Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich

ULRICH HERLITZ

Im Oktober 1924 gründete sich in Grevenbroich der Motorsportclub Grevenbroich (MSC), der sich dem Allgemeinden Deutschen Automobilclub – kurz A.D.A.C – anschloss. 

GVZ 8.1.1925 (StAGV/zeitpunkt.nrw)

Gründungsvorsitzender war und stand dem Club mit kurzer Unterbrechung bis 1931 vor – Carl Stühler, Direktor des Erftwerks. Zweimal wöchentlich trafen sich die Mitglieder im Vereinslokal, das sich zunächst in der Restauration „Zur Post“ auf der Lindenstraße, später dann im Hotel „Zur Traube“ befand. Die Vereinslokale waren regelmäßig auch der Ausgangspunkt, von wo auch die Ausfahrten regelmäßig starteten. Darunter im Laufe des Jahres 1925 eine Zuverlässigkeitsfahrt in das Siebengebirge, eine Pfingstfahrt an die Mosel, eine Halbtagestour ins Neandertal oder eine Ausfahrt in das Brohltal. Nach einem Jahr ließen die Motorsportfreunde sich auch in das Vereinsregister eintragen.

Automobile Infrastruktur und der Ostwall

Dabei bestimmten noch längst nicht Automobile das Bild der Stadt Grevenbroich – weder auf der Straße noch im Verein. So nahmen beispielsweise von den 21 Mitgliedern an der Herbsttagung des Gaues Rheinland des ADAC in Krefeld 10 Motorräder und ein Auto teil, 1926 gab es im Sommer mit einer Ausfahrt nach Aachen und in die Voreifel mit fünf teilnehmende KfZ und sechs Krafträdern erstmalig ein ausgewogenes Verhältnis. Überhaupt standen die motorgetriebenen PS noch in Konkurrenz zu den echten Pferdestärken der Fuhrwerke, es waren vor allem Unternehmer, die eigene LKW nutzten.

Und mit dem Jahr 1926 sollte ein entscheidender Schritt in Richtung automobilgerechte Infrastruktur in Grevenbroich geschaffen werden. Erst im Dezember 1925 waren einheitliche Vorgaben zu Fahrzeugbeschaffenheit und Eignung der Fahrzeugführer erlassen worden. Eine nicht unumstrittene Reichs-Kraftfahrsteuer, zu der auch der MSC eine kritische Stellungnahme abgab, ermöglichte eine Finanzierung der auch in der Rheinprovinz für die Kraftfahrzeuge eher ungeeigneten Verkehrsinfrastruktur. Nicht zufällig sollte dann im Sommer des Jahres 1926 die fahrzeugtaugliche Umgehungsstraße mit einer Breite von sieben Metern und ausreichend Bürgersteigen entlang des Ostwalls beschlossen und auch mit staatlicher Finanzierung umgesetzt werden.

Aus Schmieden wurden KFZ-Werkstätten

Erst Mitte April eröffneten die Gebrüdern Rombey die erste Kraftfahrzeugreparaturwerkstätte auf der Rheydterstraße 35 und zur gleichen Zeit zeigte der Schmied Christian Lange auf dem Südwall an, dass er neben seiner Schmiede und Wagenbauerei für Pferdefuhrwerke eine „Spezialwerkstätte für sämtliche in- und ausländische Kraftfahrzeuge“ eingerichtet habe. Hier könne er „besonders Lichtanlagen, Magnetreparaturen und Neufederungen fachgemäß und mit voller Garantie“ ausführen. Außerdem biete er autogenes Schweißen und Schneiden am Platze an und pries seine eigene Vulkanisierungsanstalt für Gummireifen an. Eine nur für KfZ eingerichtete Werkstatt befand sich auf der Bahnstraße 101, hier etablierten die umtriebige Inhaber Josef und Peter Effertz auch eine neuzeitliche Dreherei für „Innen- und Außenschliff“. Josef Effertz betätigte sich neben einem Opel-Verkauf auch als Fahrlehrer. Peter Effertz jun. Betrieb dann zum Jahreswechsel sogar einen Mietwagenverleih.

Deutschlandfahrer Carl Nakötter

Zu einer der bestimmenden Figuren des Vereins sollten sich in den beiden Jahren 1925/26 Carl Nakötter entwickeln. Er war Inhaber des Vereinslokals „Zur Post“ und leidenschaftlicher Fahrer eines Indian-Kraftrades. Als Anfang März 1925 die zwölftägige 2. Deutschlandfahrt des ADAC mit 360 Teilnehmern startete, erstmalig mit einem internationalen Feld von Kraftradfahrern veranstaltet, war auch Carl Nakötter mit seiner Maschine als einziger Grevenbroicher Teilnehmer darunter. Am Vorabend es Starttages begleiteten ihn die Kameraden vom Motorsportclub nach Köln, um am Starttag auf dem Kölner Heumarkt erneut dabei zu sein, als eine nach Tausenden zählende Menschenmenge die Fahrer begeistert starten ließ und auf den ersten Etappen entlang des Rheintals zujubelte.

Historische Bildpostkarte Deutschlandfahrt 1925 (nachkoloriert)

Täglich erhielt die Grevenbroicher Zeitung nunmehr Telegramme mit dem Bericht über die jeweiligen Etappen, Wind und Wetter sowie Platzierung von Deutschlandfahrer Carl Nakötter.

Bei Schneetreiben bestritten die Fahrer die letzte Etappe nach Köln. Bei seiner Rückkehr nach Grevenbroich wurde Deutschlandfahrer Carl Nakötter mit einem Vortrupp in seine Heimatstadt begleitet, wo man ihm einen wahrlich gebührenden Empfang bereitete. Die Feuerwehr bildete ein Pechfackelspalier, den der Corso um Nakötter in langsamem Tempo bis zu seinem Haus begleitete. Hier prangte ein mit Girlanden und Glühlampen geschmückter Willkommensgruß und ein Feuerwerk wurde gezündet. „Brausende Hochrufe“ und ein dreifaches „Töff, töff Hura!“ seiner Vereinskameraden überzeugten den heimgekehrten Deutschlandfahrer von der „Anhänglichkeit und Anteilnahme der zahlreich erschienenen Mitbürger, Sportvereine und Korporationen“, berichtete die Grevenbroicher Zeitung. Das Tambourcorps wirbelte ebenfalls ein Willkommen, bevor der Sängerkries mit zwei Liedbeiträgen aufwartete. Bürgermeister Lorenz Wilms ehrte Nakötter als Vorbild des „Sportgeistes auf der ganzen Linie auch in anderen Sportzweigen“. Weitere Reden des Schützenpräsidenten und Ratsherrn Jean Plum, des Vorsitzenden des befreundeten Motorsportclubs aus Mönchengladbach sowie ein „launiger Damentoast“ beendeten die Redebeiträge.  Ganz Grevenbroich war au den Beinen und feierten „Ihren“ Deutschlandfahrer bei einem vergnüglichen Begrüßungsabend, der Saal mit einer mit Efeu umrankte Kreidezeichnung „Deutschlandfahrer unterwegs“ geschmückt… Schließlich trug ihm der Motorsportclub wenige Tage später den Ehrenvorsitz im Club-Sportausschuss an.

Anzeige Indian 1923 nachkoloriert:
Carl Nakötter bestritt alle seine Rennen mit einer Indian-Maschine!

Carl Nakötter lebte fortan nicht zuletzt von seinem Ruf als Deutschlandfahrer, seine in den Gartenanlagen „Zur Post“ veranstalteten Feste, einmal mit moderner Jazz-Musik, einmal mit der den Schützen vertrauten Rennefeld´schen Kapelle, fanden in ganz Grevenbroich Beachtung und regen Zuspruch. Hier veranstaltet er auch im Sommer des Jahres 1926 fast alle zwei Wochen Gartenkonzerte mit bengalischer Beleuchtung und gemeinsam mit dem BSV-Schießmeister Josef Godenau gezündete Feuerwerke der „Hofkunstfeuerfabrik“ Sauer, wobei das Feuerwerk „live“ von der Rennefeld´schen Kapelle begleitet wurde. Gemeinsam mit Josef Porz erhielt er zur Kirmes 1926 den Zuschlag für Festzelt und Bewirtung zum Bürgerschützenfest. Auch sportlich erzielte er weiter viele Erfolge mit seiner Indian-Maschine.

Die erste Dapolin-Tankstelle in Grevenbroich

Nakötter war es auch, der vor seiner Restauration die erste Grevenbroicher Tankstelle im Kreis eröffnete. Der Verkauf des Kraftstoffs wurde über die Firma Dapolin vertrieben. Nur Nakötter betrieb vor seiner Restauration einen Überflurhydranten mit einem Tank von insgesamt 7000 Litern. Außer ihm verkauften im Stadtgebiet nur Franz Preckel in Hemmerden, ebenfalls Restaurantinhaber auf der dortigen Landstraße, und in Kapellen H. J. Reisdorf auf der Bahnstraße Benzin von Dapolin, allerdings nur aus plombierten Kannen. Der Name „Dapolin“ stand für die deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft, die im Sommer 1931 in die „Standart Oil“ überging und Vorgängerin des heutigen Esso-Konzerns war.

Die Tankstelle vor der Restauration “Zur Post” Mitte der 1930er Jahre mit Standart-Oil Fahne (aus: Manfred Ganschinietz, Grevenbroicher Gaststätten in alten Zeiten, 2007, Bd 19 Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich, Geschichtsverein

Markanter Werbeträger war ein rotes Indianerkopf-Logo, das die Verbindung zu Amerika verdeutlichen wollte und mit dem Dapolin auch für die Grevenbroicher Vertriebsstandorte und die Tankstelle von Nakötter in großen Zeitungsanzeigen warb.

Motorsportclub und Motorsportclub Erft

Doch das alles sollte im Spätsommer 1926 enden, als die erste Clubmeisterschaft des MSC durchgeführt wurde. Obwohl sowohl Nakötter als auch sein enger Kamerad, Fahrwart Peter Knappertz, mit dem er manches Rennen bestritten hatte, ausgezeichnet wurden, gaben sie öffentlich per öffentlichem Leserbrief in der Grevenbroicher Zeitung ihre Preise zurück. Sie fühlten sich wohl ungerecht behandelt und gründeten kurzerhand einen eigenen Motorsportclub, den „Motorsportclub Erft“ und nahmen weiterhin an ADAC-Rennen und Wettbewerbe teil. Auch wenn die beiden örtlichen Clubs einige Zeit zunächst parallel in Erscheinung traten, hatte sich der mitgliederstärkere MSC längst etabliert, der „MSC Erft“ fristete nur ein Schattendasein. Nakötter beteiligte sich zwar noch an einigen Rennen, doch als Gastwirt gab er auf auf und die Restauration „Zur Post“ wurde spätestens ab 1928 vom Schützenoberst des BSV, Jean Betrand, übernommen. Carl Nakötter betätigte sich wohl daraufhin als Zigarrenhändler im Bahnhofsviertel mit Wohnsitz auf der Breite Straße.

Foto MSC Ende der 1920er Jahre vor dem Vereinslokal “Zur Traube” auf der Bahnstraße (nachkoloriert)

Dem Erfolg des Motorsportclubs trat der Austritt des Deutschlandfahrers und des Fahrzeugwartes jedenfalls keinen Abbruch. Noch im Herbst 1926 beteiligten sich die Motorsportsfreunde als Unterstützer an einem Grevenbroicher Werbeflugtag auf dem Gut Höffkes bei Neuenhausen, warben hierfür mit einer eigenen „Propagandafahrt“. Auch wenn der Flugtag wegen des schlechten Wetters zunächst um eine Woche verschoben wurde und dann selbst zum neuen Termin im wahrsten Sinne des Wortes im Regen versank und nicht das erwartete „große“ Publikum fand…

Der MSC erfreute sich jedoch bis Anfang der 1930er Jahre zunehmender Beliebtheit und trotz Wirtschaftskrise war weder das neue Fortbewegungsmittel Automobil noch die Clubaktivitäten nicht mehr aufzuhalten. Im November des Jahres 1928 entschied die Mitgliederversammlung eine Umbenennung in ADAC und trat daraufhin dann als „Automobilclub Grevenbroich (ADAC)“ mit seinen Vereinsaktivitäten auf.

