„Peng“, „Oralon“ und „Esha-Kola“: Die Fanta und Coca-Cola von Grevenbroich.

Oder wie nach 50 Jahren ein Kronkorken nach Grevenbroich zurückkehrt.

Ein Beitrag von Stefan Faßbender im Geschichtsverein Grevenbroich.

Dank eines aufmerksamen Familienforschers aus dem Geschichtsverein für Grevenbroich und Umgebung e. V. konnte ich einen seltenen Limonaden Kronkorken der Marke „Peng“ ersteigern, der so nach über 50 Jahren wieder in seine Heimatstadt Grevenbroich zurückkehrte.

Seine Reise begann vor dem Jahr 1970, denn in diesem Jahr wurde die Produktion der „Peng“ Limonade in Grevenbroich eingestellt und die letzten Flaschen verkauft. Doch dieser Kronkorken landete nicht wie üblich im Müll, sondern wurde von jemandem aufbewahrt. Diese Person las 1974 eine Zeitungsanzeige (TV Hören und Sehen), in der eine Mutter für Ihren schwerkranken Sohn um die Zusendung von Kronkorken bat. So kam es, dass der Junge tausende Kronkorken, Kuscheltiere und Liebesbriefe von kleinen Mädchen ins Krankenhaus Wangen geschickt bekam. Es waren so viele Päckchen, dass ein separates Zimmer eingerichtet wurde, in dem die kleinen Patienten gemeinsam die Post öffneten und die Kronkorken aus ganz Deutschland und dem Ausland sortieren konnten. Diese Art der Ablenkung hat dem Jungen sehr geholfen seine Krankheit zu überwinden, so dass er sich heute bester Gesundheit erfreut und seine riesige Sammlung Stückweise verkaufen kann.

Vielleicht erinnert sich noch ein(e) Grevenbroicher(in) daran, diesen Kronkorken einst versendet zu haben?!

Fest steht, dass dieser kleine Kronkorken bereits zwei Menschen „glücklich“ gemacht hat. Den kleinen Jungen bei der Zusendung und fünfzig Jahre später mich, der als Familienforscher natürlich auch solche Erinnerungsstücke sammelt. Vielleicht macht er aber auch Sie glücklich?! Wenn Sie sich wieder daran erinnern bzw. erfahren, dass in Grevenbroich einst Limonaden hergestellt und abgefüllt wurden.

Begonnen hat die Firmengeschichte meines Großvaters Wilhelm Faßbender im Jahre 1929. Laut einem Eintrag im Biersteuerkontrollbuch aus dem Jahr 1934 (Quelle: Stadtarchiv Grevenbroich) wurde mein Großvater als Kutschenbierhändler bezeichnet.

Das erste Auslieferungsfahrzeug in den 1930er Jahren.

Vermutlich Erntedankfestfeier in Grevenbroich in den 1930er Jahren.

Bis zum Beginn des Krieges wurden die eigenen Limonaden und das Bier nur in kleinem Rahmen für Selbstabholer und einige Gaststätten in der Innenstadt hergestellt bzw. abgefüllt. Nach dem 2. Weltkrieg baute mein Großvater neue Lager- und Abfüllhallen in denen er – auf dem aktuellsten Stand der damaligen Technik – die Limonadenproduktion in der Grevenbroicher Innenstadt erweiterte, um der gestiegenen Nachfrage nachkommen zu können.

Mein Urgroßvater bei der “Vorwäsche” des Leerguts in den 1950er Jahren.

Mein Urgroßvater und Onkel im Abfüllraum in den 1950er Jahren.

Ein Onkel von mir bei der Reinigung des Abfüllraumes im Jahr 1961.

Es war ein reiner Familienbetrieb, in dem selbst mein Urgroßvater mitarbeiten „musste“. Aber auch viele Südstädter Jugendliche (Freunde meines Cousins) halfen – gegen Bezahlung in „Frei-Limonade“ – beim Reinigen der Limonadenflaschen.

