Holocaust begann in der Nachbarschaft

Im Zuge der NGZ-Berichterstattung zur 8. Verlegung von Stolpersteinen durch Gunter Demnig am 19. Juni 2020 gab Geschichtsvereinsvorsitzende Ulrich Herlitz ein Interview zu den Grevenbroicher Stolpersteinen, Gründe für eine Verlegugn vor den früheren Wohnungen und Häusern der Grevenbroicher Juden und die Motivation, warum sich Menschen für Stolpersteine engagieren. Das NGZ-Interview führte Dirk Neubauer.

Frage: Wie viele Stolpersteine gibt es in Grevenbroich und wie viele kamen am Freitag hinzu?
 
Ulrich Herlitz: Bislang gab es 64 Stolpersteine, die an 64 Menschen erinnerten, die im Holocaust oder durch die Folgen der Nazi-Barbarei ums Leben kamen. Am Freitag kamen zehn Stolpersteine hinzu – in Hülchrath, in Grevenbroich Mitte und in Gindorf.
 
Frage: Worin besteht Ihre Arbeit?
 
Ulrich Herlitz: In Grevenbroich und seinen Ortsteilen setzen sich viele unterschiedliche Menschen für das Projekt der Stolpersteine ein – und verhindern so, dass die Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus vergessen werden. Das sind manchmal Handwerksbetriebe, die eine Patenschaft für einen Stolperstein in der Nähe ihres Firmensitzes übernehmen. In Hülchrath, als Beispiel,  ist die Dorfgemeinschaft sehr aktiv. Über den Geschichtsverein versuchen wir, all diese Initiativen zu bündeln und diese dann der Stadt vorzulegen. Die informiert jeweils die Hausbesitzer.
 
Frage: Warum ist es Ihnen wichtig, dass stets neue Stolpersteine verlegt werden?
 
Ulrich Herlitz: Durch die vielen Initiativen haben wir weit mehr Vorschläge, als Gunther Demnig bewältigen kann. Ich persönlich finde es wichtig, dass das Erinnern an den Holocaust Namen und Gesichter hat. Vor allem, weil in der jüngeren Vergangenheit Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus wieder zugenommen haben. Und erschreckenderweise manchmal bis mitten hinein in die Gesellschaft Anhänger finden.
 
Frage: Also sollten wir weiter gedenken?
 
Ulrich Herlitz: Eindeutig ja. Der Holocaust begann im Kleinen – mit der Ausgrenzung in der Nachbarschaft. Mit Hass und Gewalt gegen die Nächsten. Und da helfen uns unter anderem die Stolpersteine, uns immer wieder daran zu erinnern. Aus meinen Kontakten mit den Nachkommen der Holocaust-Opfer weiß ich, dass Deutschland heute vielfach als sicherer Ort, als gefestigte Demokratie angesehen wird. Dazu haben wir alle beigetragen.
 
Ein Fotoalbum zur Verlegung finden Sie hier:

 
Den NGZ-Bericht vom 20. Juni 2020  von Dirk Neubauer zur Verlegung der Stolpersteine finden Sie hier…

Kleine Steine erinnern an Schicksale

Grevenbroich Nach dem großen Termin am Freitag gibt es nun insgesamt 74 Stolpersteine in Grevenbroich. Hinter jedem Mahnmal verbirgt sich eine Geschichte. Und die Verpflichtung, sich zu erinnern.

Manchmal ist es wichtig, über Namen zu stolpern. Über Cilly Hirsch zum Beispiel. Sie starb in der Gaskammer des Konzentrationslagers Auschwitz am 31. August 1942. Nun blinkt ihr Name auf der Messingplatte eines Stolpersteins, der vor ihrem Elternhaus in Hülchrath im Pflaster eingelassen ist – unter dem ihrer Mutter Julie Hirsch, die von den Nationalsozialisten bereits am 4. September 1939 in den Tod getrieben wurde, und neben den Stolpersteinen ihrer Schwestern Jenny und Elli. Während der Freitagnachmittag-Verkehr über die Herzogstraße brummte, hatten sich zwei Dutzend Anwohner eingefunden. Gemeinsam mit Bürgermeister Klaus Krützen und Ulrich Herlitz vom Geschichtsverein Grevenbroich verfolgten sie die Arbeit eines Mannes, der dazu niederkniete: Gunter Demnig montierte die neuen Stolpersteine in das Hülchrather Pflaster.

