Wir waren mal französische Staatsbürger!

Napoleons Herrschaft 1794 – 1814

Die geschichtlichen Vorgänge

Kaum ein anderes Ereignis hat die Geschichte auch unserer Gegend so nachhaltig geprägt wie die Französische Revolution von 1789. Die anschließende, von 1794 bis 1814 erfolgte Besetzung der linksrheinischen Gebiete durch das napoleonische Frankreich hat gravierende Veränderungen mit sich gebracht.

Gemeinfreies Bild von WikiImages auf Pixabay; Abruf am 11.09.2023 um 16.56 Uhr – Napoleon Bonaparte

Nach mehreren siegreichen Schlachten im seit 1792 andauernden 1. Koalitionskrieg der Franzosen gegen einen europäischen Staatenverbund mit u. a. Österreich und Preußen annektierte die französische Armee im Oktober 1794 die Gebiete links des Rheins. Ohne Rücksicht auf die politischen Grenzen wurde 1798 dieses Gebiet in vier Départements (Bezirke) eingeteilt: Roer (Rur), Saare (Saar), Rhin-et-Moselle (Rhein-Mosel) und Mont-Tonnerre (Donnersberg) mit den jeweiligen Hauptorten Aachen, Trier, Koblenz und Mainz. 1801 wurden die eroberten Gebiete völkerrechtlich von Frankreich einverleibt und die Einwohner waren damit plötzlich französische Staatsbürger. Die knapp 20 Jahre andauernde Zugehörigkeit des linken Rheinufers zu Frankreich erst als besetztes Gebiet, dann als Teil der Republik Frankreich und ab 1804 des Kaiserreichs von Napoleon veränderte auch unsere Grevenbroicher Welt grundlegend entsprechend der französischen Verwaltungsstruktur. Die Départements bestanden aus mehreren Kantonen und diese beinhalteten die Mairien (Bürgermeistereien).

Wie alle anderen bis dahin bestehenden Ämter wurde auch das Amt Grevenbroich aufgelöst. Die seit Jahrhunderten bestehende politische Einheit der Stadt Grevenbroich mit den Landgemeinden Allrath, Barrenstein und Neuenhausen wurde jetzt auf französisch „Mairie“ (Bürgermeisterei) genannt und existierte nur auf unterer Ebene weiter. Die nächsthöhere Ebene ging wegen ihrer verkehrsgünstigen Lage am Schnittpunkt der Straßen Köln – Venlo – Neuss – Jülich an Elsen, das damit Hauptort des neu eingerichteten Kantons Elsen wurde. Innerhalb der neuen Gebietsstrukturen hieß z. B. Allrath nun „Aldenrath“, Mairie de Grevenbroich, Canton d’Elsen, Département de la Roer (= Regierungsbezirk Rur) mit Hauptsitz in Aachen. Nach einem Bericht des Grevenbroicher Stadthistorikers J. H. Dickers wurden bei den Umstrukturierungen die Städte von „der eingesetzten französischen Regierung mit der äußersten Missachtung behandelt“.

Nachfolgend einige Urkundenbeispiele aus dem Grevenbroicher Stadtarchiv, die neben den Veränderungen auch die Zeitrechnung nach dem französischen Revolutionskalender aufzeigen. Der französische Revolutionskalender galt von 1792 bis 1805 und hatte 12 Monate zu 30 Tagen mit jeweils 3 Dekaden von 10 Tagen.

Einer chaotischen Anfangs- und Übergangszeit folgte erst 1800 eine Kommunalreform Napoleons, die wieder eine gewisse Ordnung herstellte. Dabei wurden auch erstmalig Volkszählungen durchgeführt. Grevenbroich hatte danach im Jahr 1801 nur 518 Einwohner und war damit kleiner als manches Dorf in der Umgebung. Einige Jahre später, schon in preußischer Zeit des Jahres 1816, zählte Allrath 597 Einwohner, während in Grevenbroich nur 574 Einwohner lebten.

Die durch Tranchot und von Müffling von 1801 – 1828 durchgeführten exakten Landvermessungen ergeben durch die dabei erstellten Kartenaufnahmen der Rheinlande (die sog. Tranchotkarten) ein genaues Bild. Unsere Gegend wurde mit den Karten 59 und 60 in den Jahren 1807/08 erfasst.