Mein Großvater bei der Qualitätskontrolle in den 1950er Jahren.

Teil eines Lagerraumes in den 1950er Jahren.

Neben der Marke „Peng“ wurde auch noch die Limonade „Oralon“, beide in den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange, die Limonade „Weiße Perle“ (leider kein Bild mehr vorhanden) als auch „Esha-Kola“ hergestellt und abgefüllt.

Werbeplakat aus den 1960er Jahren.

Original Werbebanner aus den 1960er Jahren (ca. 3 m x 1 m).

Aus vielen Familienerzählungen weiß ich, dass wegen der Vielzahl der Sorten und um der Nachfrage aus dem gesamten Kreisgebiet gerecht zu werden, die Produktion jeden Tag gewechselt wurde. Neben der Produktion der Limonaden gehörte auch die Abfüllung von Malzbier und diversen Biersorten zum täglichen Geschäft.

Firmenfahrzeug mit der Werbung “Oralon” im Jahr 1961.

Firmenfahrzeug (Ende der 1960er Jahre) an der BP auf der Lindenstraße.(Danach Reiterhof Flaß; heute Neubaugebiet.)

Mit dem Tod meines Großvaters Wilhelm Faßbender im Mai 1970 wurde die Produktion von Limonaden bzw. Cola und die Abfüllung von hellen Bieren und Malzbier endgültig eingestellt. Ein weiterer mir bekannter Hersteller von Limonaden war die Firma Preckel in Hemmerden, die ihre Produktion von alkoholfreien Getränken bereits im Jahre 1964 einstellte.

Bügelverschlüsse (Bierflaschen) aus unbekannter Zeit.

Familienchroniken

Die Ahnenforschung kann vielmehr als nur die Sammlung von Namen und Daten sein. Durch das Beifügen von Bildern, Geschichten, Anekdoten und vielen weiteren Unterlagen bildet sie das Gedächtnis der Familie.

Oft geraten viele Ereignisse, Geschichten und zum Teil die Personen selbst bereits nach zwei Generationen in Vergessenheit. Dieses Wissen über die Familie ist dann für immer unwiederholbar verloren.

In unseren monatlichen Sprechstunden bieten wir neben Recherchehilfen in Standesamtsregistern und Kirchenbüchern auch die Möglichkeit, sich z. B. über die Ahnenforschung allgemein oder das Schreiben einer Familienchronik zu informieren.

 

 

Die Bombennacht vom 14. Januar 1945

Am 23. November 2021  wurde in Grevenbroich-Orken eine 250 Kilogramm Fliegerbombe erfolgreich entschärft. Die amerikanische Sprengbombe wurde auf dem Kirmesplatz in rund 6 Meter Tiefe gefunden.

Quelle: Stadt Grevenbroich

Das in Orken auch heute noch Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden, ist keine Überraschung. Durch die unmittelbare Nähe zum Grevenbroicher Bahnhof war Orken in besonderer Weise von den schweren Luftangriffen der Jahre 1944/45 betroffen.

Anfang 1945 war der Bahnhof in Grevenbroich der westlichste Eisenbahnknotenpunkt im Deutschen Reich. Alleine im Januar und Februar 1945 flogen englische und US-amerikanische Bomber insgesamt 7 Angriffe auf Grevenbroich.

Den wohl schwersten Angriff flog die Royal Air Force am 14. Januar 1945 mit 151 Bombern.

In der Bombennacht vom 14. Januar 1945 gab es in Grevenbroich-Stadtmitte nachweislich und dokumentiert insgesamt 29 Tote durch Bombenverletzungen. Davon entfielen 21 Tote auf die Richard-Wagner-Straße, Schillerstraße und Noithausener Straße. Unter den Toten dieser Straßen waren 9 Kinder zwischen 5 und 16 Jahren.

