Die Rathausuhr von Grevenbroich

Waren Rathaus- und Turmuhren früher noch unersetzliche Zeitanzeigen für die breite Bevölkerung, sind sie heute bis auf wenige historisch wertvolle Ausnahmen verschwunden und nahezu in Vergessenheit geraten. Diese Uhren dienten der Bevölkerung zur Einteilung ihres Tages hinsichtlich der Gebetszeiten und auch für weltliche Angelegenheiten wie Beginn und Ende des Arbeitstages. Eigene Uhren waren in der Regel unerschwinglich und wurden auch nicht mitgenommen außer als Taschenuhr zu entsprechender Kleidung. Kirchenglocken dagegen läuteten hauptsächlich zum Gottesdienst oder zum Gedenken.

Die Grevenbroicher Rathausuhr um 1880 kurz nach der Fertigstellung.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Da es sich bei diesen historischen Uhren um mechanische Uhren handelte, mussten sie regelmäßig von Hand aufgezogen werden, um den Antrieb des Uhrwerks zu gewährleisten. Die Aufziehintervalle hingen von der Größe der Uhr und den befestigten Gewichten ab. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts ging man dazu über, die Uhrwerke mit elektrischen Motoren zu versehen. In Grevenbroich dauerte die Umrüstung jedoch noch bis ins Jahr 1938, als man das Rathaus umbaute.

Die neue Grevenbroicher Rathausuhr um 1940 kurz nach dem Umbau.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Und hier beginnt unsere heutige Grevenbroicher Stadtgeschichte, die so heutzutage eigentlich nicht mehr vorstellbar ist. Frau Schulte vom Stadtarchiv Grevenbroich fand nachfolgenden Zeitungsartikel in einer bisher unbearbeiteten Akte des Grevenbroicher Archivbestandes und stellte ihn dem Autor zu weiteren Recherchen zur Verfügung.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

„Über 50 Jahre die Rathausuhr aufgezogen/Ein seltener Beruf und ein seltenes Jubiläum für eine Frau / Der Bürgermeister dankte Frl. Maria Kaffill / Noch heute im Beruf tätig

Grevenbroich. Wie wir schon verschiedentlich berichteten, wird das Rathaus in Grevenbroich in diesen Wochen gründlich umgebaut. Dabei muss auch die Rathausuhr verschwinden, die bisher durch Jahrzehnte hindurch treu und brav den Grevenbroichern die genaue Zeit anzeigte. Genau war die Zeit immer, und uns ist kein Tag bekannt geworden, an dem die Uhr einmal gestreikt hat.

Diese Uhr wurde seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von einer Frau betreut. Die Uhrmacherin Maria Kaffill aus Grevenbroich ist täglich, bei gutem und bei schlechtem Wetter, bei Sonnenschein und bei Eis hinauf auf das Dachzimmer des Rathauses gestiegen und hat die Uhr aufgezogen. Nicht einen einzigen Tag hat sie in all den Jahren ausgesetzt. Niemals war sie krank. Und so ist es kein Wunder, wenn die Grevenbroicher sich nie über ihre Rathausuhr beklagen konnten.

Nun, da die Rathausuhr verschwindet, muss Frl. Kaffill auch ihre liebgewordene Beschäftigung aufgeben. Wir sind daher noch einmal zu ihr gegangen, um uns aus den Jahren erzählen zu lassen. Aber wir waren im Irrtum, wenn wir glaubten, die heute 78jährige Frau zu Hause im Stuhl anzutreffen. Wir mussten ihr nachfahren in eine der Grevenbroicher Fabriken, in denen sie noch heute trotz ihres hohen Alters allwöchentlich „die genaue Zeit macht“.

Nun sitzen wir ihr gegenüber und lassen uns in ihrer bescheidenen Art aus ihrem Leben erzählen. Mein Vater, so berichtete sie uns, war Uhrmacher. Als ich aus der Schule kam, hatten wir viel zu tun und so stellte mich mein Vater bei seiner Arbeit an. Über 65 Jahre bin ich so in meinem Berufe tätig. In den siebziger Jahren übertrug uns, so fuhr die alte Dame fort, der damalige Bürgermeister Schmitz die Pflege der Rathausuhr. Zuerst wurde sie von meinem Vater gründlich repariert, dann täglich gepflegt, bis mir eines Tages mein Vater die Pflege der Uhr übertrug. Von diesem Tage an bin ich täglich in die Dachstube geklettert, meistens in der Mittagszeit zwischen 14 und 15 Uhr. Dann habe ich die Uhr gestellt und die Gewichte aufgezogen. Zwar, so berichtete sie uns weiter, lief die Uhr an sich drei Tage, nur das Läutewerk lief genau 24 Stunden. Und darauf musste ich ja besonders Acht geben. Keine Stunde hat die Uhr ausgesetzt, alles ist immer seinen gewohnten Gang gelaufen. Von Besonderheiten kann ich nicht berichten. Nur im Winter habe ich oft mehrere Male am Tage hinauf gemusst. Da waren die Klöppel, die oben im Freien hingen, vereist, und da musste ich eben warten bis die Maschinerie bis mittag wieder aufgetaut war. Aber gegangen, so erklärte sie uns voller Stolz, hat die Uhr immer. Das war mein Ehrgeiz. Es ist, so meinte sie abschließend, nicht immer ganz einfach gewesen. Denn nie konnte ich einen Tag länger von Grevenbroich fortbleiben. Immer wieder musste ich mittags pünktlich zur Stelle sein.

Mit Freude berichtete Frl. Kaffill uns dann zum Abschluss unseres Besuches, dass ihr der Bürgermeister der Stadt Grevenbroich gerade in diesen Tagen ein Anerkennungsschreiben übersandt habe. Er habe ihr darin sogar versprochen, die alte Uhr nicht zum Schrott zu werfen, sondern aufbewahren zu lassen. An Stelle der alten Turmuhr wird jetzt eine elektrische Uhr eingebaut.

Die Heimatzeitung, die „Rheinische Landeszeitung“ übermittelt der betagten Uhrmacherin ihre herzlichsten Glückwünsche zu diesem Jubiläum. Diese Treue und restlose Pflichterfüllung bis zum letzten mögen uns und unseren Lesern immer als Vorbild dienen.“

Das Anerkennungsschreiben der Stadt Grevenbroich durch den damaligen Bürgermeister Lorenz Wilms liegt dem Stadtarchiv Grevenbroich ebenfalls noch vor.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

Wo die alte Rathausuhr nach ihrem Ausbau tatsächlich geblieben ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Ebenso ist nicht bekannt, wo sie nach fast 90 Jahren verblieben ist. Das Grevenbroicher Heimatmuseum befand sich in den 1930er Jahren noch im Torbogen des Alten Schlosses, bevor es in den Jahren 1939 ff. ins eigentliche Schloss umsiedeln sollte.

Quelle: © Jürgen Larisch

Inwieweit der Bürgermeister Lorenz Wilms zu dieser Anerkennung durch die Bevölkerung „gezwungen“ wurde, bleibt derzeit offen, da im Archiv lediglich ein weiteres Schriftstück zu diesem Fall gefunden wurde.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

Aber wer war Fräulein Maria Kaffill? Maria Helena Kaffill wurde am 28. April 1860 in Wevelinghoven vermutlich als erstes Kind des Uhrmachermeisters Anton Kaffill und seiner Frau Helena Heusch geboren. Sie starb am 26. Juli 1943 im Grevenbroicher Krankenhaus an einer Lungenentzündung. Laut einem Zeitungsartikel zum 125jährigen Firmenjubiläum vom 30. September 1983 hatte sie 17 weitere Geschwister von denen drei ebenfalls das Uhrmacherhandwerk erlernten. Für diesen Beitrag konnten bisher aber nur 14 Kinder in Grevenbroich und Wevelinghoven nachgewiesen werden.

Zu Anton Kaffill und seiner im Jahr 1858 gegründeten Firma wurden folgende Informationen und Begebenheiten recherchiert. Laut Sterbeurkunde Nr. 29/1903 vom 11. Mai 1903 starb Anton Kaffill als 71jähriger Uhrmacher in Wevelinghoven. Geboren wurde er um 1832 in St. Mauritz einem Stadtteil von Münster in Westfalen. Seine Frau hieß Helena Heusch, geboren in Wesel. Sie überlebte ihn um zwei Jahre.

