Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich

ULRICH HERLITZ

Im Oktober 1924 gründete sich in Grevenbroich der Motorsportclub Grevenbroich (MSC), der sich dem Allgemeinden Deutschen Automobilclub – kurz A.D.A.C – anschloss. 

GVZ 8.1.1925 (StAGV/zeitpunkt.nrw)

Gründungsvorsitzender war und stand dem Club mit kurzer Unterbrechung bis 1931 vor – Carl Stühler, Direktor des Erftwerks. Zweimal wöchentlich trafen sich die Mitglieder im Vereinslokal, das sich zunächst in der Restauration „Zur Post“ auf der Lindenstraße, später dann im Hotel „Zur Traube“ befand. Die Vereinslokale waren regelmäßig auch der Ausgangspunkt, von wo auch die Ausfahrten regelmäßig starteten. Darunter im Laufe des Jahres 1925 eine Zuverlässigkeitsfahrt in das Siebengebirge, eine Pfingstfahrt an die Mosel, eine Halbtagestour ins Neandertal oder eine Ausfahrt in das Brohltal. Nach einem Jahr ließen die Motorsportfreunde sich auch in das Vereinsregister eintragen.

Automobile Infrastruktur und der Ostwall

Dabei bestimmten noch längst nicht Automobile das Bild der Stadt Grevenbroich – weder auf der Straße noch im Verein. So nahmen beispielsweise von den 21 Mitgliedern an der Herbsttagung des Gaues Rheinland des ADAC in Krefeld 10 Motorräder und ein Auto teil, 1926 gab es im Sommer mit einer Ausfahrt nach Aachen und in die Voreifel mit fünf teilnehmende KfZ und sechs Krafträdern erstmalig ein ausgewogenes Verhältnis. Überhaupt standen die motorgetriebenen PS noch in Konkurrenz zu den echten Pferdestärken der Fuhrwerke, es waren vor allem Unternehmer, die eigene LKW nutzten.

Und mit dem Jahr 1926 sollte ein entscheidender Schritt in Richtung automobilgerechte Infrastruktur in Grevenbroich geschaffen werden. Erst im Dezember 1925 waren einheitliche Vorgaben zu Fahrzeugbeschaffenheit und Eignung der Fahrzeugführer erlassen worden. Eine nicht unumstrittene Reichs-Kraftfahrsteuer, zu der auch der MSC eine kritische Stellungnahme abgab, ermöglichte eine Finanzierung der auch in der Rheinprovinz für die Kraftfahrzeuge eher ungeeigneten Verkehrsinfrastruktur. Nicht zufällig sollte dann im Sommer des Jahres 1926 die fahrzeugtaugliche Umgehungsstraße mit einer Breite von sieben Metern und ausreichend Bürgersteigen entlang des Ostwalls beschlossen und auch mit staatlicher Finanzierung umgesetzt werden.

Aus Schmieden wurden KFZ-Werkstätten

Erst Mitte April eröffneten die Gebrüdern Rombey die erste Kraftfahrzeugreparaturwerkstätte auf der Rheydterstraße 35 und zur gleichen Zeit zeigte der Schmied Christian Lange auf dem Südwall an, dass er neben seiner Schmiede und Wagenbauerei für Pferdefuhrwerke eine „Spezialwerkstätte für sämtliche in- und ausländische Kraftfahrzeuge“ eingerichtet habe. Hier könne er „besonders Lichtanlagen, Magnetreparaturen und Neufederungen fachgemäß und mit voller Garantie“ ausführen. Außerdem biete er autogenes Schweißen und Schneiden am Platze an und pries seine eigene Vulkanisierungsanstalt für Gummireifen an. Eine nur für KfZ eingerichtete Werkstatt befand sich auf der Bahnstraße 101, hier etablierten die umtriebige Inhaber Josef und Peter Effertz auch eine neuzeitliche Dreherei für „Innen- und Außenschliff“. Josef Effertz betätigte sich neben einem Opel-Verkauf auch als Fahrlehrer. Peter Effertz jun. Betrieb dann zum Jahreswechsel sogar einen Mietwagenverleih.