In der Elfgener Schulchronik hielt der Lehrer Matthias Braß, welcher diesen Angriff hautnah erlebt hatte, seine Erinnerungen wie folgt fest:

“Gegen 19.30 Uhr wollte ich nach Hause gehen und wurde von Fliegeralarm überrascht. Vor den fallenden Bomben habe ich mich in den Schnee geworfen, während 20 Minuten lang vor mir und um mich die Bomben krachten. Immer wieder blitzte es über mir auf, immer wieder rauschten pfeifend Bomben, dann bebte die Erde von den Aufschlägen, und dann krachte es erregend. Die Mehrzahl der Bomben ging in der Nähe der Bahn nieder. Bahnhof, Finanzamt, Elektrizitätswerk, eine Reihe Häuser wurden zerstört, andere beschädigt. 35 Menschen wurden getötet. Ich habe in Todesangst geschwebt und wurde zu Hause angstvoll zurück erwartet.“

Hinweis: Die Differenz von 6 weiteren toten Grevenbroichern, die vom Lehrer genannt wurden,  konnte bisher nicht geklärt werden. Dies kann daran liegen, dass der Sterbefall z. B. in einem gemeindefremden Krankenhaus stattfand und dieser außerhalb der Stadt Grevenbroich dokumentiert wurde. Vielleicht wurden die Sterbefälle – geschuldet der damaligen Zeit mit vielen Bombenangriffen und Toten oder dem Fehlen von Familienangehörigen – auch einfach nicht dem Standesamt gemeldet und registriert. 

Am 3. Februar 1945 beschrieb der Lehrer Matthias Braß die Zerstörungen in Orken so:

“Von der Elsener Schule ab fuhr ich durch die Ruinen von Orken. Kaum ein bewohnbares Haus. Bis zur Unterführung bei Noithausen erstreckten sich die Bombentrichter. Die Trichter sind klein, doch ist die Sprengwirkung sehr stark.“

Noch heute kann man die Auswirkungen dieser Bombardierung an Hand der vielen Bombentrichter, die sich im angrenzenden Waldgebiet erhalten haben, sehen.

 

Stolpersteinführung Bahnhofsviertel Familie Katz

Im Bahnhofsviertel wurde um 1900 die Familie von Abraham Katz auf der Bahnstraße 79 heimisch. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er vier Söhne und vier Töchter. Die Söhne waren wie ihr Vater im Viehhandelsgeschäft, die Tochter Johanna war in den Christen Adolf Rings verliebt und lebte mit ihm auf der Orkenerstraße 27. Am Ende der Straße wohnte auch Alex Katz mit seiner Ehefrau Elfriede geb. Voss und den beiden Kindern Walter und Lieselotte. Während die Kinder 1937/38 emigrieren konnten, blieben Alex und Elfriede in Grevenbroich. Nach dem Novemberpogrom der “Reichskristallnacht” mussten sie Grevenbroich verlassen und flohen über Köln nach Belgien und Frankreich. Von dort wurden sie am 2. September 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Johanna Rings geb. Katz überlebte – zuletzt versteckt und trotz aller Verfolgungen – in der “privilegierten Rassenmischehe” mit Adolf Rings, der sich immer zu ihr bekannte. Anhand der Stolpersteine im Bahnhofsviertel ging Ulrich, Vorsitzender des Geschichtsverein Grevenbroich, am 5. November 2021 der Familienbiographie der Katz-Familie nach! 

     
 
     
 

Kleine Geschichte großer Geschäfte

Gottschall Katalog 1950er Jahre. Eigene Toiletten oder gar Badezimmer mit Badewanne waren damals noch purer Luxus.

In einem kurzweiligen Vortrag ging Fritz Hollweg, 1988 bis 2015 geschäftsführender Gesellschafter des Großhandelshauses für Haustechnik Gottschall & Sohn, auf die Geschichte der Toilette, Hygiene und sanitären Einrichtungen ein. Angefangen von biblischen Zeiten über die Römer, das Mittelalter bis in die Jetztzeit wurde die Toilettengeschichte in Bildern, mit fundiertem Fachwissen und Informationenlebendig. 

