Rothschild & Fleck Grevenbroich: Pessach in einer christlichen Nachbarschaft

Kölner Strape um die Jahrhundertwende

Das jüdische Manufakturwarengeschäft Rothschild & Fleck zählte spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts zu den führenden Geschäften Grevenbroichs. Die Inhaberfamilien Rothschild, mehr noch die Familie Fleck pflegten ihre  Religion – sie gehörten der orthodoxen Richtung an. Sie schlossen ihr Geschäft auf der heutigen Kölnerstraße 38-46 zwar nicht an den normalen Sabbat-Tagen.

Da die Synagoge in Grevenbroich jedoch in direkter Nachbarschaft auf der Kölnerstraße 24 beheimatet war, blieb der Besuch des Sabbatgottesdienstes möglich.

ie Familien Rothschild und Fleck schlossen ihr Geschäft aber regelmäßig zu den jüdischen Hohen Feiertagen, so auch an Pessach – dem jüdischen Osterfest. Regelmäßig informierten sie ihre Kunden mit Anzeigen im Grevenbroicher Kreisblatt, dass ihr Geschäft geschlossen blieb.

So inserierten sie auch vor 166 Jahren am 20. April 1856: „Der Feiertage halber bleibt am heutigen Sonntag 20., Montag, den 21. sowie Sonntag den 27. ds. Mts. Unser Geschäft geschlossen“.

Interessant an der Geschäftsanzeige ist zunächst, dass es zu dieser Zeit keine Sonntagsruhe im allgemeinen Geschäftsverkehr gab. Damals durften alle Geschäfte auch Sonntags öffnen, nur während der Hauptgottesdienstzeiten waren diese zu schließen sowie feilgebotene Waren mit Tüchern zu verdecken.

 Wenn auch nicht zum vorhergehenden Sabbat, so schlossen Rothschild & Fleck allerdings Sonntag und Montag ihr Geschäft, da nach jüdischem Kalender am 20 April 1856 der 15. Nissan des Jahres 5616 nach Erschaffung der Welt (יום ראשון ט”ו ניסן ה’תרט”ז) und damit das Pessach-Fest begann. An diesem Festtag wurde der festliche Sederabend zuhause im Kreise der Familie auf der Kölnerstraße gefeiert, der mit symbolischen Speisen und ungesäuertem Brot weltweit in der jüdischen Gemeinschaft an den Auszug aus Ägypten alljährlich am 15. Nissan erinnert. Es ist das Fest der Befreiung von Sklaverei und Unterdrückung.

Als volle Feiertage gelten jedoch nur der erste Tag – der Tag des Auszugs – und der letzte Tag – der Tag der Spaltung des Schilfmeeres. Und da das Pessach-Fest in der Diaspora acht anstatt sieben Tage gefeiert wurde, schloss das Geschäft von Rothschild & Fleck auch erneut am Sonntag, den 27. April 1856, worauf Rothschild & Fleck erneut mit einer Anzeige im Grevenbroich Kreisblatt hinwiesen.

Ulrich Herlitz

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