Erst die Zeit des Nationalsozialismus und die Gleichschaltung in den NSSK – den nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps – sollte der Vereinsgeschichte dieser so erfolgreichen Ortsgruppe des ADAC ein Ende bereiten. Doch dies ist eine andere Geschichte…

Heinz Laumann von den Oldtimerfreunden und Geschichtsvereinsvorsitzender Ulrich Herlitz vor dem Ford A aus dem Jahr 1928

Der Geschichtsverein veranstaltet gemeinsam mit den Oldtimerfreunden Grevenbroich am 11. März 1926 von 18.00-20.00 Uhr eine Besichtigung der derzeit laufenden Oldtimerausstellung in der Coens-Galerie mit einem Impulsvortrag von Ulrich Herlitz „Die Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich“ mit weiteren zeitgenössischen Anzeigen und Fotos an. Zu sehen sind auch zwei zeitgenössische Ford-Modelle aus 1926 und 1928. Die Ausstellung der Oldtimerfreunde Grevenbroich mit weiteren Oldtimern und Motorrädern ist noch bis Ende März zu sehen!


Ausstellung, Oldtimerfreunde und unsere Veranstaltung werden auch in der Lokalpresse thematisiert:

2026 02.25 NGZ Erster Mortorsportler gefeiert wie ein Star

2026 03 Wir hier in GV MSC u Oldtimerfreunde

 

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Im Oktober 1924 gründete sich in Grevenbroich der Motorsportclub Grevenbroich (MSC), der sich dem Allgemeinden Deutschen Automobilclub – kurz A.D.A.C – anschloss. 

GVZ 8.1.1925 (StAGV/zeitpunkt.nrw)

Gründungsvorsitzender war und stand dem Club mit kurzer Unterbrechung bis 1931 vor – Carl Stühler, Direktor des Erftwerks. Zweimal wöchentlich trafen sich die Mitglieder im Vereinslokal, das sich zunächst in der Restauration „Zur Post“ auf der Lindenstraße, später dann im Hotel „Zur Traube“ befandDie Vereinslokale waren regelmäßig auch der Ausgangspunkt, von wo auch die Ausfahrten regelmäßig starteten. Darunter im Laufe des Jahres 1925 eine Zuverlässigkeitsfahrt in das Siebengebirge, eine Pfingstfahrt an die Mosel, eine Halbtagestour ins Neandertal oder eine Ausfahrt in das Brohltal. Nach einem Jahr ließen die Motorsportfreunde sich auch in das Vereinsregister eintragen.

Automobile Infrastruktur und der Ostwall

Dabei bestimmten noch längst nicht Automobile das Bild der Stadt Grevenbroich – weder auf der Straße noch im Verein. So nahmen beispielsweise von den 21 Mitgliedern an der Herbsttagung des Gaues Rheinland des ADAC in Krefeld 10 Motorräder und ein Auto teil, 1926 gab es im Sommer mit einer Ausfahrt nach Aachen und in die Voreifel mit fünf teilnehmende KfZ und sechs Krafträdern erstmalig ein ausgewogenes Verhältnis. Überhaupt standen die motorgetriebenen PS noch in Konkurrenz zu den echten Pferdestärken der Fuhrwerke, es waren vor allem Unternehmer, die eigene LKW nutzten.

Und mit dem Jahr 1926 sollte ein entscheidender Schritt in Richtung automobilgerechte Infrastruktur in Grevenbroich geschaffen werden. Erst im Dezember 1925 waren einheitliche Vorgaben zu Fahrzeugbeschaffenheit und Eignung der Fahrzeugführer erlassen worden. Eine nicht unumstrittene Reichs-Kraftfahrsteuer, zu der auch der MSC eine kritische Stellungnahme abgab, ermöglichte eine Finanzierung der auch in der Rheinprovinz für die Kraftfahrzeuge eher ungeeigneten Verkehrsinfrastruktur. Nicht zufällig sollte dann im Sommer des Jahres 1926 die fahrzeugtaugliche Umgehungsstraße mit einer Breite von sieben Metern und ausreichend Bürgersteigen entlang des Ostwalls beschlossen und auch mit staatlicher Finanzierung umgesetzt werden.

Aus Schmieden wurden KFZ-Werkstätten

Erst Mitte April eröffneten die Gebrüdern Rombey die erste Kraftfahrzeugreparaturwerkstätte auf der Rheydterstraße 35 und zur gleichen Zeit zeigte der Schmied Christian Lange auf dem Südwall an, dass er neben seiner Schmiede und Wagenbauerei für Pferdefuhrwerke eine „Spezialwerkstätte für sämtliche in- und ausländische Kraftfahrzeuge“ eingerichtet habe. Hier könne er „besonders Lichtanlagen, Magnetreparaturen und Neufederungen fachgemäß und mit voller Garantie“ ausführen. Außerdem biete er autogenes Schweißen und Schneiden am Platze an und pries seine eigene Vulkanisierungsanstalt für Gummireifen an. Eine nur für KfZ eingerichtete Werkstatt befand sich auf der Bahnstraße 101, hier etablierten die umtriebige Inhaber Josef und Peter Effertz auch eine neuzeitliche Dreherei für „Innen- und Außenschliff“. Josef Effertz betätigte sich neben einem Opel-Verkauf auch als Fahrlehrer. Peter Effertz jun. Betrieb dann zum Jahreswechsel sogar einen Mietwagenverleih.

Deutschlandfahrer Carl Nakötter

Zu einer der bestimmenden Figuren des Vereins sollten sich in den beiden Jahren 1925/26 Carl Nakötter entwickeln. Er war Inhaber des Vereinslokals „Zur Post“ und leidenschaftlicher Fahrer eines Indian-Kraftrades. Als Anfang März 1925 die zwölftägige 2. Deutschlandfahrt des ADAC mit 360 Teilnehmern startete, erstmalig mit einem internationalen Feld von Kraftradfahrern veranstaltet, war auch Carl Nakötter mit seiner Maschine als einziger Grevenbroicher Teilnehmer darunter. Am Vorabend es Starttages begleiteten ihn die Kameraden vom Motorsportclub nach Köln, um am Starttag auf dem Kölner Heumarkt erneut dabei zu sein, als eine nach Tausenden zählende Menschenmenge die Fahrer begeistert starten ließ und auf den ersten Etappen entlang des Rheintals zujubelte.

Historische Bildpostkarte Deutschlandfahrt 1925 (nachkoloriert)

Täglich erhielt die Grevenbroicher Zeitung nunmehr Telegramme mit dem Bericht über die jeweiligen Etappen, Wind und Wetter sowie Platzierung von Deutschlandfahrer Carl Nakötter.

Bei Schneetreiben bestritten die Fahrer die letzte Etappe nach Köln. Bei seiner Rückkehr nach Grevenbroich wurde Deutschlandfahrer Carl Nakötter mit einem Vortrupp in seine Heimatstadt begleitet, wo man ihm einen wahrlich gebührenden Empfang bereitete. Die Feuerwehr bildete ein Pechfackelspalier, den der Corso um Nakötter in langsamem Tempo bis zu seinem Haus begleitete. Hier prangte ein mit Girlanden und Glühlampen geschmückter Willkommensgruß und ein Feuerwerk wurde gezündet. „Brausende Hochrufe“ und ein dreifaches „Töff, töff Hura!“ seiner Vereinskameraden überzeugten den heimgekehrten Deutschlandfahrer von der „Anhänglichkeit und Anteilnahme der zahlreich erschienenen Mitbürger, Sportvereine und Korporationen“, berichtete die Grevenbroicher Zeitung. Das Tambourcorps wirbelte ebenfalls ein Willkommen, bevor der Sängerkries mit zwei Liedbeiträgen aufwartete. Bürgermeister Lorenz Wilms ehrte Nakötter als Vorbild des „Sportgeistes auf der ganzen Linie auch in anderen Sportzweigen“. Weitere Reden des Schützenpräsidenten und Ratsherrn Jean Plum, des Vorsitzenden des befreundeten Motorsportclubs aus Mönchengladbach sowie ein „launiger Damentoast“ beendeten die Redebeiträge.  Ganz Grevenbroich war au den Beinen und feierten „Ihren“ Deutschlandfahrer bei einem vergnüglichen Begrüßungsabend, der Saal mit einer mit Efeu umrankte Kreidezeichnung „Deutschlandfahrer unterwegs“ geschmückt… Schließlich trug ihm der Motorsportclub wenige Tage später den Ehrenvorsitz im Club-Sportausschuss an.

Anzeige Indian 1923: Carl Nakötter bestritt alle seine Rennen mit einer Indian-Maschine!

Carl Nakötter lebte fortan nicht zuletzt von seinem Ruf als Deutschlandfahrer, seine in den Gartenanlagen „Zur Post“ veranstalteten Feste, einmal mit moderner Jazz-Musik, einmal mit der den Schützen vertrauten Rennefeld´schen Kapelle, fanden in ganz Grevenbroich Beachtung und regen Zuspruch. Hier veranstaltet er auch im Sommer des Jahres 1926 fast alle zwei Wochen Gartenkonzerte mit bengalischer Beleuchtung und gemeinsam mit dem BSV-Schießmeister Josef Godenau gezündete Feuerwerke der „Hofkunstfeuerfabrik“ Sauer, wobei das Feuerwerk „live“ von der Rennefeld´schen Kapelle begleitet wurde. Gemeinsam mit Josef Porz erhielt er zur Kirmes 1926 den Zuschlag für Festzelt und Bewirtung zum Bürgerschützenfest. Auch sportlich erzielte er weiter viele Erfolge mit seiner Indian-Maschine.

Die erste Dapolin-Tankstelle in Grevenbroich

Nakötter war es auch, der vor seiner Restauration die erste Grevenbroicher Tankstelle im Kreis eröffnete. Der Verkauf des Kraftstoffs wurde über die Firma Dapolin vertrieben. Nur Nakötter betrieb vor seiner Restauration einen Überflurhydranten mit einem Tank von insgesamt 7000 Litern. Außer ihm verkauften im Stadtgebiet nur Franz Preckel in Hemmerden, ebenfalls Restaurantinhaber auf der dortigen Landstraße, und in Kapellen H. J. Reisdorf auf der Bahnstraße Benzin von Dapolin, allerdings nur aus plombierten Kannen. Der Name „Dapolin“ stand für die deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft, die im Sommer 1931 in die „Standart Oil“ überging und Vorgängerin des heutigen Esso-Konzerns war.

Die Tankstelle vor der Restauration “Zur Post” Mitte der 1930er Jahre mit Standart-Oil Fahne (aus: Manfred Ganschinietz, Grevenbroicher Gaststätten in alten Zeiten, 2007, Bd 19 Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich, Geschichtsverein

Markanter Werbeträger war ein rotes Indianerkopf-Logo, das die Verbindung zu Amerika verdeutlichen wollte und mit dem Dapolin auch für die Grevenbroicher Vertriebsstandorte und die Tankstelle von Nakötter in großen Zeitungsanzeigen warb.

Motorsportclub und Motorsportclub Erft

Doch das alles sollte im Spätsommer 1926 enden, als die erste Clubmeisterschaft des MSC durchgeführt wurde. Obwohl sowohl Nakötter als auch sein enger Kamerad, Fahrwart Peter Knappertz, mit dem er manches Rennen bestritten hatte, ausgezeichnet wurden, gaben sie öffentlich per öffentlichem Leserbrief in der Grevenbroicher Zeitung ihre Preise zurück. Sie fühlten sich wohl ungerecht behandelt und gründeten kurzerhand einen eigenen Motorsportclub, den „Motorsportclub Erft“ und nahmen weiterhin an ADAC-Rennen und Wettbewerbe teil. Auch wenn die beiden örtlichen Clubs einige Zeit zunächst parallel in Erscheinung traten, hatte sich der mitgliederstärkere MSC längst etabliert, der „MSC Erft“ fristete nur ein Schattendasei. Nakötter beteiligte sich zwar noch an einigen Rennen, doch als Gastwirt gab er auf auf und die Restauration „Zur Post“ wurde spätestens ab 1928 vom Schützenoberst des BSV, Jean Betrand, übernommen. Carl Nakötter betätigte sich wohl daraufhin als Zigarrenhändler im Bahnhofsviertel mit Wohnsitz auf der Breite Straße.

Dem Erfolg des Motorsportclubs trat der Austritt des Deutschlandfahrers und des Fahrzeugwartes jedenfalls keinen Abbruch. Noch im Herbst 1926 beteiligten sich die Motorsportsfreunde als Unterstützer an einem Grevenbroicher Werbeflugtag auf dem Gut Höffkes bei Neuenhausen, warben hierfür mit einer eigenen „Propagandafahrt“. Auch wenn der Flugtag wegen des schlechten Wetters zunächst um eine Woche verschoben wurde und dann selbst zum neuen Termin im wahrsten Sinne des Wortes im Regen versank und nicht das erwartete „große“ Publikum fand…

Der MSC erfreute sich jedoch bis Anfang der 1930er Jahre zunehmender Beliebtheit und trotz Wirtschaftskrise war weder das neue Fortbewegungsmittel Automobil noch die Clubaktivitäten nicht mehr aufzuhalten. Im November des Jahres 1928 entschied die Mitgliederversammlung eine Umbenennung in ADAC und trat daraufhin dann als „Automobilclub Grevenbroich (ADAC)“ mit seinen Vereinsaktivitäten auf.

