Diedrich Uhlhorn

Grevenbroich um 1800

Grevenbroich hatte im Jahr 1801 gerade einmal 518 Einwohner und war wirklich arm: Nur 25 Jahre vorher musste Grevenbroich sogar in den Gemeinden des Herzogtums Jülich, zu dessen Herrschaftsgebiet es damals gehörte (bis zur Französischen Revolution), Geld sammeln, um das kriegsbedingt zerstörte Straßenpflaster in der Kölner und in der Breite Straße erneuern zu können. Durchreisende hatten anschließend dafür noch „Pflastergeld“ zu zahlen.

Zum Vergleich: Auch Wevelinghoven war mit seinen damals 1.304 Einwohnern deutlich größer und bedeutender.

Was wollte dann im Jahr 1810 ein 46-jähriger schon bekannter Erfinder und Techniker namens Diedrich Uhlhorn in diesem verschlafenen Landstädtchen? Dafür gab er immerhin sein üppiges und sicheres Jahres-Festgehalt von 200 Reichstalern auf, das er beim Herzog von Oldenburg bezog.

Verständlich wird dies mit einem Rückblick auf die Lebensgeschichte von Diedrich Uhlhorn:

Der Werdegang von Diedrich Uhlhorn

1764 in Bockhorn geboren (heutiger Landkreis Friesland an der Nordsee und damals in der Grafschaft Oldenburg gelegen), besuchte er die Volksschule, fiel aber schon in seiner Jugend damit auf, dass er mit großem technischem Talent mechanische und optische Geräte baute und sich mit Unterstützung seiner Mutter weiterbilden konnte. Sein Vater Christian Gerhard Uhlhorn führte eine Schreinerei und hatte seinen Sohn Diedrich eigentlich dafür vorgesehen, dass er seine Nachfolge in der Schreinerei antreten sollte. Zwar ging er beim Vater in die Lehre, aber die Schreinerei übernehmen wollte er überhaupt nicht; so kam es zum Streit: Der Vater enterbte ihn zu Gunsten seines jüngeren Bruders, und damit musste Diedrich selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen.

Diedrich Uhlhorn (1764–1837).
Porträt von Carl Oberbach (1869–1939) nach einer zeitgenössischen Zeichnung (Villa Erckens). Uhlhorn trägt hier den ihm 1822 verliehenen preußischen Verdienstorden.

Im Alter von 30 Jahren mietete er sich ein Haus in Bockhorn, in das er mit seiner Frau Gesche Margarete Schwoon einzog, die er auch in diesem Jahr 1794 geheiratet hatte. Hier gründete er eine Werkstatt für physikalische und mathematische Instrumente. Er machte Bekanntschaft mit dem angesehenen Leiter der Hamburger Handelsakademie, Professor Johann Georg Büsch, der dort u.a. auch Alexander von Humboldt mit ausgebildet hatte. Büsch vermittelte ihm zahlreiche Aufträge, so dass seine Werkstatt bald florierte. So wurde auch der Oldenburger Herzog Peter Friedrich Ludwig auf Uhlhorn aufmerksam und stellte ihn schließlich 1797 als „Herzog Holstein-Oldenburgischer Mechanicus“ fest ein. Mit dem Herzog blieb er bis zu dessen Tod 1829 freundschaftlich verbunden.

Nachdem er eine Tuchschermaschine erfunden hatte, die die feinen Wollfasern an den bereits fertig gewebten Baumwolltüchern abscheren konnte, bekam er einen neuen Kontakt, diesmal ins Rheinland zu dem Hückeswagener Unternehmer Johann Wilhelm Thomas, der hier eine Baumwollspinnerei betrieb. Und Hückeswagen im Bergischen Land war zu dieser Zeit ein wichtiger Standort der Textilindustrie, so dass Uhlhorn dort im Jahr 1800 seine Tuchschermaschine einbaute, in Deutschland die erste ihrer Art.

In den Folgejahren richtete er in Hagen eine zweite Maschine ein. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten ab, denn eine einzige Tuchschermaschine ersetzte 6-8 Tuchscherer, die natürlich Angst um ihre Arbeitsplätze hatten und zeitweise streikten. Thomas, der kurz darauf insolvent wurde, vermittelte ihm aber noch den Kontakt zum Neusser Unternehmer Friedrich Koch, der zunächst dort eine Baumwollspinnerei betrieb (und übrigens aus Wevelinghoven stammte).

Und jetzt kommt Grevenbroich ins Spiel:

Friedrich Koch hatte 1803 das leerstehende ehemalige Zisterzienser-Kloster am Marktplatz in Grevenbroich gekauft und dorthin seine Produktion verlagert. 1808 erwarb er die ebenfalls leerstehende Elsener Deutschordens-Mühle (heute Stadtparkinsel in Grevenbroich), wo ab 1812 produziert werden konnte.  

