte Kavallerie, die von Georg Ludwig, Herzog von Schleswig-Holstein-Gottorf, befehligt wurde, rückte währenddessen über Glehn gegen die von den Franzosen gehaltene Erftlinie Grevenbroich-Grimlinghausen vor.[11] Georg Ludwig von Schleswig-Holstein-Gottorf war ein Bruder des späteren schwedischen Königs Adolf Friedrich und trat drei Jahre später Anfang 1762 in die Dienste seines Cousins, des neuen Zaren Peter III. von Russland.[12]

Ferdinand zog mit dem Hauptheer über Kaarst an die Linie Bedburdyck-Damm nach. Geldern, Wesel, Düsseldorf und Jülich waren noch von den Franzosen besetzt. Das ganze Land wurde schwer mitgenommen.[13] Ferdinand von Braunschweig hatte eine Verstärkung von 2.000 Mann, reguläre und leichte Truppen, zur Belagerung der Festung von Düsseldorf geschickt.[14] Deren französische Garnison kapitulierte am 6. Juli 1758, so dass Prinz Ferdinand Düsseldorf einnehmen konnte.[15] Danach kapitulierte auch die französische Stellung in Roermond. Die Herrschaft Dyck hatte 200 Karren, jede mit Fahrer und 8 Säcken nach Roermond zu stellen.[16] Hier sollten Lebensmittel für die Truppenversorgung der Alliierten geholt werden.

Das Hauptquartier Ferdinands befand sich auf Schloß Dyck, vom 10. bis 14. Juli in Grevenbroich, dann wieder auf Dyck, am 22. Juli in Bedburdyck und am 23. Juli in Epsendorf. Das Lager der Truppen lag bei Elsen und Fürth. Das königlich-britische Feldkriegskommissariat war seit 3. Juli im Kloster St. Nikolaus ansässig.[17] Ferdinands Armee ging bis nach Grevenbroich vor und darüber hinaus. Sie zog sich erst wieder zurück, als die Franzosen unter ihrem neuen Kommandeur Louis Georges Érasme de Contades von Köln wieder heranrückten.[18]

Portrait von Louis Georges Érasme de Contades (1704-1795) [19]

Am 6. Juli, demselben Tag an dem die französische Kapitulation in der Festung Düsseldorf stattfand, war der französische Feldherr de Contades zum Angriff übergegangen. Ferdinand zog sich bis zum 15. Juli über Holzheim nach Neuss zurück, ging dann jedoch wieder vor bis auf die Linie Neubrück, Hemmerden, Bedburdyck. Am folgenden Tag stießen französische Husaren bis Glehn und Dyck vor.[20] Am 19. Juli verlegte Ferdinand daraufhin seine Truppen am linken Ufer der Erft mit seinem rechten Flügel auf der Höhe dieses Dorfes und seinem linken Flügel bei Neubrück. Starke Abteilungen besetzten die Übergänge der Erft flussabwärts in Richtung Neuss. Die Franzosen blieben in ihrem alten Lager in Frauweiler.

Vom 20. bis 24. Juli blieb Ferdinand in den Stellungen zwischen Bedburdyck und Neubrück. Die Garnison von Roermond wurde zurückgerufen. Er ließ Vorräte von Roermond bringen. Bei einer Erkundung wurde Ferdinand leicht verwundet und Contades schickte ihm seinen Arzt.[21] 

Französische Karte vom 14.7.1758: Französische und Hannoveraner Stellungen bei Grevenbroich zwischen Frauweiler und Bedburdyck[22]