Ein gut besuchter Vortrag mit einem begeistertem Publikum dankten dem im Ruhestand befindlichen  “Kloverkäufer”
Fritz Hollweg für seine Ausführungen.

Auch die NGZ berichtete in ihrer Ausgabe vom 23. Oktober 2021…

Ein Bericht der NGZ zu Fritz Hollweg und der Firma Gottschall & Sohn aus dem Jahr 2010 gibt es hier…

Nach fast 80 Jahren ein kleines Stück Gewissheit…

Die Geschichte von Ignaz und seiner Familie aus Elfgen. Ignaz wurde am 17.09.1905 in Elfgen geboren und starb am 25.11.1944 im Alter von nur 39 Jahren am Südostrand des Matragebirges in Ungarn. Er hinterließ seine Frau Theresia und drei Kinder im Alter von 4, 8 und 14 Jahren.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

Am „Südostrand des Matragebirges“. Dieser Begriff brannte sich über fast 80 Jahre bei unserer Zeitzeugin ein. Da sie bei dem Tod ihres Vaters erst vier Jahre alt war und sich nicht mehr an ihn erinnern kann, verfolgte diese Ortsangabe und das fehlende „Wissen“ über ihren Vater, sie ein Leben lang. Für das Netzwerk „Grevenbroicher Kriegstote“ öffnete sie aber ihre „Schatzkiste“, welche sich seit Jahrzehnten im Familienbesitz befindet.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

Bei der Durchsicht der Unterlagen fielen die vielen sorgfältig gefalteten Feldpostbriefe, die Ignaz an seine Frau schickte, auf. Feldpostbriefe wurden oft so gefaltet, dass sie gleichzeitig den Umschlag bildeten.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

Während unseres Gespräches erzählte uns die Zeitzeugin, dass sie eigentlich nichts über ihren Vater weiß und sie gerne wüsste, ob er sie auch „lieb“ gehabt hatte und wie er über die Familie empfunden hatte. Über ihn wurde in der Familie nur sehr wenig bis gar nicht gesprochen. Vermutlich nicht, weil er ein schlechter Mensch war, sondern weil es in der Nachkriegszeit vielfach einfach so üblich war, die Toten „ruhen“ zu lassen. Außerdem waren viel drängendere Probleme wie Arbeitssuche, Nahrungsbeschaffung und Wohnungssuche als alleinerziehende Mutter zu bewältigen.

Traurigerweise stellte sich heraus, dass unsere Zeitzeugin über viele Jahre versucht hat, diese vielen Briefe ihres Vaters zu entziffern, um etwas über ihn und seine Beziehung zur Familie zu erfahren. Die Mischung aus Sütterlin und Deutscher Volksschrift machten es ihr aber unmöglich. Hierbei konnten wir der Dame jedoch helfen. Die Feldpostbriefe wurden fotografiert und danach Zeile für Zeile transkribiert. Nur wenige Tage später konnte unserer Zeitzeugin eine Mappe mit den Fotos und der Transkription übergeben werden, die sie mit einem weinendem und einem lächelnden Auge entgegennahm. An dieser Stelle möchten wir uns für das entgegengebrachte Vertrauen, uns private Post ihres verstorbenen Vaters zur Verfügung zu stellen, zutiefst bedanken. Eine Stelle aus diesen Briefen dürfen wir veröffentlichen, da sich mit ihr, eine jahrzehntelange Last vom Herzen unserer Zeitzeugin löste. Sie wurde im letzten Brief des Vaters vom 15.11.1944 – also 10 Tage vor seinem Tod – gefunden:

„Und dann habe ich die Karte von meinem kleinen Liebling erhalten, welches mich am meisten gefreut hat und wenn ich mal wieder nach Hause komme, kriegt es auch von mir ein schönes Namenstaggeschenk, jetzt kann ich ja nichts schicken, ich habe noch etwas Bonbons, aber ich kann die nicht schicken.“

Hierzu ist es leider nie gekommen, da Ignaz am 25. November, dem Tag an dem unsere Zeitzeugin ihren Namenstag feiert, gestorben ist. Für sie war es aber sehr wichtig zu erfahren, als kleiner Liebling bezeichnet zu werden und dass er an sie gedacht hat. Die Zuneigung zur Ehefrau Theresia und den beiden Söhnen war – trotz der schwierigen Verhältnisse und Geschehnissen im Kriegseinsatz – in allen Briefen zu lesen.