Warum Grevenbroich? Hier in der Elsener Mühle stand die Antriebsart Wasserkraft zur Verfügung. Hinzu kam eine günstige politische Wetterlage: Im 18. Jahrhundert hatte sich England eine marktbeherrschende Stellung in der Textilindustrie erworben, aber der damals regierende französische Kaiser Napoleon verhängte aufgrund des Krieges mit England 1806 ein Importverbot für englische Waren aller Art, das unter dem Namen „Kontinentalsperre“ berühmt wurde.

In diese Lücke stieß Friedrich Koch nun in Grevenbroich mit seiner Baumwollspinnerei. Hier standen auch Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung, denn Grevenbroich – siehe oben – war arm, bot aber im Umkreis zudem auch Absatzmärkte in genügender Zahl an. Da Koch in Grevenbroich einen neuen Wirtschaftszweig gründete, gab es auch keine Konflikte mit streikenden Arbeitern.

Mit Koch begann die Industrialisierung in Grevenbroich, wo sich im 19. Jahrhundert die Textilindustrie im gesamten Stadtgebiet ausbreite; hier bildete sich (neben Mönchengladbach und Krefeld) ein Zentrum dieser Branche heraus.

Umzug nach Grevenbroich

Und Diedrich Uhlhorn? Der hatte im Bergischen Land gesehen, dass man es mit Baumwollverarbeitung zu beträchtlichem Wohlstand bringen konnte. Und so kündigte er 1810 seine Stellung beim Herzog in Oldenburg, mit dessen Zustimmung, siedelte mit seiner zweiten Ehefrau Johanna Katharina Klaender nach Grevenbroich um und wurde technischer Direktor in der Koch’schen Baumwoll-Spinnerei.

Hintergrund: Mit seiner ersten Ehefrau Gesche hatte er 5 Kinder, davon 4 Söhne und 1 Tochter. Zwei dieser Söhne starben im Jahr 1803, einer im Alter von 3 Jahren, einer im Alter von nur 15 Monaten. Seine Ehefrau beging daraufhin Selbstmord. 1805 heiratete er erneut; aus dieser Ehe ging der Sohn Heinrich hervor, so dass Uhlhorns Umzug nach Grevenbroich mit insgesamt 4 Kindern erfolgte.

Die Uhlhorns zogen zunächst in das Grevenbroicher Kloster. Später bauten er und dann seine Kinder großzügige Villen auf der damals noch leerstehenden Lindenstraße. Davon wird später noch die Rede sein.

Nach dem Ende der Kontinentalsperre 1813 und dem damit verbundenem Wiedererstarken der englischen Konkurrenz in der Textilindustrie musste Friedrich Koch im Jahr 1820 Konkurs anmelden. Uhlhorn verlor also sein Gehalt als technischer Leiter der Koch’schen Spinnerei. Zudem verlor er die Aufträge zur Produktion von Textilmaschinen für Koch, ein Bereich, den er auf eigene Rechnung betrieben hatte.

Die Kratzenfabrik

Er hatte sich aber seit 1812 ein neues Standbein aufgebaut: Er produzierte (zeitweise mit seinem alten Partner Thomas) Kratzenmaschinen für die Textilindustrie, eine seiner Erfindungen (schon aus dem Jahr 1803): Zuerst mussten mit Hilfe einer Maschine Kratzenhäkchen gebogen werden. Eine andere Maschine stanzte Löcher in ein Lederband. In diese Löcher wurden die Kratzenhäkchen dann eingesetzt. Es entstanden dann die eigentlichen „Kratzenmaschinen“, mit deren Hilfe – über eine mit diesem Kratzleder bespannte Trommel – nach dem Weben der Stoff aufgeraut wurde und danach mit der Tuchschermaschine die entstandenen aufstehenden Fasern fein abgeschnitten werden konnten.

Die Herstellung der Kratzenmaschinen war eine teilweise monotone Arbeit, die überdies einer gewissen Fingerfertigkeit bedurfte. Ideal war die Beschäftigung von Kindern hierfür. 1814 beschäftigte Uhlhorn in seiner Fabrik einen Meister, aber zusätzlich bereits 24 Kinder.

Das große Problem der Ausbeutung von Fabrikkindern in der beginnenden Industrialisierung wurde erst sukzessive ab den 1840er Jahren verbessert. Kinder erhielten einen deutlich geringeren Stundenlohn als Erwachsene, mussten lange arbeiten, und so wurden sie in Schulbildung und ihrer weiteren Qualifikation behindert. Teilweise arbeiteten die Kinder auch von zuhause aus.  