Auf der französischen Karte werden deren Stellungen im heutigen Gebiet des südwestlichen Rhein-Kreises Neuss sowie im Randgebiet des nordöstlichen Rhein-Erft-Kreises dargestellt. Die Anordnung der genannten Ortschaften auf der Karte entspricht nur in etwa der tatsächlichen Lage. Büttgen wurde beispielsweise auf die Höhe von Hemmerden gesetzt und Jüchen und Bedburdyck wurden vertauscht. Anscheinend haben die Franzosen die französisch ausgesprochenen Namen der Ortschaften in die Karte eingetragen. Dadurch finden wir auf der Karte viele „verfremdete“ Ortsnamen wieder, die sich nur durch einen Abgleich mit den Tranchotkarten oder dem preußischen Urkataster identifizieren lassen. Dargestellt sind folgende Orte, Güter und Höfe: Aerof (Heyderhof), Altenrad (Allrath), Bauastion (Barrenstein), Bidboundick (Bedburdyck), Buckols (Buchholz; 1982 wegen des Tagebaus Fortuna-Garsdorf abgerissen[23]), Budyen (Büttgen), Caster (Kaster), Chateau de Haust (Schloß Harff; 1976 wegen des Tagebaus Garzweiler I abgerissen[24]), Cugin (Jüchen), Custorp (Gustorf), Elsen, Epprad (Epprath; 1968 wegen des Tagebaus Fortuna-Garsdorf abgerissen[25]), Fort (Fürth), Frauwiller (Frauweiler; 1970 nach Bedburg umgesiedelt, wegen des Tagebaus Fortuna-Garsdorf abgerissen), Freudorf (aufgrund der Lage auf der Karte kann es sich nur um Neurath handeln), Futenbusen (Birkenbusch = Wäldchen zwischen Allrath und Neurath), Geritshoff (Geretzhoven), Guraedhach (Gürath; um 1900 für die Grube Neurath abgerissen[26]), Grevenbroich, Heminden (Hemmerden), Herkenbouch (Herkenbusch), Homagen (Omagen; früher Burg, 1935 abgerissen), Hucoff (Oekoven), Ilecot (Ikoven), Kaulem (Kaulenhof; heute liegt dort die Frimmersdorfer Höhe), Krawinkel (Gut Krahwinkel), Kundoven (Königshoven; 1983 wegen des Tagebaus Garzweiler I abgerissen), Lauken (Villau), Loan (Lohenbusch; Wäldchen zwischen Allrath und Oekoven gelegen), Mayenhausen (Neuenhausen), Moheusen (Muchhausen), Morcken (Morken; 1977 wegen des Tagebaus  Garzweiler I abgerissen[27]), Nejenhof (Neuhöfchen), Naudrof (Gommershofen), Neidrad (Gut Nanderath; der Hof wurde am 17.2.2011 abgerissen[28]), Pirin (Winkelheim; 1977 wegen des Tagebaus Fortuna-Garsdorf abgerissen[29]), Prejot (Priorshof), Ramerof (Ramrath), Rot (Rath; Stadtteil von Bedburg), Sintzen (Sinsteden), Tiel (Deelen), Vinicouvre (Widdeshoven), Vofluche (Hoveler Hof bei Gohr), Wevelingkoven (Wevelinghoven) und Wrimersdorff (Frimmersdorf).[30]

Am 24. Juli schickte Ferdinand mehrere Abteilungen aus. Eine dieser Abteilungen besetzte erneut Roermond. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli rückte Ferdinands Haupttrupp unbemerkt aus seinen Stellungen zwischen Bedburdyck und Neubrück ab und marschierte in Richtung Wassenberg. Einen Tag später erreichte dieser nach einem Marsch von 28 km Wassenberg an der Rur, 20 km südöstlich von Roermond. Die Contades-Armee hingegen überquerte am 26. Juli die Erft und rückte bis Garzweiler bei Titz vor.[31] Am folgenden Tag marschierte die französische Armee weiter nach Holzweiler und Keyenberg. In der Folge zogen Ferdinands Truppen entlang der Maas nach Norden und überquerten am 9. und 10. August 1758 bei Emmerich den Rhein, die Franzosen folgten am 19. und 20. August bei Wesel.[32] Damit endeten die Truppenbewegungen während des Siebenjährigen Krieges im heutigen Kreisgebiet. 