Ursprünglich bezog Anton Kaffill als Theologiestudent ein Zimmer bei einem Münsteraner Uhrmachermeister zur Untermiete. Bereits nach kurzer Zeit interessierte er sich mehr für dessen Handwerk, brach sein Studium ab und ging bei seinem Vermieter in die Lehre. 1858 legte er seine Meisterprüfung ab, zog ins Rheinland, heiratete und gründete im gleichen Jahr in Wevelinghoven an der Poststraße sein erstes Geschäft.[1]

Aufgrund neuer in diesem Jahr gefundener Zeitungsannoncen vermutet der Autor jedoch die Erstgründung des Uhrmacherfachgeschäfts in Dortmund und nicht in Wevelinghoven. Im März 1859 wurde ein gänzlicher Ausverkauf goldener und silberner Anker-, Zylinder-, Spindel- und Wand-Uhren zu Fabrik-Preisen angeboten. Gemäß dem Dortmunder Adressbuch von 1859 handelte es sich um einen Anton Kaffill, der Uhrmacher unter gleicher Adresse war. In den Dortmunder Adressbüchern vor bzw. nach 1859 war dieser Uhrmacher Anton Kaffill nicht mehr zu finden.

Quelle: Dortmunder allgemeines Kreisblatt Nr. 34 vom 19. März 1859, Seite 4
Quelle: Dortmunder Adressbuch von 1859

Nur einen Monat später annoncierte Anton Kaffill eine Anzeige über die Geschäfts-Eröffnung eines Uhrmachergeschäftes am 1. April 1859 in Wevelinghoven.

Quelle: Grevenbroicher Kreisblatt und Organ für die Gilbach vom 10. April 1859, Seite 4

Wann Anton Kaffill dann ein weiteres Uhrmachergeschäft auf dem Grevenbroicher Marktplatz eröffnete, kann zurzeit nicht abschließend gesagt werden, da es hierfür keine Belege gibt. Allerdings muss dies vor 1879 geschehen sein, da es im Adressbuch des Kreises Grevenbroich aus dem Jahr 1879 zwei Einträge gibt – in Wevelinghoven und in Grevenbroich.

Vor der Erweiterung der Kirche (vor 1900) befand sich das Handelsgeschäft von Anton Kaffill dort, wo später die Firma Foto Jähne über Jahrzehnte ihr Unternehmen betrieb (2. Haus von rechts mit Schild).

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft (Pfeil) am Marktplatz um 1900 nach der Erweiterung der Kirche.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich
Quelle: ©Jürgen Larisch

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft (rechts) um 1944 mit dem noch nicht zerstörten Rathaus im Hintergrund.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Laut einem weiteren Zeitungsartikel im Stadtanzeiger Grevenbroich zum 125jährigen Firmenjubiläum wurden fast alle Großuhren von Anton Kaffill selbst gebaut. In dieser Zeit hatte er wohl zwischen 15 und 20 Gehilfen beschäftigt. Zu jener Zeit dürfte Anton Kaffill wohl auch der erste „Optikus“ im Kreisgebiet gewesen sein. Als solcher handelte er neben Brillen auch mit optischen Artikeln.[2]

1950 übernahm Edmund Kaffill, ein Enkel von Anton Kaffill, das Geschäft in Grevenbroich. Dieser baute bereits 1954 ein neues und modernes Geschäftshaus mit zwei getrennten Fachgeschäften für Uhren, Gold- und Silberwaren und Bestecken und ein zweites für Augenoptik und Hörgeräte.[3]

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft am Marktplatz um 1970.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich
Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Im Jahr 1983 konnte die Firma Kaffill auf ihr 125jähriges Bestehen zurückblicken, welches sich im Laufe dieser Zeit vom reinen Uhrmacherfachgeschäft auch zum Fachgeschäft des Optikerhandwerks und des Verkaufs von Gold- und Silberwaren entwickelt hatte. Und dies seit 1981 auch an verschiedenen Standorten bzw. unterschiedlichen Firmen. So wurde z. B. die Augenoptik in die Räume des neuen Rathauses verlegt.

Seit 2015 befindet sich in dem Gebäude am Marktplatz u. a. ein Modegeschäft. Nachdem es mehr als ein Jahr leer gestanden hatte, wechselte 2014 der Eigentümer, der es umfangreich renovierte und Umbaumaßnahmen durchführte. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden alle Fachgeschäfte der Familie Kaffill in Grevenbroich und Wevelinghoven geschlossen.

Heute (im Oktober 2025) sieht das Gebäude wie folgt aus:

Quelle: © Stefan Faßbender

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

[1] Neuss Grevenbroicher Zeitung vom 30. September 1983

[2] Stadtanzeiger Grevenbroich vom 13. Oktober 1983

[3] Stadtanzeiger Grevenbroich vom 13. Oktober 1983

 

Als vor 40 Jahren die Turmhaube von St. Georg in Alt-Elfgen brannte und völlig zerstört wurde

St. Georg mit Turmhaube, Kreuz und Wetterhahn im Frühjahr 1985

Quelle: AiRKN, Bestand F 18 – Fotoarchiv Michael Reuter Nr. 3707

Als am Sonntag, den 29. September 1985, gegen 7 Uhr morgens Alarm bei der Feuerwehr einging, zerschlugen sich die Träume aller Elfgener, ihre alte Turmhaube aus wertvollem Eichengebälk zukünftig auf dem neuen Friedhof wiederzufinden.

Wie viele andere Orte in unserer Gegend auch, war Alt-Elfgen ebenfalls durch den Braunkohletagebau betroffen und dem „Untergang“ geweiht. Im Jahr 1985 standen nur noch wenige Gebäude im Ort. Dazu gehörte auch die ursprünglich 1749 erbaute und 1932 erweiterte Kirche St. Georg (siehe Beitrag in der Festzeitschrift BSV Elfgen 2024). Ihr Abriss begann am Freitag, den 27. September 1985.

Die Turmhaube sollte als Mahnmal und Denkmal ein Zeichen der Erinnerung setzen. Das Kreuz und der Wetterhahn der alten Kirche sollten einen Platz auf der neuen Kirche in Neu-Elfgen finden, die bereits im Juni 1985 durch Kardinal Höffner eingesegnet worden war

St. Georg nach der Brandstiftung und dem Teilabriss einige Tage zuvor.

Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0006
Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0007

Das war eine Schreckensnachricht, nachdem eine Abbruchfirma am Freitag vorher damit begonnen hatte, Teile der alten Pfarrkirche abzureißen, um die alte Turmhaube in den nächsten Tagen herunterzuholen und wohlbehalten an ihren neuen Bestimmungsort zu bringen. Nach damaligen Zeitungsartikeln versuchten unbekannte Personen (bzw. „Spitzbuben“) den goldglänzenden Wetterhahn von der Turmspitze zu stehlen. Es wurde vermutet, dass die Diebe einfach die Turmhaube in Brand setzten, um an den „goldenen“ Hahn zu gelangen. Der Dachstuhl des Kirchturmes brannte dabei völlig aus. Der sehr stark beschädigte Wetterhahn, der im Übrigen lediglich aus Messing bestand, konnte jedoch von der Kripo sichergestellt werden. Das Turmkreuz sowie die Stahlglocken konnten ebenfalls in den Trümmern geborgen werden. Eine vorläufig festgenommene Person wurde noch am gleichen Tag von der Kripo wieder auf freien Fuß gesetzt, da sie nichts mit der Brandstiftung zu tun hatte.

Das Innere des Turms nach dem Brand der Turmhaube.

Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0012
Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0014

Rund neun Monate nach dem bedauernswerten Unglück der Brandnacht konnten der Wetterhahn und das Kreuz nach aufwendiger Restaurierung jedoch ihren Platz auf der neuen Pfarrkirche finden. Der Turmhahn, dem Beine und andere Teile fehlten, wurde durch Schlossermeister Mohr anhand alter Vorbilder getreu hergerichtet. Seinen alten Glanz erhielt der Hahn, der ursprünglich aus dem Jahr 1756 stammte, durch Franz Meger zurück, der ihn zusätzlich vergoldete.

Quelle: NGZ vom 5. Juni 1986

Im Beisein vieler Zuschauer fand der neue, alte Wetterhahn mit Hilfe eines riesigen Kranes und der Grevenbroicher Feuerwehr im Juni 1986 seinen neuen Platz in dreißig Metern Höhe auf dem Dach von St. Georg in Neu-Elfgen. Für viele ältere Zuschauer kehrten damit ein Stück Heimatgeschichte und viele Erinnerungen an ihre alte Heimat zurück. Der Traum einer Mahn- und Gedenkstätte in Form der alten Turmhaube auf dem neuen Elfgener Friedhof konnte dagegen nicht in Erfüllung gehen.