Uhlhorn gelang es, auch nach Ende der Kontinentalsperre wettbewerbsfähig zu bleiben. Er konnte sowohl in Qualität und Preis mithalten. Ziemlich schnell wurde die Produktion auf die Lindenstraße verlegt.

1824 zog er sich aus dem Unternehmen zu Gunsten seiner ältesten Söhne Christian und Gerhard zurück, die unter dem Firmennamen „Dch. Uhlhorn“ den Betrieb weiterführten.

Zum weiteren Fortgang der Kratzenfabrik nur Folgendes: 1872 wurde eine größere Fabrik benötigt, die stadteinwärts an der Ecke Lindenstraße/Montanusstraße errichtet wurde. Die Produktion konnte noch bis 1927 aufrechterhalten werden. Von dem Verlust ihrer wichtigsten Abnehmer in der Krise 1923 im Rahmen der Besetzung des Ruhrgebietes hatte sich die Firma nicht mehr erholt. Die Fabrikanlagen wurden 1935 abgerissen.

Diedrich Uhlhorn und die Münzprägeanstalt

1817 erfand Uhlhorn die „Kniehebelpresse“, mit der in nur einem Arbeitsgang Münzen geprägt werden konnten. Zunächst mit einem Holzgestell versehen, wurden die Maschinen später zwecks längerer Haltbarkeit mit einem Metallgestell geliefert. Mit einem Hebelmechanismus wurde der Druck auf den Münzrohling verstärkt. In einer Minute konnten 30 Talerstücke oder 60 Viergroschen-Stücke produziert werden.

Münzprägemaschine „Prototyp 1“ (1817). Diese erste Kniehebelpresse mit Holzrahmen befindet sich in der Villa Erckens (Museum der Niederrheinischen Seele). Sie war bis 1849 in der Preußischen staatlichen Münze Düsseldorf im Einsatz und wurde dann nach deren Stilllegung von Diedrichs Sohn Heinrich zurück erworben.

Die ersten Maschinen erhielt die staatliche preußische Münze in Düsseldorf. Später wurden die Münzprägemaschinen in ganz Europa verkauft. Dieser neue Geschäftszweig nahm Diedrich Uhlhorn ganz in Anspruch, so dass er 1824 (siehe oben) die Produktion der Kratzenmaschinen in die Hände seiner beiden ältesten Söhne gab.

1822 verlieh ihm der preußische König Friedrich Wilhelm III. das „Allgemeine Ehrenzeichen erster Klasse“ (später: Roter Adlerorden 4. Klasse). Auch als Publizist betätigte er sich, so z.B. 1829 über seine Erfindung eines Kraftmessers. Diese Neuerung sollte später die Grundlage für die Weiterentwicklung zum modernen Tachometer bilden. 

Diedrich Uhlhorn starb 1837 im Alter von 73 Jahren. Beerdigt wurde er auf dem Friedhof der reformierten Gemeinde in Wevelinghoven. Obwohl Lutheraner, war er dort seit 1825 auch Presbyter gewesen.

Grabstein von Diedrich Uhlhorn (1764 – 1837) auf dem Kirchgarten der evangelischen Kirche Wevelinghoven. Grabstein und Gartenanlage wurden 2023/24 renoviert.

Nachfolger in der Fabrik wurde sein jüngster Sohn Heinrich. Es wurden im Jahr allerdings lediglich 2-4 Maschinen produziert, 1855 war die Belegschaft aber auf immerhin 42 Arbeiter angestiegen, dennoch war es weiterhin eine eher kleine Werkstatt. Die Maschinen wurden mit vielen Internationalen Preisen ausgezeichnet, dennoch ging die Nachfrage ab ca. 1860 deutlich zurück.

Heinrich Uhlhorn erkannte das rechtzeitig und setzte zunehmend auf die Produktion von Maschinen für die aufkommende Zuckerindustrie, ab 1876 wesentlicher Geschäftszweig, denn wegen wachsender ausländischer Konkurrenz wurde in diesem Jahr mit der Herstellung der 200. Münzprägemaschine die Produktion eingestellt.