Deutschlandfahrer Carl Nakötter

Zu einer der bestimmenden Figuren des Vereins sollten sich in den beiden Jahren 1925/26 Carl Nakötter entwickeln. Er war Inhaber des Vereinslokals „Zur Post“ und leidenschaftlicher Fahrer eines Indian-Kraftrades. Als Anfang März 1925 die zwölftägige 2. Deutschlandfahrt des ADAC mit 360 Teilnehmern startete, erstmalig mit einem internationalen Feld von Kraftradfahrern veranstaltet, war auch Carl Nakötter mit seiner Maschine als einziger Grevenbroicher Teilnehmer darunter. Am Vorabend es Starttages begleiteten ihn die Kameraden vom Motorsportclub nach Köln, um am Starttag auf dem Kölner Heumarkt erneut dabei zu sein, als eine nach Tausenden zählende Menschenmenge die Fahrer begeistert starten ließ und auf den ersten Etappen entlang des Rheintals zujubelte.

Historische Bildpostkarte Deutschlandfahrt 1925 (nachkoloriert)

Täglich erhielt die Grevenbroicher Zeitung nunmehr Telegramme mit dem Bericht über die jeweiligen Etappen, Wind und Wetter sowie Platzierung von Deutschlandfahrer Carl Nakötter.

Bei Schneetreiben bestritten die Fahrer die letzte Etappe nach Köln. Bei seiner Rückkehr nach Grevenbroich wurde Deutschlandfahrer Carl Nakötter mit einem Vortrupp in seine Heimatstadt begleitet, wo man ihm einen wahrlich gebührenden Empfang bereitete. Die Feuerwehr bildete ein Pechfackelspalier, den der Corso um Nakötter in langsamem Tempo bis zu seinem Haus begleitete. Hier prangte ein mit Girlanden und Glühlampen geschmückter Willkommensgruß und ein Feuerwerk wurde gezündet. „Brausende Hochrufe“ und ein dreifaches „Töff, töff Hura!“ seiner Vereinskameraden überzeugten den heimgekehrten Deutschlandfahrer von der „Anhänglichkeit und Anteilnahme der zahlreich erschienenen Mitbürger, Sportvereine und Korporationen“, berichtete die Grevenbroicher Zeitung. Das Tambourcorps wirbelte ebenfalls ein Willkommen, bevor der Sängerkries mit zwei Liedbeiträgen aufwartete. Bürgermeister Lorenz Wilms ehrte Nakötter als Vorbild des „Sportgeistes auf der ganzen Linie auch in anderen Sportzweigen“. Weitere Reden des Schützenpräsidenten und Ratsherrn Jean Plum, des Vorsitzenden des befreundeten Motorsportclubs aus Mönchengladbach sowie ein „launiger Damentoast“ beendeten die Redebeiträge.  Ganz Grevenbroich war au den Beinen und feierten „Ihren“ Deutschlandfahrer bei einem vergnüglichen Begrüßungsabend, der Saal mit einer mit Efeu umrankte Kreidezeichnung „Deutschlandfahrer unterwegs“ geschmückt… Schließlich trug ihm der Motorsportclub wenige Tage später den Ehrenvorsitz im Club-Sportausschuss an.

Anzeige Indian 1923 nachkoloriert:
Carl Nakötter bestritt alle seine Rennen mit einer Indian-Maschine!

Carl Nakötter lebte fortan nicht zuletzt von seinem Ruf als Deutschlandfahrer, seine in den Gartenanlagen „Zur Post“ veranstalteten Feste, einmal mit moderner Jazz-Musik, einmal mit der den Schützen vertrauten Rennefeld´schen Kapelle, fanden in ganz Grevenbroich Beachtung und regen Zuspruch. Hier veranstaltet er auch im Sommer des Jahres 1926 fast alle zwei Wochen Gartenkonzerte mit bengalischer Beleuchtung und gemeinsam mit dem BSV-Schießmeister Josef Godenau gezündete Feuerwerke der „Hofkunstfeuerfabrik“ Sauer, wobei das Feuerwerk „live“ von der Rennefeld´schen Kapelle begleitet wurde. Gemeinsam mit Josef Porz erhielt er zur Kirmes 1926 den Zuschlag für Festzelt und Bewirtung zum Bürgerschützenfest. Auch sportlich erzielte er weiter viele Erfolge mit seiner Indian-Maschine.