Der Wetterhahn im Juni 2025.

Quelle: Stefan Faßbender

Übrigens konnte der bzw. konnten die einstigen Brandstifter bis heute nicht ermittelt werden. Der Autor dieses Beitrages würde sich sehr über eine Kontaktaufnahme freuen, wenn weitere Erkenntnisse und Geschichten über diesen mysteriösen Fall oder sogar weitere Bilder existieren.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Kriegerdenkmal aus Alt-Elfgen

Der Geschichtsverein Grevenbroich und das Stadtarchiv Grevenbroich benötigen Hilfe aus der Grevenbroicher Bevölkerung für die Suche nach Gegenständen wie Urkunden, Namensverzeichnissen, Orden und ca. 50 Milliarden Mark (aus der Zeit der Hyperinflation), welche im Jahr 1977 von Jakob Nagel im Fundament des Kriegerdenkmals in Alt-Elfgen gefunden wurden.

Bei den Recherchen für den diesjährigen Artikel in der Festschrift „BSV Elfgen-Belmen“ (auch hierüber wird die NGZ im September berichten) ist der Heimatforscher Stefan Faßbender in einer Elfgener Zeitungssammlung über folgenden sehr interessanten Artikel „gestolpert“:

Quelle: NGZ vom 6. Oktober 1977

Nach der Umsiedlung des Ehrenmales nach Neu-Elfgen begab sich der damals bereits 84-jährige Jakob Nagel mit Hammer und Meißel ans Werk und legte das alte Fundament des Ehrenmals in Alt-Elfgen frei. Dabei förderte er die im Zeitungsartikel der NGZ vom 6. Oktober 1977 genannten wertvollen Zeugen der Vergangenheit zu Tage. Die Gegenstände wurden zur ersten Kirmes in Neu-Elfgen im Jahr 1977 in der damaligen Schreinerei Linges ausgestellt und sind seitdem nicht mehr aufzufinden. Laut Zeitungsartikel stand damals noch nicht fest, wo diese „wertvollen Schätze“ verbleiben sollten. Obwohl sich viele ältere Elfgener noch an diese Ausstellung erinnern können, konnte trotz intensivster Recherchen der Aufbewahrungsort der Gegenstände von Stefan Faßbender bisher nicht ermittelt werden.

Der Geschichtsverein Grevenbroich und das Stadtarchiv Grevenbroich gehen davon aus und hoffen, dass die Gegenstände noch immer in einem Elfgener Keller wohlbehütet lagern und auf ihre „Neuentdeckung“ warten. Stefan Faßbender betont hierbei, dass es nicht darum geht, die Gegenstände in Besitz zu nehmen, wenn dies nicht gewollt ist, sondern sie zumindest digital zu erfassen und für ein vermutlich im Jahr 2026 startendes weiteres Geschichtsprojekt über Alt-Elfgen als Leihgabe für einen gewissen Zeitraum zu erhalten.

Das Elfgener Kriegerdenkmal wurde am 7. Juli 1929 eingeweiht. Entwurf und Ausführung erfolgten durch den Grevenbroicher Bildhauer Gorius. Die Gesamtkosten betrugen 3.720,95 RM (Reichsmark).  Heute befindet es sich zusammen mit dem Belmener Ehrenmal auf dem Hollenweg in Elfgen. Außerdem wurde es um die Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs ergänzt.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, Schulchronik Elfgen, Band 3, Seite 65ff.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Der bürokratische Kampf einer Mutter um das Leben ihrer Söhne

Vermutlich kennt jeder den preisgekrönten Film „Der Soldat James Ryan“ von Steven Spielberg aus dem Jahr 1998, der eigentlich auf das Schicksal der Niland-Brüder zurückgeht. Aufgrund der sogenannten „Sole Survivor Policy“ wurden amerikanische Soldaten von der kämpfenden Front in die USA zurückgeschickt, wenn sie die letzten Überlebenden von Soldatenbrüdern einer Familie waren. Bis 2008 handelte es sich hierbei nicht um ein Gesetz, sondern lediglich um ein internes militärisches Regelwerk seit den amerikanischen Sezessionskriegen. Dies änderte sich erst im August 2008 mit dem „Hubbard Act“, einem Gesetz, welches auf die „Sole Survivor Policy“ Bezug nimmt. Heute gilt es auch für Soldatinnen.

Gab es für die Deutsche Wehrmacht ein ähnliches Regelwerk oder sogar ein Gesetz?

Ja. Auch für Soldaten der Wehrmacht gab es eine ähnliche Verfügung, die im Juni 1940 veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der Westfeldzug erfolgreich abgeschlossen und die Verluste im Verhältnis zum später beginnenden Ostfeldzug geringer. Heutige Schätzungen gehen von rund 27.000 gefallenen Soldaten aus, die während der Westoffensive gefallen waren. Dementsprechend waren Soldaten aus der kämpfenden Truppe eher verzichtbar und konnten an weniger gefährdete Stellen der Front oder in die Heimat versetzt werden.

Allgemeine Heeresmitteilungen vom 21. Juni 1940, Blatt 14, Seite 317, Nr. 713

Anmerkung zum Artikel: Zu diesem Zeitpunkt wurde der 2. Weltkrieg noch nicht als solcher benannt, daher wird der 1. Weltkrieg hier als „Weltkrieg“ erwähnt.

Im Jahr 1942 wurde diese Regelung nochmalig ergänzt bzw. erweitert, wenn der Soldat der letzte überlebende Sohn einer Familie war.

Marburger Zeitung vom 6. Februar 1942, Seite 6

Während des weiteren Verlaufes des Zweiten Weltkrieges, insbesondere nach Beginn des Russlandfeldzuges und den damit verbundenen sehr stark ansteigenden hohen Verlusten, wurden die Befreiungsvorschriften immer mehr ausgesetzt bzw. gestrichen. Im September 1943 wurden die Schutzbestimmungen für einzige und letzte Söhne vollends aufgehoben. Lediglich Väter mit fünf noch lebenden, unversorgten Kindern bzw. Familien mit fünf und mehr im Wehrdienst stehenden Söhnen konnten sich noch auf die Schutzbestimmungen berufen.

Heeres-Verordnungsblatt vom 27. September 1943, Teil B, Blatt 19, Seite 269, Nr. 525

In Grevenbroich ereignete sich ein besonders tragischer Fall, der sowohl die Verzweiflung einer Mutter zeigt, ihre Söhne oder zumindest einen ihrer Söhne retten zu wollen, als auch ihren Mut, immer wieder neue Anträge beim Bürgermeister von Wevelinghoven zu stellen.

Das Netzwerk „Kriegstote in Grevenbroich“ ist bei Recherchen zufällig auf die Akte der Familie Düxmann aus Langwaden gestoßen und hat sich daher entschlossen, dieses Thema zu beleuchten. Unter Beachtung des Datenschutzes nach dem Personenstandsgesetz werden hier bis auf wenige Ausnahmen auch die Namen und Daten aller Familienmitglieder genannt. Sollten sich Nachkommen in dieser Familie wiederfinden, würden wir uns sehr über eine Kontaktaufnahme freuen, um weitere Informationen bzw. Bilder/Totenzettel zu erhalten, damit die Opfer dieses Krieges endlich ein „Gesicht“ bekommen.

Wer war die Familie Düxmann aus Langwaden und welche Schicksale musste sie während des Zweiten Weltkrieges ertragen?

Die Familie von Wilhelm Düxmann (*1879, +1935) und Anna Steins (*1879, +1947) hatte insgesamt 8 Kinder (6 Söhne und 2 Töchter). Alle 6 Söhne wurden während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Am 10. August 1941 um 14.30 Uhr starb der Sohn Wilhelm Düxmann (*1915, +1941) im Alter von 26 Jahren bei Rodnja (bzw. Rudnja oder Rodiga) in Russland. Er war Obergefreiter des Panzer Stab Artillerie Regiments Nr. 103 und starb an den Verletzungen durch einen Granatsplitter im Hinterkopf. In der Verlustkartei für Wehrmachtsangehörige wurde als Grablage die Ortsstraße in Ssokolowka angegeben. Eine Überführung auf einen Soldatenfriedhof hat bisher nicht stattgefunden.

Nur einen Monat später, am 12. September 1941, starb der Sohn Anton Düxmann (*1917, +1941) im Alter von 24 Jahren in Michajlowsskaja bei dem Angriff bzw. der Belagerung von Leningrad (heute: St. Petersburg). Laut dem Volksbund befindet sich sein Grab noch immer in Iwanowka-Ropscha in Russland. Eine Umbettung auf einen Soldatenfriedhof hat bisher nicht stattgefunden.