Foto MSC Ende der 1920er Jahre vor dem Vereinslokal “Zur Traube” auf der Bahnstraße (nachkoloriert)

Erst die Zeit des Nationalsozialismus und die Gleichschaltung in den NSSK – den nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps – sollte der Vereinsgeschichte dieser so erfolgreichen Ortsgruppe des ADAC ein Ende bereiten. Doch dies ist eine andere Geschichte…

Der Geschichtsverein veranstaltet gemeinsam mit den Oldtimerfreunden Grevenbroich am 11. März 1926 von 18.00-20.00 Uhr eine Besichtigung der derzeit laufenden Oldtimerausstellung in der Coens-Galerie mit einem Impulsvortrag von Ulrich Herlitz „Die Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich“ mit weiteren zeitgenössischen Anzeigen und Fotos an. Zu sehen sind auch zwei zeitgenössische Ford-Modelle aus 1926 und 1928. Die Ausstellung der Oldtimerfreunde Grevenbroich mit weiteren Oldtimern und Motorrädern ist noch bis Ende März zu sehen!

Heinz Laumann von den Oldtimerfreunden und Geschichtsvereinsvorsitzender Ulrich Herlitz vor dem Ford A aus dem Jahr 1928


Ausstellung, Oldtimerfreunde und unsere Veranstaltung werden auch in der Lokalpresse thematisiert:

2026 02.25 NGZ Erster Mortorsportler gefeiert wie ein Star

2026 03 Wir hier in GV MSC u Oldtimerfreunde

 

Diedrich Uhlhorn

Grevenbroich um 1800

Grevenbroich hatte im Jahr 1801 gerade einmal 518 Einwohner und war wirklich arm: Nur 25 Jahre vorher musste Grevenbroich sogar in den Gemeinden des Herzogtums Jülich, zu dessen Herrschaftsgebiet es damals gehörte (bis zur Französischen Revolution), Geld sammeln, um das kriegsbedingt zerstörte Straßenpflaster in der Kölner und in der Breite Straße erneuern zu können. Durchreisende hatten anschließend dafür noch „Pflastergeld“ zu zahlen.

Zum Vergleich: Auch Wevelinghoven war mit seinen damals 1.304 Einwohnern deutlich größer und bedeutender.

Was wollte dann im Jahr 1810 ein 46-jähriger schon bekannter Erfinder und Techniker namens Diedrich Uhlhorn in diesem verschlafenen Landstädtchen? Dafür gab er immerhin sein üppiges und sicheres Jahres-Festgehalt von 200 Reichstalern auf, das er beim Herzog von Oldenburg bezog.

Verständlich wird dies mit einem Rückblick auf die Lebensgeschichte von Diedrich Uhlhorn:

Der Werdegang von Diedrich Uhlhorn

1764 in Bockhorn geboren (heutiger Landkreis Friesland an der Nordsee und damals in der Grafschaft Oldenburg gelegen), besuchte er die Volksschule, fiel aber schon in seiner Jugend damit auf, dass er mit großem technischem Talent mechanische und optische Geräte baute und sich mit Unterstützung seiner Mutter weiterbilden konnte. Sein Vater Christian Gerhard Uhlhorn führte eine Schreinerei und hatte seinen Sohn Diedrich eigentlich dafür vorgesehen, dass er seine Nachfolge in der Schreinerei antreten sollte. Zwar ging er beim Vater in die Lehre, aber die Schreinerei übernehmen wollte er überhaupt nicht; so kam es zum Streit: Der Vater enterbte ihn zu Gunsten seines jüngeren Bruders, und damit musste Diedrich selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.

Diedrich Uhlhorn (1764–1837).
Porträt von Carl Oberbach (1869–1939) nach einer zeitgenössischen Zeichnung (Villa Erckens). Uhlhorn trägt hier den ihm 1822 verliehenen preußischen Verdienstorden.

Im Alter von 30 Jahren mietete er sich ein Haus in Bockhorn, in das er mit seiner Frau Gesche Margarete Schwoon einzog, die er auch in diesem Jahr 1794 geheiratet hatte. Hier gründete er eine Werkstatt für physikalische und mathematische Instrumente. Er machte Bekanntschaft mit dem angesehenen Leiter der Hamburger Handelsakademie, Professor Johann Georg Büsch, der dort u.a. auch Alexander von Humboldt mit ausgebildet hatte. Büsch vermittelte ihm zahlreiche Aufträge, so dass seine Werkstatt bald florierte. So wurde auch der Oldenburger Herzog Peter Friedrich Ludwig auf Uhlhorn aufmerksam und stellte ihn schließlich 1797 als „Herzog Holstein-Oldenburgischer Mechanicus“ fest ein. Mit dem Herzog blieb er bis zu dessen Tod 1829 freundschaftlich verbunden.

Nachdem er eine Tuchschermaschine erfunden hatte, die die feinen Wollfasern an den bereits fertig gewebten Baumwolltüchern abscheren konnte, bekam er einen neuen Kontakt, diesmal ins Rheinland zu dem Hückeswagener Unternehmer Johann Wilhelm Thomas, der hier eine Baumwollspinnerei betrieb. Und Hückeswagen im Bergischen Land war zu dieser Zeit ein wichtiger Standort der Textilindustrie, so dass Uhlhorn dort im Jahr 1800 seine Tuchschermaschine einbaute, in Deutschland die erste ihrer Art.

In den Folgejahren richtete er in Hagen eine zweite Maschine ein. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten ab, denn eine einzige Tuchschermaschine ersetzte 6-8 Tuchscherer, die natürlich Angst um ihre Arbeitsplätze hatten und zeitweise streikten. Thomas, der kurz darauf insolvent wurde, vermittelte ihm aber noch den Kontakt zum Neusser Unternehmer Friedrich Koch, der zunächst dort eine Baumwollspinnerei betrieb (und übrigens aus Wevelinghoven stammte).

Und jetzt kommt Grevenbroich ins Spiel:

Friedrich Koch hatte 1803 das leerstehende ehemalige Zisterzienser-Kloster am Marktplatz in Grevenbroich gekauft und dorthin seine Produktion verlagert. 1808 erwarb er die ebenfalls leerstehende Elsener Deutschordens-Mühle (heute Stadtparkinsel in Grevenbroich), wo ab 1812 produziert werden konnte.  

Warum Grevenbroich? Hier in der Elsener Mühle stand die Antriebsart Wasserkraft zur Verfügung. Hinzu kam eine günstige politische Wetterlage: Im 18. Jahrhundert hatte sich England eine marktbeherrschende Stellung in der Textilindustrie erworben, aber der damals regierende französische Kaiser Napoleon verhängte aufgrund des Krieges mit England 1806 ein Importverbot für englische Waren aller Art, das unter dem Namen „Kontinentalsperre“ berühmt wurde.

In diese Lücke stieß Friedrich Koch nun in Grevenbroich mit seiner Baumwollspinnerei. Hier standen auch Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung, denn Grevenbroich – siehe oben – war arm, bot aber im Umkreis zudem auch Absatzmärkte in genügender Zahl an. Da Koch in Grevenbroich einen neuen Wirtschaftszweig gründete, gab es auch keine Konflikte mit streikenden Arbeitern.

Mit Koch begann die Industrialisierung in Grevenbroich, wo sich im 19. Jahrhundert die Textilindustrie im gesamten Stadtgebiet ausbreite; hier bildete sich (neben Mönchengladbach und Krefeld) ein Zentrum dieser Branche heraus.

Umzug nach Grevenbroich

Und Diedrich Uhlhorn? Der hatte im Bergischen Land gesehen, dass man es mit Baumwollverarbeitung zu beträchtlichem Wohlstand bringen konnte. Und so kündigte er 1810 seine Stellung beim Herzog in Oldenburg, mit dessen Zustimmung, siedelte mit seiner zweiten Ehefrau Johanna Katharina Klaender nach Grevenbroich um und wurde technischer Direktor in der Koch’schen Baumwoll-Spinnerei.

Hintergrund: Mit seiner ersten Ehefrau Gesche hatte er 5 Kinder, davon 4 Söhne und 1 Tochter. Zwei dieser Söhne starben im Jahr 1803, einer im Alter von 3 Jahren, einer im Alter von nur 15 Monaten. Seine Ehefrau beging daraufhin Selbstmord. 1805 heiratete er erneut; aus dieser Ehe ging der Sohn Heinrich hervor, so dass Uhlhorns Umzug nach Grevenbroich mit insgesamt 4 Kindern erfolgte.

Die Uhlhorns zogen zunächst in das Grevenbroicher Kloster. Später bauten er und dann seine Kinder großzügige Villen auf der damals noch leerstehenden Lindenstraße. Davon wird später noch die Rede sein.

Nach dem Ende der Kontinentalsperre 1813 und dem damit verbundenem Wiedererstarken der englischen Konkurrenz in der Textilindustrie musste Friedrich Koch im Jahr 1820 Konkurs anmelden. Uhlhorn verlor also sein Gehalt als technischer Leiter der Koch’schen Spinnerei. Zudem verlor er die Aufträge zur Produktion von Textilmaschinen für Koch, ein Bereich, den er auf eigene Rechnung betrieben hatte.

Die Kratzenfabrik

Er hatte sich aber seit 1812 ein neues Standbein aufgebaut: Er produzierte (zeitweise mit seinem alten Partner Thomas) Kratzenmaschinen für die Textilindustrie, eine seiner Erfindungen (schon aus dem Jahr 1803): Zuerst mussten mit Hilfe einer Maschine Kratzenhäkchen gebogen werden. Eine andere Maschine stanzte Löcher in ein Lederband. In diese Löcher wurden die Kratzenhäkchen dann eingesetzt. Es entstanden dann die eigentlichen „Kratzenmaschinen“, mit deren Hilfe – über eine mit diesem Kratzleder bespannte Trommel – nach dem Weben der Stoff aufgeraut wurde und danach mit der Tuchschermaschine die entstandenen aufstehenden Fasern fein abgeschnitten werden konnten.

Die Herstellung der Kratzenmaschinen war eine teilweise monotone Arbeit, die überdies einer gewissen Fingerfertigkeit bedurfte. Ideal war die Beschäftigung von Kindern hierfür. 1814 beschäftigte Uhlhorn in seiner Fabrik einen Meister, aber zusätzlich bereits 24 Kinder.

Das große Problem der Ausbeutung von Fabrikkindern in der beginnenden Industrialisierung wurde erst sukzessive ab den 1840er Jahren verbessert. Kinder erhielten einen deutlich geringeren Stundenlohn als Erwachsene, mussten lange arbeiten, und so wurden sie in Schulbildung und ihrer weiteren Qualifikation behindert. Teilweise arbeiteten die Kinder auch von zuhause aus.  

Uhlhorn gelang es, auch nach Ende der Kontinentalsperre wettbewerbsfähig zu bleiben. Er konnte sowohl in Qualität und Preis mithalten. Ziemlich schnell wurde die Produktion auf die Lindenstraße verlegt.

1824 zog er sich aus dem Unternehmen zu Gunsten seiner ältesten Söhne Christian und Gerhard zurück, die unter dem Firmennamen „Dch. Uhlhorn“ den Betrieb weiterführten.

Zum weiteren Fortgang der Kratzenfabrik nur Folgendes: 1872 wurde eine größere Fabrik benötigt, die stadteinwärts an der Ecke Lindenstraße/Montanusstraße errichtet wurde. Die Produktion konnte noch bis 1927 aufrechterhalten werden. Von dem Verlust ihrer wichtigsten Abnehmer in der Krise 1923 im Rahmen der Besetzung des Ruhrgebietes hatte sich die Firma nicht mehr erholt. Die Fabrikanlagen wurden 1935 abgerissen.

Diedrich Uhlhorn und die Münzprägeanstalt

1817 erfand Uhlhorn die „Kniehebelpresse“, mit der in nur einem Arbeitsgang Münzen geprägt werden konnten. Zunächst mit einem Holzgestell versehen, wurden die Maschinen später zwecks längerer Haltbarkeit mit einem Metallgestell geliefert. Mit einem Hebelmechanismus wurde der Druck auf den Münzrohling verstärkt. In einer Minute konnten 30 Talerstücke oder 60 Viergroschen-Stücke produziert werden.