Skizze der Heeresbewegungen von der Schlacht bei Krefeld bis zum Rückzug über den Rhein vom 26. Juni bis 25. August 1758[33]

 Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._%28Preu%C3%9Fen%29 (5.8.2023, 18.52 Uhr)
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenj%C3%A4hriger_Krieg (16.4.2023, 23.55 Uhr)
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_(Braunschweig-Wolfenb%C3%BCttel) (23.4.2023, 12.55 Uhr)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._(Preu%C3%9Fen) (23.4.2023, 15.24 Uhr)
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_II._%28Preu%C3%9Fen%29 (5.8.2023, 18.57 Uhr)
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_(Braunschweig-Wolfenb%C3%BCttel) (23.4.2023, 12.55 Uhr)
[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Prinz_Ferdinand_Braunschweig.jpg (17.4.2023, 00.11 Uhr)
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Krefeld (15.4.2023, 21.12 Uhr)
[9] https://militarymaps.rct.uk/the-seven-years-war-1756-63/battle-of-krefeld-1758-plan-de-la-bataille-de-creveld (16.4.2023, 23.01 Uhr)
[10] http://friedrich.uni-trier.de/de/oeuvres/27_2/id/007000000/text/ (11.4.2023, 20.05 Uhr)
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Ludwig_von_Schleswig-Holstein-Gottorf (17.4.2023, 18.25 Uhr)
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Ludwig_von_Schleswig-Holstein-Gottorf (17.4.2023, 18.25 Uhr)
[13] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 221f.
[14] https://www.kronoskaf.com/syw/index.php?title=1758_-_Allied_campaign_on_the_west_bank_of_the_Rhine (16.4.2023, 23.07 Uhr)
[15] http://friedrich.uni-trier.de/de/oeuvres/27_2/id/007000000/text/ (11.4.2023, 20.05 Uhr)
[16] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 221f.
[17] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 221f.
[18] http://friedrich.uni-trier.de/de/oeuvres/27_2/id/007000000/text/ (11.4.2023, 20.05 Uhr)
[19] https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/52/Contades.jpg (17.4.2023, 00.13 Uhr)
[20] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 221f.
[21] https://www.kronoskaf.com/syw/index.php?title=1758_-_Allied_campaign_on_the_west_bank_of_the_Rhine (16.4.2023, 23.07 Uhr)
[22] https://militarymaps.rct.uk/the-seven-years-war-1756-63/battle-of-krefeld-1758-plan-de-la-bataille-de-creveld (15.4.2023, 21.28 Uhr)
[23] Rheinisches Braunkohlerevier, Nordrhein-Westfalen, Deutschland; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rheinisches_Braunkohlerevier_DE.png
(16.4.2023, 17.20 Uhr)
[24] Rheinisches Braunkohlerevier, Nordrhein-Westfalen, Deutschland; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rheinisches_Braunkohlerevier_DE.png (16.4.2023, 17.20 Uhr)
[25] Rheinisches Braunkohlerevier, Nordrhein-Westfalen, Deutschland; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rheinisches_Braunkohlerevier_DE.png
(16.4.2023, 17.20 Uhr)
[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Gürath (16.4.2023, 18.02 Uhr)
[27] Rheinisches Braunkohlerevier, Nordrhein-Westfalen, Deutschland; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rheinisches_Braunkohlerevier_DE.png
(16.4.2023, 17.20 Uhr)
[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Gut_Nanderath (16.4.2023, 17.39 Uhr)
[29] Rheinisches Braunkohlerevier, Nordrhein-Westfalen, Deutschland; über https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rheinisches_Braunkohlerevier_DE.png
(16.4.2023, 17.20 Uhr)
[30] https://militarymaps.rct.uk/the-seven-years-war-1756-63/battle-of-krefeld-1758-plan-de-la-bataille-de-creveld (15.4.2023, 21.28 Uhr)
[31] https://www.kronoskaf.com/syw/index.php?title=1758_-_Allied_campaign_on_the_west_bank_of_the_Rhine (16.4.2023, 23.07 Uhr)
[32] https://www.kronoskaf.com/syw/index.php?title=1758_-_Allied_campaign_on_the_west_bank_of_the_Rhine (16.4.2023, 23.07 Uhr)
[33] https://www.kronoskaf.com/syw/index.php?title=1758_-_Allied_campaign_on_the_west_bank_of_the_Rhine (16.4.2023, 23.07 Uhr)

Den Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges in Grevenbroich ein Gesicht geben…

Seit der Gründung des „Netzwerkes Kriegstote“ im Herbst 2020 recherchieren der „Geschichtsverein Grevenbroich und Umgebung e. V.“ und der Verein „Luftschutzanlagen Rhein Kreis Neuss e. V.“ intensiv zu den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und den Schicksalen der Kriegstoten rund um Grevenbroich.