Die erste Dapolin-Tankstelle in Grevenbroich

Nakötter war es auch, der vor seiner Restauration die erste Grevenbroicher Tankstelle im Kreis eröffnete. Der Verkauf des Kraftstoffs wurde über die Firma Dapolin vertrieben. Nur Nakötter betrieb vor seiner Restauration einen Überflurhydranten mit einem Tank von insgesamt 7000 Litern. Außer ihm verkauften im Stadtgebiet nur Franz Preckel in Hemmerden, ebenfalls Restaurantinhaber auf der dortigen Landstraße, und in Kapellen H. J. Reisdorf auf der Bahnstraße Benzin von Dapolin, allerdings nur aus plombierten Kannen. Der Name „Dapolin“ stand für die deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft, die im Sommer 1931 in die „Standart Oil“ überging und Vorgängerin des heutigen Esso-Konzerns war.

Die Tankstelle vor der Restauration “Zur Post” Mitte der 1930er Jahre mit Standart-Oil Fahne (aus: Manfred Ganschinietz, Grevenbroicher Gaststätten in alten Zeiten, 2007, Bd 19 Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich, Geschichtsverein

Markanter Werbeträger war ein rotes Indianerkopf-Logo, das die Verbindung zu Amerika verdeutlichen wollte und mit dem Dapolin auch für die Grevenbroicher Vertriebsstandorte und die Tankstelle von Nakötter in großen Zeitungsanzeigen warb.

Motorsportclub und Motorsportclub Erft

Doch das alles sollte im Spätsommer 1926 enden, als die erste Clubmeisterschaft des MSC durchgeführt wurde. Obwohl sowohl Nakötter als auch sein enger Kamerad, Fahrwart Peter Knappertz, mit dem er manches Rennen bestritten hatte, ausgezeichnet wurden, gaben sie öffentlich per öffentlichem Leserbrief in der Grevenbroicher Zeitung ihre Preise zurück. Sie fühlten sich wohl ungerecht behandelt und gründeten kurzerhand einen eigenen Motorsportclub, den „Motorsportclub Erft“ und nahmen weiterhin an ADAC-Rennen und Wettbewerbe teil. Auch wenn die beiden örtlichen Clubs einige Zeit zunächst parallel in Erscheinung traten, hatte sich der mitgliederstärkere MSC längst etabliert, der „MSC Erft“ fristete nur ein Schattendasein. Nakötter beteiligte sich zwar noch an einigen Rennen, doch als Gastwirt gab er auf auf und die Restauration „Zur Post“ wurde spätestens ab 1928 vom Schützenoberst des BSV, Jean Betrand, übernommen. Carl Nakötter betätigte sich wohl daraufhin als Zigarrenhändler im Bahnhofsviertel mit Wohnsitz auf der Breite Straße.

Foto MSC Ende der 1920er Jahre vor dem Vereinslokal “Zur Traube” auf der Bahnstraße (nachkoloriert)

Dem Erfolg des Motorsportclubs trat der Austritt des Deutschlandfahrers und des Fahrzeugwartes jedenfalls keinen Abbruch. Noch im Herbst 1926 beteiligten sich die Motorsportsfreunde als Unterstützer an einem Grevenbroicher Werbeflugtag auf dem Gut Höffkes bei Neuenhausen, warben hierfür mit einer eigenen „Propagandafahrt“. Auch wenn der Flugtag wegen des schlechten Wetters zunächst um eine Woche verschoben wurde und dann selbst zum neuen Termin im wahrsten Sinne des Wortes im Regen versank und nicht das erwartete „große“ Publikum fand…

Der MSC erfreute sich jedoch bis Anfang der 1930er Jahre zunehmender Beliebtheit und trotz Wirtschaftskrise war weder das neue Fortbewegungsmittel Automobil noch die Clubaktivitäten nicht mehr aufzuhalten. Im November des Jahres 1928 entschied die Mitgliederversammlung eine Umbenennung in ADAC und trat daraufhin dann als „Automobilclub Grevenbroich (ADAC)“ mit seinen Vereinsaktivitäten auf.