Mit diesem Wissen, welche Last viele Menschen in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit oder auch ein ganzes Leben mit sich tragen mussten, wirkt das offizielle Schreiben der Wehrmacht über den Tod wie der blanke Hohn.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

“Stabsveterinär Vogel                                                                 Im Felde, 14.12.44

– 43 988 –

Sehr geehrte Frau xxxxxxxxxxxx,

bei den Abwehrkämpfen am Südostrand des Matragebirges in Ungarn wurde Ihr Ehemann – der Gefreite Ignatz xxxxxxxxxxx – am 24.11.44 schwer verwundet und erlag am 25.11. auf einem Hauptverbandplatz seinen Verwundungen.

Im Kampf um die Freiheit Großdeutschlands in soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneid für Führer, Volk und Vaterland starb er den Heldentod.

Zugleich im Namen seiner Kameraden spreche ich Ihnen meine wärmste Anteilnahme aus. Die Kompanie wird Ihren Mann stets ein ehrendes Andenken bewahren und in ihm ein Vorbild sehen.

Die Gewissheit, dass Ihr Mann für die Größe und Zukunft unseres ewigen deutschen Volkes sein Leben hingab, möge Ihnen ein Trost sein in dem schweren Leid, dass Sie betroffen hat, und Ihnen Kraft geben.

Ihr Mann erhielt einen Kopfschuss und hat das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Er wurde mit militärischen Ehren auf dem Heldenfriedhof Salgotarjan (Ungarn) beigesetzt. (Grabanlage: Feld A, 5. Reihe, 3. Grab.)

In allen Fürsorge- und Versorgungsfragen wird Ihnen das zuständige Versorgungsamt, dessen Standort bei jeder militärischen Dienststelle zu erfragen ist, bereitwilligst Auskunft erteilen. Auch ich stehe Ihnen weiterhin gern zur Verfügung.

In aufrichtigem Mitgefühl grüße ich Sie mit

                               Heil Hitler!

                               Wilfried Vogel

                               Stabsveterinär u. Komp. Fhef”

Diese Nachricht muss die Familie vermutlich Anfang Januar 1945 erreicht haben. Die Zeitzeugin erzählte von der Begebenheit wie die Nachricht übergeben wurde, die sich wie der Begriff „am Südostrand des Matragebirges“ in ihre Erinnerungen „eingebrannt“ hat. „Ich stand mit meiner Mutter im Garten. Wir beide sahen einen Mann schweren Schrittes die Straße hinaufkommen. Da wusste meine Mutter, dass ihr Mann, mein Vater gestorben war.“ Wie schwer auch die Übermittlung solcher schlimmen Nachrichten war, ist der Schulchronik Elfgen zu entnehmen, wo der Lehrer Brass genau den Tag davor beschreibt:

„2.1.45 Hubert xxxxxx und Ignaz xxxxxx gefallen.

Zellenleiter Franz xxxxxx zeigte mir soeben die Nachricht vom Heldentode des Bauers Hubert xxxxxx und des Straßenwärters Ignaz xxxxxx. Beide sind verheiratet und hinterlassen je 2 bzw. 3 Kinder. Ich bin erschüttert. Zellenleiter xxxxxx, der die Nachricht überbringen muss, will bis morgen warten. Auch er scheut den schweren Weg zu den Angehörigen. Hubert xxxxxx fiel in Kurland. Er starb am 9.12.44 im Feldlazarett an den Folgen der am 7.12. erlittenen schweren Verwundung. Ignaz xxxxxxx ist in Ungarn gefallen.“ Quelle: Schulchronik Elfgen, Stadtarchiv Grevenbroich.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

Mit ein wenig Recherche konnten wir die Friedhofsanlage ausfindig machen und unserer Zeitzeugin sogar Bilder vom Grab ihres Vaters und der Gesamtanlage überreichen. Das Grab von Ignaz befindet sich heute in der Nähe von Budapest auf dem größten Soldatenfriedhof in Ungarn, der sowohl deutschen als auch ungarischen Soldaten als letzte Ruhestätte dient.