Münzprägemaschine „Prototyp 1“ (1817). Diese erste Kniehebelpresse mit Holzrahmen befindet sich in der Villa Erckens (Museum der Niederrheinischen Seele). Sie war bis 1849 in der Preußischen staatlichen Münze Düsseldorf im Einsatz und wurde dann nach deren Stilllegung von Diedrichs Sohn Heinrich zurück erworben.

Die ersten Maschinen erhielt die staatliche preußische Münze in Düsseldorf. Später wurden die Münzprägemaschinen in ganz Europa verkauft. Dieser neue Geschäftszweig nahm Diedrich Uhlhorn ganz in Anspruch, so dass er 1824 (siehe oben) die Produktion der Kratzenmaschinen in die Hände seiner beiden ältesten Söhne gab.

1822 verlieh ihm der preußische König Friedrich Wilhelm III. das „Allgemeine Ehrenzeichen erster Klasse“ (später: Roter Adlerorden 4. Klasse). Auch als Publizist betätigte er sich, so z.B. 1829 über seine Erfindung eines Kraftmessers. Diese Neuerung sollte später die Grundlage für die Weiterentwicklung zum modernen Tachometer bilden. 

Diedrich Uhlhorn starb 1837 im Alter von 73 Jahren. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof der reformierten Gemeinde in Wevelinghoven. Obwohl Lutheraner, war er dort seit 1825 auch Presbyter gewesen.

Grabstein von Diedrich Uhlhorn (1764 – 1837) auf dem Kirchgarten der evangelischen Kirche Wevelinghoven. Grabstein und Gartenanlage wurden 2023/24 renoviert.

Nachfolger in der Fabrik wurde sein jüngster Sohn Heinrich. Es wurden im Jahr allerdings lediglich 2-4 Maschinen produziert, 1855 war die Belegschaft aber auf immerhin 42 Arbeiter angestiegen, dennoch war es weiterhin eine eher kleine Werkstatt. Die Maschinen wurden mit vielen Internationalen Preisen ausgezeichnet, dennoch ging die Nachfrage ab ca. 1860 deutlich zurück.

Heinrich Uhlhorn erkannte das rechtzeitig und setzte zunehmend auf die Produktion von Maschinen für die aufkommende Zuckerindustrie, ab 1876 wesentlicher Geschäftszweig, denn wegen wachsender ausländischer Konkurrenz wurde in diesem Jahr mit der Herstellung der 200. Münzprägemaschine die Produktion eingestellt.

Zum weiteren Fortgang dieser Maschinenfabrik auch nur kurz Folgendes: Heinrich Uhlhorn übergab die Leitung Anfang des Jahres 1877 an seinen Sohn Richard und dessen Studienfreund Hermann Hundhausen unter der Firmierung „R. Uhlhorn und Hundhausen“. Allerdings verstarb Richard Uhlhorn sehr schnell bereits im Jahr 1878 (Selbstmord), woraufhin die Kölner „Zuckerfabrik-Barone“ Eugen und Carl Jacob Langen dessen Geschäftsanteile übernahmen, nun hieß die Firma „Langen und Hundhausen“. 1883 starb auch Hundhausen (ebenfalls Suizid), und die Familie Langen übernahm die Firma ganz und firmierte sie 1890 in „Maschinenfabrik Grevenbroich AG“ um. 1927 übernahm die Magdeburger Firma Buckau R. Wolf AG diese Firma, die zwar danach die Produktion überwiegend dorthin verlegte, aber nach Verlust ihrer ostdeutschen Werke 1947 dann ausschließlich in Grevenbroich produzierte bzw. produzieren musste. Dieser Betrieb wurde in den Folgejahren zu einem der größten Arbeitgeber in Grevenbroich, in Spitzenzeiten wurden hier 2.700 Beschäftigte gezählt. In den 1980er Jahren erfolgte der Niedergang; auf einem Teil des nicht mehr benötigten Firmengeländes entstand ab 1999 das neue Wohngebiet „Buckau-Viertel“. An der Nordstraße wird der hintere Teil des Geländes nach mehreren Besitzerwechseln immer noch industriell genutzt. 

Die Familie Uhlhorn als Immobilienbesitzer auf der Lindenstraße

Wie bereits oben erwähnt, bezogen die Söhne von Diedrich Uhlhorn stattliche neue Villen auf der Lindenstraße. An der Lindenstraße sammelten sich in der Folgezeit auch viele Industrieanlagen an, daneben zunächst nur einzelne Wohnhäuser. Erst ab der Jahrhundertwende 1900 wurden die Fabriken nach deren Ende sukzessive durch weitere größere Wohn- und Geschäftshäuser „abgelöst“.

Planzeichnung der Lindenstraße (1872).
Von links unten: Wohnhaus Christian Uhlhorn, daneben das Wohnhaus Emil Uhlhorn, die alte Kratzenfabrik und die Villa von Heinrich Uhlhorn. Oben auf der anderen Seite der Lindenstraße die 1872 neu erbaute Kratzenfabrik als größter Gebäudekomplex. (Stadtarchiv Grevenbroich)

Diedrichs Sohn Christian verstarb 1853. Keines seiner Kinder überlebte ihn. Nach dem Tod seiner Frau Helene wurde sein Wohnhaus mit dem 17.900 qm (!) großen parkähnlichen Grundstück 1883 an den Kreis Grevenbroich verkauft – für die damals stolze Summe von 40.000 Mark. Auf diesem Grundstück baute der Kreis Grevenbroich im Jahr 1886 das immer noch bestehende markante „Kreisständehaus“. Auf dem Areal steht heute zudem auch noch der Erweiterungsbau der Kreisverwaltung.

Auf dem Grundstück, auf dem die Wohnhäuser von Emil Uhlhorn (Enkel von Diedrich Uhlhorn bzw. Sohn von Diedrichs zweitem Sohn Gerhard) und Diedrichs Sohn Heinrich standen, befindet sich heute ein 1930 neu erbautes denkmalgeschütztes Wohnhaus („Villa Hömberg“) sowie das Hochhaus der Kreisverwaltung.

Auch das zeigt, dass die Familie Uhlhorn zu beträchtlichem Reichtum gekommen ist, nachdem sie die Industrialisierung in Grevenbroich Anfang des 19. Jahrhunderts wesentlich mit angestoßen hatte, erfolgreiche Unternehmen gründete und auch auf weiten Teilen der Lindenstraße für rund 100 Jahre das Stadtbild bestimmte. Den Grundstein für diesen Erfolg legte der hervorragende Erfinder und Unternehmer Diedrich Uhlhorn. 

Zu Ehren von Diedrich Uhlhorn bzw. dessen Familie heißt die Straße, die von der Lindenstraße zur Röntgenstraße führt, „Uhlhornstraße“.

Achim Kühnel für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Literaturhinweise:

Decker, Josef: Diedrich Uhlhorn, seine Söhne und Enkel; in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich des Geschichtsvereins, Grevenbroich 1983, S. 57-75

Benad-Wagenhoff, Volker / Schneider, Konrad: „Dieser unerschöpfliche seltene Mann…“ – Diedrich Uhlhorn und die moderne Münztechnik, Grevenbroich 2009

Ganschinietz, Manfred: Diedrich Uhlhorn (1764-1837); in: Kreisheimatbund Neuss (Herausgeber), Lebensbilder, Bd. 2, Neuss 1995, S. 35-47.

Die Rathausuhr von Grevenbroich

Waren Rathaus- und Turmuhren früher noch unersetzliche Zeitanzeigen für die breite Bevölkerung, sind sie heute bis auf wenige historisch wertvolle Ausnahmen verschwunden und nahezu in Vergessenheit geraten. Diese Uhren dienten der Bevölkerung zur Einteilung ihres Tages hinsichtlich der Gebetszeiten und auch für weltliche Angelegenheiten wie Beginn und Ende des Arbeitstages. Eigene Uhren waren in der Regel unerschwinglich und wurden auch nicht mitgenommen außer als Taschenuhr zu entsprechender Kleidung. Kirchenglocken dagegen läuteten hauptsächlich zum Gottesdienst oder zum Gedenken.

Die Grevenbroicher Rathausuhr um 1880 kurz nach der Fertigstellung.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Da es sich bei diesen historischen Uhren um mechanische Uhren handelte, mussten sie regelmäßig von Hand aufgezogen werden, um den Antrieb des Uhrwerks zu gewährleisten. Die Aufziehintervalle hingen von der Größe der Uhr und den befestigten Gewichten ab. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts ging man dazu über, die Uhrwerke mit elektrischen Motoren zu versehen. In Grevenbroich dauerte die Umrüstung jedoch noch bis ins Jahr 1938, als man das Rathaus umbaute.

Die neue Grevenbroicher Rathausuhr um 1940 kurz nach dem Umbau.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Und hier beginnt unsere heutige Grevenbroicher Stadtgeschichte, die so heutzutage eigentlich nicht mehr vorstellbar ist. Frau Schulte vom Stadtarchiv Grevenbroich fand nachfolgenden Zeitungsartikel in einer bisher unbearbeiteten Akte des Grevenbroicher Archivbestandes und stellte ihn dem Autor zu weiteren Recherchen zur Verfügung.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

„Über 50 Jahre die Rathausuhr aufgezogen/Ein seltener Beruf und ein seltenes Jubiläum für eine Frau / Der Bürgermeister dankte Frl. Maria Kaffill / Noch heute im Beruf tätig

Grevenbroich. Wie wir schon verschiedentlich berichteten, wird das Rathaus in Grevenbroich in diesen Wochen gründlich umgebaut. Dabei muss auch die Rathausuhr verschwinden, die bisher durch Jahrzehnte hindurch treu und brav den Grevenbroichern die genaue Zeit anzeigte. Genau war die Zeit immer, und uns ist kein Tag bekannt geworden, an dem die Uhr einmal gestreikt hat.

Diese Uhr wurde seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von einer Frau betreut. Die Uhrmacherin Maria Kaffill aus Grevenbroich ist täglich, bei gutem und bei schlechtem Wetter, bei Sonnenschein und bei Eis hinauf auf das Dachzimmer des Rathauses gestiegen und hat die Uhr aufgezogen. Nicht einen einzigen Tag hat sie in all den Jahren ausgesetzt. Niemals war sie krank. Und so ist es kein Wunder, wenn die Grevenbroicher sich nie über ihre Rathausuhr beklagen konnten.

Nun, da die Rathausuhr verschwindet, muss Frl. Kaffill auch ihre liebgewordene Beschäftigung aufgeben. Wir sind daher noch einmal zu ihr gegangen, um uns aus den Jahren erzählen zu lassen. Aber wir waren im Irrtum, wenn wir glaubten, die heute 78jährige Frau zu Hause im Stuhl anzutreffen. Wir mussten ihr nachfahren in eine der Grevenbroicher Fabriken, in denen sie noch heute trotz ihres hohen Alters allwöchentlich „die genaue Zeit macht“.

Nun sitzen wir ihr gegenüber und lassen uns in ihrer bescheidenen Art aus ihrem Leben erzählen. Mein Vater, so berichtete sie uns, war Uhrmacher. Als ich aus der Schule kam, hatten wir viel zu tun und so stellte mich mein Vater bei seiner Arbeit an. Über 65 Jahre bin ich so in meinem Berufe tätig. In den siebziger Jahren übertrug uns, so fuhr die alte Dame fort, der damalige Bürgermeister Schmitz die Pflege der Rathausuhr. Zuerst wurde sie von meinem Vater gründlich repariert, dann täglich gepflegt, bis mir eines Tages mein Vater die Pflege der Uhr übertrug. Von diesem Tage an bin ich täglich in die Dachstube geklettert, meistens in der Mittagszeit zwischen 14 und 15 Uhr. Dann habe ich die Uhr gestellt und die Gewichte aufgezogen. Zwar, so berichtete sie uns weiter, lief die Uhr an sich drei Tage, nur das Läutewerk lief genau 24 Stunden. Und darauf musste ich ja besonders Acht geben. Keine Stunde hat die Uhr ausgesetzt, alles ist immer seinen gewohnten Gang gelaufen. Von Besonderheiten kann ich nicht berichten. Nur im Winter habe ich oft mehrere Male am Tage hinauf gemusst. Da waren die Klöppel, die oben im Freien hingen, vereist, und da musste ich eben warten bis die Maschinerie bis mittag wieder aufgetaut war. Aber gegangen, so erklärte sie uns voller Stolz, hat die Uhr immer. Das war mein Ehrgeiz. Es ist, so meinte sie abschließend, nicht immer ganz einfach gewesen. Denn nie konnte ich einen Tag länger von Grevenbroich fortbleiben. Immer wieder musste ich mittags pünktlich zur Stelle sein.