Mit dem Tod ihrer o. g. Söhne Wilhelm und Anton im August bzw. September 1941 stellte die Mutter Anna Düxmann geb. Steins unter Bezugnahme auf den Führererlass einen Antrag, ihren jüngsten Sohn Michael Düxmann (*1920) vom Einsatz in der kämpfenden Truppe zu befreien und ihn in ein Ersatz-Bataillon zu versetzen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Die Entscheidung oder die Beweggründe der Mutter, für den einen oder anderen Sohn einen Antrag zu stellen, können wir aufgrund der Aktenlage leider nicht beurteilen. Es muss aber für eine Mutter herzzerreißend gewesen sein, sich für nur ein Kind entscheiden zu müssen. Wir können auch nicht beurteilen, welchen Repressalien sie mit ihren Anträgen beim Bürgermeisteramt oder auch in der Nachbarschaft ausgesetzt war.

Dieser Antrag hatte aber Erfolg, denn bereits am 2. November 1942 stellte die Mutter einen erneuten Antrag. Diesmal, um selbigen Sohn Michael Düxmann nun vollständig aus dem Wehrdienst herauszuholen. Begründet wurde der Antrag damit, dass Michael der Haupternährer der Familie sei und bereits zwei andere Söhne gefallen waren. Laut der u. g. Feldpost Nr. 25494 muss Michael zum Infanterie-Ersatz-Regiment 216 gehört haben, welches in Hameln stationiert war. Im Oktober 1942 wurde das Regiment zum Reserve-Infanterie-Regiment 216 umgegliedert und nach Belgien verlegt. Im November 1942 wurde das Regiment zum Reserve-Grenadier-Regiment 216 umbenannt und kam danach bei Dixmuiden in Belgien zum Einsatz.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Dieser Antrag hatte aber wohl keinen Erfolg, da sie bereits 10 Monate später einen wiederholenden Antrag stellte. Gemäß der nun genannten Feldpost Nr. 57524 gehörte Michael dem Regimentsstab-Infanterie- (bzw. Grenadier-) Regiment 891 an. Dieses wurde am 20. Mai 1943 als bodenständiges Regiment in Belgien aufgestellt.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Vermutlich kam es in den nächsten 6 Wochen noch zu einer Verschlimmerung für ihren Sohn Michael, denn seine Truppe gehörte nach dieser Zeit wieder zu den kämpfenden Einheiten. Das Regiment 891 wurde im Oktober 1943 nach Kroatien verlegt. Daraufhin stellte seine Mutter bereits am 1. November 1943 einen erneuten Antrag, ihren Sohn aus der kämpfenden Truppe zurückzuziehen und denselben im Heimatkriegsgebiet verwenden zu wollen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Wie verzweifelt muss die Mutter wohl gewesen sein, denn wie bereits am Anfang beschrieben, wurden im September 1943 de facto alle Schutzbestimmungen für kämpfende Soldaten aufgehoben. Entsprechend wurde der Antrag der Mutter nicht genehmigt. Ihr jüngster Sohn, der Unteroffizier Michael Düxmann (*1920, +1943), ist im Alter von nur 23 Jahren in Zara im Balkan gefallen. Laut dem Volksbund ist er vermutlich als unbekannter Soldat auf die Kriegsgräberstätte Split überführt worden. Sein Regiment 891 wurde im Dezember 1944 vollends vernichtet.

Dennoch begab sich Anna Düxmann am 26. Januar 1944, vermutlich unbeirrt oder verzweifelt und mit viel Mut, erneut zum Bürgermeister nach Wevelinghoven. Und das zu einer Zeit, als die Wehrmacht bereits überall auf dem Rückzug war und die letzten noch wehrfähigen Männer im Reichsgebiet zum Kriegseinsatz eingezogen wurden.

An diesem Tag stellte sie einen Antrag, ihren ältesten Sohn Hermann Düxmann aus den kämpfenden Truppen zurückzuziehen, der erst am 28. August 1943 einberufen wurde und sich zu diesem Zeitpunkt in Modlin/Südostpreußen befand. Vermutlich war er dort in der Garnison Modlin, einer der größten polnischen Festungen, stationiert. Die Festung beheimatete neben einer Division auch ein Rekrutenausbildungszentrum der Wehrmacht und einen Nachschubstützpunkt für die Ostfront. Die äußeren Forts wurden u. a. auch für ein Durchgangslager und ein Konzentrationslager genutzt. 1945 wurde die Festung von der Roten Armee befreit.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Hermann Düxmann überlebte den Krieg. Vermutlich wurde er nicht aus der kämpfenden Truppe versetzt. Ob er in russische Gefangenschaft geriet oder sich rechtzeitig in Richtung Westen „absetzen“ konnte, ist aus den vorliegenden Unterlagen leider nicht zu ersehen. Jetzt würde man sich wünschen, dass er mit seiner Frau Gertrud Bodewein noch viele glückliche und zufriedene Jahrzehnte hätte verbringen dürfen. Doch dies blieb ihm nicht vergönnt, denn er starb am 13. Juli 1949 durch einen Verkehrsunfall im Grevenbroicher Krankenhaus. Das Schicksal kann manchmal sehr grausam sein.

StA Grevenbroich, Sterberegister Grevenbroich, Nr. 81/1949

Der zweitgeborene Sohn Johann Düxmann (*1908, +1964) überlebte den Krieg ebenfalls. Er starb am 17. September 1964 in Grevenbroich. Laut seiner Feldpost Nr. 13751 E gehörte Johann zu diesem Zeitpunkt wohl zur 4. Kompanie des Stellungsbau-Pionier-Bataillon Nr. 788. Das Bataillon wurde im September 1943 nach Italien verlegt und war noch bis 1945 im Raum Udine unter der 10. Armee eingesetzt. Weitere Informationen sind zurzeit nicht bekannt.

Der drittgeborene Sohn Adam Düxmann (*1913, +1981) überlebte auch den Krieg. Er starb am 3. Januar 1981 in Grevenbroich. Laut seiner Feldpost Nr. 24799 C gehörte er zur 8. Batterie des Artillerie-Regiments Nr. 306. Dieses wurde im Januar 1945 gestrichen. Vermutlich gehörte seine Einheit zur Heeresgruppe Südukraine. Ein eindeutiger Standort lässt sich zurzeit jedoch nicht identifizieren. Weitere Informationen sind leider zurzeit auch nicht bekannt.

Für die Eindrücklichkeit solch erschütternder Ereignisse können auch die amtlichen Anträge und Eintragungen stehen – trotz Bürokratie fast spielfilmreif.

Stefan Rosellen und Stefan Faßbender für das Netzwerk „Kriegstote in Grevenbroich“, 2024

Schüsse in der Nacht

Wirtssohn des Dycker Weinhauses überrascht Einbrecher

In der Neusser Zeitung vom 8. Juni 1938 wird von einem Vorfall aus Damm in der Nähe von Schloss Dyck berichtet:

Bericht in der Neusser Zeitung (8.6.1938)[i]

Dort heißt es:
Schüsse in der Nacht – Nächtlicher Kampf mit Einbrechern – Damm bei Schloß Dyck.
Ein Erlebnis mit Einbrechern, das einen tragischen Ausgang hätte nehmen können, hatte in der Nacht zu Pfingstsonntag der Sohn des Inhabers des Dycker Weinhauses. Der Sohn hörte plötzlich in der Nacht in den unteren Räumen verdächtige Geräusche. Er begab sich sofort nach unten, nahm aber zur Vorsicht ein Jagdgewehr mit. Als er in der Wirtschaft das Licht einschalten wollte, gingen plötzlich Schüsse los und die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf. Er ließ sich von den Einbrechern unbemerkt sofort hinfallen. Diese feuerten in seiner Richtung noch weitere Schüsse ab. Dann ergriffen die Täter die Flucht, wobei sie ihre Beute im Stich ließen. Auf der Flucht sandte der Wirtssohn ihnen noch einige Schüsse aus dem Jagdgewehr nach. Aber es gelang den Einbrechern, in einem bereitstehenden Kraftwagen zu entkommen. Sie hatten bereits erheblich Mengen Wein, Liköre und Tabakwaren in Kisten verpackt, um diese in dem Kraftwagen mitzunehmen. Durch die Wachsamkeit und den Mut des Wirtssohnes wurde ihr Vorhaben verhindert. Später wurden insgesamt acht Kugeleinschläge festgestellt. Der junge Mann selbst wurde nicht verletzt. Ein Kugeleinschlag wurde in seiner Hose ermittelt.“[ii]

Das Dycker Weinhaus[iii]

Beim Wirtssohn wird es sich vermutlich um den 1910 geborenen August Breuer, Sohn der Eheleute Adam Breuer und seiner Frau Sibilla Gertrud Baurmann, gehandelt haben.[iv] Der Vater hatte 1903 das Dycker Weinhaus übernommen.[v] Der Vater wird auch im Einwohner-Adressbuch für den Kreis Grevenbroich-Neuß als Landwirt unter der Anschrift Damm 2 geführt und in standesamtlichen Urkunden als Land- und Gastwirt bezeichnet wird. Ob die Einbrecher gefasst wurden, ließ sich bislang nicht ermitteln.