Die 1794 erfolgte französische Eroberung und Herrschaft Napoleons brachte ab 1799 in den Verwaltungsbereichen der linksrheinischen Gebiete einen gewaltigen Modernisierungsschub von bis dahin nicht gekannten Ausmaßen mit sich. Noch heute wirkt sich dies zusammen mit den nachfolgenden Einflüssen der preußischen Zeit ab 1815 in vielen Bereichen aus.

Die französische Sprache

Nach der Errichtung des Roer-Départements 1798 schrieb der französische Justizminister: „Der erste Schritt, um dieses Land der Sklaverei seiner alten Einrichtungen zu entreißen, wird die Förderung der französischen Sprache sein.“ So wurden von der Zivilverwaltung der Ersten Französischen Republik die ersten Standesämter in Deutschland im linksrheinischen Gebiet eingerichtet, die alle Urkunden in französischer Sprache ausstellten. Die Geburtsurkunde hieß „Acte de naissance“, bei der Heirat gab es die „Acte de marriage“ und die Sterbeurkunde war die „Acte de décès“. Die Familiennamen wurden beibehalten, die Vornamen jedoch französisch übersetzt. Und so wurde aus dem Johann ein Jean (bis heute noch Schäng), aus Friedrich wurde „Frédéric“ und aus Heinrich „Henri“, während die Maria Katherina nun „Marie Catherine“ hieß. Auch die Berufsbezeichnungen wurden übersetzt. So wurde aus dem braven Ackerer ein „agriculteur“ oder „cultivateur“, der Tagelöhner war ein „journalier“. Aus Untertanen wurden so verwaltete Bürger. Eingefügt ist die Geburtsurkunde des Urgroßvaters des Verfassers, Jean (Johann) Eßer.

 

© Sammlung Rolf Esser

Die Notare waren „notaire imperial“, also kaiserlich, ihre Urkunden wurden z. B. 1809 eingeleitet mit: „Napoleon, par la grace de Dieu et les constitutions de l’Empire, Empereur des Francais et Roi d’Italie“, 1812 zusätzlich noch mit “Protecteur de la Confédération de Rhin et Médiateur de la Confédération Suisse“ versehen, zu übersetzen mit „Napoleon, durch Gottes Gnade und die Verfassung des Kaiserreichs, Kaiser der Franzosen und König von Italien, Beschützer des Rheinbundes und Vermittler des Schweizer Bundes“. Ein mächtiger Mann und Selbstdarsteller, der da über unsere Vorfahren herrschte, und der das auch nach außen zu dokumentieren wusste.

Man stelle sich vor, was dies für die einfache Bevölkerung bedeutete. Es hat aber offensichtlich funktioniert, wie einem Reisebericht von 1813/14 des Barons de Ladoucette, dem Präfekten des Roer-Departements, zu entnehmen ist. Diese Reise führte ihn auch durch Grevenbroich. Er spricht in seinem Reisebericht von der schnellen Verbreitung der französischen Sprache vor allem durch die Vorgaben bei Gesetzen, Urteilen und Urkunden sowie im geschäftlichen und militärischen Bereich. Weiter: „Ich war überrascht und angetan, als ich während meiner Reisen in den Dörfern nach dem Wege fragte und die Kinder sich die größte Mühe gaben, ihn mir in Französisch zu erklären.“ Über ihre Freude daran ist allerdings genauso wenig bekannt wie über die Qualität des Französischen. Auf diese Weise wurden nach und nach auch französische Begriffe in den Alltagssprachgebrauch übernommen. Man wusste, dass die Landstraße nun „chaussee“ hieß und der Schirm „parapluie“. Zum Einkaufen nahm man das „portemonnaie“ mit statt der bis dahin üblichen Geldbörse. Ein Fläschchen Kölnisch Wasser war zum „Eau de Cologne“ geworden und vom Nachbarn verabschiedete man sich nun mit „à dieu“ (Adieu), was „mit Gott“ bedeutete. Davon zeugt noch bis heute ganz einfach unser rheinisches „tschö“ oder das noch saloppere „tschüss“. Viele andere französische Worte haben sich – teilweise ohne dass wir es noch wissen – bis heute erhalten oder sogar alte deutsche Begriffe ersetzt.

