Jahrmarkt: der Laetare- oder Halfbfastenmarkt vor Ostern

Ulrich Herlitz

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war in Grevenbroich der wohl bedeutendste Jahrmarkt der “Laetare”-Markt. Er war nebem dem Laurentius-Markt im August und dem Hubertusjahrmarkt Anfang November der dritte Grevenbroicher Jahrmarkt, jeweils verbunden mit einem Viehmarkt.

Slg Herlitz: Breitestr. um 1890
Breitestraße um 1890 – die 1899 erbaute Pfarrkirche fehlt noch. Wegen ihrer Breite war die Straße immer attraktiv für Veranstaltungen. (Postkarte Slg Herlitz)
Der Laetare-Markt wurde während der Fastenzeit am Sonntag „in der halben Fasten“ gehalten, verbunden mit einem an den beiden folgenden Wochentagen stattfindenden großen Viehmarkt. Der Laetare-Sonntag war dabei wahrlich ein besonderer Anlaß. Als Halb- oder Mittfastensonntag war er vom Fasten ausgenommen. Das Motto „Laetare“ – „Freu´dich, Jerusalem“ – war der Sonntagsliturgie entnommen und verhieß den Gläubigen schon die österliche Freude, die im Laetare-Jahrmarkt ihr weltliches Pendant als Anlaß zu ausgelassenem Jubel und Trubel fand.

Jahrmarktsverzeichnisse aus unserer Region ergeben ein Bild von den feilgebotenen Waren. Es handelte sich um „Faßbinderwaren, Kurzwaren, Ellenwaren, Blech- und Eisenwaren, Messer, Porzellan, Schuhe, Hüte, Seil, Strümpfe, Mausefallen, Zinnwaren, Spielzeug, Mützen, Birnen, Kämme, Holzpferde, Tabak, „Bildcher“, „Bettbücher“, „Frauenkappen“ und alte Kleider“. Auf dem Viehmarkt wurden Geschäfte gemacht, die besiegelt und gefeiert werden wollten.

War der Marktbesuch bereits aus diesen Gründen nicht alltäglich, war er den Menschen, die sich für die Kirche eigens zurechtgemacht hatten, auch Anlaß, am Sonntag „Staat“ zu machen.

Der Bezug auf “Bildcher” und “Bettbücher” im Jahrmarktsverzeichnis nimmt dabei noch Bezug auf die kirchlichen Wurzeln, wurden doch Heiligenbilder oder Bilder mit biblischen Szenen neben Gebetbüchern und religiöser Erbauungsliteratur feilgeboten.

Bereits um die 1840er Jahre hatte sich die drei ursprünglich mit kirchlichen Festen verbundenen Jahrmärkte jedoch fast völlig von seinen kirchlichen Wurzeln gelöst, so dass ab 1845 auch die Düsseldorfer Regierung wegen des zunehmend weltlichen Charakters die Sonntagsmärkte “nach und nach” abschaffte, nur der Laetare-Markt durfte wegen seiner Bedeutung zunächst noch am Sonntag abgehalten werden, aber nicht mehr der damit verbundene zweitägige Viehmarkt. 
Der Heimatforscher Jakob Hubert Dickers schilderte 1912 den Reiz des Jahrmarktes, den der Halb-Fastenmarkt schon “seit alters her” ausmachte: „Die Krambuden standen auf der Straße hinter der Erftbrücke bis weit die Kölnerstraße hinauf. Außerdem fanden sich Kunstreiter, Seiltänzer, Stelzenläufer und Kölner Hänneschen-Theater ein, die mit ihren trag- und fahrbaren leinenumspannten Kasten von einer Stelle zur anderen zogen. In den Toreingängen waren vollständige Manufakturwarengeschäfte eingerichtet. In der Breiten Straße befand sich damals eine alte Wirtschaft „Im Schwan“ mit Toreingang, wo die fahrenden Künstler, die Kameltreiber, Bärenführer mit ihren Tieren sowie der sogenannte reisende “Pöngel” herbergten.“ Auf dem Grundstück am Steinweg, auf dem später das Lichtschlagsche Haus erbaut wurde, sollte sich bald das erste “Karussell“ gedreht haben.
 

In einer eher seltenen Jahrmarkts-Anzeige aus dem Grevenbroicher Kreisblatt vom 29. März 1857 werden von der Firma Hannen neben “Pfeiffenwaren” (Tabakwaren) auch Galanterie- und Kurzwaren feilgeboten. “Galanteriewaren heißen die zum Putz und Schmuck gehörenden Luxusartikel, mit Ausnahme der Schnittwaren, als seidene Bänder, kleine Tücher, Fichus, Handschuhe, Fächer, Bijouteriewaren, Dosen, seine Gegenstände aus Gußeisen, Bronze, Zink, Neusilber, Leder, Holz, Elfenbein, Hartgummi, Knochen, Zelluloid, Glas, Blech u. dgl., also etwa gleichbedeutend mit Kurzwaren (s.d.). Die Franzosen, die den Ausdruck G. gar nicht kennen, sagen dafür: articles de nouveauté et de modes, objets de bijouterie, articles de Paris u. dgl.” so heißt es in Meyers Lexikon von 1907. Und der Begriff “Kurzwaaren” nahm Bezug auf den älteren, im 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff „kurze Waren“. Dies war zunächst wörtlich zu verstehen, also Waren, die nicht mit der Elle gemessen werden, keine “Ellenwaren” – keine Ware am Laufmeter, wie damals üblicherweise Stoffe verkauft wurden. Es handelte sich vielmehr um Stück- oder Schüttgut, wobei sich das Adjektiv „kurz“ aber nicht unbedingt nur auf die Länge bezog, es konnte auch im Sinne von „klein“ gebraucht werden. Hierzu passte dann auch Heinens Werbung, gleich “mehrere tausend Stück” Tischmesser, Gabeln, Feilen und Bohren und “sonstige nützliche Sachen” anzubieten…