Wir danken der Zeitzeugin für das entgegengebrachte Vertrauen gegenüber dem Netzwerk „Kriegstote Grevenbroich“. Ebenso danken wir besonders für die Unterlagen, Informationen und den „Mut“ uns an einem Teil ihrer Familiengeschichte teilnehmen zu lassen. Auf Wunsch der Zeitzeugin wurde der Nachname der Familie in den Bildern entfernt, was wir uneingeschränkt respektieren.

Wir hoffen, mit diesem kleinen Beitrag viele Grevenbroicher zu erreichen, die uns bei dem Netzwerk „Kriegstote Grevenbroich“ unterstützen möchten und uns ebenfalls Bilder, Informationen und Geschichten zur Verfügung stellen.

Foto: © Stefan Faßbender, 2021

Online Gespräch – Max Wallfraf (Landrat 1933-1945)

Landrat Max Wallraf war in der NS-Zeit von 1933-1945 Landrat des Kreises Grevenbroich-Neuss.

Landrat Max Wallraf, der Sohn des gleichnamigen Oberbürgermeisters der Stadt Köln (1907 – 1917), stand vom Frühjahr 1933 bis zum Ende des „Dritten Reichs“ an der Spitze der Kreisverwaltung des Kreises Grevenbroich-Neuss.

In seine Amtszeit fallen zentrale Ereignisse und Entwicklungen der national-sozialistischen Herrschaft wie die Gleichschaltung des kommunalen Sektors, die Zwangssterilisationen auf Basis des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 oder die Entrechtung und Verfolgung der Menschen jüdischen Glaubens.

Als eine der ersten Amtshandlung vollzog Landrat Max Wallraf den Wunsch der nationalsozialistischen Kreistagsfraktion, das in katholischer Trägerschaft befindliche, 1925 gegründete Kindererholungsheim des Kreises in eine NS-Gauführerschule zu überführen.
Dies, obwohl der Kreistag nur einen Prüfauftrag zur Üebrführung in Auftrag gegeben hatte, doch die faktischen Machtverhältnisse führten dazu, dass der Vertrag mit dem bisherigen konfessionellen Träger noch vor einem entsprechenden Beschluss des Kreisausschuses aufgekündigt und die Gauführerschule eingerichtet wurde…
Ulrich Herlitz, Vorsitzender des Geschichtsvereins Grevenbroich, ist  Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen zur Geschichte des Nationalsozialismus im hiesigen Raum. Im Rahmen der vom Archiv herausgegebenen Publikation Kreisgeschichte im Spiegel der Biografie. Die Landräte und Oberkreisdirektoren des Rhein-Kreises Neuss und seiner Rechtsvorgänger von 1816 bis zur Gegenwart hat er Leben und Wirken Max Wallrafs ausführlich beschrieben. Im Gespräch mit Archivleiter Dr. Stephen Schröder wird er über seine Forschungen berichten.
Die Veranstaltung findet als Zoom-Meeting im Rahmen der Reihe “Geschichte im Gewölbekeller” statt.
Annmeldungen bitte bis zum 17. Mai per Email an:
Kreisarchiv@rhein-kreis-neuss.de
oder Telefon (02133 530210).
Die Einwahldaten zum Zoom-Meeting wird Ihnen das Archiv rechtzeitig
zukommen lassen.
Der Meetingraum ist ab ca. 18.45 Uhr geöffnet.