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

 [i] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20653255 (1.5.2024, 17.03 Uhr) 
[ii] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20653255 (1.5.2024, 17.03 Uhr)
[iii] Digitale Sammlung Michael Salmann
[iv] Genius
[v] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 140

Tödlicher Unglücksfall am Alten Schloss

In der Neusser Zeitung aus dem Jahr 1938 wird von einem tragischen Unglücksfall berichtet:

Zeitungsbericht zum Unglücksfall in der Neusser Zeitung vom 10. Februar 1938[i]

“Aus der Kreisstadt – Im Pullover erstickt – Tragischer Unglücksfall am Alten Schloß
Ein tragischer Unglücksfall ereignete sich am Dienstagnachmittag in der Nähe des Alten Schlosses. Als am Nachmittag eine größere Gruppe Schulkinder am Schloß vorbei auf den Sportplatz marschierte, bat der vierjährige einzige Sohn des Schloßeigentümers, Peter Settels, seine Mutter, dem Spiel der Schuljugend zugschauen dürfen. Die Mutter gestattete ihm das auch. Der Junge war, um einen besseren Blick auf den Sportplatz zu haben, auf einen unter einem Schuppen stehenden Karren geklettert. Als er wieder herunterklettern wollte, blieb er mit dem Pullover in einem seitlich in dem Holz des Karrens angebrachten Nagel hängen. Das geschah als der Junge schon keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Durch das Gewicht des Jungen zog sich der Pullover am Halse zu, so daß das bedauernswerte Kind nicht um Hilfe rufen konnte. In dieser Lage ist es dann erstickt. Der Junge wurde von einem der auf dem Sportplatz spielenden Schüler gesehen, der den Lehrer auf den Vorfall aufmerksam machte. Besonders war aufgefallen, daß der Kleine sich nicht bewegte. Der Lehrer begab sich zu dem Schuppen und mußte feststellen, daß es sich um einen Unglücksfall handelte. Die sofort mit Hilfe eines Arztes angewandten Wiederbelebungsversuche warenohne Erfolg. – Das Mitgefühl mit der hart betroffenen Familie ist allgemein.”

Die Vorderfront des „Alten Schlosses“ (Neusser Zeitung, 17.2.1938)[ii]

Beim verunglückten Kind handelt es sich um Heinz Richard Settels, der um 1934 geboren wurde und am 8. Februar 1938 durch das tragische Unglück verstarb. Seine Eltern waren der Eigentümer des Schlosses, Peter Settels, und dessen Frau Maria Houben. Die Mutter, am 18.11.1890 in Köln-Weiler geboren, war allerdings zum Zeitpunkt des Unglücksfalls bereits tot. Sie war ein gutes Jahr vor dem Unfall am 22.10.1936 im Alter von 45 Jahren verstorben. Der Vater Peter Franz Xaver Settels hingegen stammte aus Wuppertal-Elberfeld und wurde dort am 11.2.1900 geboren. Die Eltern hatten am 7.5.1928 in Grevenbroich geheiratet. Peter Settels heiratete wenige Monate nach dem Tod seiner ersten Frau am 1.2.1937 Luise Maaßen aus Neuenhausen.[iii] Daher wird die im Zeitungsartikel vom 10. Februar genannte Mutter die Stiefmutter gewesen sein. Das Kind wurde drei Tage nach dem Unglück, am 11. Februar, auf dem Grevenbroicher Friedhof beigesetzt.

In der Neusser Zeitung vom 12. Februar 1938 wird kurz dazu berichtet[iv]:

 “Der verunglückte Junge zu Grabe getragen. Unter großer Beteiligung wurde gestern vormittag der vor einigen Tagen auf tragische Weise ums Leben gekommene Richard Settels zur letzten Ruhe geleitet. Der Sarg des Jungen wurde vom Alten Schloß bis an die Gruft getragen. In dem Trauergefolge bemerkte man auch eine Abordnung von Schülern der Schule, die den tragischen Vorfall vom Sportplatz aus beobachtet und den Lehrer veranlaßt hatten, zu Hilfe zu eilen, die jedoch leider zu spät kam. Am Grabe hielt Pfarrer Schütz eine Ansprache, in der er des traurigen Ereignisses gedachte und für die Eltern Worte des Trostes fand.”

Fünf Tage nach der Beerdigung des Jungen verkaufte Peter Settels das Alte Schloss an die Stadt Grevenbroich für 40.500 Reichsmark. Die Stadt hatte sich laut Zeitungsbericht in der Neusser Zeitung vom 17. Februar 1938 schon länger um einen Erwerb des ehemaligen Adelssitzes bemüht. Die Vorburg besaßt die Stadt bereits seit 1926 und beherbergte unter anderem das Heimatmuseum. Veranlasste der Tod des Jungen den Vater dazu, den Verkauf des Schlosses mit den dazugehörigen 20 Morgen Gelände zu beschleunigen? Dies erscheint möglich, der Zeitungsbericht gibt dazu allerdings keinen näheren Hinweis.[v]

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

[i] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20651950 (21.4.2024, 19.34 Uhr)
[ii] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20652025 (25.4.2024, 22.16 Uhr)
[iii] Genius
[iv] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20651966 (25.4.2024, 22.46 Uhr)
[v] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20652025 (25.4.2024, 22.16 Uhr)

“Ne kölsche Jong!” Erinnerung an Jakob Goldstein

Lehrer aus Überzeugung und lebenslustiger Roter Funke
Jakob Goldstein war über Jahrzehnte jüdischer Lehrer in Grevenbroich, Mitgründer Mitglied im Vorstand der jüdischen Lehrerkonferenz Krefeld und dem späteren Verband der israelitischen Lehrer für Rheinland und Westfalen.
 
Vor allem war er aber auch ein lebensfroher Mensch und Mitglied bei den Kölner Roten Funken. So bestritt Goldstein in Grevenbroich beispielsweise mit dem Gesangverein „Liederkranz“ Grevenbroich Anfang der 1860 an Karnevalssonntag und Rosenmontag eine abendfüllende musikalische Soiree mit anschließendem Maskenball.  „Große carnevalistische Wallungen und ergötzliche Abendunterhaltung“ in Grevenbroich, so titelte die Grevenbroicher Zeitung seinerzeit.
Am Sonntag jährt sich sein 125. Todestag und der Geschichtsverein will mit Kooperationspartnern in einer heiter-besinnlichen Gedenkstunde Jakob Goldstein auf dem jüdischen Friedhof an seinem Grab würdigen. Mit dabei auch eine Abordnung der Roten Funken! Musikalisch wird das Gedenken untermalt von den „Fidelen Granufinken“ um Peter Lys, Peter Kempermann und Josef Holzapfel. Inhaltlich gestaltet wird die Erinnerung an Goldstein von Schülern von „KKG gegen das Vergessen“, die eine Patenschaft über den jüdischen Friedhof übernommen haben, ebenso wie Schülern des Erasmusgymnasiums, zu deren Schulgründern vor über 150Jahren Jacob Goldstein gehörte. Niederrheinische Texte kommen von Stefan Pelzer-Florack und die Geistlichkeit ist durch Berufsschulpfarrer Christoph Borries vertreten.
 
Die integrative Kraft des Karnevals hat immer schon gesellschaftliche, kulturelle und auch religiöse Grenzen überwinden können. Und Jakob Goldsteins Vorbild wirkte. Beim „Närrischer Sprötztrupp Gustorf“ war lange Jahre der Gustorfer Moses Löwenthal, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, im Vorstand aktiv.
 
Treffpunkt Jüdischer Friedhof an der Montanusstraße
(Zugang über Jakob-Dickers-Weg)
41515 Grevenbroich Stadtmitte
Sonntag, 25. Mai 2025, ab 11.30
 
Männliche Teilnehmer werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen!
 