Zum weiteren Fortgang dieser Maschinenfabrik auch nur kurz Folgendes: Heinrich Uhlhorn übergab die Leitung Anfang des Jahres 1877 an seinen Sohn Richard und dessen Studienfreund Hermann Hundhausen unter der Firmierung „R. Uhlhorn und Hundhausen“. Allerdings verstarb Richard Uhlhorn sehr schnell bereits im Jahr 1878 (Selbstmord), woraufhin die Kölner „Zuckerfabrik-Barone“ Eugen und Carl Jacob Langen dessen Geschäftsanteile übernahmen, nun hieß die Firma „Langen und Hundhausen“. 1883 starb auch Hundhausen (ebenfalls Suizid), und die Familie Langen übernahm die Firma ganz und firmierte sie 1890 in „Maschinenfabrik Grevenbroich AG“ um. 1927 übernahm die Magdeburger Firma Buckau R. Wolf AG diese Firma, die zwar danach die Produktion überwiegend dorthin verlegte, aber nach Verlust ihrer ostdeutschen Werke 1947 dann ausschließlich in Grevenbroich produzierte bzw. produzieren musste. Dieser Betrieb wurde in den Folgejahren zu einem der größten Arbeitgeber in Grevenbroich, in Spitzenzeiten wurden hier 2.700 Beschäftigte gezählt. In den 1980er Jahren erfolgte der Niedergang; auf einem Teil des nicht mehr benötigten Firmengeländes entstand ab 1999 das neue Wohngebiet „Buckau-Viertel“. An der Nordstraße wird der hintere Teil des Geländes nach mehreren Besitzerwechseln immer noch industriell genutzt. 

Die Familie Uhlhorn als Immobilienbesitzer auf der Lindenstraße

Wie bereits oben erwähnt, bezogen die Söhne von Diedrich Uhlhorn stattliche neue Villen auf der Lindenstraße. An der Lindenstraße sammelten sich in der Folgezeit auch viele Industrieanlagen an, daneben zunächst nur einzelne Wohnhäuser. Erst ab der Jahrhundertwende 1900 wurden die Fabriken nach deren Ende sukzessive durch weitere größere Wohn- und Geschäftshäuser „abgelöst“.

Planzeichnung der Lindenstraße (1872).
Von links unten: Wohnhaus Christian Uhlhorn, daneben das Wohnhaus Emil Uhlhorn, die alte Kratzenfabrik und die Villa von Heinrich Uhlhorn. Oben auf der anderen Seite der Lindenstraße die 1872 neu erbaute Kratzenfabrik als größter Gebäudekomplex. (Stadtarchiv Grevenbroich)

Diedrichs Sohn Christian verstarb 1853. Keines seiner Kinder überlebte ihn. Nach dem Tod seiner Frau Helene wurde sein Wohnhaus mit dem 17.900 qm (!) großen parkähnlichen Grundstück 1883 an den Kreis Grevenbroich verkauft – für die damals stolze Summe von 40.000 Mark. Auf diesem Grundstück baute der Kreis Grevenbroich im Jahr 1886 das immer noch bestehende markante „Kreisständehaus“. Auf dem Areal steht heute zudem auch noch der Erweiterungsbau der Kreisverwaltung.

Auf dem Grundstück, auf dem die Wohnhäuser von Emil Uhlhorn (Enkel von Diedrich Uhlhorn bzw. Sohn von Diedrichs zweitem Sohn Gerhard) und Diedrichs Sohn Heinrich standen, befindet sich heute ein 1930 neu erbautes denkmalgeschütztes Wohnhaus („Villa Hömberg“) sowie das Hochhaus der Kreisverwaltung.

Auch das zeigt, dass die Familie Uhlhorn zu beträchtlichem Reichtum gekommen ist, nachdem sie die Industrialisierung in Grevenbroich Anfang des 19. Jahrhunderts wesentlich mit angestoßen hatte, erfolgreiche Unternehmen gründete und auch auf weiten Teilen der Lindenstraße für rund 100 Jahre das Stadtbild bestimmte. Den Grundstein für diesen Erfolg legte der hervorragende Erfinder und Unternehmer Diedrich Uhlhorn. 

Zu Ehren von Diedrich Uhlhorn bzw. dessen Familie heißt die Straße, die von der Lindenstraße zur Röntgenstraße führt, „Uhlhornstraße“.

Achim Kühnel für den Geschichtsverein Grevenbroich, 2025

Literaturhinweise:

Decker, Josef: Diedrich Uhlhorn, seine Söhne und Enkel; in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich des Geschichtsvereins, Grevenbroich 1983, S. 57-75

Benad-Wagenhoff, Volker / Schneider, Konrad: „Dieser unerschöpfliche seltene Mann…“ – Diedrich Uhlhorn und die moderne Münztechnik, Grevenbroich 2009

Ganschinietz, Manfred: Diedrich Uhlhorn (1764-1837); in: Kreisheimatbund Neuss (Herausgeber), Lebensbilder, Bd. 2, Neuss 1995, S. 35-47.

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