Kirchen, Klöster, Säkularisation

Auch die alte kirchliche Ordnung wurde 1802/1803 mit der Säkularisation beseitigt: Köln verlor zugunsten von Aachen seinen Bischofssitz, an Stelle der Dekanate traten die Kantone. Die örtlichen Kirchen waren nur noch Hilfspfarreien, die der Aufsicht des Pfarrers im Kantonsort unterstanden, in unserem Falle also Elsen.

Die Franzosen gingen noch weiter, indem sie die Überführung von Kirchengütern in staatlichen Besitz anordneten und auch vollzogen. Davon betroffen waren im hiesigen Bereich das Kloster Welchenberg, das Wilhelmitenkloster in Grevenbroich und das Kloster Langwaden, die 1802 aufgehoben und mit den sich darin befindenden Kirchenschätzen veräußert wurden. Auf diese Weise gelangten die Kanzel von Kloster Langwaden und der Altar aus der Klosterkirche in Grevenbroich in die erst kurz zuvor (1792) in Allrath neu erbaute Kirche.

Kriege bis zum Untergang

Die ständigen napoleonischen Kriege und Auseinandersetzungen an fast allen Fronten forderten auch in unserer Region viele Menschenleben. Das Rheinland wurde neben seiner wirtschaftlichen Bedeutung auch gebraucht, um den Franzosen den Nachschub an Soldaten zu sichern. So blieb z. B. unser „Departement de la Roer“ bei der Rekrutierung nicht verschont, als Napoleon 1812 seine „Grande Armee“ für den Russlandfeldzug zusammenstellte. 200.000 der 650.000 Mann stammten allein aus dem Rheinland. Bei diesem Kriegszug bis vor die Tore Moskaus starben über 95 % der Truppen. Napoleon kam geschlagen und nach ungeheuren Verlusten mit nur ca. 10.000 Mann nach Paris zurück.

Durch diese Niederlage war auch der Untergang Napoleons und seines Kaiserreichs eingeläutet. Mit dem Abzug der letzten Truppen im Januar 1814 und der Unterzeichnung des Friedens von Paris im Mai 1814 endete nach fast 20 Jahren die französische Herrschaft im Rheinland. Frankreich wurde zur Rückkehr in die Grenzen von 1792 gezwungen. Auf dem Wiener Kongress 1815 wurde das gesamte Rheinland Preußen zugesprochen und wir Rheinländer für längere Zeit preußische Staatsbürger.

Rolf Esser für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2023

Ein Gedanke zu „Wir waren mal französische Staatsbürger!“

  1. Lieber Rolf,
    sehr schöne Zusammenstellung von den meisten wenig bekannten Fakten und unserer Franzosenzeit.
    Auch der Einbau von persönlichen Daten Deines Urgroßvater veranschaulichen Deinen Bericht sehr. Vielen Dank!
    Einfach Klasse!

    Sigui

    PS:
    Ich hatte mal eine Grevenbroicher Geburtsurkunde mit einem Guillaume gesehen.
    Auch in der Normandie und beim berühmten Teppich von Bayeux gab es Hinweise und Schilder auf Guillaume le Conquérant, was mir zu denken gab. Kannte bis dahin nur den gleichnamigen Spion im Kanzleramt. Und ein Verwandter das war der Onkel Schang, aber geschrieben Jean. Die Verwaltungsreform tat gut und der Code Napoleon wirkt noch immer nach. Auch der Napoleon-Stein im Empanchoir oder das N im Napoleonwehr an der Erft-Umleitung, überhaupt seine wassertechnischen Bauten (Canal du Nord) und selbst die Kö in petite Paris und der Napoleonberg im Hofgarten sind in der Zeit geplant worden und entstanden.
    Ein vernünftiger kurzer Wasserweg zur Maas fehlt heute noch!

    Liebe Grüße, amitié
    Sigui

    Wilhelm der Eroberer
    englisch William the Conqueror, normannisch Williame II, französisch Guillaume le Conquérant
    Willhelmus?

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