Hier geht es zum Programmablauf: 2025 05.25 Kölsche Jong Jacob Goldstein

Vor 80 Jahren: Bedburdycker Dorfpfarrer geht den anrückenden Amerikanern entgegen – Pfarrer Walter Schönheit rettet drei Dörfer vor größerer Zerstörung

Es ist der 28. Februar 1945. Die Amerikaner rücken vor und beschießen Bedburdyck, Gierath und Stessen, weil sie dort deutsche Truppen vermuten. Der Bedburdycker Pfarrer Walter Schönheit geht den feindlichen Truppen mit einer weißen Fahne entgegen und überzeugt den Kommandeur, das Feuer einzustellen.

Was im Vorfeld geschah: Im fünften Jahr des Zweiten Weltkrieges waren die Alliierten am 6. Juni 1944 im Rahmen der Operation Overlord an der Küste der Normandie gelandet. Im Laufe der folgenden acht Monate kämpften sich die Alliierten in verlustreichen Kämpfen gegen die Überreste der Wehrmacht durch Frankreich und Belgien, hatten den Westwall überwunden und standen nun im Februar 1945 an der Rur.

Am 22. Februar begannen sie die „Operation Grenade“ [„Unternehmen Granate“]. Dies war der Name einer Militäroperation der 9. US-Armee, in deren Verlauf die amerikanischen Truppen erfolgreich die Rur überquerten und bis zum Rhein zwischen Neuss und Rheinberg vorstießen.[i] Bei dieser Militäroperation standen den schätzungsweise 54.000 deutschen Verteidigern mit 180 Panzern rund 381.000 amerikanische Soldaten mit 2.010 Panzern gegenüber.[ii]

Ausschnitt aus einem Report zur Operation Grenade[iii]

Die deutsche 11. Panzerdivision hatte beim Beginn des amerikanischen Großangriffs am 22.2. ihren Divisionsgefechtsstand in Gubberath.[iv]

Ausschnitt aus der militärischen Lagekarte der US-Armee vom 28.2.1945 – Die 2. US-Panzerdivision, die 29. und 30. US-Infanteriedivision halten sich zum Vorstoß auf den Rhein bereit, die 83. US-Inf.Div. fehlt, steht auf dieser Karte noch bei Aachen, nimmt aber tatsächlich am Vorstoß teil.[v]

Ausschnitt aus der militärischen Lagekarte der US-Armee vom 1.3.1945 – Die 2. US-Panzerdivision und 83. US-Infanteriedivision stoßen am 28.2.1945 über Bedburdyck nach Nordosten vor.[vi]

In den folgenden Tagen stießen die 5. US-Panzerarmee mit der 102. US-Infanteriedivision im westlichen Frontabschnitt bis nach Erkelenz vor, während der Vormarsch der 29. und 30. US-Infanteriedivision bei Titz ins Stocken geriet. Daraufhin wurde die 2. US-Panzerarmee aus dem Raum Aachen und die 83. US-Infanteriedivision aus der Gegend von Lüttich zur Unterstützung angefordert.

Während nun das 116. Infanterieregiment der 29. US-Infanteriedivision von Jülich kommend über Welldorf, Serrest, Güsten, Immerath, Lützerath und Pesch das heutige Jüchener Stadtgebiet erreichte und über Spenrath, Hochneukirch, Hackhausen und Mongshof nach Sasserath weiterzog[vii], sicherte die 30. US-Infanteriedivision, die Garzweiler und Königshoven eingenommen hatte, zwischen Jülich und Jüchen die rechte Flanke zur Erft hin ab. Die Truppen der 2. US-Panzerdivision beabsichtigten durch Jüchen, Gierath und Bedburdyck in nordöstliche Richtung vorzurücken. Die 83. Infanteriedivision zog über Garzweiler, Elfgen und Elsen und stand gegen 16 Uhr entlang der Bahnlinie, um Gierath, Stessen und Bedburdyck von deutschen Truppen zu säubern.

Die Amerikaner gingen davon aus, dass sich deutsche Truppen in den Dörfern verschanzt hatten, denn aufgrund der Luftaufklärung wusste man, dass die Deutschen ab Herbst 1944 in dem Gebiet Verteidigungsanlagen errichtet hatten. Sie hatten drei Linien geschaffen. Die erste Verteidigungslinie war am Ostufer der Rur, die zweite sechs und die dritte elf Kilometer dahinter. Die dritte Linie war mit der Erft verbunden, die sogenannte Erft-Stellung. Im Wesentlichen waren es Schützengräben bzw. -wälle in einem Zickzackmuster mit Ausgängen an den Dörfern und Städten. Die Amerikaner hielten das Verteidigungsnetzwerk für gut geplant und organisiert und mussten daher davon ausgehen, dass der Bereich zwischen dem südlichen Rand der heutigen Stadt Mönchengladbach und der Erft bei Grevenbroich in den Dörfern ebenfalls gut gesichert war. Alle Anzeichen deuteten aber darauf hin, dass die Wehrmacht viel zu wenig Truppen hatte, um die Linien bemannen zu können. Das stützte die Annahme, dass die Verteidigung sich auf Schwerpunkte in Städten und Dörfern konzentrieren würde.[viii]

Darstellung über ungefähre Truppenbewegungen und Angriff der Amerikaner auf Gierath, Bedburdyck und Stessen.[ix]

Von den amerikanischen Einheiten, die vom Jüchener Hahnerhof in Richtung der „Hohen Eiche“ in Gubberath fuhren, wurde bei der „Hohen Eiche“ ein Panzer von deutschen Truppenresten abgeschossen. Daraufhin eröffneten die Amerikaner das Feuer auf Gierath, Bedburdyck und Stessen.

Aus Bedburdyck berichtet der Chronist der Bedburdycker Schulchronik, Robert Lingen „Die Front rückt näher. Aus dem Roertale ist zeitweise Geschützdonner zu hören. Die Spannung ist groß und aufregend. Evakuierungsmaßnahmen sind im Gange. Das ganze Gebiet (Kreis) soll ins bergische Land. Doch von Seiten des Amtes und der Schule wird die Bevölkerung im Stillen aufgeklärt und ihr anheimgegeben, hier zu bleiben und alles über sich ergehen zu lassen. Die feindliche Front wird schnell über unser Gebiet gehen, da hierselbst kein Widerstand ist und auch nicht unternommen wird, und zum Rheine eilen. Die Bevölkerung ist standhaft. Niemand verläßt die Heimat. Alle halten aus und harren der Dinge, die nun kommen werden.“

US-Panzer des 67. Panzerregiments (l.) und das 41. Gepanzerte Infanterie Bataillon (r.) der 2. US-Panzerdivision in Priesterath auf dem Weg nach Jüchen (28.2.1945) [x]

US-Truppen und die auf dem Jüchener Markt zusammengetriebene Jüchener Bevölkerung (28.2.1945) [xi]

Weiter heißt es: „Am 28. Februar gegen Mittag bei herrlichem Wetter rückt der feindliche Geschützdonner recht nahe heran. Es wird verlautet, daß amerik. Truppen vor Jüchen seien. Ich spähe draußen aus und sehe nach kurzer Zeit einige unserer Truppen in verschiedenen Abständen (darunter einer an der Hand verwundet) an den Häusern vorbeischleichen. Nach Erkundigungen bei ihnen erfahre ich, daß amerik. Panzer vor Jüchen auffahren. Kurz danach vernimmt man schon deutlich Einschläge. Auf der Straße treffe ich Heister Adam und Broich Josef und beschließen wir die weiße Fahne auf dem Kirchturm zu zeigen. Hompesch Jean schließt sich uns an. Wir gehen zum Pfarrhaus und machen den Herrn Pastor auf die nahen Gefahren aufmerksam. Er ist sofort entschlossen, die Fahne zu zeigen und steigt selbst mit zum Turm hinauf. Kurz vorher erfolgte ein Einschlag in den Turm und ein Einschlag auf Wolffs Feldscheune, die sofort lichterloh niederbrannte. Einige Treffer waren zur gleichen Zeit erfolgt bei Spielhagen, Theodor Broich (Hotel) und in der Kaplanei.[xii]

Die Amerikaner beschossen zunächst exponierte Punkte in Gierath, Bedburdyck und Stessen, an denen sie feindliche Truppen glaubten. Dazu gehörte der Bedburdycker Kirchturm, die errichteten Panzersperren an den Ortseingängen, vermutete Standorte von Flak-Geschützen sowie einzelnstehende Gebäude, wie unter anderem die evangelische Schule in Gierath, die Stessener Mühle und zwei Häuser außerhalb der Ortsbebauung jeweils an der Gierather und Grevenbroicher Straße in Bedburdyck. Durch den Beschuss kamen in Stessen auf der Kreuzstraße zwei Zivilisten ums Leben.

