Letzter jüdischer Zeitzeuge aus Grevenbroich verstorben

In Erinnerung an Fritz (Fred) Stern

Grevenbroich 18.9.1923
26.12.2021 Corona del Mar/CA USA

Fred Stern 2014 vor dem Fotoalbum, das er 1938/39 kurz vor seiner Emigration anlegte.

Fritz Stern wurde am 18. September 1923 in Grevenbroich geboren und besuchte von 1933 bis 1936 das Realprogymnasium, die Vorläuferschule des Erasmus-Gymnasiums. Seine Familie war jüdischen Glaubens und wohnte seit Generationen in Grevenbroich. Sie war sehr angesehen und vielfältig im Stadtleben engagiert, vor allem seine Großeltern Lazarus & Julie Goldstein sowie sein Großonkel Jacob Goldstein: Bei der Gründung der Höheren Bürgerschule 1861 (der damalige Name des heutigen Erasmus-Gymnasiums), in der Freiwilligen Feuerwehr, bei der Gründung des Roten Kreuzes, bei der Versorgung von Veteranen des Ersten Weltkriegs, mit der Gründung eines Lesevereins und im Leben der jüdischen Gemeinde Grevenbroich. Unter anderem übereignete er auch mit seinem Bruder der jüdischen Gemeinde das Grundstück mit der Synagoge in der Innenstadt – den heutigen Synagogenplatz.

Fritz Sterns Vater, Julius Stern, nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde als Frontkämpfer ausgezeichnet, bevor er Martha Goldstein heiratete.

Jacob Goldstein war ein angesehener Religionslehrer, Mitgründer und über Jahrzehnte einer der prägenden Persönlichkeiten der „israelitischen Lehrerkonferenz für Westfalen und die Rheinprovinz – einige Jahre sogar als Lehrer an der Höheren Bürgerschule!

Die nationalsozialistische Ideologie und insbesondere der seit 1933 zur Staatsdoktrin aufgewertete Antisemitismus war auch im Realprogymnasium deutlich spürbar. Aufgrund diverser antisemitischer Vorfälle auch an der Schule bis 1936 verließ Fritz Stern das Realprogymnasium gegen den Willen seines Vaters, der seinem Sohn trotz allem die bestmögliche Bildung angedeihen lassen wollte. Fritz beendete das Schuljahr auf der Jüdischen Oberschule in Düsseldorf, begann danach ebenda eine handwerkliche Ausbildung und bereitete sich auf die Emigration in die Vereinigten Staaten vor.

 Seine Familie hatte nach den brutalen Übergriffen im Zuge des Novemberpogroms der „Reichskristallnacht“ und anschließenden Inhaftierungen in das KZ Dachau, von denen auch Fritz Onkel Ludwig Goldstein und sein Vater Julius Stern betroffen waren,  den Entschluss gefasst, ihre langjährige Heimat zu verlassen.

2012 Fred Stern mit seinen Erinnerungen “Recollections from My Youth”

Fritz Stern war noch keine 15 Jahre alt, als er im Frühjahr 1939 zusammen mit seinen Eltern in die USA emigrierte und dort als Fred Stern ein neues Leben begann. Hier fand er für die nächsten acht Jahrzehnte eine neue Heimstätte, war beruflich erfolgreich und gründete eine Familie. Verheiratet war er in erster Ehe mit Hannelore (Bier), mit ihr hatte Fred drei Töchter, sein Sohn David verstarb als Kind bei einem tragischen Unfall. In zweiter Ehe war er seit 1972 mit der vor drei Jahren verstobenen Ann (Gerhard) verheiratet.

Den Kontakt zu seiner früheren Heimatstadt hatte Fred Stern nie verloren, fühlte sich ihr bis zuletzt verbunden. Bis in sein Alter bedauerte Fred Stern, dass ihm der Gymnasialabschluss in Deutschland unmöglich war. Im Senior Center seiner neuen Heimat Corona del Mar/Newport Beach nahm er regen Anteil an der „German Class“, außerdem engagierte er sich für die UCI (University of California Irvine).