Quelle: © Stefan Faßbender, Sammlung Grevenbroicher Kriegstote

Dazu erscheinen immer wieder kurze Veröffentlichungen über Schicksale einzelner Kriegstoter und Ereignisse, die nicht in dem gemeinsamen Buch „Grevenbroich – Der Zweite Weltkrieg in Auszügen aus den Schulchroniken“ dargestellt wurden.

Bisher wurden für das heutige Gebiet der Stadt Grevenbroich über 2.000 Kriegstote von Stefan Faßbender erfasst und dokumentiert. Dazu wurden seit November 2020 unter anderem mehr als 43.500 Urkunden aus den Geburts-, Heirats- und Sterberegistern zwischen 1900 und 1992 ausgewertet, bei denen die Datenschutzfristen abgelaufen sind. Die gesammelten Daten wurden unter anderem durch Informationen aus Schulchroniken, Kirchenbüchern, Pfarrchroniken und verschiedenen öffentlich zugänglichen Datenbanken ergänzt.

Quelle: © Stefan Faßbender, Sammlung Grevenbroicher Kriegstote

In die Sammlung wurden alle Personen aufgenommen, die in Grevenbroich geboren wurden, geheiratet, gewohnt haben oder gestorben sind. Dabei wird ausdrücklich aller Kriegsopfer gedacht, der gefallenen und vermissten Soldaten aller Nationen, der Zivilbevölkerung, der Zwangsarbeiter und der Opfer des Holocaust.

Diese einzigartige und beeindruckende Sammlung von Kriegstoten wird nun dem Stadtarchiv Grevenbroich als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt, um auch interessierten Grevenbroicherinnen und Grevenbroichern die Möglichkeit zu geben, nach ihren eigenen Vorfahren und deren Schicksalen zu forschen. Die Übergabe erfolgt in Form einer Loseblattsammlung, so dass Ergänzungen, Korrekturen etc. jederzeit zeitnah vorgenommen werden können.

Foto: © Christian Kandzorra

Um diesen Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges ein Gesicht zu geben, wurden zu diesem Zweck auch Totenzettel und Fotos der Opfer gesammelt. 387 Datensätze konnten bisher mit einem Bild des Verstorbenen ergänzt werden. Dabei handelt es sich überwiegend um Bilder von gefallenen Soldaten und nur wenige Bilder von verstorbenen Zivilisten.

Um diese Sammlung weiter zu vervollständigen, bittet Stefan Faßbender die Grevenbroicher Bürgerinnen und Bürger, weitere Bilder und/oder Totenzettel von Kriegstoten, die den oben genannten Kriterien entsprechen, zur Verfügung zu stellen. Diese müssen nicht im Original „abgegeben“ werden, sondern werden nach einer Digitalisierung wieder an die Eigentümer zurückgegeben.

Stefan Faßbender für das Netzwerk Grevenbroicher Kriegstote, 2024

Als man vor 100 Jahren den Karneval im Rheinland verbot!

Mit der Besetzung des Rheinlandes nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1918 verhängten die Besatzungsmächte mit dem Hinweis auf den „Ernst der Lage“ ein Karnevalsverbot. Erst 1925 wurde dieses Verbot zumindest für öffentliche Sitzungen und Maskenbälle aufgehoben. Das närrische Treiben auf den Straßen blieb aber weiterhin verboten wie nachfolgende Veröffentlichung vom 10. Februar 1925 zeigt.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 17, Seite 4 vom 10. Februar 1925

„§ 1. Die Veranstaltungen öffentlicher karnevalistischer Umzüge und sonstige karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel sowie die Teilnahme und die Aufforderung zur Teilnahme an denselben sind verboten.“

 „§ 2. Verboten ist auf öffentlichen Straßen und Plätzen: 1) das Tragen karnevalistischer Verkleidungen oder Abzeichen jeder Art; 2) das Singen, Spielen und Vortragen karnevalistischer Lieder, Gedichte und Vorträge; 3) das Werfen von Luftschlangen, Konfetti und dergl.;“