Welttag der Städtepartnerschaften

2007 feierte der BSV 1849 Grevenbroich e.V. aus Anlaß von 100 Jahre Denkmal in Grevenbroich Stadtmitte ein Europaschützenfest mit Vertretern der Partnerstädte aus St. Chamond/Frankreich, Celje/Slowenien, Kessel/Niederlanden und Auerbach/Sachsen.

Aus früheren Erbfeinden und Kriegsgegnern sind längst Freunde geworden sind. Setzen wir alles daran, dass dem auch in Zukunft so bleibt…
Das Bildkartenmotiv zum Anlass edes Europaschützenfestes wurde vom Künstler Jörg Schröder nach einer Idee von Ulrich Herlitz auf einer Bildpostkarte des Denkmals aus dem Jahr 1914 gestaltet.
Es gab eine von der Stadt Grevenbroich, dem Partnerschaftsverein Grevenbroich und dem BSV gemeinsam herausgegebene Postkartenserie…

Wir feiern das Lesen

Welttag des Buches

Wir feiern das Lesen. Welttag des Buches – da empfehlen wir doch glatt die 24-bändige Buchreihe „Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich“, die wir seit 1977 herausgeben. Außerdem einige Einzelpublikationen z. Bsp. zu Wevelinghovener Geschichten oder Grevenbroicher Gesichtern…
     

„Auch diese Knaben sind Opfer dieses unsinnigen Krieges geworden…“

Neuenhausen heute vor 75 Jahren (11.4.1946): „Das Unglück war geschehen. 4 Knaben lagen zerrissen an der Unglücksstelle. Das Dorf war wie gelähmt von diesem traurigen Ereignis.“ (Schulchronik Neuenhausen)

Foto: © Stefan Rosellen

In der direkten Nachkriegszeit befanden sich Unmengen von Munition und Blindgängern im ganzen Land. Soviel, dass das man sie nicht sofort entsorgen konnte. So sammelte man diese gefährlichen Hinterlassenschaften an einer Stelle, um sie später vernichten zu können.

Zwei dieser Sammelplätze befanden sich nach Kriegsende noch am Welchenberg in Neuenhausen, unweit der ehemaligen „Gauführerschule“ und am Kleinfelder Hof. Das Gelände war zwar durch Warntafeln gesichert, auch gab es Warnungen an die Kinder des Dorfes, aber es gab wohl zumindest keine ausreichende Absicherung durch eine Umzäunung, die für die spielenden Kinder jedoch auch nicht wirklich ein Hindernis darstellten.

Foto: © Stefan Rosellen

Dies sollte sich auf schreckliche Weise rächen. Am 11. April 1946 um 14:05 Uhr schreckte ein lauter Knall die Bewohner von Neuenhausen und Umgebung auf. Bis in das nahegelegene Erftwerk war die Detonation zu hören. Eine dunkle Vorahnung ließ den dort tätigen Vater der Gebrüder Bartz keine Ruhe, er nahm sich den Nachmittag frei und eilte nach Neuenhausen, wo sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sollten.

In der im Stadtarchiv Grevenbroich erhaltenen Schulchronik hielt der Neuenhausener Lehrer dieses Ereignis wie folgt fest: „Das Unglück war geschehen. 4 Knaben, 2 Söhne der Familie Bartz, Heinz und Peter, der einzige Sohn der Familie Kropp, Hans Jakob und der jüngste Sohn des Hauptlehrers, Rudi Braka lagen zerrissen an der Unglücksstelle. Von einem der Knaben, Peter B. war kaum noch was zu finden. Das Dorf war wie gelähmt von diesem traurigen Ereignis. Schuld mit an diesem Geschehen trägt auch die Stadt und Polizei, die wohl von der ungenügenden Sicherung der Munition wussten, aber auch nichts unternommen hatten, die Gefahrenstelle abzuriegeln. In einem feierlichen Begräbnis wurden die Verunglückten in einem gemeinsamen Grab beigesetzt. Auch diese Knaben sind ein Opfer des unsinnigen Krieges geworden.“ Bestätigt wird der Bericht durch die Einträge in den Sterbeurkunden, wonach die Polizei bei drei der Jungs „Schädelzertrümmerung“, bei einem „totale Zerstückelung“ jeweils „infolge Detonation einer Bombe“ feststellte.