Mit Freude berichtete Frl. Kaffill uns dann zum Abschluss unseres Besuches, dass ihr der Bürgermeister der Stadt Grevenbroich gerade in diesen Tagen ein Anerkennungsschreiben übersandt habe. Er habe ihr darin sogar versprochen, die alte Uhr nicht zum Schrott zu werfen, sondern aufbewahren zu lassen. An Stelle der alten Turmuhr wird jetzt eine elektrische Uhr eingebaut.

Die Heimatzeitung, die „Rheinische Landeszeitung“ übermittelt der betagten Uhrmacherin ihre herzlichsten Glückwünsche zu diesem Jubiläum. Diese Treue und restlose Pflichterfüllung bis zum letzten mögen uns und unseren Lesern immer als Vorbild dienen.“

Das Anerkennungsschreiben der Stadt Grevenbroich durch den damaligen Bürgermeister Lorenz Wilms liegt dem Stadtarchiv Grevenbroich ebenfalls noch vor.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

Wo die alte Rathausuhr nach ihrem Ausbau tatsächlich geblieben ist, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Ebenso ist nicht bekannt, wo sie nach fast 90 Jahren verblieben ist. Das Grevenbroicher Heimatmuseum befand sich in den 1930er Jahren noch im Torbogen des Alten Schlosses, bevor es in den Jahren 1939 ff. ins eigentliche Schloss umsiedeln sollte.

Quelle: © Jürgen Larisch

Inwieweit der Bürgermeister Lorenz Wilms zu dieser Anerkennung durch die Bevölkerung „gezwungen“ wurde, bleibt derzeit offen, da im Archiv lediglich ein weiteres Schriftstück zu diesem Fall gefunden wurde.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, GV 001 Nr. 32

Aber wer war Fräulein Maria Kaffill? Maria Helena Kaffill wurde am 28. April 1860 in Wevelinghoven vermutlich als erstes Kind des Uhrmachermeisters Anton Kaffill und seiner Frau Helena Heusch geboren. Sie starb am 26. Juli 1943 im Grevenbroicher Krankenhaus an einer Lungenentzündung. Laut einem Zeitungsartikel zum 125jährigen Firmenjubiläum vom 30. September 1983 hatte sie 17 weitere Geschwister von denen drei ebenfalls das Uhrmacherhandwerk erlernten. Für diesen Beitrag konnten bisher aber nur 14 Kinder in Grevenbroich und Wevelinghoven nachgewiesen werden.

Zu Anton Kaffill und seiner im Jahr 1858 gegründeten Firma wurden folgende Informationen und Begebenheiten recherchiert. Laut Sterbeurkunde Nr. 29/1903 vom 11. Mai 1903 starb Anton Kaffill als 71jähriger Uhrmacher in Wevelinghoven. Geboren wurde er um 1832 in St. Mauritz einem Stadtteil von Münster in Westfalen. Seine Frau hieß Helena Heusch, geboren in Wesel. Sie überlebte ihn um zwei Jahre.

Ursprünglich bezog Anton Kaffill als Theologiestudent ein Zimmer bei einem Münsteraner Uhrmachermeister zur Untermiete. Bereits nach kurzer Zeit interessierte er sich mehr für dessen Handwerk, brach sein Studium ab und ging bei seinem Vermieter in die Lehre. 1858 legte er seine Meisterprüfung ab, zog ins Rheinland, heiratete und gründete im gleichen Jahr in Wevelinghoven an der Poststraße sein erstes Geschäft.[1]

Aufgrund neuer in diesem Jahr gefundener Zeitungsannoncen vermutet der Autor jedoch die Erstgründung des Uhrmacherfachgeschäfts in Dortmund und nicht in Wevelinghoven. Im März 1859 wurde ein gänzlicher Ausverkauf goldener und silberner Anker-, Zylinder-, Spindel- und Wand-Uhren zu Fabrik-Preisen angeboten. Gemäß dem Dortmunder Adressbuch von 1859 handelte es sich um einen Anton Kaffill, der Uhrmacher unter gleicher Adresse war. In den Dortmunder Adressbüchern vor bzw. nach 1859 war dieser Uhrmacher Anton Kaffill nicht mehr zu finden.

Quelle: Dortmunder allgemeines Kreisblatt Nr. 34 vom 19. März 1859, Seite 4
Quelle: Dortmunder Adressbuch von 1859

Nur einen Monat später annoncierte Anton Kaffill eine Anzeige über die Geschäfts-Eröffnung eines Uhrmachergeschäftes am 1. April 1859 in Wevelinghoven.

Quelle: Grevenbroicher Kreisblatt und Organ für die Gilbach vom 10. April 1859, Seite 4

Wann Anton Kaffill dann ein weiteres Uhrmachergeschäft auf dem Grevenbroicher Marktplatz eröffnete, kann zurzeit nicht abschließend gesagt werden, da es hierfür keine Belege gibt. Allerdings muss dies vor 1879 geschehen sein, da es im Adressbuch des Kreises Grevenbroich aus dem Jahr 1879 zwei Einträge gibt – in Wevelinghoven und in Grevenbroich.

Vor der Erweiterung der Kirche (vor 1900) befand sich das Handelsgeschäft von Anton Kaffill dort, wo später die Firma Foto Jähne über Jahrzehnte ihr Unternehmen betrieb (2. Haus von rechts mit Schild).

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft (Pfeil) am Marktplatz um 1900 nach der Erweiterung der Kirche.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich
Quelle: ©Jürgen Larisch

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft (rechts) um 1944 mit dem noch nicht zerstörten Rathaus im Hintergrund.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Laut einem weiteren Zeitungsartikel im Stadtanzeiger Grevenbroich zum 125jährigen Firmenjubiläum wurden fast alle Großuhren von Anton Kaffill selbst gebaut. In dieser Zeit hatte er wohl zwischen 15 und 20 Gehilfen beschäftigt. Zu jener Zeit dürfte Anton Kaffill wohl auch der erste „Optikus“ im Kreisgebiet gewesen sein. Als solcher handelte er neben Brillen auch mit optischen Artikeln.[2]

1950 übernahm Edmund Kaffill, ein Enkel von Anton Kaffill, das Geschäft in Grevenbroich. Dieser baute bereits 1954 ein neues und modernes Geschäftshaus mit zwei getrennten Fachgeschäften für Uhren, Gold- und Silberwaren und Bestecken und ein zweites für Augenoptik und Hörgeräte.[3]

Das Grevenbroicher Handelsgeschäft am Marktplatz um 1970.

Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich
Quelle: © Stadtarchiv Grevenbroich, Bildbestand Grevenbroich

Im Jahr 1983 konnte die Firma Kaffill auf ihr 125jähriges Bestehen zurückblicken, welches sich im Laufe dieser Zeit vom reinen Uhrmacherfachgeschäft auch zum Fachgeschäft des Optikerhandwerks und des Verkaufs von Gold- und Silberwaren entwickelt hatte. Und dies seit 1981 auch an verschiedenen Standorten bzw. unterschiedlichen Firmen. So wurde z. B. die Augenoptik in die Räume des neuen Rathauses verlegt.

Seit 2015 befindet sich in dem Gebäude am Marktplatz u. a. ein Modegeschäft. Nachdem es mehr als ein Jahr leer gestanden hatte, wechselte 2014 der Eigentümer, der es umfangreich renovierte und Umbaumaßnahmen durchführte. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden alle Fachgeschäfte der Familie Kaffill in Grevenbroich und Wevelinghoven geschlossen.

Heute (im Oktober 2025) sieht das Gebäude wie folgt aus:

Quelle: © Stefan Faßbender

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

[1] Neuss Grevenbroicher Zeitung vom 30. September 1983

[2] Stadtanzeiger Grevenbroich vom 13. Oktober 1983

[3] Stadtanzeiger Grevenbroich vom 13. Oktober 1983

 

Als vor 40 Jahren die Turmhaube von St. Georg in Alt-Elfgen brannte und völlig zerstört wurde

St. Georg mit Turmhaube, Kreuz und Wetterhahn im Frühjahr 1985

Quelle: AiRKN, Bestand F 18 – Fotoarchiv Michael Reuter Nr. 3707

Als am Sonntag, den 29. September 1985, gegen 7 Uhr morgens Alarm bei der Feuerwehr einging, zerschlugen sich die Träume aller Elfgener, ihre alte Turmhaube aus wertvollem Eichengebälk zukünftig auf dem neuen Friedhof wiederzufinden.

Wie viele andere Orte in unserer Gegend auch, war Alt-Elfgen ebenfalls durch den Braunkohletagebau betroffen und dem „Untergang“ geweiht. Im Jahr 1985 standen nur noch wenige Gebäude im Ort. Dazu gehörte auch die ursprünglich 1749 erbaute und 1932 erweiterte Kirche St. Georg (siehe Beitrag in der Festzeitschrift BSV Elfgen 2024). Ihr Abriss begann am Freitag, den 27. September 1985.

Die Turmhaube sollte als Mahnmal und Denkmal ein Zeichen der Erinnerung setzen. Das Kreuz und der Wetterhahn der alten Kirche sollten einen Platz auf der neuen Kirche in Neu-Elfgen finden, die bereits im Juni 1985 durch Kardinal Höffner eingesegnet worden war

St. Georg nach der Brandstiftung und dem Teilabriss einige Tage zuvor.

Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0006
Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0007

Das war eine Schreckensnachricht, nachdem eine Abbruchfirma am Freitag vorher damit begonnen hatte, Teile der alten Pfarrkirche abzureißen, um die alte Turmhaube in den nächsten Tagen herunterzuholen und wohlbehalten an ihren neuen Bestimmungsort zu bringen. Nach damaligen Zeitungsartikeln versuchten unbekannte Personen (bzw. „Spitzbuben“) den goldglänzenden Wetterhahn von der Turmspitze zu stehlen. Es wurde vermutet, dass die Diebe einfach die Turmhaube in Brand setzten, um an den „goldenen“ Hahn zu gelangen. Der Dachstuhl des Kirchturmes brannte dabei völlig aus. Der sehr stark beschädigte Wetterhahn, der im Übrigen lediglich aus Messing bestand, konnte jedoch von der Kripo sichergestellt werden. Das Turmkreuz sowie die Stahlglocken konnten ebenfalls in den Trümmern geborgen werden. Eine vorläufig festgenommene Person wurde noch am gleichen Tag von der Kripo wieder auf freien Fuß gesetzt, da sie nichts mit der Brandstiftung zu tun hatte.

Das Innere des Turms nach dem Brand der Turmhaube.

Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0012
Quelle: StA Grevenbroich, Fotobestand 17, Elfgen, Nr. 0014

Rund neun Monate nach dem bedauernswerten Unglück der Brandnacht konnten der Wetterhahn und das Kreuz nach aufwendiger Restaurierung jedoch ihren Platz auf der neuen Pfarrkirche finden. Der Turmhahn, dem Beine und andere Teile fehlten, wurde durch Schlossermeister Mohr anhand alter Vorbilder getreu hergerichtet. Seinen alten Glanz erhielt der Hahn, der ursprünglich aus dem Jahr 1756 stammte, durch Franz Meger zurück, der ihn zusätzlich vergoldete.

Quelle: NGZ vom 5. Juni 1986

Im Beisein vieler Zuschauer fand der neue, alte Wetterhahn mit Hilfe eines riesigen Kranes und der Grevenbroicher Feuerwehr im Juni 1986 seinen neuen Platz in dreißig Metern Höhe auf dem Dach von St. Georg in Neu-Elfgen. Für viele ältere Zuschauer kehrten damit ein Stück Heimatgeschichte und viele Erinnerungen an ihre alte Heimat zurück. Der Traum einer Mahn- und Gedenkstätte in Form der alten Turmhaube auf dem neuen Elfgener Friedhof konnte dagegen nicht in Erfüllung gehen.

Der Wetterhahn im Juni 2025.