Darstellung über ungefähre Truppenbewegungen bis Pfarrer Schönheit den amerikanischen Truppen entgegenging.[xiii]

Die Bedburdycker Schulchronik berichtet hierzu: „Nachdem die weiße Fahne wehte, hörte der Geschützdonner auf. Herr Pastor ging danach mit einer weißen Fahne in Richtung der amerik. Panzerstellung und erklärte dem führenden Offizier, daß hierselbst keine Truppen lägen u. die letzten heute früh in Richtung Neuß hinter den Rhein marschiert seien. Die Häuser u. Bunker zeigten alle die weiße Fahne. Auf das Schulgebäude habe ich [Lehrer Lingen] selber [eine Fahne] gehißt. Gegen Abend rollen die Panzer unaufhörlich durch unser Dorf [Bedburdyck] in Richtung Aldenhoven.“[xiv]

Einer mündlichen Überlieferung zufolge sollen die Amerikaner Pastor Schönheit mit der weißen Fahne auf den ersten Panzer gesetzt und gedroht haben, den Ort dem Boden gleich zu machen, sollte nur ein Schuss fallen.

Pfarrer Walter Schönheit[xv]

Pfarrer Schönheit war am Tag vor dem amerikanischen Einmarsch 60 Jahre alt geworden.

Schönheit wurde am 27. Februar 1885 in Wesel geboren und verstarb am 11. Januar 1953 in Essen-Werden. Begraben wurde er auf seinen eigenen Wunsch hin in Bedburdyck. Sein Grab befindet sich inmitten eines Rondells mit Ehrengräbern gefallener Soldaten.

Wegen des Einsatzes von Pfarrer Schönheit zur Rettung der Dörfer Bedburdyck, Gierath und Stessen beim Einmarsch der Amerikaner benannte man in Bedburdyck eine Straße nach ihm, und in Gierath wurde nach dem Krieg ihm zu Ehren eine Gedenkplatte am Kriegerdenkmal eingeweiht – wenn auch mit dem vermutlich fehlerhaften Datum 27. Februar.

[i] https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (31.3.2020, 19.19 Uhr)
[ii] https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (30.6.2020, 19.30 Uhr)
[iii] Armor in Operation Grenade (2d Armd Div), A search report, prepared at THE ARMORED SCHOOL Fort Knox Kentucky, 1949-1950
[iv] Weiss, Westfront `45, 11. Panzer-Division, Zwischen Roer und Rhein, 2013, S. 22
[v] www.loc.gov/resource/g5701sm.gct00021/?sp=269&r=0.557,0.176,0.156,0.078,0 22.10.2021, 19.13 Uhr)
[vi] www.loc.gov/resource/g5701sm.gct00021/?sp=269&r=0.557,0.176,0.156,0.078,0 22.10.2021, 19.13 Uhr)
[vii] 29 Let’s Go!: A History of the 29th Infantry Division in World War II, 1986; http://www.lonesentry.com/gi_stories_booklets/29thinfantry/index.html (25.2.2023, 14.29 Uhr)
[viii] https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (20.10.2021, 19.44 Uhr)
[ix] Tim-Online, graphische Darstellung Michael Salmann
[x] Facebook: 2nd Armored Ordnance Maintenance Battalion (20.9.2021, 20.36 Uhr)
[xi] Armor in Operation Grenade (2d Armd Div), A search report, prepared at THE ARMORED SCHOOL Fort Knox Kentucky, 1949-1950
[xii] Stadtarchiv Jüchen, Bedburdycker Schulchronik
[xiii] Tim-Online, graphische Darstellung Michael Salmann
[xiv] Stadtarchiv Jüchen, Bedburdycker Schulchronik
[xv] Digitale Sammlung, Salmann

Gab es Grevenbroicher in der französischen Fremdenlegion?

Ja, die gab es wirklich! Der Geschichtsverein Grevenbroich konnte bisher drei Personen ausmachen, die in den 1920er und 1930er Jahren in dieser bis heute mit sehr vielen Mythen beschriebenen Elitearmee dienten. Die Fremdenlegion oder auch „Légion étrangère“ wurde am 9. März 1831 durch König Louis Philippe von Frankreich ins Leben gerufen. Sie durfte per Dekret lediglich außerhalb von Europa, insbesondere in den Kolonialstaaten, eingesetzt werden. Bis heute besteht diese Einheit fast ausnahmslos aus Soldaten, die nicht Franzosen sind. Über 100 Jahre lang stellten Deutsche den größten Anteil der Legionäre.

Privatsammlung – Abzeichen der 13. Halbbrigade in Fremdenlegion

Seit jeher besteht der Mythos, dass sich deutsche Straftäter der Gerichtsbarkeit entziehen wollten und dies das Hauptmotiv für den Eintritt in die Fremdenlegion gewesen sei. Heutige Untersuchungen belegen jedoch, dass dies nicht richtig ist. Vielmehr führten eine schlechte Ausbildung, Arbeitslosigkeit und Armut die jungen Männer auf den Weg in die Legion.

Privatsammlung – Bandspange eines Offiziers oder Piloten in der Fremdenlegion

Vermutlich bedingt durch die sogenannte „Erbfeindschaft“ mit Frankreich hatte die Fremdenlegion in Deutschland kein gutes Ansehen. Immer wieder wurde von menschenunwürdigen Behandlungen und Strafen berichtet. Es wurden sogar Anti-Legionsvereine gegründet, um Deutsche vor dem Eintritt in die Fremdenlegion zu beschützen, und es wurde sehr viel „Aufklärungsarbeit“ geleistet, um insbesondere Schulabgänger davor zu warnen. So auch geschehen in Grevenbroich, wie folgendes Fundstück aus dem Stadtarchiv Grevenbroich zeigt.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1842

Aber nicht nur durch die Anwerbetätigkeit vieler Vereine „Ehemaliger Fremdenlegionäre“, sondern auch durch diese Aufklärungsarbeit wurden viele junge Männer erst auf die Fremdenlegion aufmerksam und sahen darin unter Umständen die Chance, ein „Abenteurerleben“ führen zu können.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1842
StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1840

1) Der Legionär Peter Baas
Peter Baas wurde am 3. November 1910 als Sohn des Güterbodenarbeiters (Arbeiter im Güterschuppen einer Bahnanlage) Joseph Baas und der Wilhelmine Wüst in Münchrath geboren. Vermutlich hat Peter lediglich eine kurze Nachricht im elterlichen Haus hinterlassen, wie die nachfolgende Suchanzeige der Eltern vom 28. August 1929 zeigt. In dieser wurde lediglich hinterlassen, dass er nach Hamburg will.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1747

Bereits am 16. September 1929 wurde die Suche nach Peter Baas eingestellt, da bekannt wurde, dass er in die französische Fremdenlegion eingetreten war. Über seine Dienstzeit, seine Einsatzorte und seine Rückkehr nach Deutschland oder ob die Eltern versucht haben, ihn aus der Fremdenlegion herauszuholen, ist leider nichts bekannt. Laut einem Randvermerk auf seiner Geburtsurkunde starb er 1949 im Alter von ca. 39 Jahren in Neuss. Nachfolgend der relativ nüchterne Beleg, dass die Suche nach ihm als erledigt angesehen werden konnte.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1747

2) Der Legionär Peter Bättgen
Peter Bättgen wurde am 14. Dezember 1907 in Frauwuellesheim im Kreis Düren geboren. Er heiratete am 23. April 1927 Elisabeth Hoffmann in Wevelinghoven und lebte danach auch noch dort. Seine „spannende“ Geschichte ist aus dem ausführlichen noch erhaltenen Schriftverkehr zwischen den Behörden sehr gut lesbar. Peter erschien am 20. April 1933 im Deutschen Generalkonsulat für Spanien in Barcelona. Dort stellte einen Antrag auf Heimschaffung über Genua, da er der Fremdenlegion entwichen sei und keine Mittel zur Heimreise besäße. Beigetreten war er der Fremdenlegion am 29. Oktober 1931.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1719

Bereits am 24. April 1933 sendete der Bürgermeister Widmann ein Schreiben nach Spanien, in dem er die Angaben bestätigte und sowohl die Ausstellung eines Reisepasses als auch die Heimschaffung befürwortete.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1719