In einem eng getakteten Zeitplan kamen am Freitag insgesamt zehn neue Stolpersteine zu den bereits in Grevenbroich verlegten 64 Steinen hinzu. An der Bahnstraße 88 tragen sie die Namen von Mutter und Tochter Edith und Hannelore Burrack. An der Kölner Straße 38-46 – vor der Coens-Galerie – gilt das Gedenken den Eheleute Bloemendal. Und an der Mühlenstraße 13 in Gindorf liegen ab sofort Stolpersteine zu Ehren des Gindorfer Lehrers Alexander Baum und seinen beiden Töchtern Frieda und Caroline.

Nach dem Corona-Shutdown war der Termin in Grevenbroich erst der zweite, zu dem Gunter Demnig wieder selbst Hand anlegte. Nach mehr als 75.000 verlegten Stolpersteinen in Europa und Deutschland macht der Künstler nicht mehr viele Worte. Routiniert versenkt er mit sanften Bewegungen die Steine mit den aufgeschraubten Platten im Pflaster. Sorgfältig wird anschließend mit einem Besen nachgearbeitet. Dass er anschließend in Hülchrath etwas sagen soll, macht ihn verlegen. Demnig wehrt ab. Er macht diese Arbeit seit fast drei Jahrzehnten nicht, um selbst im Mittelpunkt zu stehen.

An allen vier Grevenbroicher Gedenkorten lenkte stattdessen Ulrich Herlitz vom Arbeitskreis Judentum im Geschichtsverein Grevenbroich die Gedanken und Erinnerungen der Zuhörer.

Cilly Hirsch etwa hatte ihre Liebe bei einem Fußballspiel in Hülchrath gefunden. Ihr Cousin Josef Claessens aus dem niederländischen Sittard wurde später ihr Ehemann. Sie heirateten 1935. Da wurden Mutter und Töchter in dem stolzen jüdischen Haus Hirsch in Hülchrath schon seit Jahren von den örtlichen Nazis bedrängt, beleidigt, bedroht.

Der Davidstern im Hausgiebel, die Verzierungen, die an Thorarollen erinnern sollen, stachelte die Antisemiten auf. Dem wollte Cilly durch den Umzug nach Sittard entkommen. Doch nur wenige Jahre später marschierten auch dort die Deutschen ein. Josef und Cilly haben auch in Sittard Stolpersteine. Els Kamp und José Brinkhuyzen aus Sittard waren am Freitag eigens nach Hülchrath gekommen, um hier an der Stolperstein-Verlegung teilzunehmen. Die beiden organisieren das Gedenken in ihrer Heimat.

So verbindet sich mit jedem Stolperstein eine Geschichte. Die des jüdischen Religionslehrers Alexander Baum aus Gindorf, der Kinder aus Grevenbroich, Dormagen und Bedburg unterrichtete und hochbetagt im Alter von 87 Jahren ins KZ Theresienstadt verschleppt und dort ermordet wurde. Die Geschichte der Modehändler Emma und Aron Bloemendal, die bereits 1933 vor den Nazis nach Lüttich flohen und ihnen dort 1943/44 in die Hände fielen.

Oder das Schicksal von Hannelore und Edith Burrack – die vor zudringlichen Grevenbroicher Nazi-Schergen nach Litauen flohen. Auch das war am Ende nicht weit genug weg. Für Herlitz sind diese Namen und Geschichten nicht Geschichte. Sondern eine Ermahnung an die heute in der Stadt Lebenden: „Das Gute ist, dass wir Grevenbroicher heute noch ganz viele Vorschläge haben – für weitere Stolpersteine.“

 

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