Quelle: Stefan Faßbender

Übrigens konnte der bzw. konnten die einstigen Brandstifter bis heute nicht ermittelt werden. Der Autor dieses Beitrages würde sich sehr über eine Kontaktaufnahme freuen, wenn weitere Erkenntnisse und Geschichten über diesen mysteriösen Fall oder sogar weitere Bilder existieren.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Kriegerdenkmal aus Alt-Elfgen

Der Geschichtsverein Grevenbroich und das Stadtarchiv Grevenbroich benötigen Hilfe aus der Grevenbroicher Bevölkerung für die Suche nach Gegenständen wie Urkunden, Namensverzeichnissen, Orden und ca. 50 Milliarden Mark (aus der Zeit der Hyperinflation), welche im Jahr 1977 von Jakob Nagel im Fundament des Kriegerdenkmals in Alt-Elfgen gefunden wurden.

Bei den Recherchen für den diesjährigen Artikel in der Festschrift „BSV Elfgen-Belmen“ (auch hierüber wird die NGZ im September berichten) ist der Heimatforscher Stefan Faßbender in einer Elfgener Zeitungssammlung über folgenden sehr interessanten Artikel „gestolpert“:

Quelle: NGZ vom 6. Oktober 1977

Nach der Umsiedlung des Ehrenmales nach Neu-Elfgen begab sich der damals bereits 84-jährige Jakob Nagel mit Hammer und Meißel ans Werk und legte das alte Fundament des Ehrenmals in Alt-Elfgen frei. Dabei förderte er die im Zeitungsartikel der NGZ vom 6. Oktober 1977 genannten wertvollen Zeugen der Vergangenheit zu Tage. Die Gegenstände wurden zur ersten Kirmes in Neu-Elfgen im Jahr 1977 in der damaligen Schreinerei Linges ausgestellt und sind seitdem nicht mehr aufzufinden. Laut Zeitungsartikel stand damals noch nicht fest, wo diese „wertvollen Schätze“ verbleiben sollten. Obwohl sich viele ältere Elfgener noch an diese Ausstellung erinnern können, konnte trotz intensivster Recherchen der Aufbewahrungsort der Gegenstände von Stefan Faßbender bisher nicht ermittelt werden.

Der Geschichtsverein Grevenbroich und das Stadtarchiv Grevenbroich gehen davon aus und hoffen, dass die Gegenstände noch immer in einem Elfgener Keller wohlbehütet lagern und auf ihre „Neuentdeckung“ warten. Stefan Faßbender betont hierbei, dass es nicht darum geht, die Gegenstände in Besitz zu nehmen, wenn dies nicht gewollt ist, sondern sie zumindest digital zu erfassen und für ein vermutlich im Jahr 2026 startendes weiteres Geschichtsprojekt über Alt-Elfgen als Leihgabe für einen gewissen Zeitraum zu erhalten.

Das Elfgener Kriegerdenkmal wurde am 7. Juli 1929 eingeweiht. Entwurf und Ausführung erfolgten durch den Grevenbroicher Bildhauer Gorius. Die Gesamtkosten betrugen 3.720,95 RM (Reichsmark).  Heute befindet es sich zusammen mit dem Belmener Ehrenmal auf dem Hollenweg in Elfgen. Außerdem wurde es um die Namen der Opfer des Zweiten Weltkriegs ergänzt.

Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich, Schulchronik Elfgen, Band 3, Seite 65ff.

Stefan Faßbender für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Der bürokratische Kampf einer Mutter um das Leben ihrer Söhne

Vermutlich kennt jeder den preisgekrönten Film „Der Soldat James Ryan“ von Steven Spielberg aus dem Jahr 1998, der eigentlich auf das Schicksal der Niland-Brüder zurückgeht. Aufgrund der sogenannten „Sole Survivor Policy“ wurden amerikanische Soldaten von der kämpfenden Front in die USA zurückgeschickt, wenn sie die letzten Überlebenden von Soldatenbrüdern einer Familie waren. Bis 2008 handelte es sich hierbei nicht um ein Gesetz, sondern lediglich um ein internes militärisches Regelwerk seit den amerikanischen Sezessionskriegen. Dies änderte sich erst im August 2008 mit dem „Hubbard Act“, einem Gesetz, welches auf die „Sole Survivor Policy“ Bezug nimmt. Heute gilt es auch für Soldatinnen.

Gab es für die Deutsche Wehrmacht ein ähnliches Regelwerk oder sogar ein Gesetz?

Ja. Auch für Soldaten der Wehrmacht gab es eine ähnliche Verfügung, die im Juni 1940 veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der Westfeldzug erfolgreich abgeschlossen und die Verluste im Verhältnis zum später beginnenden Ostfeldzug geringer. Heutige Schätzungen gehen von rund 27.000 gefallenen Soldaten aus, die während der Westoffensive gefallen waren. Dementsprechend waren Soldaten aus der kämpfenden Truppe eher verzichtbar und konnten an weniger gefährdete Stellen der Front oder in die Heimat versetzt werden.

Allgemeine Heeresmitteilungen vom 21. Juni 1940, Blatt 14, Seite 317, Nr. 713

Anmerkung zum Artikel: Zu diesem Zeitpunkt wurde der 2. Weltkrieg noch nicht als solcher benannt, daher wird der 1. Weltkrieg hier als „Weltkrieg“ erwähnt.

Im Jahr 1942 wurde diese Regelung nochmalig ergänzt bzw. erweitert, wenn der Soldat der letzte überlebende Sohn einer Familie war.

Marburger Zeitung vom 6. Februar 1942, Seite 6

Während des weiteren Verlaufes des Zweiten Weltkrieges, insbesondere nach Beginn des Russlandfeldzuges und den damit verbundenen sehr stark ansteigenden hohen Verlusten, wurden die Befreiungsvorschriften immer mehr ausgesetzt bzw. gestrichen. Im September 1943 wurden die Schutzbestimmungen für einzige und letzte Söhne vollends aufgehoben. Lediglich Väter mit fünf noch lebenden, unversorgten Kindern bzw. Familien mit fünf und mehr im Wehrdienst stehenden Söhnen konnten sich noch auf die Schutzbestimmungen berufen.

Heeres-Verordnungsblatt vom 27. September 1943, Teil B, Blatt 19, Seite 269, Nr. 525

In Grevenbroich ereignete sich ein besonders tragischer Fall, der sowohl die Verzweiflung einer Mutter zeigt, ihre Söhne oder zumindest einen ihrer Söhne retten zu wollen, als auch ihren Mut, immer wieder neue Anträge beim Bürgermeister von Wevelinghoven zu stellen.

Das Netzwerk „Kriegstote in Grevenbroich“ ist bei Recherchen zufällig auf die Akte der Familie Düxmann aus Langwaden gestoßen und hat sich daher entschlossen, dieses Thema zu beleuchten. Unter Beachtung des Datenschutzes nach dem Personenstandsgesetz werden hier bis auf wenige Ausnahmen auch die Namen und Daten aller Familienmitglieder genannt. Sollten sich Nachkommen in dieser Familie wiederfinden, würden wir uns sehr über eine Kontaktaufnahme freuen, um weitere Informationen bzw. Bilder/Totenzettel zu erhalten, damit die Opfer dieses Krieges endlich ein „Gesicht“ bekommen.

Wer war die Familie Düxmann aus Langwaden und welche Schicksale musste sie während des Zweiten Weltkrieges ertragen?

Die Familie von Wilhelm Düxmann (*1879, +1935) und Anna Steins (*1879, +1947) hatte insgesamt 8 Kinder (6 Söhne und 2 Töchter). Alle 6 Söhne wurden während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Am 10. August 1941 um 14.30 Uhr starb der Sohn Wilhelm Düxmann (*1915, +1941) im Alter von 26 Jahren bei Rodnja (bzw. Rudnja oder Rodiga) in Russland. Er war Obergefreiter des Panzer Stab Artillerie Regiments Nr. 103 und starb an den Verletzungen durch einen Granatsplitter im Hinterkopf. In der Verlustkartei für Wehrmachtsangehörige wurde als Grablage die Ortsstraße in Ssokolowka angegeben. Eine Überführung auf einen Soldatenfriedhof hat bisher nicht stattgefunden.

Nur einen Monat später, am 12. September 1941, starb der Sohn Anton Düxmann (*1917, +1941) im Alter von 24 Jahren in Michajlowsskaja bei dem Angriff bzw. der Belagerung von Leningrad (heute: St. Petersburg). Laut dem Volksbund befindet sich sein Grab noch immer in Iwanowka-Ropscha in Russland. Eine Umbettung auf einen Soldatenfriedhof hat bisher nicht stattgefunden.

Mit dem Tod ihrer o. g. Söhne Wilhelm und Anton im August bzw. September 1941 stellte die Mutter Anna Düxmann geb. Steins unter Bezugnahme auf den Führererlass einen Antrag, ihren jüngsten Sohn Michael Düxmann (*1920) vom Einsatz in der kämpfenden Truppe zu befreien und ihn in ein Ersatz-Bataillon zu versetzen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Die Entscheidung oder die Beweggründe der Mutter, für den einen oder anderen Sohn einen Antrag zu stellen, können wir aufgrund der Aktenlage leider nicht beurteilen. Es muss aber für eine Mutter herzzerreißend gewesen sein, sich für nur ein Kind entscheiden zu müssen. Wir können auch nicht beurteilen, welchen Repressalien sie mit ihren Anträgen beim Bürgermeisteramt oder auch in der Nachbarschaft ausgesetzt war.

Dieser Antrag hatte aber Erfolg, denn bereits am 2. November 1942 stellte die Mutter einen erneuten Antrag. Diesmal, um selbigen Sohn Michael Düxmann nun vollständig aus dem Wehrdienst herauszuholen. Begründet wurde der Antrag damit, dass Michael der Haupternährer der Familie sei und bereits zwei andere Söhne gefallen waren. Laut der u. g. Feldpost Nr. 25494 muss Michael zum Infanterie-Ersatz-Regiment 216 gehört haben, welches in Hameln stationiert war. Im Oktober 1942 wurde das Regiment zum Reserve-Infanterie-Regiment 216 umgegliedert und nach Belgien verlegt. Im November 1942 wurde das Regiment zum Reserve-Grenadier-Regiment 216 umbenannt und kam danach bei Dixmuiden in Belgien zum Einsatz.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Dieser Antrag hatte aber wohl keinen Erfolg, da sie bereits 10 Monate später einen wiederholenden Antrag stellte. Gemäß der nun genannten Feldpost Nr. 57524 gehörte Michael dem Regimentsstab-Infanterie- (bzw. Grenadier-) Regiment 891 an. Dieses wurde am 20. Mai 1943 als bodenständiges Regiment in Belgien aufgestellt.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Vermutlich kam es in den nächsten 6 Wochen noch zu einer Verschlimmerung für ihren Sohn Michael, denn seine Truppe gehörte nach dieser Zeit wieder zu den kämpfenden Einheiten. Das Regiment 891 wurde im Oktober 1943 nach Kroatien verlegt. Daraufhin stellte seine Mutter bereits am 1. November 1943 einen erneuten Antrag, ihren Sohn aus der kämpfenden Truppe zurückzuziehen und denselben im Heimatkriegsgebiet verwenden zu wollen.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Wie verzweifelt muss die Mutter wohl gewesen sein, denn wie bereits am Anfang beschrieben, wurden im September 1943 de facto alle Schutzbestimmungen für kämpfende Soldaten aufgehoben. Entsprechend wurde der Antrag der Mutter nicht genehmigt. Ihr jüngster Sohn, der Unteroffizier Michael Düxmann (*1920, +1943), ist im Alter von nur 23 Jahren in Zara im Balkan gefallen. Laut dem Volksbund ist er vermutlich als unbekannter Soldat auf die Kriegsgräberstätte Split überführt worden. Sein Regiment 891 wurde im Dezember 1944 vollends vernichtet.

Dennoch begab sich Anna Düxmann am 26. Januar 1944, vermutlich unbeirrt oder verzweifelt und mit viel Mut, erneut zum Bürgermeister nach Wevelinghoven. Und das zu einer Zeit, als die Wehrmacht bereits überall auf dem Rückzug war und die letzten noch wehrfähigen Männer im Reichsgebiet zum Kriegseinsatz eingezogen wurden.

An diesem Tag stellte sie einen Antrag, ihren ältesten Sohn Hermann Düxmann aus den kämpfenden Truppen zurückzuziehen, der erst am 28. August 1943 einberufen wurde und sich zu diesem Zeitpunkt in Modlin/Südostpreußen befand. Vermutlich war er dort in der Garnison Modlin, einer der größten polnischen Festungen, stationiert. Die Festung beheimatete neben einer Division auch ein Rekrutenausbildungszentrum der Wehrmacht und einen Nachschubstützpunkt für die Ostfront. Die äußeren Forts wurden u. a. auch für ein Durchgangslager und ein Konzentrationslager genutzt. 1945 wurde die Festung von der Roten Armee befreit.