Erst die Zeit des Nationalsozialismus und die Gleichschaltung in den NSSK – den nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps – sollte der Vereinsgeschichte dieser so erfolgreichen Ortsgruppe des ADAC ein Ende bereiten. Doch dies ist eine andere Geschichte…

Heinz Laumann von den Oldtimerfreunden und Geschichtsvereinsvorsitzender Ulrich Herlitz vor dem Ford A aus dem Jahr 1928

Der Geschichtsverein veranstaltet gemeinsam mit den Oldtimerfreunden Grevenbroich am 11. März 1926 von 18.00-20.00 Uhr eine Besichtigung der derzeit laufenden Oldtimerausstellung in der Coens-Galerie mit einem Impulsvortrag von Ulrich Herlitz „Die Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich“ mit weiteren zeitgenössischen Anzeigen und Fotos an. Zu sehen sind auch zwei zeitgenössische Ford-Modelle aus 1926 und 1928. Die Ausstellung der Oldtimerfreunde Grevenbroich mit weiteren Oldtimern und Motorrädern ist noch bis Ende März zu sehen!


Ausstellung, Oldtimerfreunde und unsere Veranstaltung werden auch in der Lokalpresse thematisiert:

2026 02.25 NGZ Erster Mortorsportler gefeiert wie ein Star

2026 03 Wir hier in GV MSC u Oldtimerfreunde

 

Hier geht es zum Artikel…

Im Oktober 1924 gründete sich in Grevenbroich der Motorsportclub Grevenbroich (MSC), der sich dem Allgemeinden Deutschen Automobilclub – kurz A.D.A.C – anschloss. 

GVZ 8.1.1925 (StAGV/zeitpunkt.nrw)

Gründungsvorsitzender war und stand dem Club mit kurzer Unterbrechung bis 1931 vor – Carl Stühler, Direktor des Erftwerks. Zweimal wöchentlich trafen sich die Mitglieder im Vereinslokal, das sich zunächst in der Restauration „Zur Post“ auf der Lindenstraße, später dann im Hotel „Zur Traube“ befandDie Vereinslokale waren regelmäßig auch der Ausgangspunkt, von wo auch die Ausfahrten regelmäßig starteten. Darunter im Laufe des Jahres 1925 eine Zuverlässigkeitsfahrt in das Siebengebirge, eine Pfingstfahrt an die Mosel, eine Halbtagestour ins Neandertal oder eine Ausfahrt in das Brohltal. Nach einem Jahr ließen die Motorsportfreunde sich auch in das Vereinsregister eintragen.

Automobile Infrastruktur und der Ostwall

Dabei bestimmten noch längst nicht Automobile das Bild der Stadt Grevenbroich – weder auf der Straße noch im Verein. So nahmen beispielsweise von den 21 Mitgliedern an der Herbsttagung des Gaues Rheinland des ADAC in Krefeld 10 Motorräder und ein Auto teil, 1926 gab es im Sommer mit einer Ausfahrt nach Aachen und in die Voreifel mit fünf teilnehmende KfZ und sechs Krafträdern erstmalig ein ausgewogenes Verhältnis. Überhaupt standen die motorgetriebenen PS noch in Konkurrenz zu den echten Pferdestärken der Fuhrwerke, es waren vor allem Unternehmer, die eigene LKW nutzten.