Wie sehr sich die Grevenbroicher das närrische Treiben wohl zurück wünschten, zeigen die vielen Anzeigen zu den verschiedenen Feierlichkeiten, die bereits kurz nach Aufhebung des Verbots in der Grevenbroicher Zeitung erfolgten. Fast jedes Dorf und jede Gaststätte mit einem Saal lud zu einer Veranstaltung in den Jahren 1925 und 1926 ein.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 4 vom 14. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 4 vom 14. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 22, Seite 4 vom 21. Februar 1925
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 19, Seite 3 vom 13. Februar 1926

Im Jahr 1928 wurden dann auch wieder öffentliche karnevalistische Umzüge sowie größere karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel erlaubt.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 12 vom 28. Januar 1928

„§ 1. Öffentliche karnevalistische Umzüge sowie größere karnevalistische Veranstaltungen unter freiem Himmel sind in kreisangehörigen Gemeinden nur mit Genehmigung des Landrats, in Stadtkreisen der Ortspolizeibehörden zulässig.“

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 4 vom 28. Januar 1928
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 12, Seite 4 vom 28. Januar 1928

Bereits zwei Jahre vor der Machtergreifung verbot Hitler den Parteiorganisationen jegliche Karnevalsveranstaltungen.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 11, Seite 2 vom 24. Januar 1931

„Hitler verbietet Bälle usw.

München, 22. Jan. Im „Völkischen Beobachter“ ist die folgende Verfügung Adolf Hitlers vom 20. Januar enthalten: Im Hinblick auf die allgemeine Notlage verbiete ich mit sofortiger Wirkung allen Parteiorganisationen karnevalistisches Treiben, Bälle usw. zu veranstalten, oder sich an derartigen Veranstaltungen zu beteiligen. Wo bereits solche Veranstaltungen angesetzt sind, steht es frei, diese in solche Abende, die von nationalsozialistischem Geist getragen sind, umzugestalten.“

Mit der Machtübernahme im Jahr 1933 wandelte sich diese Einstellung jedoch schlagartig, denn die Nationalsozialisten erkannten, den Karneval als Propagandamittel für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können. Durch die Übernahme der Organisation von Sitzungen und Umzügen gelang es ihnen immer mehr den Karneval zu steuern. 1936 hatte Grevenbroich zahlreiche Veranstaltungen zu Karneval zu bieten.

Grevenbroicher Zeitung, Nr. 31, Seite 7 vom 22. Februar 1936
Grevenbroicher Zeitung, Nr. 31, Seite 8 vom 22. Februar 1936

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

Amtshilfe im Jahr 1939

Ein Fundstück aus dem Stadtarchiv Grevenbroich…

Hatte die Witwe bereits einen „schlechten“ Ruf?

Oder standen damals alle Antragssteller*innen unter Generalverdacht übermäßige Portionen anzubieten, Skat um Pfennige zu erlauben oder gar „ausschweifende“ Tanzveranstaltungen zu feiern?

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 2008

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Grevenbroich an Heiligabend im Jahr 1944

Die Besatzungen der britischen Bomberflotte wurden aus allen Teilen des Commonwealth rekrutiert. So flogen z. B. neuseeländische Soldaten ihre Einsätze 18.000 km von ihrer Heimat entfernt über Deutschland.

Am 24. Dezember 1944 flog die Royal Air Force mit 104 Bombern einen strategischen Angriff auf den Flugplatz Bonn/Hangelar. Unter den vom britischen Flugplatz in Mildenhall gestarteten Maschinen war auch die Avro Lancaster Mk1 – NF 915 der 622 Squadron. Zur siebenköpfigen Besatzung gehörten u. a. der 29-jährige Neuseeländer Grant Wallace Browne, der 34-jährige Schotte Thomas Durward Mitchell sowie die beiden Kanadier William Paterson (27) und Robert Nelson Perdue (26).