© StA Grevenbroich, Bestand Wevelinghoven, Nr. 1308

Hermann Düxmann überlebte den Krieg. Vermutlich wurde er nicht aus der kämpfenden Truppe versetzt. Ob er in russische Gefangenschaft geriet oder sich rechtzeitig in Richtung Westen „absetzen“ konnte, ist aus den vorliegenden Unterlagen leider nicht zu ersehen. Jetzt würde man sich wünschen, dass er mit seiner Frau Gertrud Bodewein noch viele glückliche und zufriedene Jahrzehnte hätte verbringen dürfen. Doch dies blieb ihm nicht vergönnt, denn er starb am 13. Juli 1949 durch einen Verkehrsunfall im Grevenbroicher Krankenhaus. Das Schicksal kann manchmal sehr grausam sein.

StA Grevenbroich, Sterberegister Grevenbroich, Nr. 81/1949

Der zweitgeborene Sohn Johann Düxmann (*1908, +1964) überlebte den Krieg ebenfalls. Er starb am 17. September 1964 in Grevenbroich. Laut seiner Feldpost Nr. 13751 E gehörte Johann zu diesem Zeitpunkt wohl zur 4. Kompanie des Stellungsbau-Pionier-Bataillon Nr. 788. Das Bataillon wurde im September 1943 nach Italien verlegt und war noch bis 1945 im Raum Udine unter der 10. Armee eingesetzt. Weitere Informationen sind zurzeit nicht bekannt.

Der drittgeborene Sohn Adam Düxmann (*1913, +1981) überlebte auch den Krieg. Er starb am 3. Januar 1981 in Grevenbroich. Laut seiner Feldpost Nr. 24799 C gehörte er zur 8. Batterie des Artillerie-Regiments Nr. 306. Dieses wurde im Januar 1945 gestrichen. Vermutlich gehörte seine Einheit zur Heeresgruppe Südukraine. Ein eindeutiger Standort lässt sich zurzeit jedoch nicht identifizieren. Weitere Informationen sind leider zurzeit auch nicht bekannt.

Für die Eindrücklichkeit solch erschütternder Ereignisse können auch die amtlichen Anträge und Eintragungen stehen – trotz Bürokratie fast spielfilmreif.

Stefan Rosellen und Stefan Faßbender für das Netzwerk „Kriegstote in Grevenbroich“, 2024

Schüsse in der Nacht

Wirtssohn des Dycker Weinhauses überrascht Einbrecher

In der Neusser Zeitung vom 8. Juni 1938 wird von einem Vorfall aus Damm in der Nähe von Schloss Dyck berichtet:

Bericht in der Neusser Zeitung (8.6.1938)[i]

Dort heißt es:
Schüsse in der Nacht – Nächtlicher Kampf mit Einbrechern – Damm bei Schloß Dyck.
Ein Erlebnis mit Einbrechern, das einen tragischen Ausgang hätte nehmen können, hatte in der Nacht zu Pfingstsonntag der Sohn des Inhabers des Dycker Weinhauses. Der Sohn hörte plötzlich in der Nacht in den unteren Räumen verdächtige Geräusche. Er begab sich sofort nach unten, nahm aber zur Vorsicht ein Jagdgewehr mit. Als er in der Wirtschaft das Licht einschalten wollte, gingen plötzlich Schüsse los und die Kugeln pfiffen ihm um den Kopf. Er ließ sich von den Einbrechern unbemerkt sofort hinfallen. Diese feuerten in seiner Richtung noch weitere Schüsse ab. Dann ergriffen die Täter die Flucht, wobei sie ihre Beute im Stich ließen. Auf der Flucht sandte der Wirtssohn ihnen noch einige Schüsse aus dem Jagdgewehr nach. Aber es gelang den Einbrechern, in einem bereitstehenden Kraftwagen zu entkommen. Sie hatten bereits erheblich Mengen Wein, Liköre und Tabakwaren in Kisten verpackt, um diese in dem Kraftwagen mitzunehmen. Durch die Wachsamkeit und den Mut des Wirtssohnes wurde ihr Vorhaben verhindert. Später wurden insgesamt acht Kugeleinschläge festgestellt. Der junge Mann selbst wurde nicht verletzt. Ein Kugeleinschlag wurde in seiner Hose ermittelt.“[ii]

Das Dycker Weinhaus[iii]

Beim Wirtssohn wird es sich vermutlich um den 1910 geborenen August Breuer, Sohn der Eheleute Adam Breuer und seiner Frau Sibilla Gertrud Baurmann, gehandelt haben.[iv] Der Vater hatte 1903 das Dycker Weinhaus übernommen.[v] Der Vater wird auch im Einwohner-Adressbuch für den Kreis Grevenbroich-Neuß als Landwirt unter der Anschrift Damm 2 geführt und in standesamtlichen Urkunden als Land- und Gastwirt bezeichnet wird. Ob die Einbrecher gefasst wurden, ließ sich bislang nicht ermitteln.

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

 [i] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20653255 (1.5.2024, 17.03 Uhr) 
[ii] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20653255 (1.5.2024, 17.03 Uhr)
[iii] Digitale Sammlung Michael Salmann
[iv] Genius
[v] Bremer, Die Reichsunmittelbare Herrschaft Dyck, 1959, S. 140

Tödlicher Unglücksfall am Alten Schloss

In der Neusser Zeitung aus dem Jahr 1938 wird von einem tragischen Unglücksfall berichtet:

Zeitungsbericht zum Unglücksfall in der Neusser Zeitung vom 10. Februar 1938[i]

“Aus der Kreisstadt – Im Pullover erstickt – Tragischer Unglücksfall am Alten Schloß
Ein tragischer Unglücksfall ereignete sich am Dienstagnachmittag in der Nähe des Alten Schlosses. Als am Nachmittag eine größere Gruppe Schulkinder am Schloß vorbei auf den Sportplatz marschierte, bat der vierjährige einzige Sohn des Schloßeigentümers, Peter Settels, seine Mutter, dem Spiel der Schuljugend zugschauen dürfen. Die Mutter gestattete ihm das auch. Der Junge war, um einen besseren Blick auf den Sportplatz zu haben, auf einen unter einem Schuppen stehenden Karren geklettert. Als er wieder herunterklettern wollte, blieb er mit dem Pullover in einem seitlich in dem Holz des Karrens angebrachten Nagel hängen. Das geschah als der Junge schon keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Durch das Gewicht des Jungen zog sich der Pullover am Halse zu, so daß das bedauernswerte Kind nicht um Hilfe rufen konnte. In dieser Lage ist es dann erstickt. Der Junge wurde von einem der auf dem Sportplatz spielenden Schüler gesehen, der den Lehrer auf den Vorfall aufmerksam machte. Besonders war aufgefallen, daß der Kleine sich nicht bewegte. Der Lehrer begab sich zu dem Schuppen und mußte feststellen, daß es sich um einen Unglücksfall handelte. Die sofort mit Hilfe eines Arztes angewandten Wiederbelebungsversuche warenohne Erfolg. – Das Mitgefühl mit der hart betroffenen Familie ist allgemein.”

Die Vorderfront des „Alten Schlosses“ (Neusser Zeitung, 17.2.1938)[ii]

Beim verunglückten Kind handelt es sich um Heinz Richard Settels, der um 1934 geboren wurde und am 8. Februar 1938 durch das tragische Unglück verstarb. Seine Eltern waren der Eigentümer des Schlosses, Peter Settels, und dessen Frau Maria Houben. Die Mutter, am 18.11.1890 in Köln-Weiler geboren, war allerdings zum Zeitpunkt des Unglücksfalls bereits tot. Sie war ein gutes Jahr vor dem Unfall am 22.10.1936 im Alter von 45 Jahren verstorben. Der Vater Peter Franz Xaver Settels hingegen stammte aus Wuppertal-Elberfeld und wurde dort am 11.2.1900 geboren. Die Eltern hatten am 7.5.1928 in Grevenbroich geheiratet. Peter Settels heiratete wenige Monate nach dem Tod seiner ersten Frau am 1.2.1937 Luise Maaßen aus Neuenhausen.[iii] Daher wird die im Zeitungsartikel vom 10. Februar genannte Mutter die Stiefmutter gewesen sein. Das Kind wurde drei Tage nach dem Unglück, am 11. Februar, auf dem Grevenbroicher Friedhof beigesetzt.

In der Neusser Zeitung vom 12. Februar 1938 wird kurz dazu berichtet[iv]:

 “Der verunglückte Junge zu Grabe getragen. Unter großer Beteiligung wurde gestern vormittag der vor einigen Tagen auf tragische Weise ums Leben gekommene Richard Settels zur letzten Ruhe geleitet. Der Sarg des Jungen wurde vom Alten Schloß bis an die Gruft getragen. In dem Trauergefolge bemerkte man auch eine Abordnung von Schülern der Schule, die den tragischen Vorfall vom Sportplatz aus beobachtet und den Lehrer veranlaßt hatten, zu Hilfe zu eilen, die jedoch leider zu spät kam. Am Grabe hielt Pfarrer Schütz eine Ansprache, in der er des traurigen Ereignisses gedachte und für die Eltern Worte des Trostes fand.”

Fünf Tage nach der Beerdigung des Jungen verkaufte Peter Settels das Alte Schloss an die Stadt Grevenbroich für 40.500 Reichsmark. Die Stadt hatte sich laut Zeitungsbericht in der Neusser Zeitung vom 17. Februar 1938 schon länger um einen Erwerb des ehemaligen Adelssitzes bemüht. Die Vorburg besaßt die Stadt bereits seit 1926 und beherbergte unter anderem das Heimatmuseum. Veranlasste der Tod des Jungen den Vater dazu, den Verkauf des Schlosses mit den dazugehörigen 20 Morgen Gelände zu beschleunigen? Dies erscheint möglich, der Zeitungsbericht gibt dazu allerdings keinen näheren Hinweis.[v]

Michael Salmann für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2024

[i] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20651950 (21.4.2024, 19.34 Uhr)
[ii] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20652025 (25.4.2024, 22.16 Uhr)
[iii] Genius
[iv] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20651966 (25.4.2024, 22.46 Uhr)
[v] https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/20652025 (25.4.2024, 22.16 Uhr)

“Ne kölsche Jong!” Erinnerung an Jakob Goldstein

Lehrer aus Überzeugung und lebenslustiger Roter Funke
Jakob Goldstein war über Jahrzehnte jüdischer Lehrer in Grevenbroich, Mitgründer Mitglied im Vorstand der jüdischen Lehrerkonferenz Krefeld und dem späteren Verband der israelitischen Lehrer für Rheinland und Westfalen.
 
Vor allem war er aber auch ein lebensfroher Mensch und Mitglied bei den Kölner Roten Funken. So bestritt Goldstein in Grevenbroich beispielsweise mit dem Gesangverein „Liederkranz“ Grevenbroich Anfang der 1860 an Karnevalssonntag und Rosenmontag eine abendfüllende musikalische Soiree mit anschließendem Maskenball.  „Große carnevalistische Wallungen und ergötzliche Abendunterhaltung“ in Grevenbroich, so titelte die Grevenbroicher Zeitung seinerzeit.
Am Sonntag jährt sich sein 125. Todestag und der Geschichtsverein will mit Kooperationspartnern in einer heiter-besinnlichen Gedenkstunde Jakob Goldstein auf dem jüdischen Friedhof an seinem Grab würdigen. Mit dabei auch eine Abordnung der Roten Funken! Musikalisch wird das Gedenken untermalt von den „Fidelen Granufinken“ um Peter Lys, Peter Kempermann und Josef Holzapfel. Inhaltlich gestaltet wird die Erinnerung an Goldstein von Schülern von „KKG gegen das Vergessen“, die eine Patenschaft über den jüdischen Friedhof übernommen haben, ebenso wie Schülern des Erasmusgymnasiums, zu deren Schulgründern vor über 150Jahren Jacob Goldstein gehörte. Niederrheinische Texte kommen von Stefan Pelzer-Florack und die Geistlichkeit ist durch Berufsschulpfarrer Christoph Borries vertreten.
 
Die integrative Kraft des Karnevals hat immer schon gesellschaftliche, kulturelle und auch religiöse Grenzen überwinden können. Und Jakob Goldsteins Vorbild wirkte. Beim „Närrischer Sprötztrupp Gustorf“ war lange Jahre der Gustorfer Moses Löwenthal, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, im Vorstand aktiv.
 