Und mit dem Jahr 1926 sollte ein entscheidender Schritt in Richtung automobilgerechte Infrastruktur in Grevenbroich geschaffen werden. Erst im Dezember 1925 waren einheitliche Vorgaben zu Fahrzeugbeschaffenheit und Eignung der Fahrzeugführer erlassen worden. Eine nicht unumstrittene Reichs-Kraftfahrsteuer, zu der auch der MSC eine kritische Stellungnahme abgab, ermöglichte eine Finanzierung der auch in der Rheinprovinz für die Kraftfahrzeuge eher ungeeigneten Verkehrsinfrastruktur. Nicht zufällig sollte dann im Sommer des Jahres 1926 die fahrzeugtaugliche Umgehungsstraße mit einer Breite von sieben Metern und ausreichend Bürgersteigen entlang des Ostwalls beschlossen und auch mit staatlicher Finanzierung umgesetzt werden.

Aus Schmieden wurden KFZ-Werkstätten

Erst Mitte April eröffneten die Gebrüdern Rombey die erste Kraftfahrzeugreparaturwerkstätte auf der Rheydterstraße 35 und zur gleichen Zeit zeigte der Schmied Christian Lange auf dem Südwall an, dass er neben seiner Schmiede und Wagenbauerei für Pferdefuhrwerke eine „Spezialwerkstätte für sämtliche in- und ausländische Kraftfahrzeuge“ eingerichtet habe. Hier könne er „besonders Lichtanlagen, Magnetreparaturen und Neufederungen fachgemäß und mit voller Garantie“ ausführen. Außerdem biete er autogenes Schweißen und Schneiden am Platze an und pries seine eigene Vulkanisierungsanstalt für Gummireifen an. Eine nur für KfZ eingerichtete Werkstatt befand sich auf der Bahnstraße 101, hier etablierten die umtriebige Inhaber Josef und Peter Effertz auch eine neuzeitliche Dreherei für „Innen- und Außenschliff“. Josef Effertz betätigte sich neben einem Opel-Verkauf auch als Fahrlehrer. Peter Effertz jun. Betrieb dann zum Jahreswechsel sogar einen Mietwagenverleih.

Deutschlandfahrer Carl Nakötter

Zu einer der bestimmenden Figuren des Vereins sollten sich in den beiden Jahren 1925/26 Carl Nakötter entwickeln. Er war Inhaber des Vereinslokals „Zur Post“ und leidenschaftlicher Fahrer eines Indian-Kraftrades. Als Anfang März 1925 die zwölftägige 2. Deutschlandfahrt des ADAC mit 360 Teilnehmern startete, erstmalig mit einem internationalen Feld von Kraftradfahrern veranstaltet, war auch Carl Nakötter mit seiner Maschine als einziger Grevenbroicher Teilnehmer darunter. Am Vorabend es Starttages begleiteten ihn die Kameraden vom Motorsportclub nach Köln, um am Starttag auf dem Kölner Heumarkt erneut dabei zu sein, als eine nach Tausenden zählende Menschenmenge die Fahrer begeistert starten ließ und auf den ersten Etappen entlang des Rheintals zujubelte.

Historische Bildpostkarte Deutschlandfahrt 1925 (nachkoloriert)

Täglich erhielt die Grevenbroicher Zeitung nunmehr Telegramme mit dem Bericht über die jeweiligen Etappen, Wind und Wetter sowie Platzierung von Deutschlandfahrer Carl Nakötter.