Innerhalb der nächsten vier Wochen muss Peter Bättgen gemäß dem Düsseldorfer Polizeipräsidium wieder in Deutschland eingereist sein und sich auf den Weg zu seiner Ehefrau nach Wevelinghoven gemacht haben.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1719
StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1719

Ob Peter Bättgen wie oben beschrieben infolge von Arbeitslosigkeit freiwillig oder nur zur Vermeidung einer Haftstrafe (Verurteilung wegen Schmuggelns) der Fremdenlegion beigetreten ist, kann nur vermutet werden. Auffällig ist jedoch seine Flucht aus der Fremdenlegion Anfang 1933, nachdem am 20. Dezember 1932 allen Straftätern mit dem sogenannten „Schleicher-Amnestie-Gesetz“ die Straffreiheit bei politischen Straftaten sowie die Straffreiheit bei Straftaten aus wirtschaftlicher Not gewährt wurde. Zudem wurde er nach seiner Rückkehr weiterhin durch die Polizeibehörde überwacht. Was es mit dem Foto von Heinrich Dehlen im oben gezeigten Brief auf sich hatte, konnte bisher nicht geklärt werden, da weder das Foto noch ein weiterer Hinweis dazu im Archiv zu finden ist.

StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1719

Peter Bättgen überlebte ebenfalls den Zweiten Weltkrieg. Seine Spuren verlieren sich Ende der 1950er Jahre als er ein zweites Mal heiratete.

3) Der Legionär Heinrich Faßbender
Der Dreher Heinrich Faßbender wurde am 26. Februar 1905 als Sohn des Tagelöhners Conrad Hubert genannt Gerhard Faßbender und der Anna Maria Becker in Orken geboren. Seine „Geschichte“ beginnt am 11. April 1929 in Hamburg, wo er von der Hamburger Polizeibehörde aufgegriffen und verhaftet wurde. Im Grevenbroicher Stadtarchiv ist das Vernehmungsprotokoll der Hamburger Polizei vom 11. April 1929 erhalten geblieben. Danach war Heinrich im Mai 1928 freiwillig in die Fremdenlegion eingetreten. Seine Arbeitslosigkeit war der Grund seines Eintritts.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1840

Lesehilfe zu 8d):
„d) ist in der Verpflichtungserklärung ein Vermerk enthalten, wonach der Angeworbene bestätigt, in seiner Landessprache von dem Inhalte seiner Verpflichtung Kenntnis genommen zu haben.“

Am 17. Juni 1928 hatte er seine Verpflichtungserklärung in Metz abgegeben. Von dort ging es per Bahn nach Marseille. Dort bestieg er ein Schiff, welches ihn nach Oran brachte. Oran ist eine Küstenstadt im Westen von Algerien. Laut seinen Angaben desertierte er bereits neun Monate später. Er floh von Arzew, eine Hafenstadt in Algerien, die etwa 40 km von Oran entfernt liegt. Von dort reiste er zunächst mit dem englischen Dampfer „Holwood“ nach Leith, einem Stadtteil der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Seine weitere Reise führte ihn mit dem englischen Dampfer „Breslau“ nach Hamburg.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1840

Bereits am 13. April 1929 erreichte eine Anfrage die Ortspolizeibehörde in Elsen. Mit dieser wurde darum gebeten zu bestätigen, dass die von Heinrich angegebenen Daten stimmen und ob gegen ihn etwas vorliegt. Inwieweit man die Hamburger Polizeibehörde auf die enthaltenen Fehler aufmerksam machte, ist leider nicht dokumentiert. In der Anfrage wird mit dem 28. Februar 1905 ein falsches Geburtsdatum genannt. Ebenso wird nicht seine leibliche Mutter, sondern seine Stiefmutter genannt.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1841

Besonders beeindruckend sind die in der oben gezeigten Anfrage erhalten gebliebenen Fotos der Polizeibehörde Hamburg, die den nur 24jährigen Heinrich Faßbender zeigen.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1841

Zur Feststellung seiner Persönlichkeit war er vom 11. April 1929 bis zum 15. April 1929 in Polizeihaft, wie nachfolgende Bescheinigung zeigt. Da zwischen dem Eingang der Anfrage und der Entlassung nur zwei Tage lagen, ist davon auszugehen, dass die Polizeibehörde Elsen umgehend ein Telegramm mit der Bestätigung nach Hamburg sandte.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1840

Wie akribisch die Geschichte von Heinrich Faßbender festgehalten wurde und wem Meldung gemacht wurde, zeigt ein Brief an den Landrat in Grevenbroich, in dem auch darauf verwiesen wurde, dass man die Landeskriminalpolizeistelle in Düsseldorf informiert hatte.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1840

„[…] Gestern meldete sich beim hiesigen Meldebüro der Dreher Heinrich Faßbender, geboren am 26. Februar 1905 zu Orken, preuß. Staatsangehöriger, ledig, hier Elsen, Kaiserstr. 2, an. Faßbender ist als angeblicher Flüchtling aus der französischen Fremdenlegion am 11. d. Mts. in Hamburg auf dem englischen Dampfer „Breslau“ eingetroffen. Vom 11. bis 15. d. Mts. befand er sich zur Feststellung seiner Persönlichkeit in Polizeihaft in Hamburg. Die Polizeibehörde in Hamburg, Abteilung II, (Kriminal- und Staatspolizei) hat Faßbender nach seiner Angabe vernommen, weshalb hier von seiner nochmaligen Vernehmung abgesehen worden ist.
Dem Polizeipräsidenten (Landeskriminalpolizeistelle) in Düsseldorf habe ich von der Rückkehr des Faßbender Nachricht gegeben.“

Der Polizeipräsident in Düsseldorf forderte den Grevenbroicher Landrat mit Schreiben vom 10. Mai 1929 auf, den zurückgekehrten Heinrich Faßbender unter Beobachtung zu nehmen. Leider konnte nicht recherchiert werden, wie und wie lange diese Beobachtung erfolgte.

StA Grevenbroich, Bestand Elsen, Nr. 1841

Der mittlerweile als Eisendreher arbeitende Heinrich Faßbender heiratete am 8. Juli 1932 die Christine Thomaßen im Standesamt Grevenbroich. Damit endet seine Geschichte aber noch nicht, denn nur wenige Jahre später holte ihn der Militärdienst wieder ein.

Heinrich Faßbender war im 2. Weltkrieg Panzergrenadier in der 2. Kompanie des Grenadier Regiments 5. Er erlag seinen schweren Verwundungen durch einen Bauchschuss und starb am 22. Dezember 1942 um 5 Uhr im Feldlazarett in Tatewo (Ostfront). Sein Grab befindet sich auf dem Heldenfriedhof bei Schloss Tatewo.

StA Grevenbroich, Sammlung Grevenbroicher Kriegstote, Stefan Faßbender

Heinrich Faßbender ist einer der mehr als 2.000 Grevenbroicher Kriegstoten, zu denen seit Januar 2024 im Stadtarchiv Grevenbroich in einer Sammlung recherchiert werden kann.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

Grevenbroicher Karneval anno dazumal…

„Große carnevalistische Wallungen und ergötzliche Abendunterhaltung“ vor 165 Jahren in Grevenbroich!

Er war nicht nur Lehrer aus Überzeugung, sondern auch ein lebensbejahender Mensch und Karnevalist: Der Grevenbroicher jüdische Lehrer Jacob Goldstein (1824-1900) war Mitglied der Kölsche Funke rut-wieß vun 1823 e.V. und bestritt in Grevenbroich beispielsweise mit dem Gesangverein „Liederkranz“ Grevenbroich Anfang der 1860 an Karnevalssonntsg und Rosenmontag eine abendfüllende musikalische Soiree mit anschließendem Maskenball.

Jacob Goldstein schrieb einen ausführlichen Bericht darüber, wie unser Vorsitzender Ulrich Herlitz bei seinen biographischen Recherchen zu Goldstein herausfand…

Jacob Goldsteins Todestag jährt sich 2025 im Mai zum 125. Mal.

…Goldsteins Vorbild machte auch nach seinem Tod Schule! So gehörte der Gustorfer Händler Moses Löwenthal dem Närrischer Sprötztrupp Gustorf an und war sogar Vizepräsident des Gustorfer Traditionsvereins!

Anzeigen Liederkranz und Bericht Jacob Goldstein in den Februarausgaben des Grevenbroicher Kreisblattes – nachzulesen im Zeitungsportal NRW