Treffpunkt Jüdischer Friedhof an der Montanusstraße
(Zugang über Jakob-Dickers-Weg)
41515 Grevenbroich Stadtmitte
Sonntag, 25. Mai 2025, ab 11.30
 
Männliche Teilnehmer werden gebeten, eine Kopfbedeckung zu tragen!
 
Hier geht es zum Programmablauf: 2025 05.25 Kölsche Jong Jacob Goldstein

Vor 80 Jahren: Bedburdycker Dorfpfarrer geht den anrückenden Amerikanern entgegen – Pfarrer Walter Schönheit rettet drei Dörfer vor größerer Zerstörung

Es ist der 28. Februar 1945. Die Amerikaner rücken vor und beschießen Bedburdyck, Gierath und Stessen, weil sie dort deutsche Truppen vermuten. Der Bedburdycker Pfarrer Walter Schönheit geht den feindlichen Truppen mit einer weißen Fahne entgegen und überzeugt den Kommandeur, das Feuer einzustellen.

Was im Vorfeld geschah: Im fünften Jahr des Zweiten Weltkrieges waren die Alliierten am 6. Juni 1944 im Rahmen der Operation Overlord an der Küste der Normandie gelandet. Im Laufe der folgenden acht Monate kämpften sich die Alliierten in verlustreichen Kämpfen gegen die Überreste der Wehrmacht durch Frankreich und Belgien, hatten den Westwall überwunden und standen nun im Februar 1945 an der Rur.

Am 22. Februar begannen sie die „Operation Grenade“ [„Unternehmen Granate“]. Dies war der Name einer Militäroperation der 9. US-Armee, in deren Verlauf die amerikanischen Truppen erfolgreich die Rur überquerten und bis zum Rhein zwischen Neuss und Rheinberg vorstießen.[i] Bei dieser Militäroperation standen den schätzungsweise 54.000 deutschen Verteidigern mit 180 Panzern rund 381.000 amerikanische Soldaten mit 2.010 Panzern gegenüber.[ii]

Ausschnitt aus einem Report zur Operation Grenade[iii]

Die deutsche 11. Panzerdivision hatte beim Beginn des amerikanischen Großangriffs am 22.2. ihren Divisionsgefechtsstand in Gubberath.[iv]

Ausschnitt aus der militärischen Lagekarte der US-Armee vom 28.2.1945 – Die 2. US-Panzerdivision, die 29. und 30. US-Infanteriedivision halten sich zum Vorstoß auf den Rhein bereit, die 83. US-Inf.Div. fehlt, steht auf dieser Karte noch bei Aachen, nimmt aber tatsächlich am Vorstoß teil.[v]

Ausschnitt aus der militärischen Lagekarte der US-Armee vom 1.3.1945 – Die 2. US-Panzerdivision und 83. US-Infanteriedivision stoßen am 28.2.1945 über Bedburdyck nach Nordosten vor.[vi]

In den folgenden Tagen stießen die 5. US-Panzerarmee mit der 102. US-Infanteriedivision im westlichen Frontabschnitt bis nach Erkelenz vor, während der Vormarsch der 29. und 30. US-Infanteriedivision bei Titz ins Stocken geriet. Daraufhin wurde die 2. US-Panzerarmee aus dem Raum Aachen und die 83. US-Infanteriedivision aus der Gegend von Lüttich zur Unterstützung angefordert.

Während nun das 116. Infanterieregiment der 29. US-Infanteriedivision von Jülich kommend über Welldorf, Serrest, Güsten, Immerath, Lützerath und Pesch das heutige Jüchener Stadtgebiet erreichte und über Spenrath, Hochneukirch, Hackhausen und Mongshof nach Sasserath weiterzog[vii], sicherte die 30. US-Infanteriedivision, die Garzweiler und Königshoven eingenommen hatte, zwischen Jülich und Jüchen die rechte Flanke zur Erft hin ab. Die Truppen der 2. US-Panzerdivision beabsichtigten durch Jüchen, Gierath und Bedburdyck in nordöstliche Richtung vorzurücken. Die 83. Infanteriedivision zog über Garzweiler, Elfgen und Elsen und stand gegen 16 Uhr entlang der Bahnlinie, um Gierath, Stessen und Bedburdyck von deutschen Truppen zu säubern.

Die Amerikaner gingen davon aus, dass sich deutsche Truppen in den Dörfern verschanzt hatten, denn aufgrund der Luftaufklärung wusste man, dass die Deutschen ab Herbst 1944 in dem Gebiet Verteidigungsanlagen errichtet hatten. Sie hatten drei Linien geschaffen. Die erste Verteidigungslinie war am Ostufer der Rur, die zweite sechs und die dritte elf Kilometer dahinter. Die dritte Linie war mit der Erft verbunden, die sogenannte Erft-Stellung. Im Wesentlichen waren es Schützengräben bzw. -wälle in einem Zickzackmuster mit Ausgängen an den Dörfern und Städten. Die Amerikaner hielten das Verteidigungsnetzwerk für gut geplant und organisiert und mussten daher davon ausgehen, dass der Bereich zwischen dem südlichen Rand der heutigen Stadt Mönchengladbach und der Erft bei Grevenbroich in den Dörfern ebenfalls gut gesichert war. Alle Anzeichen deuteten aber darauf hin, dass die Wehrmacht viel zu wenig Truppen hatte, um die Linien bemannen zu können. Das stützte die Annahme, dass die Verteidigung sich auf Schwerpunkte in Städten und Dörfern konzentrieren würde.[viii]

Darstellung über ungefähre Truppenbewegungen und Angriff der Amerikaner auf Gierath, Bedburdyck und Stessen.[ix]

Von den amerikanischen Einheiten, die vom Jüchener Hahnerhof in Richtung der „Hohen Eiche“ in Gubberath fuhren, wurde bei der „Hohen Eiche“ ein Panzer von deutschen Truppenresten abgeschossen. Daraufhin eröffneten die Amerikaner das Feuer auf Gierath, Bedburdyck und Stessen.

Aus Bedburdyck berichtet der Chronist der Bedburdycker Schulchronik, Robert Lingen „Die Front rückt näher. Aus dem Roertale ist zeitweise Geschützdonner zu hören. Die Spannung ist groß und aufregend. Evakuierungsmaßnahmen sind im Gange. Das ganze Gebiet (Kreis) soll ins bergische Land. Doch von Seiten des Amtes und der Schule wird die Bevölkerung im Stillen aufgeklärt und ihr anheimgegeben, hier zu bleiben und alles über sich ergehen zu lassen. Die feindliche Front wird schnell über unser Gebiet gehen, da hierselbst kein Widerstand ist und auch nicht unternommen wird, und zum Rheine eilen. Die Bevölkerung ist standhaft. Niemand verläßt die Heimat. Alle halten aus und harren der Dinge, die nun kommen werden.“

US-Panzer des 67. Panzerregiments (l.) und das 41. Gepanzerte Infanterie Bataillon (r.) der 2. US-Panzerdivision in Priesterath auf dem Weg nach Jüchen (28.2.1945) [x]

US-Truppen und die auf dem Jüchener Markt zusammengetriebene Jüchener Bevölkerung (28.2.1945) [xi]

Weiter heißt es: „Am 28. Februar gegen Mittag bei herrlichem Wetter rückt der feindliche Geschützdonner recht nahe heran. Es wird verlautet, daß amerik. Truppen vor Jüchen seien. Ich spähe draußen aus und sehe nach kurzer Zeit einige unserer Truppen in verschiedenen Abständen (darunter einer an der Hand verwundet) an den Häusern vorbeischleichen. Nach Erkundigungen bei ihnen erfahre ich, daß amerik. Panzer vor Jüchen auffahren. Kurz danach vernimmt man schon deutlich Einschläge. Auf der Straße treffe ich Heister Adam und Broich Josef und beschließen wir die weiße Fahne auf dem Kirchturm zu zeigen. Hompesch Jean schließt sich uns an. Wir gehen zum Pfarrhaus und machen den Herrn Pastor auf die nahen Gefahren aufmerksam. Er ist sofort entschlossen, die Fahne zu zeigen und steigt selbst mit zum Turm hinauf. Kurz vorher erfolgte ein Einschlag in den Turm und ein Einschlag auf Wolffs Feldscheune, die sofort lichterloh niederbrannte. Einige Treffer waren zur gleichen Zeit erfolgt bei Spielhagen, Theodor Broich (Hotel) und in der Kaplanei.[xii]

Die Amerikaner beschossen zunächst exponierte Punkte in Gierath, Bedburdyck und Stessen, an denen sie feindliche Truppen glaubten. Dazu gehörte der Bedburdycker Kirchturm, die errichteten Panzersperren an den Ortseingängen, vermutete Standorte von Flak-Geschützen sowie einzelnstehende Gebäude, wie unter anderem die evangelische Schule in Gierath, die Stessener Mühle und zwei Häuser außerhalb der Ortsbebauung jeweils an der Gierather und Grevenbroicher Straße in Bedburdyck. Durch den Beschuss kamen in Stessen auf der Kreuzstraße zwei Zivilisten ums Leben.

Darstellung über ungefähre Truppenbewegungen bis Pfarrer Schönheit den amerikanischen Truppen entgegenging.[xiii]

Die Bedburdycker Schulchronik berichtet hierzu: „Nachdem die weiße Fahne wehte, hörte der Geschützdonner auf. Herr Pastor ging danach mit einer weißen Fahne in Richtung der amerik. Panzerstellung und erklärte dem führenden Offizier, daß hierselbst keine Truppen lägen u. die letzten heute früh in Richtung Neuß hinter den Rhein marschiert seien. Die Häuser u. Bunker zeigten alle die weiße Fahne. Auf das Schulgebäude habe ich [Lehrer Lingen] selber [eine Fahne] gehißt. Gegen Abend rollen die Panzer unaufhörlich durch unser Dorf [Bedburdyck] in Richtung Aldenhoven.“[xiv]

Einer mündlichen Überlieferung zufolge sollen die Amerikaner Pastor Schönheit mit der weißen Fahne auf den ersten Panzer gesetzt und gedroht haben, den Ort dem Boden gleich zu machen, sollte nur ein Schuss fallen.

Pfarrer Walter Schönheit[xv]

Pfarrer Schönheit war am Tag vor dem amerikanischen Einmarsch 60 Jahre alt geworden.

Schönheit wurde am 27. Februar 1885 in Wesel geboren und verstarb am 11. Januar 1953 in Essen-Werden. Begraben wurde er auf seinen eigenen Wunsch hin in Bedburdyck. Sein Grab befindet sich inmitten eines Rondells mit Ehrengräbern gefallener Soldaten.

Wegen des Einsatzes von Pfarrer Schönheit zur Rettung der Dörfer Bedburdyck, Gierath und Stessen beim Einmarsch der Amerikaner benannte man in Bedburdyck eine Straße nach ihm, und in Gierath wurde nach dem Krieg ihm zu Ehren eine Gedenkplatte am Kriegerdenkmal eingeweiht – wenn auch mit dem vermutlich fehlerhaften Datum 27. Februar.

[i] https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (31.3.2020, 19.19 Uhr)
[ii] https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (30.6.2020, 19.30 Uhr)
[iii] Armor in Operation Grenade (2d Armd Div), A search report, prepared at THE ARMORED SCHOOL Fort Knox Kentucky, 1949-1950
[iv] Weiss, Westfront `45, 11. Panzer-Division, Zwischen Roer und Rhein, 2013, S. 22
[v] www.loc.gov/resource/g5701sm.gct00021/?sp=269&r=0.557,0.176,0.156,0.078,0 22.10.2021, 19.13 Uhr)
[vi] www.loc.gov/resource/g5701sm.gct00021/?sp=269&r=0.557,0.176,0.156,0.078,0 22.10.2021, 19.13 Uhr)
[vii] 29 Let’s Go!: A History of the 29th Infantry Division in World War II, 1986; http://www.lonesentry.com/gi_stories_booklets/29thinfantry/index.html (25.2.2023, 14.29 Uhr)
[viii] https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Grenade (20.10.2021, 19.44 Uhr)
[ix] Tim-Online, graphische Darstellung Michael Salmann
[x] Facebook: 2nd Armored Ordnance Maintenance Battalion (20.9.2021, 20.36 Uhr)
[xi] Armor in Operation Grenade (2d Armd Div), A search report, prepared at THE ARMORED SCHOOL Fort Knox Kentucky, 1949-1950
[xii] Stadtarchiv Jüchen, Bedburdycker Schulchronik
[xiii] Tim-Online, graphische Darstellung Michael Salmann
[xiv] Stadtarchiv Jüchen, Bedburdycker Schulchronik
[xv] Digitale Sammlung, Salmann