Urkunden: © Stadtarchiv Grevenbroich
Wir danken dem Stadtarchiv für die Unterstützung und die Urkunden.

Selbst Berichte in der örtlichen Presse unterstreichen Wucht und zerstörerische Wirkung der Bombendetonation: „Von den meisten Verunglückten wurden nur noch Überreste gefunden, so daß es schwer war, sie zu identifizieren“. Die sterblichen Überreste der vier Jungs wurden auf dem (heute alten) Neuenhausener Friedhof in Kriegsgräbern beigesetzt. Das Küsterbuch aus Neuenhausen vermerkt dazu, dass „unter ungeheurer Beteiligung der Gemeinde und Umgebung ihre wenigen Überreste zu Grabe getragen“ wurden. Da das Unglück kurz nach Ostern geschah und dann zu Pfingsten die Firmung in Anwesenheit von Erzbischof Josef Kardinal Frings stattfinden sollte, wählte die Pfarrgemeinde ganz bewusst die Mutter der beiden verunglückten Jungs, Christine Bartz, ebenso wie den ebenfalls den Verlust seines Sohnes beklagende Hauptlehrer Rudolf Braka als Firmpaten aus.

75 Jahre später will das @„Netzwerk Kriegstote“ (Geschichtsverein Grevenbroich, Luftschutzanlagen im Rhein-Kreis Neuss, Förderverein Neuenhausen Heute und Morgen, St. Sebastianus Schützenbruderschaft sowie weitere Partner) an die Gräuel des Krieges, aber auch an Spätfolgen wie das Neuenhausener Unglück erinnern. Gemeinsam mit dem 1948 nachgeborenen, nach seinen beiden verunglückten Brüdern benannten Heinz-Peter Bartz (wie damals bei Todesfällen von Kindern in den Familien üblich) legten Ulrich Herlitz, Stefan Rosellen und Stefan Faßbender vom Netzwerk Blumen an den Gräbern der verunglückten Jungs nieder.

Foto: © Christian Kandzorra

Heinz-Peter Bartz erinnert sich aus seiner Kindheit und Jugend, dass in der Familie noch lange Zeit regelmäßig zwei Stühle am Mittagstisch freiblieben und zu Festtagen auch zwei Teller zusätzlich eingedeckt wurden. Ebenso wie sein zehn Jahre jüngerer Bruder wuchsen sie jedoch unbeschwert von diesem schrecklichen Unglück auf. Dennoch ist es ihm wichtig, an dieses Unglück zu erinnern. Einige Firmlinge des Jahrganges 1946, deren Paten die Eltern der verstorbenen Jungs waren, erinnern sich noch heute an dieses Ereignis. Und bis heute ist das Unglück im historischen Gedächtnis der Dorfgemeinschaft erhalten geblieben und nicht zuletzt die vier schlichten Kreuze erinnern bis auf den heutigen Tag an die Gräuel des Krieges mit all seinen Folgen…

Das ist gut so, meint Heinz-Peter Bartz zum Abschluss des gemeinsamen Friedhofsbesuchs.

Auch die NGZ berichtete in Ihrer Ausgabe vom 10. April 2021…

Foto: © Ulrich Herlitz

Der Begriff “Kriegstoter” umfasst alle Personen, die direkt oder indirekt durch die Kriegseinwirkungen gestorben sind. Darunter fallen auch unzählige Kinder, die mit Blindgängern und Munition in Kontakt gerieten und dabei ihr Leben verloren. Für die Kriegszeit sind mehrere dieser Vorfälle vor allem in Schulchroniken erwähnt, in der Nachkriegszeit gab es neben dem Unglück in Neuenhausen noch weitere in Noithausen 1945 und Gustorf 1951!