Bei Schneetreiben bestritten die Fahrer die letzte Etappe nach Köln. Bei seiner Rückkehr nach Grevenbroich wurde Deutschlandfahrer Carl Nakötter mit einem Vortrupp in seine Heimatstadt begleitet, wo man ihm einen wahrlich gebührenden Empfang bereitete. Die Feuerwehr bildete ein Pechfackelspalier, den der Corso um Nakötter in langsamem Tempo bis zu seinem Haus begleitete. Hier prangte ein mit Girlanden und Glühlampen geschmückter Willkommensgruß und ein Feuerwerk wurde gezündet. „Brausende Hochrufe“ und ein dreifaches „Töff, töff Hura!“ seiner Vereinskameraden überzeugten den heimgekehrten Deutschlandfahrer von der „Anhänglichkeit und Anteilnahme der zahlreich erschienenen Mitbürger, Sportvereine und Korporationen“, berichtete die Grevenbroicher Zeitung. Das Tambourcorps wirbelte ebenfalls ein Willkommen, bevor der Sängerkries mit zwei Liedbeiträgen aufwartete. Bürgermeister Lorenz Wilms ehrte Nakötter als Vorbild des „Sportgeistes auf der ganzen Linie auch in anderen Sportzweigen“. Weitere Reden des Schützenpräsidenten und Ratsherrn Jean Plum, des Vorsitzenden des befreundeten Motorsportclubs aus Mönchengladbach sowie ein „launiger Damentoast“ beendeten die Redebeiträge.  Ganz Grevenbroich war au den Beinen und feierten „Ihren“ Deutschlandfahrer bei einem vergnüglichen Begrüßungsabend, der Saal mit einer mit Efeu umrankte Kreidezeichnung „Deutschlandfahrer unterwegs“ geschmückt… Schließlich trug ihm der Motorsportclub wenige Tage später den Ehrenvorsitz im Club-Sportausschuss an.

Anzeige Indian 1923: Carl Nakötter bestritt alle seine Rennen mit einer Indian-Maschine!

Carl Nakötter lebte fortan nicht zuletzt von seinem Ruf als Deutschlandfahrer, seine in den Gartenanlagen „Zur Post“ veranstalteten Feste, einmal mit moderner Jazz-Musik, einmal mit der den Schützen vertrauten Rennefeld´schen Kapelle, fanden in ganz Grevenbroich Beachtung und regen Zuspruch. Hier veranstaltet er auch im Sommer des Jahres 1926 fast alle zwei Wochen Gartenkonzerte mit bengalischer Beleuchtung und gemeinsam mit dem BSV-Schießmeister Josef Godenau gezündete Feuerwerke der „Hofkunstfeuerfabrik“ Sauer, wobei das Feuerwerk „live“ von der Rennefeld´schen Kapelle begleitet wurde. Gemeinsam mit Josef Porz erhielt er zur Kirmes 1926 den Zuschlag für Festzelt und Bewirtung zum Bürgerschützenfest. Auch sportlich erzielte er weiter viele Erfolge mit seiner Indian-Maschine.

Die erste Dapolin-Tankstelle in Grevenbroich

Nakötter war es auch, der vor seiner Restauration die erste Grevenbroicher Tankstelle im Kreis eröffnete. Der Verkauf des Kraftstoffs wurde über die Firma Dapolin vertrieben. Nur Nakötter betrieb vor seiner Restauration einen Überflurhydranten mit einem Tank von insgesamt 7000 Litern. Außer ihm verkauften im Stadtgebiet nur Franz Preckel in Hemmerden, ebenfalls Restaurantinhaber auf der dortigen Landstraße, und in Kapellen H. J. Reisdorf auf der Bahnstraße Benzin von Dapolin, allerdings nur aus plombierten Kannen. Der Name „Dapolin“ stand für die deutsch-amerikanische Petroleum-Gesellschaft, die im Sommer 1931 in die „Standart Oil“ überging und Vorgängerin des heutigen Esso-Konzerns war.

Die Tankstelle vor der Restauration “Zur Post” Mitte der 1930er Jahre mit Standart-Oil Fahne (aus: Manfred Ganschinietz, Grevenbroicher Gaststätten in alten Zeiten, 2007, Bd 19 Beiträge zur Geschichte der Stadt Grevenbroich, Geschichtsverein

Markanter Werbeträger war ein rotes Indianerkopf-Logo, das die Verbindung zu Amerika verdeutlichen wollte und mit dem Dapolin auch für die Grevenbroicher Vertriebsstandorte und die Tankstelle von Nakötter in großen Zeitungsanzeigen warb.