Ann und Fred Stern 2009 am Erasmusgymnasium.

Im Jahre 2009 besuchte Fred Stern, wie er sich in den USA nannte, mit Hilfe der Bundes-Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, dem Förderverein des Erasmus-Gymnasiums auf Anregung des „Arbeitskreis Judentum“ im Geschichtsverein zuletzt seine Heimatstadt Grevenbroich und auch seine ehemalige Schule, um Schülerinnen und Schülern von seiner Biographie zu berichten. Auch die Gräber seiner in Grevenbroich ansässigen Vorfahren besuchte er gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auf dem jüdischen Friedhof in Grevenbroich.

Gemeinsam mit dem Arbeitskreis Judentum um den heutigen Geschichtsvereinsvorsitzenden Ulrich Herlitz warb er im Rahmen seines Besuches 2009 erfolgreich im Rat  der Stadt Grevenbroich für die Verlegung von Stolpersteinen in Grevenbroich  durch Gunter Demnig. Auch für seine Großeltern Lazarus & Julie Goldstein, seine Großtante Julie Goldstein und seinen Onkel Ludwig Goldstein, ebenfalls Abiturient am Progymnasium (1912), wurden daraufhin Stolpersteine am früheren großväterlichen Anwesen auf der

Stolpersteine Familie Goldstein Lindenstr. 27

Lindenstraße 27 verlegt. Mittlerweile ist die 9. Stolpersteinverlegung mit Gunter Demnig für dieses Jahr in Planung, in deren Rahmen auch ein Stolperstein für die ehemalige Schülerin (Höhere Mädchenschule) und Groß cousine von Fritz Stern, Grete Goldstein, verlegt werden soll.

Ulrich Herlitz verfasste einen Aufsatz zu Fritz Stern und seiner Familie in der Festschrift zum 150. Gründungstag des Gymnasiums. Gemeinsam mit dem Geschichtsverein und Geschichtslehrer Martin Lönne wurden pädagogische Arbeitsblätter zu seiner Familie sowie eine Arbeitsmappe zu den Stolper-steinen der Familie Goldstein erarbeitet, die bis heute genutzt werden.

Zurzeit beschäftigen sich zwei Kurse Geschichte mit den Lehrern Till Krewer und Peter Cwik am Erasmusgymnasium mit Fritz „Fred“ Stern und bereiten einen Projekttag zu ihm und seiner Familie anlässlich des Holocaustgedenktages vor.

Am 26. Dezember 2021 verstarb der ehemalige Schüler Fritz Stern im Alter von 98 Jahren in seiner Heimat Corona del Mar / Newport Beach, Kalifornien. Um ihn trauern seine drei Töchter Julie, Peggy und Barbara mit ihren Familien.

Mit Fred Stern ist die Stimme eines der letzten Zeitzeugen und Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung in Grevenbroich, aber auch einer der ältesten, seit mehreren Generationen ansässigen Familien Grevenbroichs endgültig verstummt. Nun liegt es umso mehr auch an uns, seine Familiengeschichte und die der nationalsozialistischen Zeit in Grevenbroich sowie der Grevenbroicher Holocaustopfer zu erzählen. Auch die Schulgemeinde des Erasmusgymnasiums will sich der Erinnerung an ihren ehemaligen Schüler Fritz Stern in besonderem annehmen.

Viele seiner Briefe und Nachrichten endeten mit Fred´s Gruß an seine frühere Heimatstadt, nun ist es an uns, uns von ihm zu verabschieden mit einem letzten Gruß: „Tschüss Fritz“!

Ulrich Herlitz
Arbeitskreis Judentum / Geschichtsverein Grevenbroich

Dr. Michael Collel
Schulgemeinschaft des Erasmusgymnasium

Eckard Cwik
 Verein der Förderer und Freunde des Erasmusgymnasiums

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.