Zunehmend fanden sich auch Buden mit reinen Süßigkeiten (“Moppen”) bis hin zu Speiseeis auf dem Jahrmarkt wieder.

Letztlich durfte auch der Halbfastenmarkt Ende der 1850er Jahre nicht mehr am Sonntag abgehalten werden und wurde ebenfalls auf einen Mittwoch gelegt. Damit verlor er zunehmend an Bedeutung, zumal auch die stehenden Manufakturwarengeschäfte in der Stadt stetig zunahmen.
 
Die Schilderung Dickers macht auch deutlich, dass der Jahrmarkt sich nicht nur von seinen kirchlichen Wurzeln losgelöst hatte, sondern dass sich der reine Krammarkt zu einem regelrechten Volksfest entwickelte, in dem Schaustellungen und Volksbelustigung immer mehr in den Vordergrund und das Feilbieten von Kurz- und Galanteriewaren in den Hintergrund gerieten.

Eine 1894 erlassene Verordnung der Stadt Grevenbroich gibt ein Eindruck von den damals auf den Jahrmärkten vertretenen und zu versteuernden “Lustbarkeiten”: Bis zu 10 Mark mussten gezahlt werden für „Schaustellungen, z. Bsp. von Gymnastikern, Equilibristen, Ballett- und Seiltänzern, Taschenspielern, Zauberkünstlern, Bauchrednern, Panoramen, mechanischen Bühnen, Marionetten, Feuerwerken, Wachsfiguren-Kabinetten, sowie das Vorzeigen von fremden Tieren oder Kuriositäten, Museen etc“. Denselben Preis kostete eine Zirkus-Vorstellung oder ähnlich größere Schaubuden-Vorstellung, während Würfel- und Schießbuden mit 15 Mark pro Tag besteuert wurden.
Für das Aufstellen eines Karussells wurde ein gestaffelter Steuersatz erhoben, je nachdem, ob das Karussell „durch Menschenhand, durch Pferdekraft“ oder „durch maschinelle Kraft“ angetrieben wurde. Neben der herkömmlichen Schaukel wurden erstmals auch Schiffschaukel und russische Schaukel – das Riesenrad – extra besteuert.

Die in der Lustarbkeitssteuer genannten Schaustellungen fanden sich allerdings bald nur noch auf dem Anfang September an drei Tagen, einschließlich des Sonntags abgehaltene Kirmesjahrmarktes auf dem eigens dafür angelegten Schützenplatz GV Stadtmitte. Die Kirmes erfuhr immer mehr Zulauf, zumal sie mit dem Schützenfest des BSV 1849 Grevenbroich e.V. verbunden war. Zusammen mit den Schützenumzügen, den zahlreichen Bällen in den Gaststätten und dem Festzelt auf dem Schützenplatz war er nicht nur für die Grevenbroicher äußert attraktiv und zog auch darüber hinaus Publikum aus dem gesamten Kreisgebiet an…

Der Halbfastenmarkt hingegen wurde 1902 endgültig aufgehoben, allerdings hallte sein Ruf noch eine gewisse Zeit nach. 1911 machte der Bürgerverein Grevenbroich sich wieder für ein Wiederaufleben des Halbfastenmarktes stark. Vergeblich, auch wenn die Grevenbroicher Stadträte und selbst der Bürgermeister dies unterstützten – die Aufsichtsbehörden waren strikt gegen Jahrmärkte und Kirmessen eingestellt…

Laetare wird heutzutage nur noch in der Kirche gefeiert. Allerding gab es noch im vergangenen Jahr den (auch nicht umgesetzten) Vorschlag, pandemiebedingt ausgefallenen Karnevalsumzüge am Laetare-Sonntag nachzuholen…


Wollen Sie mehr über die Grevenbroicher Jahrmärkte, Kirmessen bis hin zur Entwicklung von Schützenfest und Kirmes, wie wir es noch heute am ersten Septemberwochenende feiern, erfahren?!? Dann empfehlen wir gerne den Aufsatz unseres Vorsitzenden Ulrich Herlitz in der Festschrift des BSV-Grevenbroich aus dem Jahr 1999 aus Anlass des 150-jährigen Vereinsjubiläums.

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