Motorsportclub und Motorsportclub Erft

Doch das alles sollte im Spätsommer 1926 enden, als die erste Clubmeisterschaft des MSC durchgeführt wurde. Obwohl sowohl Nakötter als auch sein enger Kamerad, Fahrwart Peter Knappertz, mit dem er manches Rennen bestritten hatte, ausgezeichnet wurden, gaben sie öffentlich per öffentlichem Leserbrief in der Grevenbroicher Zeitung ihre Preise zurück. Sie fühlten sich wohl ungerecht behandelt und gründeten kurzerhand einen eigenen Motorsportclub, den „Motorsportclub Erft“ und nahmen weiterhin an ADAC-Rennen und Wettbewerbe teil. Auch wenn die beiden örtlichen Clubs einige Zeit zunächst parallel in Erscheinung traten, hatte sich der mitgliederstärkere MSC längst etabliert, der „MSC Erft“ fristete nur ein Schattendasei. Nakötter beteiligte sich zwar noch an einigen Rennen, doch als Gastwirt gab er auf auf und die Restauration „Zur Post“ wurde spätestens ab 1928 vom Schützenoberst des BSV, Jean Betrand, übernommen. Carl Nakötter betätigte sich wohl daraufhin als Zigarrenhändler im Bahnhofsviertel mit Wohnsitz auf der Breite Straße.

Dem Erfolg des Motorsportclubs trat der Austritt des Deutschlandfahrers und des Fahrzeugwartes jedenfalls keinen Abbruch. Noch im Herbst 1926 beteiligten sich die Motorsportsfreunde als Unterstützer an einem Grevenbroicher Werbeflugtag auf dem Gut Höffkes bei Neuenhausen, warben hierfür mit einer eigenen „Propagandafahrt“. Auch wenn der Flugtag wegen des schlechten Wetters zunächst um eine Woche verschoben wurde und dann selbst zum neuen Termin im wahrsten Sinne des Wortes im Regen versank und nicht das erwartete „große“ Publikum fand…

Der MSC erfreute sich jedoch bis Anfang der 1930er Jahre zunehmender Beliebtheit und trotz Wirtschaftskrise war weder das neue Fortbewegungsmittel Automobil noch die Clubaktivitäten nicht mehr aufzuhalten. Im November des Jahres 1928 entschied die Mitgliederversammlung eine Umbenennung in ADAC und trat daraufhin dann als „Automobilclub Grevenbroich (ADAC)“ mit seinen Vereinsaktivitäten auf.

Foto MSC Ende der 1920er Jahre vor dem Vereinslokal “Zur Traube” auf der Bahnstraße (nachkoloriert)

Erst die Zeit des Nationalsozialismus und die Gleichschaltung in den NSSK – den nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps – sollte der Vereinsgeschichte dieser so erfolgreichen Ortsgruppe des ADAC ein Ende bereiten. Doch dies ist eine andere Geschichte…

Der Geschichtsverein veranstaltet gemeinsam mit den Oldtimerfreunden Grevenbroich am 11. März 1926 von 18.00-20.00 Uhr eine Besichtigung der derzeit laufenden Oldtimerausstellung in der Coens-Galerie mit einem Impulsvortrag von Ulrich Herlitz „Die Gründungstage des Motorsports in Grevenbroich“ mit weiteren zeitgenössischen Anzeigen und Fotos an. Zu sehen sind auch zwei zeitgenössische Ford-Modelle aus 1926 und 1928. Die Ausstellung der Oldtimerfreunde Grevenbroich mit weiteren Oldtimern und Motorrädern ist noch bis Ende März zu sehen!

Heinz Laumann von den Oldtimerfreunden und Geschichtsvereinsvorsitzender Ulrich Herlitz vor dem Ford A aus dem Jahr 1928


Ausstellung, Oldtimerfreunde und unsere Veranstaltung werden auch in der Lokalpresse thematisiert:

2026 02.25 NGZ Erster Mortorsportler gefeiert wie ein Star

2026 03 Wir hier in GV MSC u Oldtimerfreunde

 

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