Quelle: Royal Canadian Air Force History and Heritage Command; Astra, ON; RCAF Crash Cards 1939-1945

Sicher waren sie in Gedanken bei ihren Lieben, als sie am frühen Nachmittag des Heiligabends zu ihrem Einsatz aufbrachen. Dabei dürften die Gedanken der bunt zusammengewürfelten Besatzung sehr unterschiedlich gewesen sein. Denn in Neuseeland feierte die Familie von Browne Weihnachten für gewöhnlich bei 25 °C am Strand von Auckland. Während die Familien in Kanada bei Schnee und eisigen Temperaturen die Festtage vor dem lodernden Kamin verbrachten. Doch so unterschiedlich die Erinnerungen der jungen Männer an die Feiertage vermutlich auch waren, so einte sie doch der innige Wunsch, bald wieder zu ihren Familien zurückzukehren. Leider blieb den vier o. g. Besatzungsmitgliedern dieser Wunsch unerfüllt, als ein deutscher Nachtjäger mit dem Hauptmann Werner Baake an Bord die Lancaster abschoss.

Quelle: Royal Canadian Air Force History and Heritage Command; Astra, ON; RCAF Crash Cards 1939-1945

Der viermotorige Bomber stürzte auf einem Feld unweit der heutigen Südstadt ab.

© Stefan Faßbender – Gesamtübersicht nach einer Karte um 1940, erstellt mit tim-online.nrw.de

Ein Zeitzeuge schilderte die Situation an Heiligabend so: „Am Heiligabend 1944 gegen 19:30 Uhr sah ich aus südöstlicher Richtung ein in Flammen gehülltes viermotoriges Flugzeug. Einige Soldaten konnten sich noch mit dem Fallschirm retten, bevor der Bomber auf dem Feld aufprallte und sofort explodierte. Das Wrack brannte 10 Stunden lang. Ich war einer der Ersten am Unfallort und half zwei Leichen aus dem brennenden Flugzeug zu bergen. Auf der Schulter der einen Leiche war der Schriftzug „New Zealand“ zu lesen, von der anderen war nur noch die untere Hälfte des Rumpfes übrig.“

Normalerweise wurden alle Wrackteile sofort zu einem Sammelplatz im Erftwerk gebracht, um dort eingeschmolzen zu werden und so neues Aluminium für die Kriegsproduktion zu gewinnen. Das tief im Boden liegende Wrack wurde jedoch trotz seiner Nähe zum Erftwerk nicht abtransportiert, sondern mit mehreren Lkw-Ladungen Erde zugeschüttet. Erst auf Anordnung der britischen Militärregierung wurde das Wrack im August 1946 wieder freigelegt und geborgen.

Unmittelbar nach dem Absturz wurden die verkohlten Überreste von vier Leichen gefunden, die zwei Tage später ohne Särge zusammen in den Gräbern 76 und 77 auf dem Grevenbroicher Friedhof beigesetzt wurden. Bis zu ihrer Exhumierung im Jahr 1949 erinnerten lediglich zwei Kreuze mit der Ausschrift „Unbekannter Engl. Flieger“ an die vier Soldaten, die ihr Leben Heiligabend 1944 in Grevenbroich verloren hatten.

Quelle: Arolsen-Archives, ITS_5.3.5 6.31_101103737

Heute befinden sich Ihre Gräber auf dem britischen Soldatenfriedhof im Reichswald bei Kleve, wo sie mit mehr als 7.650 weiteren Kameraden ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

© Christian Kandzorra
© Christian Kandzorra

Die übrigen Besatzungsmitglieder, welche sich mit dem Fallschirm retten konnten, gerieten in deutsche Kriegsgefangenschaft, wo sie das Kriegsende herbeisehnten.

© Christian Kandzorra

Heute, 79 Jahre später, erleben wieder unzählige Familien auf der ganzen Welt Weihnachten im Krieg, auf der Flucht oder in Gefangenschaft. Wieder sind viele Familien Tausende von Kilometern voneinander entfernt und wieder hoffen sie, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Und wieder wird dieser Wunsch nicht für alle in Erfüllung gehen.

© Christian Kandzorra

Das Netzwerk Kriegstote möchte mit den Schicksalen der vier britischen Soldaten an die Schrecken des Krieges erinnern und deutlich machen, wie wertvoll ein friedliches Weihnachtsfest im Kreise der Familie ist.

© Christian Kandzorra

Stefan Rosellen und Stefan Faßbender für das Netzwerk Kriegstote, 2023